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Local-Notizen.

Gießen, 1. Mai. Heute Morgen wurde auf einem Grundstück des Herrn Löber in der Tchwarzlach ein Erhängter aufqtfunben. Der Strick, woran derselbe gehangen, war von der Last zerrissen. Die Person deS Selbstmörders ist bis jetzt noch nicht festgestellt, da keine Papiere rc. vor­handen sind. Gleichzeitig bemerken wir, daß von dem vor längerer Zeit in einem Coupe der Weserbahn aufgefundenen Erschossenen keine Spur der Herkunft rc. gefunden worden ist.

Vermischtes.

Frankfurt. Nach mehrtägiger Verhandlung ist der wegen Mords des Viehhändlers Ham­burger angeklagte Völker von den Geschworenen desvorsätzlichen Mordes" für schuldig befun, den und vom Assisenhof zum Tode verurtheilt worden. Nach den vorliegenden Berichten legte Völker tn den dem Urtheil vorhergehenden Momenten eine Frechheit an den Tag, wl« sie bisher in ähnlichen Fällen nur selten vorgekommen fein dürfte.

Literarisches.

Verlage von L. Sirnion in Berlin erschien soeben ein Deutscher Uni- das Sommer-Semester 1872, herausgegeben von I)r. F. Ascherson, Auctor an der Komgl. Universitäts-Bibliothek in Berlin. Dieses durchaus zeitgemäße Unternehmen bietet den Mitgliedern der deutschen Hochschulen, Lehrenden wie Lernenden, ein praktisches Handbuch. Außer einem Schreib-Kalender enthalt dasselbe für jede deutsche Universität die Angabe des Rectors und der Dekane,

Amerika.

Newyork, 30. April. Der Gouverneur Hoffmann verwarf mit seinem Veto die neue BerfaffungSurkunde für Newyork, weil dieselbe rechtswidrig sei. Die Versammlung in Albany bestätigte das Veto.

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London, 1. Mai. Der König der Belgier ist hier eingetroffen. Die deutsche Kaiserin Augusta wird in Windsor am Donnerstag erwartet.

Rumänien.

Bukarest, 29. April. Zur Geschichte der Iudenhetzen liefert ein Nothschrei der Israeliten von Zsmail, welchen der Consul der Vereinigten Staaten ru Bukarest, B. I. Peixotto, versendet, ein grelles Schlaglicht. Wir lassen einige Stellen hier folgen: B

.. "Wie eine Horde wilder, dem Käsig entsprungener Bestien so schreiben cle unglücklichen Opfer flog der von Priestern fanatisirte, bis zum Extreme von nichtswürdigen Zntriguanten aufgereizte Pöbel durch die Straßen; rache-

Italien.

Neapel, 26. April. Die Eruption des Vesuv. Was Professor Palmieri, der Director des Observatoriums auf dem Vesuv, letztes Jahr sagte, das ist plötzlich und in grauenhafter Weise wahr geworden. Er bemerkte droben im Observatorium:W>r sind hier im steten Belagerungszustände". Jetzt ist der Angriff erfolgt. Nachdem schon in der vorletzten Nacht das Feuer des Vesuvs unter unheimlichem Dröhnen zugenommen, neue Schlünde an den Seitenwänven und am Fuße des Kegels sich gebildet hatten, die fortwährend die Umgebung mit Feuerströmen überschütteten, öffnete sich heute morgen ein neuer Krater ganz nahe beim Observatorium, und es ist leider fast gewiß, daß diese herrliche Stätte der Wissenschaft für den Augenblick nicht nur verlassen werden muß, sondern gänzlich zerstört wird. Seit gestern Abend ist der Ausbruch wahrhaft schrecklich. Eine Menge von Einheimischen, und ganz besonders aber von Fremden, hatte sich an den Berg begeben, um das Schauspiel in der Nähe zu beobachten. Da plötz­lich bebte die Erde unter ihren Füßen, an den verschiedensten Orten spaltete sie sich und nahm die Unglücklichen in ihren Feuerschlund auf, oder überschüttete sie mit feuriger Lava. Schon gegen Morgen schätzte man die Zahl der Verschütteten auf 60. Die Behörden trafen natürlich alle Vorkehrungen, um zu retten, was zu retten ist. Zwei Ortschaften sind schwer gefährdet, St. Sebastian im Osten und Torre di Greco am Meere. An beide Orte hin wurden sofort Truppen ab­geschickt, welche mit Gräben und Dämmen die herankommende Lava ableiten und so diese Ortschaften schützen sollen. Die Einwohner derselben haben im Angesichte der schrecklichen Gefahr mit ihren köstlichsten Habseligkeiten sich geflüchtet und wir verargen ihnen das nicht; denn nicht einmal hier ist es heimelig. Fortwährend kracht es furchtbar unter uns, und es ist, als ob auch hier der Boden nicht mehr feststände, man hört nämlich die Stöße vom Vesuv her (mehr als zwei Stunden weit) wie gewaltigen Kanonendonner. Viele Personen möchten noch zu retten sein, wenn jetzt die Gewalt des Ausbruches abnähme, denn sie befinden sich am Berge auf Oasen, die nicht von Lava überschüttet sind, aber es jeden Augenblick werden können. Leider hat es keinen Anschein, als ob diese Hoffnung in Erfül­lung gehen sollte. Nicht nur hat sich heute eine neuer Krater geöffnet, sondern fort und fort dringen die feurigen Massen mit neuer Kraft und in größerem Um­fange aus dem geheimnißvollen Schlunde empor, und immer meldet man von neuen Opfern. Man behauptet, es feien schon viel mehr denn 200 Personen unter den feurigen Massen begraben. Natürlich ist die Schätzung sehr ungenau und ungewiß, man weiß namentlich die Zahl der verschütteten Fremden, die wir nicht niedrig anschlagen möchten, gar nicht. Man erwartet die Herren Minister des Innern und der öffentlichen Arbeiten, um in diesem Eiende Abhilfe zu brin­gen. Wir wollen zum Schluffe noch einiges über die Thätigkeit des Vesuvs in den letzten Jahren mittheilen. Professor Palmieri hat bekanntlich einen Sis- mometer erfunden, der auf elektromagnetische Kräfte gebaut ist und ziemlich genau die Erdbeben und die gewöhnlich damit in Verbindung stehenden Eruption vorher anzeigt. Auch diesmal war das der Fall, allein man hatte sich nicht auf ein solches Unglück gefaßt gemacht, um so weniger, als der Berg seit vorigem Früh­ling immer fort tn Thätigkeit war. Es sind jetzt 10 Jahre, daß der Vesuv einen so schrecklichen Ausbruch machte wie jetzt. Dann ruhte der Berg bis zum November 1864. Dann trat eine Eruption des Aetna und fast gleichzeitig des Vesuv ein. Seit jener Zeit bis 1869 rauchte der Berg immerfort, doch ohne irgendwie gefährlich zu werden. Uns ist es jetzt vergönnt, das schöne und herr­liche, aber schreckliche Schauspiel wieder zu sehen. (Post.)

Neapel, 29. April, Mitternacht. Ein Telegramm vom Observatorium meldet: Ein sehr heftiger Schlackenfluß hat die bisher von der Lava verschonten Gegenden in der Nachbarschaft des Vesuvs völlig vernichtet. Der Niederschlag von Sand und Asche, ebenso daö unterirdische Getöse, dauern auch jetzt noch fort, dagegen hat der Lavafluß aufgehört. Aus Capua (4 Meilen nördlich von Neapel) wird gemeldet, daß Asche bis dorthin geflogen sei.

England.

London, 29. April. Unter dem Vorsitze des Bischofs von Ely fand am Freitag eine Versammlung der anglo-continentalen Gesellschaft statt, in welcher die allkatholische Bewegung zur Sprache gebracht und der Nachweis versucht wurde, daß viele christliche Bekenntnisse im Auslande sich immer mehr der angli- canischen Kirche annaherten. Der Bischof von Lincoln stellte den Antrag, zu erklären, daß die altkatholische Bewegung in Deutschland, so glücklich ins Werk gesetzt von dem ehrwürdigen und gelehrten Dr. Döllinger und anderen ausge- zeichneten Theologen, die lebendigsten Hoffnungen für die Zukunft der christlichen Kirche erregt und die wärmsten Sympathien verdiene, und daß die freundschaft­lichen Gesinnungen gegen die anglikanische Kirche, welche sich bei den Altkatholiken Deutschlands finden..., freudig erwiedert werden müßten. Eine zweite, von Sir H. Bärtle Frere vorgeschlagene Erklärung sprach die Hoffnung aus, daß die alt katholische Bewegung sich nicht auf Deutschland beschränken, sondern Kräfte sam- meln und sich in Frankreich, Spanien, Italien, Oesterreich und überall, wo die römische Kirche herrsche, ausdehnen möge. Beide Anträge wurden von der Ver- sarnmlung angenommen und dabei viel von der Gefahr geredet, welche der Chri­stenheit von der Macht des Papstes drohe. Der Bischof von Lincoln war über- -eugt, daß selbst England in seiner insularen Lage bald vor der autokratischen Macht PiuS' IX. zittern werde, wenn es nichts thue, um sie zu zerstören. Die Versammlung tröstete sich dagegen mit einem Briese des Erzbischofs von Syra, der den Wunsch aussprach, daß die englische Kirche und die Kirche des Morgen- landes sich recht bald die Hand der Vereinigung reichen möchten. Dabei versprach er sich von den A'.tkatholtken Deutschlands eine mächtige Hilfe zur Reinigung der römisch-katholischen Kirche von den menschlichen Zusätzen, welche dieselbe mit dem großen Schisma erlitten habe.

schnaubend, raub- und mordgierig eilten die entfesselten Massen von Haus zu Haus von Gaffe zu Gasse. Herz- und erbarmungslos schonten sie weder des gebrech! lichen Greises, noch des zitternden Weibes oder res Kindes an der Mutter Brust Ohnmächtig, widerstandslos wurden unsere Brüder unmenschlich mißhandelt. Weiber und Töchter vor den Augen der Männer oder Eltern geschändet, die Häuser ae- plündert, unsere Heiligthümer entweiht, die Gesetzrollen entwendet; selbst die Tobten aus ihrer Ruhe aufgescheucht und der Friedhof zerstört. Viele sind den empfanae« nen Wunden erlegen; entehrte Weiber und Mädchen verbergen hunge-nd und frierend ihre Schande in grabähnlichen Kellern; Kranke liegen in öden, thür- und fensterlosen Baracken ohne Strohmatte, ihre Glieder darauf zu strecken, ohne Pfühl ihr Haupt darauf zu legen, ohne Decke, den fiebernden Körper zuzudecken. Hunderte Mißhandelter, bis auf die Kleider beraubt, bleich vor Schreck, irren hungernd und obdachlos in den Straßen umher und betteln an den Thüren der Wenigen die verschont geblieben oder minder gelitten."

Inzwischen haben die Generalkonsuln von Deutschland, Oesterreich.Ungarn England, Frankreich, Italien, Nord-Amenika und Griechenland anläßlich des Aus! spruches der rumänischen sogenannteen Schwurgerichte in den Judenproceffen fol- gende Collektivnote an die rumänische Regierung gerichtet:

Die Unterzeichneten halten es für ihre Pflicht, gemeinschaftlich und in der formellsten Weise der fürstlichen Regierung die wörtlichen Bemerkungen in Bezug auf die israelitische Frage zu wiederholen, welche derselben vorzulegen die Mehr- zahl von ihren Regierungen beauftragt worden ist. Sie können in erster Linie nicht umhin, ihr Erstaunen darüber auszudrücken, daß das Ergedniß der Unter­suchung , welche vor mehr als zwei Jahren in dem rumänischen Bessarabien un­geordnet worden, ihnen noch nicht mitgetheilt wurde, trotz der in der Note des Herrn Ministers der auswärtigen Angelegenheiten vom 7./19. Februar enthaltenen Zusicherung. Sie haben außerdem mit großem Bedauern erfahren, daß der Asstsen- hof von Buzeu, nachdem er mehrere Israeliten, in Bezug auf welche das Oeffent- liche Ministerium selbst die Klage fallen ließ, zu strengen Strafen verurtheilt, alle die Individuen aber freigesprochen hat, welche angeklagt waren, Exceffe und die schwer­sten Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung von Vilcov begangen zu haben. Die Unterzeichneten sehen in diesem zwiefachen Urtheilsspruche ein Anzeichen der Gefahren, welchen die Israeliten in Rumänien ausgesetzt bleiben und deren Dring- lichkeit bei Herannahen des Osterfestes neulich ihre gleichzeitigen Schritte bei der fürstlichen Regierung gerechtfertigt hat. Die Regierungen der Unterzeichneten wer­den zu betrachten haben, ob die den Angreifern der Juden gewährte Straflosig­keit nicht der Art ist, um die Wiederholung gewaltsamer Austritte zu begünstigen die eines civilisirten Landes unwürdig sind, welches als solches allen Religions- bekenntniffen Freiheit und Sicherheit gewährleisten muß. Bukarest, 18. April 1872."

Die Allg. Ztg. spricht sich auch dahin aus, daß die rumänische Bevölkerung für die Institution der Geschwornenzrrichte noch ganz und gar nicht reif ist, weil ste im Allgemeinen keinen Begriff von den heiligen Pflichten eine, Geschworenen- richters hat, sondern der entsetzlichen Ansicht huldigt, daß die Wahl zum Ge- schworenen für den Gewählten nur eine gut, Gelegenheit sei, sich zu bereichern oder seinem persönlichen Hasse Befriedigung zu schaffen. Die meisten der rumä. Nischen Geschworenen sind überhaupt nicht fähig oder nehmen sich nicht die Mühe dem Gange einer gerichtlichen Untersuchung zu folgen, und so wurden denn auch die vor Gericht gestellten sechs Juden verurtheilt, nicht weil sie ein Verbrechen begangen, sondern weil sie Juden sind, und wurden die 29 Angeklagten frei»«, sprechen, welche bei de» letzten Judenhetzen gestohlen, geraubt und geplündert hatten weil sie diese Verbrecher ja nur an Juden begangen. Diese eigcnthüm- liche Art der GerechtigkeitSpflege mußte natürlich bei den in Rumänien lebenden Israeliten Furcht und Besorgmß vor neuen Gewaltthaten Hervorrufen; im Aus- lande aber wird sie «inen Schrei der Entrüstung hervorbringen, und es ist kaum anzunehmen, daß die europäischen Mächte sich auch diesmal mit leeren Ver- lprechungen und Ausflüchten beschwichtigen lassen. Vielmehr dürfte cs ihre Pflicht fein, einen längst erkannten, aber stets vernachlässigten Schmutzflecken auf der Ci- vilisation Europa'S endlich zu beseitigen.

Türkei.

Der neue KriegS-Minlster Abdul Kerim Pascha, der kaum seit einem Mo­nat in Function ist, wurde am 15. April schon wieder abgesctzt, angeblich wegen seiner Apathie und Unlhätigkeit, obgleich man eigentlich nicht recht begreift, wa« ein Mann, der erst seit vier Wochen aus Armenien hier eingetroffen ist, schon hätte bewerkstelligen können. Die wahre Ursache ist aber, daß auch er mit ver beabsichtigten Aenderung der Thronfolge-Ordnung sich nicht einverstanden erklärte. Zu seinem Nachfolger wurde der bisherige Artillerie. Chef Mustafa Pascha er- nannt.

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