Berlin,
den Gehorsam auch wenn die zuwiderlaufen.
Aber allen Künsten des Jesuiti-muS, der die Curie auf die abschlüssige Bahn gedrängt hat, der den Papst tn weit härteren Banden gefangen hält, als die italienische Regierung, der alle Einwirkungen der Außenwelt, jeden einsichtsvollen Rath von ihm fern hält, — allen diesen Künsten wird es nicht gelingen, die Welt über die Wahrheit zu täuschen. Preußen — das ist die Wahrheit — hat die Kirche durch übergroße Nachsicht und Nachgiebigkeit verwöhnt und als der Staat endlich bis an die äußerste Grenze der Geduld gelangt ist, wo er nicht weiter gehen konnte, ohne mit eigener Hand seine Autorität zu vernichten; da schlägt der Ultramontanismus Lärm und klagt, daß die Kirche unterdrückt und geknechtet werde. Und dabei sucht er noch officiell den Schein festzuhalten, als ob er dem Reiche ergaben und auf das Wohl desselben bedacht sei, während seine anerkannten Organe, noch ehe der (Sonflict entbrannt war, vag neue Reich und den protestantischen Kaiser mit dem giftigsten Haß verfolgten; jene Organe, die in früheren Jahren Alles aufgeboten hatten, um die Wiederherstellung des
v. Manteuffel gewesen sein, der, ursprünglich rein privater Natur, schließlich auf das dienstliche Feld hinübergetragen sein soll."
Coülenz, 30. Juni. Heute Morgen traf der Kaiser von Em« hier ein und hielt eine große Revue über die Truppen unserer Garnison ab. Derselbe wird sich im Laufe des Tages wieder nach Em- begeben. — Die Enthüllungsfeier des Stein-Denkmals bei Nassau wird am 9. Juli, Mittags 1 Uhr, stattfinden. Ais Gäste sind geladen: der Reichskanzler, die Präsidenten des Herren- und Abgeordnetenhauses, die Oberpräsidenten der Provinzen Htffen-Nassau, Rheinland und Westphalen, der evangelische und katholische Bischof, die FestungS-Comman- danten von Mainz und Coblenz, die Oberbürgermeister von Frankfurt, Wiesbaden und Coblenz rc. Um 4 Uhr große BanketS im Kurhause und der Festhalle,
Berlin, 30. Juni. In hiesigen militärischen Kreisen hat die Nachricht der „Schl. Zeitung" peinliches Aufsehen erregt, daß General-Lieutenant Graf v. d. Gröben nächsten- tn Glogau zu einem viermonatlichen unfreiwilligen Aufenthalt eintreffen werde. Bon anderer Seite wird dem „Börsen-Kur." das Factum bestätigt, nur soll in den Angaben der „Schl. Ztg." über die Dauer dieses unfreiwilligen Aufenthalts ein Jrrthum sich befinden, indem dieselbe nicht auf vier Monate, sondern nur auf zwölf Wochen festgesetzt sein soll. „Die Beran- laffung zu dieser Maßnahme", sagt das Blatt, „soll ein Streit mit dem General
gestern Mittag 1 Uhr unter Vorsitz des Kriegsministers Grafen v. Roon iw Kriegsmtnisterium zu einer Sitzung zusammen. Wie verlautet, bildete die Angelegenheit des Bischofs von Ermland Gegenstand der Berathung. Cultusminister Dr. Falk hat dem Vernehmen nach sein schriftliches Votum den Cabinetsmit- gliedern schon zukommen lassen, doch dürfte zu endgültiger Beschlußfassung das augenblicklich stark gelichtete Cabinet sich erst vervollständigen müssen. Der Land- wirthschastrminister weilt tn Danzig, der Justizminister in Bayern, der Finanz- Minister in Bremen, und ist, wie verlautet, die Rückkehr des Letzteren nicht vor dem 6. Juli zu erwarten. Die „K. H. Z." bemerkt zu der Angabe der „D. R. C." von einem zweiten Briefe de- Dr. Krementz direkt an Seine Majestät den Kaiser, diese Behauptung erhalte durch die Vorgänge in Königsberg ihre Bestätigung. Das genannte Blatt schreibt bann wörtlich: „Der Herr Bischof bezieht bekanntlich ein Staat-gehalt von 35,000 Thlr., das ihm in vierteljährlichen Raten aus der hiesigen Regierungshauptkaffe bezahlt wird. Vor etwa acht Tagen langte aus Berlin die Ordre an, die am 1. Juli fällige Rate dem Bischof nicht auszuzahlen; diese Ordre ist aber vorgestern widerrufen und angeordnet worden, dem Bischof vorläufig die Zahlung am 1. Juli noch zu leisten. Ob Herr Krementz von der jedenfalls in Folge seines letzten Schreibens gegen ihn verfügten Maßregel Kenntniß erhalten und angesichts der ihm auf einem Punkte, wo auch für einen Bischof bie Gemüthlichkeit aushört, drohenden Sperre nachträglich noch einzulenken für gut befunden hat, können wir selbstverständlich nicht wissen."
Um den Zweifeln zu begegnen, welche bei einigen Kassrnstellen in Betreff der Einnahme der in Zwanzig-Markstücken ausgeprägten Reichsgolvmünzen vor- gekommen sein sollen, sind die königlichen Kaffenstellen auf die Bestimmung in § 8 de- RetchSgesetzeS vom 4. December v. I. noch besonder- zur Nachachtung aufmerksam gemacht. Danach können alle Zahlungen, welche gesetzlich tn Silber- münzen der Thalerwährung zu leisten sind, oder geleistet werden dürfen, in Reichs- goldmünzen dergestalt erfolgen, daß das 10 Markstück zum Werthe von 3^ Thlr., das 20 Markstück zum Werthe von 62/3 Thlr. gerechnet wird. Die königlichen Kassenstellen sind daher zur Annahme von Zahlungen in Reichsgoldmünzen zu den vorbemerkten festen Werthen unbedingt verpflichtet, aber auch berechtigt, an Jeder» mann Zahlung in dergleichen Münzen nach dem gedachten Verhältnisse zu leisten.
Ruches zu hindern.
Und dieser Haß ist die beste Huldigung, die der JesuitlSmuS dem deutschen Reiche darbringen kann. Als durch das Vatikanische Conc>l die Bischöfe zur unbedingten Verfügung der Curie, d. h. des jesuitischen PrincipS, gestellt wurden, als durch die weiteren Concilrbeschlüffe die überspanntesten Grundsätze eines Bo- uifacius VIII. zu dem Range kirchlicher Dogmen erhoben wurden, da rechnete man in Rom darauf, daß die Staatsgewalt tn allen Händen viel zu schwach sein werde, um die Kirche zu hindern, die Consequenzen der neuen Lehren zu ziehen. Zwar warnten die deutschen Bischöfe in den beweglichsten Worten, an die sich gegenwärtig nicht gern erinnern lassen, die Curie vor den Gefahren, in die sie sich durch ihr verwegenes Vorgehen stürzen werde. Aber ihre Mahnungen und Warnungen waren in den Wind gesprochen. Die Jesuiten waren viel zu fest von der Schwäche der Regierungen überzeugt, um inneren Widerstand zu fürchten.
Aber in Betreff der deutschen und preußischen Regierung hatten sie sich doch getäuscht. Grade die unerhörten Anmaßungen der Curie brachten der preußischen Regierung die Gefahren zum klaren Bewußtsein, die mit ihrer bisherigen schwachen und nachgiebigen Kirchenpolitik verbunden waren. Aber auch jetzt noch, weit entfernt, die vatikanischen Decrete als Anlaß zu einer Kriegserklärung gegen die Kirche zu benutzen, begnügte sie sich damit, tn jedem einzelnen vorkommenden Fall die bedrohten Rechte des Staates zu wahren und die Staatsbürger gegen den verfolgungssüchtigen Conoertiteneifer der Bischöfe zu schützen. Indessen ihre überaus maßvolle Haltung steigerte den Uebermuth de- Gegners, der sich zu offenem Widerstand gegen die Staatsgesetze verflieg, wozu er nach der Lehre des unfehlbaren Papstes ja auch vollkommen befugt ist. Die immer keckeren Aus. schreitungen mußten durch eine gesteigerte Repression in ihre Schranken zurückge- wiesen werden, und zugleich stellte e- sich im Verlaufe des Kampfes immer klarer heraus, daß die alte Politik der Nachgiebigkeit nicht länger aufrecht zu erhalten, daß sie principiell zu verwerfen sei, und baß dem Reiche die Pflicht zufalle, das Verhältniß von Staat und Kirche auf dem Wege der Gesetzgebung zu ordnen.
Darin wird sich der Staat auch durch die schlimmen Prophezeihungen Pius IX. nicht beirren lassen. Denn stark durch seine Macht fühlt er sich dop- pelt stark durch das Bewußtsein seines Rechtes. Er wird die Kirche nicht in eine Lage bringen, die sie hindern könnte, ihrem wahren Berufe zu leben. Aber gegen seine Gesetze wird er fordern, und nöthigen Fall- erzwingen, Curie befinden sollte, daß seine Gesetze den kirchlichen Satzungen
Abends festliche Beleuchtung des Denkmals und der Berghöhen; am folgenden Tage großes Volksfest.
Nassau, 30. Juni. Die Aufstellung der Stein-Statue ist heute Vormittag ohne jeglichen Unfall bewerkstrlligt worden.
Dortmund, 1. Juli. Die „Westfälische Zeitung" meldet: Der Strike der Bergleute im Dortmunder Kreise ist als beendigt anzusehen. In der gestrigen Versammlung der Bergarbeiter ist fast einstimmig beschlossen worden, die Arbeit wieder aufzunehmen. Das An- uud Einfahren soll von den Arbeitgebern bei der Schichtdauer mit eingerechnet werden. Auf der Zeche „Westphalia" sind von 320, auf „Tremonia" von 290 je 280 Mann zur Morgenschicht an- gefahren. Die Ruhe wurde nirgend- gestört. Heute Abend findet die von Tölcke ungesagte social-demokratische Versammlung statt.
Thorn, 28. Juni. In Wangerin (Wegorzyn) ist am 26. d. Morgen-, wie es heißt, au- Anlaß von Arbeiter-Unruhen, ein Mensch von dem Gutsbesitzer Gildemeister durch einen Schuß getödtet worden. Die schon angeordnete Absendung einer Gerichts-Commission nach Wangerin zur Untersuchung und Feststellung der Thatsachen unterblieb, weil vor Abfahrt der Commissarien schon Gildemeister in Begleitung eines Gendarmen hier eingetroffen ist. (Th. Z.)
Aus Lothringen. Von dem stillen Haß und Widerstand gegen die Eroberer merkt man in Lothringen viel weniger als im Elsaß, noch weniger werben Trotz und Verbissenheit zur Schau getragen. Vielleicht wird man nicht irre gehen, wenn man die Stimmung je nach den folgenden vier Volksclaffen unterscheidet. Die erste Claffe bilden die großen Grund-, Fabrik- und Bergwerks- oesitz r. Ihr Herz ist bei Frankreich, von dem sie seit einem J ihrhundert Sitte und Bildung haben, mit welchem sie fast eben so lange den Stolz der französischen Waffen teilten. Allein im großen Besitz liegt etwas, das seinen Eigen- thümer leicht über nationale Befangenheit wie Vorliebe hinweghebt. Die meisten aus diesem Stande warten noch der Entwicklung der Dinge. Jedenfalls fängt ihnen die Macht und Geschlossenheit Deutschland- zu imponiren an. Am wehesten fühlt sich die zweite Claffe getroffen, der höhere Bürgerstand, die zahlreichen Rentiers, die Advocaten, Beamten, Profefforen und Geistlichen, kurz, die gebildete Mittelklasse. Von ihnen verkaufen verhaltnißmaßig viele Grundbesitz und Geschäft und wandern aus. Da- sind nicht blos Zugewanderte aus dem Innern Frankreichs, sondern auch eine bedeutende Anzahl alter, erbgesessener Familien wendet
Deutschland.
29. Juni. Da- Staatsministerium trat, wie bereits gemeldet,
der Vaterstadt Den Rücken. Gerade so wie das Metzer Patriciat in den Jahren, welche der französischen Besitznahme 1552 folgten, in Menge fortzog, wie die stolzen Reichsstäbter kamals um keinen Preis die Vergewaltigung durch Franzosen, obgleich sie deren Sprache redeten, erdulden wollten und den deutschen Reichstag mit ihren Klagen füllten: so unerträglich dünkt diesen lothringer Hitzköpfen heutzutage die Herrschast der Deutschen. Ich hörte von einem Metzger sagen: sie wären es noch zufrieden gewesen, wenn man sie wenigsten- zu einer ville libre gemacht hätte, wie Frankfurt und Lübeck; das allein sei einer Bürgerschaft wie die Metzer würdig. So fest sitzen alte historische Erinnerungen. Es gibt aber auch Andere, die ihr Anwesen noch nicht aufgeben, wohl aber sich beeilten, in Frankreich anzukaufen, um dort Bürgerrecht zu erwerben und einstweilen daselbst zu wohnen. Die dritte Claffe, der kleine Bürgerstand, scheint im Ganzen nicht so unzufrieden mit der Wendung Der Dinge. Diese Leute haben eingesehen, daß alles Lüge ist, was man ihnen von Den schlechten Eigenschaften Der Deutschen vorrebele, baß sich vielmehr ganz gut mit ihnen leben läßt, und, was vielleicht noch mehr gefällt, man verdient viel Geld von den Deutschen. Endlich bei Dem Landvolk muß man unterscheiden. Der Bauer französischer Zunge nimmt Den Wechsel des Regiments in dummer Ergebung hin, wie ein Schicksal, freut sich aber Der größeren Ruhe und Ordnung, besonders wenn sie Dauer verspricht. Er hegt gegen Die französischen Gewalthaber, Denen er so viel Erduldetes zuschreibt, beinahe mehr Haß als gegen die Deutschen Abneigung. Anders soll es in dem größeren Theile des jetz gen Deutsch-Lothringens stehen, der von jeher deutsche Bevölkerung hatte. Dort soll man etwas merken wie leise- Aufathmen und Ausleben des deutsche Wesens, das sich von langem Druck befreit fühlt, jedoch sich in die neuen Zustände noch nicht recht zu finden weiß. Bei alledem ist von Zuneigung, ja, nur Zuwendung der Gemüther zur neuen Re- gierung nicht vie Rede, auch an gesellschaftlichen Verkehr zwischen den Lothringern und eingewanverten Deutschen noch nicht zu denken. Man lebt nicht mit, sondern neben einander. Allein im Ganzen genommen dürfen wir mit Dem, was sich jetzt schon herausstellt, zufrieden sein. Insbesondere in Metz hat Der deutsche Be» standtheil Der Bevölkerung eine Stärke und AuSDehnung gewonnen, Die für so furze Zeit überraschend ist. Vielfach sieht man deutsche Inschriften an den Häusern, in allen Gasthöfen hört man Deutsch reden. Französisch ist nicht mehr allein vornehm, Deutsch ist die Sprache der Regierenden — da- allein macht schon viel au-. Schon jetzt -darf man Über ein gutes Viertel Der Stadtbevölkerung als deutsch rechnen. Metz hatte nämlich schon früher eine starke Beimischung deutscher Herkunft. Die Dienstboten kamen durchgehend- au- der Allemagne, wie man Den deutschrrdenden Tbeil Lothringens nannte; mit ihnen eine Menge Arbeiter. Ein Stock deutscher Juden war von jeher ansässig. Endlich hatten sich theils aus dem Elsaß, theils au- Luxemburg unD den Rheinlanden Handwerker, Bahnwärter, Kaffee- und Speisewirthe und andere kleine Geschäftsleute eingefunden. Fast alle diese finden es jetzt bequemer und vortheilhafter, wieder ihre Muttersprache zu rede». Zu ihnen nun kam außer der deutschen Besatzung im Jabreslauf eine ,ehr beträchtliche Einwanderung von Beamten, Lehrern und Geschäftsleuten aus Deutschland hinzu. Umgekehrt aber verlor in derselben Zeitfrist Die französische Bevölkerung duich Den Abzug de- französischen Militär- und seine- großen Anhanges, so wie der Stockfranzosen und französischgesinnten Lothringer. Ein Unglück war eS, jedoch unvermeidlich, daß von jenseit des Rheines Leute herbei» strömten, welche den Kopf voll Plane und in Der Tasche fein Geld hatten. Sie fingen frischweg allerlei Geschäfte an, verloren sehr bald Den Boden unter Den


