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itßmtr Anzeiger.

Erscheint täglich, mir Äus- ncchme Montags.

Expedition: Lanzleiberg Ltt. B. Nr.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Sichen.

Nr. 166, Freitag den 21. Juli 1871,

Bestellungen auf dem Gie^enev Mnzeigee bei allen Post-Expeditionen urtl den Land-Postboten entgegen genommen.

20. Juli.

Der schon telegraphisch signalisirte Artikel derNordv. Allgcm. Zeitung" > enthält in dem Wortlaute seiner wesentlichsten Sätze Nichts, was die vollständige Wiedergabe erforderlich macht. Interessant und schlagend ist jedoch seine Aus- führung des Gegensatzes, in welchem die deutschen Bischöfe sich durch ihre jetzigen Klagen über Katholikenverfolgung mit ihren eigenen früheren Erklärungen setzen. Es heißt hierüber: In einer Rundschau derKöln. Volksztg." lesen wir z. B. von einer allgemeinen Katholikenhetze; im weiteren Verlauf oeS Artikels wird dann der bekannte Erlaß des CultusministeriumS in der Brauneberger Angelegenheit erwähnt und wörtlich gesagt: So hat denn der Krrchenftrcit, der Krieg gegen die den Satzungen der Kirche treuen Katholiken, seinen Einzug auch in Preußen tze- halten. Angesichts solcher Umdrehung des Verhältnisses von Ursache und Wir­kung dürfte es wohl an der Zeit sein, andere, gewichtige Stimmen zu vernehmen, welche schon geraume Zeit vor der Annahme der Unfehlbarkeit darauf hingewiesen hab<n, daß solche Conflicte nach Annahme des Dogmas entstehen würden. Unter dem 26. Januar v. I. wurde an den Papst eine vom Cardinal Rauscher verfaßte und von der Mehrzahl der deutschen Bischöfe' unterzeichnete Adresse gerichtet, in welcher u. A. gesagt wurde: Da wir unter den bedeutenderen Nationen des bischöflichen Amtes pflegen, kennen wir den Stand der Dinge aus tägl'cher Er­fahrung; für uns aber steht fest, daß die verlangte Definition (der Unfehlbarkeit) Den Feinden der Religion neue Waffen liefern und auch bei besseren Männern Mißgunst gegen die katholische Sache erregen würde, und wir sind gewiß, daß dieselbe in Europa wenigstens den Negierungen unserer Bezirke Anlaß oder Vor­wand bieten würde, die noch bestehenden Rechte anzugreifen. Man verstehe wohl, die unterzeichnenden deutschen Bischöfe sagenAnlaß oder Vorwand"; sie unter­scheiden also zwischen Anlaß und Vorwand, gleichwohl sind sie gewiß, daß die Unfehlbarkeit den Regierungen Anlaß bieten werde, gegen die Kirche einzuschreiten. Nachdem am 13, Juli im Concil die Abstimmung über die Unfehlbarkeit ergeben hatte, daß 88 Bischöfe mit non placet, 62 mit placet juxta inoduni, die übrigen mit placet gestimmt, erhielten die Bischöfe am 16. Juli Die Erlaubniß, Rom zu verlassen; aber Die der Minderheit verließen die ewige Stadt nicht, ohne zuvor einen litzten Versuch zu machen, um die Besiegelung Cer päpstlichen Unfehlbarkeit, deren gefährliche Folgen ihnen ja nach Dem Obigen bekannt waren, abzuwenden. Sie erklärten Dem Papste, daß sie von der öffentlichen Sitzung des 18. Juli sich fernhalten würden, gleichwohl aber ihr Votum gegen das Dogma erneuerten. Wir kehren so heißt es am Schluffe des Protestes ohne Aufschub zu unseren Heerden zurück, denen nach so langer Abwesenheit wegen Der Kriegsbefürchtungen und besonders wegen ihrer höchsten geistlichen Bedürfnisse unsere Gegenwart äußerst nothwenvig ist, in Der schmerzlichen Gewißheit, daß wir wegen Der gegenwärtigen traurigen ZeitumstänDe unter unseren Gläubigen auch een FrieDen und die Ruhe Der Gewissen gestört finden werden. Kaum jemals dürften Die an ein bevor­stehendes Ereigniß sich knüpfenden Folgen im Voraus richtiger beurtheilt sein, als in den beiden von uns hervorgeyobenen Erklärungen Der Minderheit des Cvncils geschehen ist. Nun aber, da das damals nur erst bevorstehende Ereigniß einge­treten, nun aber, da die Voraussetzungen der schlimmen Folgen derselben sich lhat- sächlich bewahrheiten nun den Erstaunten, den schmerzlich Ueberraschten spielen, nun der Böswilligkeit oder dem angeblichen Haffe gegen Die Kirche zuschreiben, was von so kundiger Seite als nothwendige Folge Der Unfehlbarkeit vorher ver­kündigt worden, das ist nach unserer Auffassung ein ebenso verspäteter als verfehlter Versuch, über die offenkundige Ursache der gegenwärtigen Wirren den Schleier der Täuschung zu ziehen. Die deutschen Bischöfe haben es vorher gewußt, daß diese Unfehlbarkeit Conflicte mit der Staatsgewalt erzeugen werde; die deutschen Bischöfe haben es vorher gewußt, daß diese Unfehlbarkeit den Frieden und die Ruhe des Gewissens der Gläubigen stören werde. Und nun erheben sich die um kurz zu sprechen ultramontanen Blätter und klagen die Regierungen wegen der erstan­denen Conflicte an, ein Theil derselben aber häuft Beleidigung über Beleidigung auf das Haupt Der Männer, welche nicht im Stande sind, ihren Glauben zu wechseln!

DerKöln. Ztg." schreibt man: Mit Rücksicht auf die jetzt in der katho­lischen Kirche auögebrochenen Wirren soll, wie man hört, dem Reichstage ein An­trag aus Einführung der obligatorischen Civilehe zugehen, ganz in Der Weise, wie Die Angelegenheit durch Die von Der Nationalversammlung derathene Reichsver­fassung von 1819 erleDigt ist. Für Preußen speciell soll bei Dem Hause Der Ab- geordneten, gleichfalls in Berücksichtigung jener Wirren, Der Antrag zur Berathung gestellt werden, Die Inspektion Der Schulen Den Geistlichen zu entziehen unD sie Fachmännern, also Lehrern unD Pädagogen von Beruf, zu übertragen. Eine solche Neuerung wäre, abgesehen von kirchlichen Streitigkeiten, um so mehr zu wünschen, als Der sechswöchentliche Cursus, welchen jetzt die evangelischen Theologen nach ihrem ersten und vor ihrem zweiten Examen bei Den Seminarieii Durchzu­machen haben, mehr Die Form als Das Wesen berührt.

t Die Vermehrung Der stehenden Heere in Europa hat sich nicht auf Die großen Continentalmächte beschränkt; auch Die kleineren Staaten, wie HollanD und Belgien, haben bereits beschlossen, ihr Wehrsystem auf Der GrunDlage Der allge­meinen Wehrpflicht zu reorganisiren. Was Belgien anlangt, so wirD es JeDer- mann begreiflich finden, wenn dieses Land, das direkt durch Den französischen

Chauvinismus beDroht ist, Die stärksten Anstrengungen macht, sich .... Haut zu wehren; seine Neutralität könnte nicht behauptet werDen unD seine Selbstständigkeit müßte verloren gehen, wenn es nicht immer auf Dem qui vive stände. Ganz anders dagegen verhält sich Die Sache mit Holland. Dieser Staat hat nicht das mindeste zu befürchten, er ist von keiner Seite bedroht; wenn er gleichwohl sich beeilt, eine nahezu feine Kräfte übersteigende Armee sich zuzulegen, so muß man auf den Argwohn kommen, daß die Holländer mehr Der Aggressiokraft Der Fran­zosen als Der Defensivkraft Der Deutschen vertrauen. Die Holländer wollen, wie es scheint, ihre Selbstständigkeit sichern durch das, was sie im Fall eines nächsten deutsch'französischen Krieges gegen Deutschland zu leisten im Stande sind. Wir fürchten nur, daß sie aus dieser Illusion sehr unsanft ausgeschreckt werden. Deutsch­land denkt nicht entfernt daran, Holland in feiner Selbstständigkeit zu beschränken, uno wären die holländischen Staatsmänner frei von Antipathie gegen Deutschland, so würden sie in gesunden Allianzverhältnissen ihre Stärke suchen. Eine BundeS- genoffenschoft mit Dem deutschen Reiche würde den Niederlanden ihren außerordent­lichen Heercsauswand ersparen können, und dabei doch ihre Unabhängigkeit und Freiheit auf die sichersten Grundlagen stellen.

Die Einstellungen, welche in diesen Tagen in die deutsche Okkupationsarmee in Frankreich begonnen haben, belaufen sich per Regiment auf durchschnittlich 600 Mann, zusammen also auf circa 10,000 Mann. Ueber den Zeitpunkt, wann Die Einstellungen im Elsaß in die deutschen Regimenter erfolgen sollen, hat man sich noch immer nicht geeinigt, es sollen gegenwärtig Darüber Verhandlungen zwi­schen Ems und Varzin im Gange fein.

Von dem Cultusminister v. Mühler sind auf Verlangen des Fürsten Reichs­kanzlers Berichte über die klerikalen Bestrebungen in den einzelnen preußischen Provinzen zu erstatten; auch die einzelnen Regierungspräsidenten haben den Auf- irag erhalten, über Die Umtriebe Der Ultramontanen in Denjenigen Bezirken, in Denen Das katholische Element das weit überroiegenDe ist, genau zu berichten. Man mag daraus ersehen, Daß Die preußische Regierung ein scharfes Auge auf Die Clerikalen gerichtet hat. Was im Uebiigen von einem besonderen Vorgehen gegen dieselben hie und da behauptet wird, ist durchaus irrthümlich; die bestehen­den Gesetze reichen vollkommen aus, um jedweden etwaigen Uebergriff des CleruS in die gehörigen Schranken zurückzuweisen.

Ueber die Kriegstüchtigkeit der Bayern sagt eine Berliner Correspondenz der Königsb. Hart. Ztg." aus Anlaß Der Betheiligung des Kronprinzen von Preußen an Dem Sieg seinzug in München: Die Geschichte des französischen Krieges wird dermaleinst in's rechte Licht stellen, welche hervorragende Bedeutung das Eingreifen der Bayern in die Action gehabt hat. Es war politisch wie militärisch gleich wichtig und folgenschwer. Nirgends blieben sie hinter den Preußen zurück. Da war fein Berg zu hoch, den sie nicht gleichen Schrittes mit uns gestürmt hätten. Wo immer eine Position besonders schwierig war, Da Drängten Die Bayern sich vor, um zu je.gen, was sie vermochten. Im Angriff wie in Der Vertheidigung gleich ausdauernd, konnten sie gelassen die größten Entbehrungen aushalten. Sie aßen und tranhn viel. wenn'S was gab, aber sie konnten auch Tage lang hun­gern und Dürften. Unverwüstliche Naturen, diese Bayern, und dazu kaltblütig wie kaum ein Anderer. Unvergessen wird Der bayerischen Batterie bei Mcudon vor Paris bleiben, wie im ärgsten Granatfeuer von Jssy her bayerische Infanteristen im Grase lagen und ihre Hosen sich flickten, gerade als wäre nichts vorgcsallen, als könnte ihnen nichts passiren. Und kam'o zum Aushalten eines Ausfalls, so standen sie wie die Mauern. Die Preußen haben's ihnen wahrlich nachgethan an Muth, sogar zuvorgethan, wie die Bayern sagten, Die Preußen waren nur ein klein wenig mehr auf ihrer Hut. Sie exponirten sich nicht unnöthig. Sie warfen mit Humor sich hin, wenn eine Granate kam, unD sprangen rasch wieder auf, wenn die Gefahr vorüber war, um hinter Keinem zurückzubleiben. So geschah es von Anfang des Krieges bis zu Ende. Die Bayern gingen tollkühner Drauf los und Die Folge war, daß verhältnißmäßig mehr von ihnen geblieben sind als von den Preußen bei gleich großer Bravour. Der Kronprinz, Der Den Krieg eröffnete und besonders mit Turkos und Zuaven zu thun bekam, hatte so wilde, frische Jungen wie die Bayern nöthig. Und hätten sie als Erinnerung blos Froschweiler, sie wären voll mit Ruhm bedeckt. Der Kronprinz wird stolz Darauf sein, mit seinen alten guten Waffengefährtcn in München einzuziehen. Sie haben ihm seinen glänzenDsten Sieg bei Wörth erfochten.

Der Gegensatz, Dtr zwischen Rußland unD Oesterreich von Alters her herrscht, scheint sich in letzterer Zeit beveutenD verschärft zu haben. Die Begünstigung des polnischen Elements in Galizien durch Herstellung einer polnischen Universität in Krakau hat in Der russischen Presse einen wahren Sturm herausbeschworen, Die enragirteften Organe stellen sogar ganz ungenirt einen Krieg mit Oesterreich in den nächsten Jahren in Aussicht. In Den polnischen Kreisen Warschau's wie in Lithauen unD Volhynien macht man sich selbstverstänDlich Die größten Hoffnungen auf Die Politik Oesterreichs, welcher man Die BeDeutung einer polnischen Restau- rationspolitik beilegt. Aber auch Die preußische Regierung wird trotz aller öfter- retchischen FrieDenS- und Freundschaft-Versicherungen ein wachsames Auge haben müssen auf Die polnische Agitation, Die Durch Oesterreich Direkt begünstigt wird unD ihre Rückwirkungen ans Preußen, wenn auch nur in schwacher Weise, nicht ver- fehlen kann. JeDenfallS steht so viel fest, daß Oesterreich auf Die WieDererstarkung