Gießener Anzeiger
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Sieben
Nr. 293
Dienstag den 19. December
1871
mit Einschluß Silbergroschen, zu Vs Silber»
Gebietitheilen,
Vrets dierteljährig 1 fl- 12 fr. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl. 27 6t.
3n den Farben stimmen die neuen Postwerthzeichen mit den bisherigen überein.
und fünf Milliarden Kriegskosten zahlen müssen, außer den drei Milliarden, welche ihnen nach dem Eingeständniß der Thiers'schen Botschaft der Krieg selbst gekostet hat. Jetzt verfolgen sie die Chimäre einer sranzösisch-rusflschen Allianz und erregen dadurch das Mißtrauen Englands, das durch das Einlenken Frankreichs in die fchutzzöllnerische Politik ohnehin verstimmt ist. Die Folge wird also sein, daß Frankreich die russische Allianz nicht erlangen, aber seine guten Beziehungen zu England compromittiren wird. Es ist das Schicksal dieses Volkes, daß es die ntchen Güter, mit welchen es gesegnet ist, Preis gibt für Illusionen, welchen es vergebens nachjagt. Seit die absurden Gerüchte über eine sich anbahnende fron» zoßsch.russische Allianz durch den Trinkspruch des Kaisers Alexander vom 8. Dec. energisch dementirt sind, flüchten sich die Pariser Journalisten und sogenannten Politiker hinter den Gedanken eines Zukunftsbünbniffes, welches ihnen der russische Thronfolger vereinst entgegenbringen werde. Die guten Leute bedenken nicht, daß, wenn dieser Traum sich jemals verwirklichen könnte, eine europäische Coalition sich gegen die beiden Alliirten bilden würde. Statt mit solchen unnützen Projekten eine kostbare Zeit zu verschwenden, sollten die Herren bedacht sein, Frankreichs Wunden zu heilen und zu sehen, wie sie mit einem Deficit von 250 Mill. Francs, welches Herr Thiers eingesteht, fertig werden wollen. Was die Geschichte von russischen Mißverständnissen angeht, so hatten die ColporteurS von Neuigkeiten vor einiger Zeit auch wissen wollen, Herr v. Oubrtel habe eine heftige Unterredung xi dem Fürsten Bismarck gehabt, er werde deswegen Berlin verlassen u. s. w. Zetzt wird durch ein Petersburger Telegramm bestätigt, was in Berlin schon längst onstatilt war, daß es gerade Fürst Bismarck war, der die Erhöhung des Herrn
dieses Jahres beginnen. Verwendbar werden die neuen Postwerthzeichen aber überall erst mit dem 1. Januar 1872.
Die am 1. Januar 1872 in den Händen des Publikums verbleibenden Freimarken, Francocouverts und gestempelten Streifbänder der bisherigen Art können bis einschließlich 15. Februar 1872 bei den Postannahmestellen gegen neue Postwerthzeichen gleichen Werthes umgetauscht werden. Der Umtausch findet je nach der Münzwährung der zurückzuliefernden Postwerthzeichen nur bei den Post' anstalten desjenigen Münzgebietes statt, in welchem die Ausgabe der umzutauschen' den Postwerthzeichen erfolgt ist.
Vom 16. Februar 1872 ab werden die bisherigen Postwerthzeichen zum Umtausche nicht mehr angenommen werden und verlieren ihren Werth. Es empfiehlt sich, schon jetzt beim Ankäufe von Marken rc. der bisherigen Art den Bedarf thunltchst nicht über den 31. December d. I. hinaus zu bemessen.
Mit Bezug auf das Reichsgcfktz, betreffend die Penstonirung der Militärpersonen, hat das Kriegsministerium die Bundesregierungen dahin verständigt, daß den Anträgen auf Gewährung von Bewilligungen für Wittwen auch der Trauschein oder ein obrigkeitliches Attest über die Eheschließung nebst der Bescheinigung, daß die Ehe bis zum Tode des Ehegatten ungetrennt bestanden habe, beizuschließen ist. Ebenso sind die Bundesregierungen darauf aufmerksam gemacht worden, daß auch die Angehörigen solcher Militärpersonen, die in Folge der Anstrengungen de» Felddienstes im Laufe des Krieges erkrankt sind und bis zum 20. Mai 1872 ableben sollten, Anspruch auf die gesetzlichen Bewilligungen haben.
DaS Gesetz über die Eichung von Maaßen, Gewichten und Gefässen hat bekanntlich in Bezug auf die Eichung von Trinkgefässen und Fässern ziemlich lücken- hafte Bestimmungen, welche sich mit dem Herannaheu der Zeit, in welcher die neue Maß» und Gewichtsordnung in Kraft tritt, immer fühlbarer machen. Hinsichtlich der Eichung von Schoppen sind nur Preußen und Mecklenburg noch im Rückstände. Die Eichung von Fässern ist im Gesetze nicht ausgesprochen, gleichwohl verlangt das Gesetz bei Vermeidung von Strafen, daß im öffentlichen Verkehr mit beglaubigtem Maaße zugemessen werde. Man ist lebhaft bemüht, den Unzuträglichkeiten zu begegnen. An einzelnen Orten, beispielsweise in Kiel, find die Gewerbtreiben- den (Brauer) zusammengetretcn, um durch freie Vereinbarung eine Art von Ab- kommen zu treffen, welches wenigstes für die Praxi- einen Anhalt bietet.
Aus Rocrop wird gemeldet, daß in dem in einer rauhen Wildniß der Ardennen liegenden Städtchen Revin ein Artillerieunteroffizier mit zwei Pionieren, die dorthin gesandt worden waren, um für die Batterie Eisen einzukaufen, von der Fabrikbevölkerung auf- Gröblichste insultirt und mit Steinwürfen verfolgt wurden, was zur Folge gehabt habe, daß andern Tages zwei Compagnien dorthin abgesandt, einige Verhaftungen vorgenommen, sechs Fabrikarbeiter al» Geiseln mitgenommen, aber wieder freigelaffen wurden, als die Namen von sechs Rädelsführern angegeben wurden, die freilich nicht auffindbar waren, da sie sich nach Angabe des Maire's davongemacht hatten. Die Truppen blieben indessen einstweilen als Strasbesatzung im Orte liegen.
Die Franzosen haben voriges Jahr Krieg mit Deutschland angefangen, weil fit das linke Rheinufer und Mainz, weiterhin auch Luxemburg und Belgien haben wollten. Die Folge war, daß sie Elsaß und Lothringen mit Metz verloren haben
18. December.
Das kaiserl. Generalpostamt erließ unterm 12. dS. Mts. folgende Bekannt, machung:
ich.r Seite mit einer bedeutenden Gehaltserhöhung für Herrn v. Oubril ent- 'prochen wurde.
Frankfurt a. M., 15. December. Von Seiten der Stadtkanzlei wird uns zur Publikation mitgetheilt, daß die Volkszählung für Frankfurt nach vorläufiger Zusammenstellung als ort-anwesende Bevölkerung, incl. Militär, 90,748 Personen ergab, als vorübergehend Abwesende 1690 Personen, d. i. gegen die Zählung vom 3. December 1867 eine Zunahme von 12,471 Köpfen. Jene anwesende Bevölkerung repräsentirt 15,789 Haushaltungen und Anstalten, welche sich auf 5486 Wohnhäuser (bebaute Grundstücke) und sonstige Aufenthaltsorte vertheilen. (In Bornheim soll die Zählung nach einer Notiz des „Fr. Anz." 6396 Bewohner ergeben haben, Zunahme über 1200; in Bockenheim 8500.) (Fr. I.)
Chemnitz, 11. December. Das „Chemn. Tgbl." schreibt: „Ein Vorfall, der sich in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag ereignet hat und den wir nachstehend mittheilen, gibt und Veranlassung, die Arbeiter darauf hinzuweisen, wie verkehrt es ist, wenn noch jetzt die frühem Delegirten des beendeten Strike- durch Beiträge der Arbeiter unterstützt werden, lediglich um das Nichtsthun derselben befördern zu helfen. In dem Saale der „Stadt Mannheim" erschien in später Nachtstunde der „Bürger" I. Most mit einer großem Anzahl seiner Parteigenossen, die sehr bald mit den noch anwesenden Gästen in heftigen Streit ge- riethen, so daß der Wirth, einen schlimmen Ausgang befürchtend, gegen 2i/2 Uhr auf die Polizeiwache sandte und polizeiliche Hülfe verlangte. Währenddem hatte aber auch der Bürger Most nach Unterstützung au-gesanvt, da die Möglichkeit vorhanden war, daß er mit seinem Anhänge an die Luft gesetzt werde. Diese Unterstützung war denn auch sehr bald bei der Hand. An der Spitze von zehn Mann erschien der Schlosser und Delegirte Linke, der, ein Doppelterzerol aus der Tasche ziehend, sich sofort in den Streit mischte und, die Waffe hoch in der Hand haltend, solche auf die Gegner richtete. Hierbei ward er aber von der inmittel» angelangten Polizeimannschaft abgefaßt und, nachdem die Ruhe hergestellt worden, auf die Wache geführt, woselbst man ihm die, wie es sich herausstellte, nicht geladene Waffe abnahm. Es ist, wie schon oben gesagt, ein eigenthümliches Gebaren dieser Delegirten, von den Unterstützungen der Arbeiter zu leben und dabei in den Wirth-Häusern in solchem Uebermuthe aufzutreten und zu renom- miren."
Wien, 16. December. Der Kaiser empfing heute den General v. Schweinitz in besonderer Audienz und nahm dessen Beglaubigungsschreiben als Botschafter VeS Deutschen Reiches entgegen.
Graz, 13. December. Bei dem Oberlandesgerichtspräsidium ist heute die Anzeige eingelaufen, daß der Bürgermeister von Stainz von einem jungen Bauern- burschen meuchlerisch erschossen wurde. Der Bauernbursche äußerte schon früher wiederholt, er müsse den Bürgermeister erschießen, denn dieser wolle dem Volke seinen Glauben nehmen. Der Thäter wird als geistesschwach bezeichnet und ist geständig; er wurde bereits verhaftet.
Loudon, 15. Dec. Die Journale constatiren, daß eine günstige Wendung in der Krankheit de» Prinzen von Wales eingctreten sei und eine Besserung aller Symptome derselben stattgefunden habe. — Die Journale veröffentlichen die Corre- spondenz Lord Granville'- mit Wade, dem britischen Gesandten in China. Letz- terer theilt mit, die chinesische Regierung verlange die Unterwerfung der Missionäre unter die chinesischen Gesetze. Dieselben sollen verhindert werden, gesetzwidrige Handlungen durch eine ungesetzliche Autorität zu decken. Lord Granville erklärte, die Missionäre seien, wie andere englische Untertanen, der Gerichtsbarkeit des englischen Consuls unterstellt.
London, 16. Dec., 8 Uhr Morgens. Der Prinz von Wales verbrachte die
Einführung neuer Freimarken, Francocouverts und gestempelter Streifbänder.
Mit Ende dieses Jahres werden die bisherigen norddeutschen Freimarken, Francocouverts und gestempelten Streifbänder außer Gebrauch gefetzt. An ihre Stelle treten neue Postwerthzeichen mit dem deutschen Reichsadler und der Bezeich- nung Deutsche Reichspost in folgenden Werthsorten:
a) In den in der Thalerwährung rechnenden Gebietstheilen, von Elsaß-Lothringen: Freimarken zu V», Vs- Vr- t 2 und 5 Francocouverts zu 1 Silbergroschen und gestempelte Streifbänder groschen.
b) In den in der süddeutschen Guldenwährung rechnenden einschließlich des Großherzogthums Baden, dessen Postwesen vom 1. Januar k. I von der deutschen Reichspostoerwaltung mit übernommen wird: Freimarken zu 1, 2, 3, 7 und 18 Kreuzern, Francocouverts zu 3 Kreuzern und gestempelte Streifbänder zu 1 Kreuzer.
Erscheint täglich, mir «uS» nähme Montags
Expedition: Canzleiberg ßtt B. Nr. 1.
Dienstsreimarken werden vom 1. Januar 1872 ab nicht mehr ausgegeben.
Die neuen deutschen Freimarken werden von den Postanstalten zu dem Nenn- werthe de» Stempels an das Publikum abgelaffen. Für Francocouverts ist außer dem Nennwerthe des Stempels (1 Sgr. bezw. 3 Kr.) eine Herstellungsgebühr „ ...... ... ... ...
und zwar bei den Couverts zu 1 Silbergroschen von 1 Pfennig pro Stück, bei Oubril zum Botschafter in Berlin^gewünscht hatte, welchem Wunsche von russt- den Couverts zu 3 Kreuzern von 1 Kreuzer für je 3 Stück zu entrichten. Ge- ' ‘ ...... ' u "
stempelte Streifbänder kommen nur bei den größeren Postanstalten in Parthieen zu 100 Stück zum Verkaufe; 100 Streifbänder ä Vs Silbergroschen kosten 1 Thlr. 6 Sgr. 10 Pf., 100 Streifbänder ä 1 Kreuzer kosten 1 fl. 53 fr.
Der Verkauf der neuen Postwerthzeichen wird bei den Postanstalten in Glsaß-i Lothringen und im Großherzogthum Baben in den letzen Tagen des Monats December b7I., bei allen übrigen deutschen Neichspostanstalter». schon Mitte


