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gegangenen Telegramme und Schreiben hierdurch Meinen aufrichtigsten Dank aus­zusprechen.

Berlin, den 23. Juni 1871. Wilhelm.

Im Jahre 1870 stnd für Debitirte Bundes - Wechselstempelmarken und ge­stempelte Blankets aufgekommen in Preußen 1,098,484 Thlr. 5 Sgr. 1 Pf., im Königreich Sachsen 123,485 Thlr. 9 Sgr-, im übrigen Norddeutschland 257,875 Thlr. 21 Sgr. 3 Pf., zusammen 1,520,448 Thlr. 5 Sgr. 4 Pf. Davon er­halten die einzelnen Bundesstaaten an Hebegebühren 36 Procent mit 577,361 Thlr. 10 Sgr. 4 Pf., es verbleibt mithin für die Bundeskasse eine Einnahme von 973,086 Thlr. 25 Sgr.

Es bestätigt sich, daß im Spätsommer Conserenzen höherer Militärs zu- sammentreten werden, um die Erfahrungen aus dem letzten Kriege und die Be- waffuungsfrage zum Gegenstände hingehender Berathungeu zu machen.

In Börsenblättern wird es als ein feststehender Beschluß des Finanzministers bezeichnet, die Gesammtheit der Norddeutschen Bundes-Schatzanweisungen im Be­trage von 102,000,000 Thaler, die aus Veranlassung des Krieges emittirt find, zur Rückzahlung zu kündigen, sobald die französische Kriegscontribution in ihrer für die nächste» Monate stipulirten Höhe eingegangen ist.

Gießen, 27. Juni. Einen festlicher erregten Tag, wie den 26. Juni, als der Einzugstag unseres zweiten Regiments, hat Gießen lange nicht gesehen. Schon in aller Frühe strömten Schaaren von Landleuten in die Stadt, die sämmtlichen Bahnen waren außerordentlich frequentirt und namentlich die beiden oberhessischen Bahnen waren in die Nothweudigkeit versetzt, wegen Mangels an Personenwagen viele Passagiere in Güterwagen zu desörderu. Das Wetter schien sich zwar an­fangs ausklären zu wollen, doch bald überzog der Himmel sich wieder und ließ von Zeit zu Zeit Regenschauer niederfallen. Doch dies that der heitersn und fest­lichen Stimmung keinen Abbruch. Gegen 9 Uhr zogen die vereinigten Körper­schaften, wie Feuerwehren, Gesangvereine rc. nebst einer ungeheuren Menge anderer Personen dem anrückenden Regiment Nach Klein-Linden entgegen. Endlich um 3/10 Uhr erschien die Spitze des Zuges, der das Regiment eingeholt hatte auf der Höhe t>er Klein-Lindener Chaussee. In demselben Augenblicke fangen alle Glocken der Stadt an zu läuten, die Geschütze donnern, und von dem Jubel der Menge begrüßt, mit einem Regen von Blumensträußen und Kränzen überschüttet, setzen die mit Eichenlaub geschmückten Truppen, deren Offiziere sämmtlich mit Lor^ bcerkränzen geziert waren, ihren Marsch bis zu der von der Stadt erbauten Ehrenpforte fort. Diese, ein Monstrum von Gebäude, ist ein Prachtwerk von Geschmack und Dekoration. Riesige Dimensionen, gepaart mit eleganter Ausstat- tung, wäre sic würdig zur photographischen Aufnahme, um sich auch in spateren Tagen am Anblick derselben zu erfreuen. An der Ehrenpforte wurden die Truppen von Herrn Bürgermeister Vogt im Namen der Stadt mit einer kurzen Ansprache begrüßt, und diese Ansprache von Herrn Oberst Kraus erwidert/ An der Ehren­pforte seitwärts sahen wir leider auch die Kehrseite des frohen freudigen Festes: die armen Verwundeten und Verstümmelten nebst ihren Pflegern, placirt. Doch um keinen Mißton zu erregen in dieser freudigen Stimmung wollen wir nicht länger bei ihnen verweilen und die nun einziehenden Helden in tue Stadt b Mten. Dieselbe entwickelte eine Pracht, wie wir sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Jede Straße, jedes Gäßchen, so klein es auch war, hatte seinen Triumphbogen, vom Seltersthor bis zum Wallthor, in größeren und kleineren Dimensionen, aufgebaut. Sinnige Sprüche, Transparente, lebende Bilder, wie die lieblichen Kinderköpfe am Triumphbogen des Asterwegs, schmückten dieselben. Ein- zelne als die schönsten herauSzugreifen, unterlassen wir, um andere nicht hintenan zu setzen: entsprangen sie doch alle der Liebe zu den Kriegern und alle aus dem einen Motiv, ihren einziehenden Helden zu zeigen, wie das Heimathland ihre Thaten zu würdigen weiß. Die erste liebliche Erscheinung bot sich am Thore des Lazareths, wo drei liebliche Kindergestalten die Sieger mit Blumen und Kränzen begrüßten. Sodann ward dem Zuge auf dem Lindenplatz ein brillanter Empfang. Dieser Platz, unstreitig der am schönsten geschmückte, bot einen feenhaften Anblick dar. Ungefähr ein Dutzend kleine Mädchen begrüßten hier die Einziehenven und hielt eine von ihnen eine kleine Anrede nebst Ucberreichung eines Lorbeerkranzes an den Regimentskommandeur, welcher sichtlich gerührt aufls bewegteste dankte. Unter Hurrah» und Hochrufen zöge» sie nun weiter auf den Brandplatz. Der Einzug war hiermit beendet und die Soldaten erhielten ihre Quartierbillets.

Das Drängen und Treiben dauerte nun den ganzen Tag in der massenhaft überfüllten Stadt bis zum Abend, wo die Stadt sich recht eigentlich in ihr schönstes Kleid warf. Die Illumination übertraf, obgleich das Wetter durchaus nicht gunstrg für dieselbe war, da der heftig wehende Wind die Jlluminarionslämpchen aus­löschte, dennoch alle vorhergegangenen an Pracht. DaS Erwachs» Barbaroffa'e am Retber'schen Hause machte einen überraschenden Effect, wie denn die Masse der Transparente überhaupt einen wundervollen Anblick gewährte. Der Linden­platz war wie bei Tage so auch am Abende der Glanzpunkt der Stadt; man träumte sich in die Märchen vonTausend und eine Nacht" versetzt. DaS stille harmonische Licht der Ballons und Lampen zwischen den Guirlanden, inmitten die siegende Germania, sowie den blendenden Anblick des Hirsch'schen Hauses, konnte in Wahrheit nicht- Besseres bieten, und müssen wir überhaupt der Veranstalterin der Dekoration de- Lindenplatzes unseren herzlichsten Dank spenden. Außerdem verdient noch heroorgehoben zu werden: der Marktplatz, die neue Anlage und das Schmall'sche Haus in der Neustadt.

Was die Circulation am Abens betraf, so war dieselbe eine äußerst schwierige. Es machte sich chier namentlich die Mäusburg wieder geltend, wo es zuweilen absolut unmöglich war, durchzukommen. Fuhr dann noch eine oder die andere Droschke dazwischen, dann gab es Stöße, Püffe und dergleichen, welche für die Detheiligten gerade nicht angenehm waren. Dieses Drängen und Treiben dauerte bi- gegen eilf Uhr, wo sich die Stadt allmählig zur Ruhe begao.

Die Ordnung überhaupt während des Einzuges als auch den ganzen Tag über und am Abende war musterhaft und haben wir über keine Unzulässigkeiten zu klagen. Wir danken hiermit der ganzen Einwohnerschaft für ihr Verhalten, welches als ein der Stadt Gießen würdiges bezeichnet werden muß und wie es auch allerseits anerkannt wurde.

Somit schloß eine Gießens würdige Feier, und mögen unsere heimgekehrten Sieger diese Feier mit den Gefühlen hinnehmen, mit denen wir sie ihnen darge­bracht, aus freudige»«, dankerfülltem Herzen. S.

Darmstadt, 24. Juni, Gleichzeitig mit dem Erlasse der CabinetSordre vom 22. Juni ist ve« Ministerium des Innern folgende Allerh. Entschließung zugegangen:

Ich verleihe Mein Mlitär-SanitätS-Kreuz (folge» sämmtliche Decorirte, woraus wir jedoch nur die aus hiesiger Stadt folgen lassen):

dem Provinzialdirector Julius Rinck Freiherrn von Starck, Hofgerichtsrath August Friedrich David Dölcker t» Gießen, Rentner Georg Noll in Gießen,

katholischen Pfarrer Johannes Rady in Gießen,

RegierungSrath Georg Haberkorn in Gießen, n Gpmnastaüehrer in Pension Dr. Diehl tu Gießen, Freiherrn von Stein in Gießen, Fabrikant Ferdinand Gail in Gießen, Turnlehrer an der Realschule in Gießen, Christian Rübsamen, Hofgerichtsadvocaten Ottmar Weidig in Gieße», der Frau des Professors Wilbrand, Albertine, in Gießen, Frau des Dekan Gustav Christian Carl Landmann in Gießen, Frau des Oberstaatsanwalts Dietz in Gießen, Dem Professor Dr. Eugen Seitz in Gießen,

Lieutenant Julius Casimir Frank, Adjutant bei der Etappencommandantur zu Gießen,

Feldwebel Peter Hofmann,

praktischen Arzt Dr. Hermann Baur,

Königlich Preußischen Major und Etsppeninspeclor Eugen v. Randow,

Kreisarzt und Medicinalrath Eduard Stammler.

Darmstadt, den 22. Juni 1871. Ludwig.

Darmstadt, 27. Juni. Durch Allerhöchste Entschließung vom 23. d. Mts. ist der seitherige erste Beigeordnete Carl Racke zu Mainz zum Bürgermeister, der Buchdruckereibesitzer Friedrich Carl Wallau II. zum ersten Beigeordneten und der Weinbändler Hermann Reinach II. zum zweiten Beigeordneten der Provinzial- Hauptstadt Mainz ernannt worden.

Berlin, 24. Juni. Die durch die Blätter laufende Mittheilung, daß die hessische Regierung die von den hessischen Vertretern mit der preußischen Regierung zu Stande gebrachte Militärconvention nicht ratificiren wolle, ist durchaus unbe­gründet. Die Ratifikation ist bereits erfolgt.

Dem Bundesrathe ist jetzt die Mittheilung zugegangen, daß die Bundes­regierung beabsichtige, noch im Laufe dieses Jahres die elsässische Bevölkerung zur Ableistung ihrer Militärpflichten heranzuziehen.

Nachdem die bayerische Regierung sich damit einverstanden erklärt hat, daß für die Folge, unter Aufhebung des nach dem Uebereinkommen vorn Jahre 1844 angeordneten Verfahrens, Strafantheile i» Zollprozeffen, die sogen. Denuncianten- antheile, an Beamte des andern Staates gegenseitig nicht mehr gezahlt werden, stnd die diesseitigen Behörden angewiesen worden, derartige Zahlungen nicht mehr zu leisten. Damit ist nun auch der letzte Rest der gehässigen Denunciantengelder in Preußen in Wegfall gekommen.

Berlin, 24. Juni. Das Gründungsfieber grafsirt augenblicklich in Berlin mindestens ebenso sehr, wie die Pocken, es vergeht nicht ein Tag, an welchem nicht wenigstens ein GründungScomite mit einem fix und fertig'» Plane hervortritt, nach welchem man sein Geld ganz nach Belieben zu 525 Procent anlegen oder auch verlieren kann. Jetzt ist nun auch das weltberühmte Kroll'sche Etablissement unter die Aktiengesellschaften gegangen, verspricht aber vorsorglicherweise nur eine erhebliche" Dividende. Jeder der 5000 Aktionäre hat das Recht freien Eintritts; macht jede Aktie nur einmal in der Woche von diesem Rechte Gebrauch, dann ist's mit der Dividende Essig.

Leipzig, 25. Juni. Gestern fand hier eine Todtenseier der Studentenschaft zu Ehren der im Dienste des Vaterlandes im Verlaufe der Kriegszeit verstorbenen 62 Studirenden statt. Davon haben 48 den Tod aus dem Schlachtfelde gefunden, 2 stnd verunglückt und 12 sind von Krankheiten hingerafft worden. 34 der edlen Söhne des Vaterlandes waren Sachsen und 28 Nichtsachsen.

Telegraphische Depeschen.

Paris, 27. Juni. Das republikanische Centralcomite der Turbigostraße hat seine Candidatenliste aufgestellt. Gambetta steht an der Spitze derselben; er hat die Candidatur angenommen.

Paris, 27. Juni. Rouland verbleibt Gouverneur der französischen Bank.

/> Paris, 27. Juni. Wie man. versichert, hat die Kaiserin den Wunsch kundgegebcn, nach Frankreich zurückzukehren. Ihre intimen Freunde hätten fie bis­her verhindert, diese Reise auszuführen. (»,Bien publ.")

/X Paris, 27. Juni. Aus guter Quelle geht uns die Nachricht zu, datz die Anleihe wahrscheinlich am ersten Tage schon gezeichnet wird. Wenn sich diese Hoffnung verwirklicht, so wird Frankreich einen Beweis seiner Lebensfähigkeit und Kraft gegeben haben, welche für die nächste Zukunft seine vollständige Rehabiliti- rung voraussetzen.

/X Paris, 27. Juni, 9 Uhr Morgens. Der Andrang der Heinen Zeichner, die neue Anleihe betreffend, ist enorm. Alle öffentlichen Plätze find seit Mitter­nacht occupirt. Noch DemSoir" hat eine Deputation von Banquier- eine Audienz bei Pouyer-Quertier verlangt, um eine Modifikation des Gesetzes über die Verfavz<'iten zu erwirken, andernfalls Der Ruin des Pariser Kleinhandels un­vermeidlich sei.

Paris, 27. Juni. Die Regierung hat die Präfekten angewiesen, daS Reisen von Individuen nach Paris zu verhindern, welche über eine gesicherte Be­schäftigung keinen Nachweis geben könnten. Der Polizeicosrmissär Mace speciell Damit beauftragt, über die Urheber der Plünderung des Thiers'schen Hauses und den Verbleib der geraubten Gegenstände Erhebungen zu machen. Aus dem aufgefundenen Briefe eines Bibliothekars des eilften Arrondissements unter der Commune, Victor Pojier, scheint hervorzugehen, daß die Bücher der Bibliothek Des Chefs der Executive an die verschiedenen öffentlichen Sammlungen der Stadt vertheilt worden sind. Unter de» gestern stattgehabten Verhaftungen waren drei von Bedeutung. Sie betrafen Den PräsiDenten des Kriegsgerichts Der Commune, Gols, Der sich durch besondere Grausamkeit ausgezeichnet hotte, und ein andereS Mitglied desselben, Namens Dutil; letzterer hatte sich bisher geschickt allen Nach­forschungen zu entziehen gewußt. Dann wurde der Hauptmann Francinet ver­haftet. Derselbe hatte eine große Berühmtheit durch seine Exaltation erlangt und selbst seinen 16jährigen Sohn gezwungen, in seine Compagnie einzutreten. Der arme Junge wurde verwundet und gefangen uno liegt jetzt im Hospital zu Ver-

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