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= Wiener Anzeiger.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.

Nr. 1O5L Freitag den 3. Mai 1872.

Bestellungen auf den Gießener Anzeiger M^L°ndW^ ®- 'ot§«6ci °°°"5(30115

Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Erpedition abholen lassen, erhalten denselben für die Monate Mai und Juni zu 40 fr.

Amtlicher T h e i L.

Ausschreiben.

Gestern früh wurde in der Nähe der hiesigen Stadt die Leiche eines unbekannten Mannes gefunden, der sich höchstwahrscheinlich selbst erhängt hatte. Wer über Namen und Heimath des unten näher beschriebenen Mannes Auskunft geben kann, wird ersucht, uns die deßfallsigen Mittheilungen zu machen.' Der Mann kann 4245 Jahre alt gewesen sein, ist 167 (Zentimeter groß, von kräftiger Statur, hat blonde Haare, kurze Hände, und selbe Zähne vom starken Tabakrauchen. v ö

Die Leiche war bekleidet mit hellgrauer sog. Müllermütze, einem sehr guten dunklen Tuchrocke mit schwarzseidenem Futter, grauer Tuchhose mit schwarzen Streifen, einer dunklen Lastingweste, mit guten Stiefeln, (neue Vorschuh), grauwollenen Strümpfen, A. R. 1, einem leinenen Hemde, A. R. 2 einem Vorhemde, A. R. 1 gezeichnet, einer gelblich wollenen Ullterjacke und weißen baumwollenen Unterhosen, ein gelbseidenes Taschentuch, das in der Rock­tasche steckte, ist mit W. S. gezeichnet.

Gießen, den 2. Mai 1872. Großherzogliche Polizei-Verwaltung der Provinzialhauptstadt Gießen.

Nover.

Gekannt machung,

die gesetzlichen Forderungen an Studirende aus dem Winter-Semester 1871/72 betreffend.

Die in diesem Semester entstandenen gesetzlichen Forderungen an Studirende müssen bis den 23. d. Mts. mittelst specift'cirtcr Rechnungen zur Anzeige gebracht und längstens bis den 4. Mai d. I. geltend gemacht werden, widrigenfalls dieselben den ihnen durch Art. 136 der Disciplinar - Statuten zugewiesenen Vorzug verlieren.

Gießen, den 19. März 1872. Großherzogliches UnÄersitäts-Gericht.

H a b e r k o r n. (1408)

Politisch er T b e i l.

Zum Wiegenfeste der Universität Straßburg.

DasFrankfurter Journal" bringt zur Eröffnung der Straßburger Uni­versität folgenden Leitartikel:

Die Schlacht der Völker war geschlagen, der Fremde wich von deutscher Flur" also klang cs vor 58 Jahren von Uhland's metallenem Saitenspiel. Heute klingt es anders. Kein fremder Fuß, nicht des Mannes noch des Rosses, hat den deutschen Boden betreten, die deutschen Fluren gestampft; auf seinem eigenen Dcd<n, in den eigenen Lagern haben wir den Feind gesucht, gefunden und ze,malmt und uns Recht und Frieden geschafft im alten und im neugewonnenen Deutschland; der Pflug g.ht über die Felder, der Same des Friedens ist aus- gestreut von tausend fleißigen Händen und die Saaten sprossen dem Licht ent­gegen.

Es ist ein altes Lied des deutschen Volkes, nicht vom eigenen Munde, son- dern von fremden Völkern uns gespendet, daß der Deutsche nicht allein in den eigenen Marken neben materiellem Gewerb und Handel auch die Kräfte der Seele, die Gaben dis Geistes pflege, Kunst und Wifftnschaft ehre und betreibe, sond'rn daß er auch noch auswärts wandelnd und wontefnd weithin auf Erden neben des Armes Kraft noch ein Thcil idealen Wesens und Strebens entfalte, welches tbm Achtung schaffe vor dem Fremden und auch auf diesen einer gewissen inneren Wirkrng nicht ermangle. So ist denn auch von Anfang an erkannt und auSge« sprechen worden, dc ß es vor Allem gelte, den Pflug der geistigen Arbeit durch den schwcrtglwonN'NiN Boden des linksrheinischen Neudeutschlands zu ziehen; denn unter dem leichteren Anflug einer zumeist nnr künstlich gezogenen welschen Saat scheint dort noch ein tiefer, saftiger Grund zu liegen, in welchem deutscher Sinn und deutscher Geist sich alteinhermisch fühlen und aus neuen, stärkeren Wurzeln ein gesunderes und edlere« Wachsthum auftreiben mag, als cS trotz zweihundert- jährigen Mühen dem französischen Fremdling gelungen ist.

Dos Bestehende, es stehe noch so stark, kann von dem Stärkeren zerbrochen werden; Gesetz, Verfassung, Eigcnthum, alle Verhältnisse des äußeren Lebens können gewaltsam und mit einem Schlage umgestürzt und umgcwanbelt werden. Was aber unsichtbar waltend als inneres Leben der Völker und Stämme besteht, des hat auch der Gewaltigste noch nie durch die Wucht eines Augenblickes zu brechen vermocht. Daher müssen wir unterscheiden zwischen dem Heute und der Zukunft, daher auch zwischen dem heute lebenden Geschlechte jener Provinzen und Denen, welche in zehn, in zwanzig Jahren dort Manner und Frauen heißen werden. Den Sinn, und wenn es auch nur eine Laune wäre, den Sinn der Generation, welche im Fremdenthum heraufgewachsen ist, lassen wir unangetastet, so lange er nicht zu feindseliger That ausartet; auf Sinn und Art aber der Un­mündigen, der Heranwachsenden können und müssen wir wirken. Was Kind und tinabc heißt in Elsaß.Lothringen, ist deutsches Blut, ist Fleisch von unserem Fleisch, Bein von unserem Bein, und das sollen sie bleiben, sollen sie werden. Darum war von Anfang an das Losungswort: die Schule muß deutsch sein.

Gott weiß es, denn zum Himmel schreit die Thatsache: Rlngkum, so weit die Grenzmark deutscher Sprache sich dehnt, allüberall, wo sie sich mit fremdem Laute und fremdem Volke berührt, da ist seit Jahrzehnten und Jahrhunderten ein frevelhaftes Spiel der Mißhandlung, der geistigen Nothzucht mit ihr getrieben worden, wird da und dort, im Osten und Süden, noch heute getrieben. Wenn aber ein Volk seine Sprache nicht zu wahren vermag, was soll es dann noch wahren? Darum ist es hohe Zeit, daß auch wir einmal unseres Rechtes und unserer Pflicht uns bewußt werden, daß wir vor Allem unser Eigenstes gegen den frechen Anschwall welscher Laute schirmen, und nirgends sind wir dazu be­rechtigter und verpflichteter, als dort an unserer neuen Grenzmark im Westen. Denn dort stehen wir aus unserem Boden, wir thun keinem fremden Kinde Zwang an, daß es seine Seele verkaufe und verrathe, wir führen cs nur auf den einzi­gen Punkt zurück, auf welchem diese Seele Wurzel schlagen und gedeihen kann. Dafür zeugt uns ein Mann, auf welchen Elsaß einst mit Stolz als den Seinen gewiesen hat, August Stöber in Mühlhausen, der auf seinem letzten Krankenlager die Worte schrieb:Wir Alle müssen ausharren bis zum Ende, fest und uner­schütterlich. Wie schwierig und wie wenig lohnend es auch immerhin sein mag, dem reißenden Strome sich entgegenzustellen, der allmählich unsere ganze Ver­gangenheit unterwühlt und unser altes, ehrliches Nationalelement mit sich fort­spült, mit dem wir noch so innig und unauflöslich mit unserem ganzen geistigen Sein und Wesen verwoben sind, so bleibt dies doch stets eine edle und uns ehrende That. Mich wenigstens soll die täglich wachsende Strömung dennoch nie zum Weichen bringen. Attinghausen's Wahlspruch und Zuruf soll der meine bleiben bis zum letzten Athemzuge: Ans Vaterland, ans theure, schließ' dich an!" Und ein ander Mal, wo die Rede ist über die von welscher Seite geheuchelte Bewunderung und Zärtlichkeit für die deutsche Sprache und Nationalität im El­saß, da schreibt derselbe Mann:All dies, vergessen wir dies nicht, ist eitel Hohn und Spott. Es ist genau, als ob ich einen Krieger sähe, der dem von ihm erschlagenen, sterbend am Boden liegenden Feinde das Schwert noch einmal in die Hand gibt und ihm in schön gewählten Phrasen zurief: Jetzt, mein Bester, vertheidige dich, ich gebe dir dazu die vollständigste Freiheit. Ach, er, der Sieger, hat ja nichts mehr zu befürchten von dem Gegner; bluttriefend und bereits mit dem Tode ringend liegt letzterer ja am Boden und bald wird das Auge ihm brechen im Sterben!"

Und ein zweiter Elsässer, Eduard Neuß, sprach im Jahre 1838:Wir "den deutsch, das heißt nicht bloS, daß wir unsere Muttersprache nicht abschwören wollen, sondern eS heißt, daß wir in unserer ganzen Art und Sitte, in unserem Glauben, Wollen und Thun deutsche Kraft und Treue, deutschen Ernst und Ge­meingeist, deutsche Uneigennützigkeit und Gemüthlichkeit bewahren und als ein hei­liges Gut auf unsere Kinder vererben wollen. Das ist unser Patriotismus. Auf beiden Rheinufern wohnt für uns nur ein Volk; Schlachten und Welthändel können es zersplittern und durch Zollhäuser und Schlagbäume trennen, aber die