Kohlen gänzlich verbrannt und bereits verschieden; der Hetzer lebt noch^ wird jedoch seinen Wunden jedenfalls erliegen. Der Zugführer ist am Arme und am Kopfe stark verletzt, desgleichen haben die Schaffner und meisten Bremser schwere Verletzungen davongetragen. Von den Passagieren sind vier getödtet und wohl vierzig mehr oder minder erheblich verletzt worden. Unter den Todten befindet sich ein Rekrut, der gräßlich verstümmelt unter den Wagentrümmern hervorgezogen wurde. Die Maschine und die meisten Wagen sind gänzlich zerstört; die letzteren bilden nur noch einen Trümmerhaufen. Die bereits eingeleitete gerichtliche Untersuchung wird die Ursache des furchtbaren Unfalls jedenfalls constatirend nachweisen, ob der bauliche Zustand der von der Westfälischen Bahn gebauten, aber von der Hessischen Nordbahn verwalteten Bahnstrecke, welche von dem Fahrpersonal nur die „Unglückstour" genannt wird, in der That ein betriebsgefährlicher genannt werden kann. Die königl. Eisenbahn-Dtrection hat sofort das Nothige angeordnet, um eine Verkehrsstockung ;u vermeiden.
Aus dem Rheingan, 30. Oct. Der „D. Reichszg." schreibt man: In diesen Tagen haben zwei Jesuitenpaters Marienthal verlassen, um in Amerika verwendet zu werden. Vor der Hand eignen sie sich noch in England die nothige Sprachkenntniß an. Der dritte Pater, Thewalt, ein geborener Nassauer, wird es auf Anwendung von Gewalt ankommen lassen. Er sagt, er habe nicht das nöthige Fahrgeld und wird wahrscheinlich per Schub weiter expedirt werden.
Aus Westphalen wird der „Spen. Ztg." geschrieben: Der „Mainzer Ka- tholikenverein" hat nun auch hier seine Werbeplätze aufgeschlagen. Wie am Rhein, so ist e- auch hier vorzugsweise der Adel, welcher in Gemeinschaft mit dem Cle- rus die große Werbetrommel führt. An der Spitze der Agitation stehen die edlen Geschlechter derer v. Kettler, v. Galen, Schmiesing- Kerffenbrock, Droste- Dischering, v. Schorlemer-Landsberg und wie die stolzen Namen alle heißen mögen. Auch Rheinlands „O'Connell" scheint zu Gastrollen eingeladen. Alle diese Versammlungen tragen den gleichen staatsfeindlichen, offen antipreußischen Charakter, nur daß bei unseren etwas schwerfälligen Westphalen die Farben noch etwas dichter aufgetragen, die Hetzmittel noch etwas drastischer gewählt werden müssen.
München. Die Warnung des Ministeriums des Innern gegen das Treiben der sogenannten Dachauer Banken wird allgemein als ein Anzeichen betrachtet, daß der Krach vor der Thür steht, und in der That mußte die Coucurrenz, welche diese Schwindelunternehmen einander bereiteten, zum rascheren Gange des 93er- wesungsproceffes führen. So lange sich das Hauptuuternehmen dieser Art ohne kleinere Nebenbuhler bewegte, war es mit einem Scheine des Geheimnisses umflossen, welches bei richtiger Behandlung des dümmsten TheileS des Publikums eine gewisse Kraft gegen die warnenden Stimmen der Obrigkeit wie der öffentlichen Presse bewies. Jetzt zeigen die plumperen wiederholten Nachahmungen, wie einfach die ganze Sache ist, und in so fern hat wirklich die Auswucherung des Unheils auch seine gute Sette gehabt. Daß dies Treiben so um sich greifen und ein Stück öffentliches Leben werden konnte, ist für München bezeichnend. W e tief das Gift in den Kreisen der kleineren Angestellten, Dienstboten und Tage, löhner gefressen, wird sich erst beim Zusammenstürze zeigen, aber in Hunderten von Familien, selbst bei langjährigem Dienstpersonale, sind Warnungen und Vor- stellungen ganz vergeblich gewesen. Die Habsucht und Gier nach mühelosem Gewinn hat unwiderstehlich die sauren Ersparnisse von Jahren den Dachauer Banken zugeführt. Eine ganz besonders widerliche Erscheinung bietet jedoch das platte Land, von dem aus die größeren Summen diesen „Volksbanken" zugetragen worden sind. Wohlangesessene Bauern nahmen Capttalien auf ihre bis dahin schuldenfreien Grundstücke auf, um die Gelber unmittelbar bei den Dachauern anzulegen. Wenn die kleineren Leute Versuchungen unterlagen, ihre verhältniß- mäßige Armuth aufzubeffern, so ist eine solche Entschuldigung für diese Art von Geldgeschäften nicht mehr am Platze. Uebrigens ist die gedachte Warnung nicht die erste, welche von den Behörden ausgeht, nur hat sie diese« Mal die Gestalt einer allgemeinen Maßregel angenommen, wahrscheinlich weil man sich von der Größe und Dringlichkeit der Gefahr jetzt vollständig überzeugt hat. Von Zeit zu Zeit sind darüber Klagen laut geworden, daß von Seiten der Staats-Anwalt- schäft nicht gegen das ganze Treiben eingeschritten worben ist. Aber wiederholte Besprechungen haben ergeben, daß nach dem Grundsätze volentibus non tit injuria ein gerichtliches Einschreiten resultatlos gewesen wäre. Wie sich die Gesammtheit der Operation bei dem bevorstehenden Kehraus unter dem strafrechtlichen Gesichts, punkte stellen wird, ist freilich eine andere Frage.
Oesterreich.
Wien. Die „Neue Freie Presse" schreibt: „In dem EhrcnbeleidigungS- Proceffe, welchen der gewesene Seelsorger der hiesigen Altkatholiken-Gemeinbe, Alois Anton, gegen den Pfarrer von BiedermannSborf, A. Scherner, anstrengte, wurde der Beklagte von den Geschwornen schuldig gesprochen und über ihn eine etnmonatliche Arreststrafe verhängt. Der Derurtheilte ist aber vom Kaiser begnadigt worden, und die Umstände, unter welchen diese Begnadigung geschehen ist, haben nicht verfehlt, ein gewisses Aufsehen zu erregen. Der kaiserliche Gnadenact ist erfolgt, ohne baß der Derurtheilte den ordentlichen Weg durch Überreichung eines Gnadengesuches beim Landgerichte beschritten hätte; weder die Gerichte, noch der Justizmintster waren demnach in der Lage, sich über diesen Gnabenact zu äußern, und die Begnadigung Scherner'S wurde durch kaiserliches Handbtllet ohne vor- ausgegangene Anhörung des Justizministers verfügt. Die Legalität des Gnaden- actes ist zwar nicht anzuzweifeln, sobald bas kaiserliche Handbillet von dem Justizminisier contrasignirt ist; allein daß die Meinung desselben nicht früher gehört wurde, ist sehr geeignet, diesem Falle eine Qualifikation zu geben, deren Herbheit nur wenig dadurch gemindert wird, daß der Fall nicht ohne Präcedenz ist, indem auch die Begnadigung des Bischofs Rubigier nach seiner Verurtheilung burch das Linzer Geschwornengertcht unter dem Bürger-Ministertum in gleicher Weise ohne frühere Anhörung beS Ministers erfolgte. Daß diese auffällige Form der Procedur damals wie heute zu Gunsten von Vorkämpfern des UltramontaniSwuS gewählt worden ist, verleiht dem jüngsten Acte kaiserlicher Gnade, der, wir wiederholen es, formet unantastbar ist, eben auch ein specififches Gepräge."
Wien, 4. Novbr. Heute ist Hierselbst der erste Cholerafall vorgekommen.
Schweiz.
Bern, 5. Novbr. Die Regierung des Cantons Solothurn hat die von dem Basler Bischöfe verfügte Absetzung des altkatholischen Pfarrers Gschwind vom Pfarramte zu Starrkirch für ungültig erklärt. Die Bevölkerung brachte dem Pfarrer Ovationen.
Frankreich.
3» Frankreich ist man dieser Tage wieder einmal daran erinnert worden, daß es mit der Besserung verrotteter Zustände in der mil.tärischen Verwaltung doch mcht so im Sturmschritt vorwärts geht, wie die Heißsporne der Revanche sich dies gern träumen lassen. Der an sich kleine aber als Charakteristicon der noch bestehenden Zustände doch sehr bemerkenSverthe Vorfall selbst ist unseren Lesern bekannt, etwa 90 französische Soldaten kamen auf dem Bahnhofe in ChalonS an, ohne bestimmte Ordre, unter der Führung eines einzigen Sergeanten, verirrten sich zum Theil auf das der deutschen Occupation unterstellte Tarrain, wo oie Betreffenden entwaffnet und bis zum andern Morgen in Verwahr gehalten wurden. Der Sergeant nun, welcher die mitten in der Nacht ohne Anweisung auf ein Lager auf den Perron des Bahnhofs ausgesetzten Leute nicht innerhalb der Grenzen des Bahnhofs zu halten wußte, ist natürlich, bestraft worden; aber, fragt der „Temps", welche Verantwortlichkeit stand denn hinter der dieses UnterofficierS? werden wir endlich erfahren, daß die Intendanz, welche so Viele zu controliren haben will, auch selbst von Jemand controlirt wird, sowohl in ihrer Rccrutirung als in der Erfüllung ihrer Aufgabe; wird man sich nicht endlich entschließen, die Hand an eine Reform des Generalstabs zu legen? Und damit man nicht glaube, baß er zu viel Aufhebens von einem einzelnen Vorfälle mache, erinnert der „TempS" weiter an einige andere charakteristische Vorfälle ähnlicher Art, an die Jäger, welche von Paris nach Cherbourg über Rennes geschickt wurden; an jenes Detachement der Pariser Armee, welches einen ganzen Tag brauchte, um von einem Punkte der Hauptstadt nach einem andern zu kommen und Gefahr lief, unterwegs über Nacht bleiben zu müssen. Viel Hoffnung auf Besserung dieser Dinge aber hat wenigstens das „Siecle" nicht, welches vielmehr eine Besprechung derselben mit den Sätzen schließt: „So oft etwas Derartiges passirt, wird man aufgeregt, das Publikum spottet oder geräth in Entrüstung und der Ministerrath beschäftigt sich einen Tag lang damit; dann fällt Alles wieder ins alte Geleise zurück, die Sache ist abgemacht, bis ein neuer noch ernsterer Vorfall wieder daran erinnert, aber nur, um uns dann abermals noch tiefer wieder darüber etnschlafen zu lassen."
In Frankreich scheint die gereizte Stimmung, welche sich au« Anlaß der Vorfälle in Safere und ChalonS kunbgiebt, im Steigen zu sein. Man glaubt aus der Sprache der bonapartistischen Blätter schließen zu dürfen, daß die kaiserlichen Generale, die noch immer an der Spitze der Armee stehen, im Heere selbst einen Rückhalt haben; andererseits will man auch das Auftreten des Kriegsministers de Cissey aus einer Hinneigung zu den imperialistischen Elementen der Armee erklären. Ein Vorfall, der sich erst kürzlich ereignete, trägt viel dazu bet, diese Ansicht zu bestärken. Unter den nach dem Ausbruch des Krieges abgeschlossenen Verträgen des Kaiserreichs nämlich, die von dem Herzog v. Audiffret- Pasquier in so scharfen Ausdrücken gedrandmarkt wurden, hatte sich auch eine Rechnung des Lieferanten Chollet befunden, die von der Kammer fast einstimmig für betrügerisch erklärt wurde; trotz dieses Kammerbeschlusses ließ der Kriegs- Minister auf das Gutachten zweier bonapartistischer Advocaten hin die Rechnung des Lieferanten der vollen Ziffer nach ausbezahlen. Dieser eigenmächtige Vorgang, der bis jetzt noch nicht aufgeklärt ist, dürfte sowohl die „republikanischen" Gesinnungen des Kriegsministers, als auch die des Präsidenten selbst, der hinter ihm steht, in einem ganz eigenthümlichen Lichte erscheinen lassen.
Paris, 2. Novbr. Die Räumung des Marne-Departemens seitens der deutschen Truppen hat begonnen. Epernay, das erst am 3. November frei wer- Cen sollte, ist aus Gesundheitsrücksichten schon gestern geräumt worden, da der Typhus in der Garnison auSzubrechen drohte. Nach der osficiellen Marschordre, welche die in der Marne cantonirende 6. deutsche Division bei ihrem Rückmarsch zu befolgen hat, wird DormanS am 3. geräumt. Am 4. werden Mourmelon, Ay, Spanne und Pierry verlassen. An demselben Tage wird der größte Theil der Truppen, die sich in Reims und Ditry-le-francois befinden, aus diesen Städten abziehen. In Vitry wird die Räumung am 5. November beendet sein, in Reims am 6. Die Garnison von St.-Memmie und der größte Theil derjenigen von ChalonS treten ihren Marsch am 4. an; ChalonS wird erst am 8. vollständig geräumt fein.
Paris, 5 November. Die „Agence Havas" bestätigt, daß es in der Absicht der Regierung liege, im Laufe der Woche an Deutschland 200 Millionen auf die Kriegsentschädigung und vor Jahresschluß den Rest der drei ersten Milliarden zu zahlen. Außerdem seien zur Zahlung der vierten Milliarde im Staatsschätze 600 Millionen disponibel.
Italien.
Die „Opinione" giebt folgendes Bild von der schrecklichen Wassernoth, die über die nördlichen Provinzen Italiens hereingebrochen ist:
^Das Land muß die Größe des durch die Ueberschwemmungen hereingebrochenen Unglückes erfahren, wir möchten beinahe sagen, damit es sich auf die Kunde von noch größerem Unglücke gefaßt mache, denn die Nachrichten aus den Provinzen Mantua und Ferrara lassen noch ärgeres Unheil befürchten. Diese beiden Provinzen haben so ungeheuren Schaden erlitten, daß im Vergleiche mit ihnen die Verluste anderer Provinzen, obgleich viele Familien gänzlich rutnirt sind, geringfügig erscheinen. Die Ueberschwemmung bedeckt einige Hundert Quadratkilometer. Fruchtbare Länderstrecken sind verwüstet, Städte und Dörfer zerstört und eine Bevölkerung von vielen Tausend Seelen in Schrecken und Verzweiflung zur Flucht genöthigt. Die meisten Häuser sind schon eingestürzt, die destgebauten widerstehen noch, aber auch sie müssen fallen, wenn das Wasser nicht bald Abzug findet; von den höchsten Gebäuden steht man fast nur noch die Dächer. Wir glauben, daß in diesem Jahrhundert keine so schreckliche Ueberschwemmung vorgekommen ist. Die von 1801, 1810 und 1839 waren auch furchtbar; im Jahre 1810 waren nicht weniger als 40 Dammbrüche zu beklagen, aber die Ueberschwemmung bedeckte keinen so großen Flächenraum und konnte keinen so großen Schaden anrichten, weil die Bevölkerung damals nicht so dicht, die Städte und Dörfer nicht so zahlreich und der Ertrag deö Landes noch nicht so bedeutend war, wie jetzt. Casalmaggtore und Ostiglia schweben in der größten Gefahr, die ganze Bevölkerung arbeitet mit aller Kraft dem feindlichen Elemente entgegen, man reißt Häuser ein, um Baumaterial gegen die Wasserfluten zu beschaffen, man fürchtet aber, daß alles Menschenwerk sich gegen die Gewalt des Stromes zu schwach erweisen wird. Wenn der Po bet Casalmaggiore einbrtcht, so werden wieder 14 Kilometer über- schwemmt und reiche und blühende Städte aus lange Zeit rutnirt; noch größer
laber wird das Unglück sein, wenn der Einbruch bei Ostiglia stattfindet, denn dann


