j In Heidelberg wird Anfangs nächsten Monats eine Commission von Buchhändlern aus den einzelnen deutschen Staaten zusammentrcten, welche der Vorstand des Buchhändler-Börsenvereins zusammenberufen hat, um eine nach Gründung des deutschen Reiches nothwendig gewordene gemeinsame Literatur - Convention des deutschen Reiches mit den fremden Staaten zu berathen und festzustcllen. Das Ergebniß der Berathung wird dem Reichskanzleramte unterbreitet werden, welches vom Börsenvorstande eine eingehende Darlegung aller Mängel und wünschens- werthen Aenderurgen der bestehenden internationalen Verträge zum Schutze der literarischen Produktionen erbeten hat.
Die möglichste Beschleunigung der Aufhebung der ZollvereinSgrenze gegen das Elsaß bildete in letzter Zeit einen der hauptsächlichsten BerathungSgegenstände in der Finanzverwaltung. Auch sind über den Stand der Schulanstalten in Elsoß- Lothringen weitere Erhebungen angeordnet und Revisionen an Ort und Stelle schon in der Ausführung begriffen, lieber diese Ermittelungen sollem dem Reichskanzler so bald als möglich eingehende Berichte unterbreitet werden. Gleichzeitig hat man auf eine Förderung der Angelegenheit wegen Neubegründung der Universität Straßburg Bedacht genommen, so daß auch dieser Punkt in naher Zu- kunst einer Lösung entgegensieht, wie sie den im Reichstage laut gewordenen Wünschen entspricht.
f Bayern hat nun endlich nach vielem Ringen seinen Minister des Auswärtigen erhalten, den Grafen Hegnenberg-Dux, einen ausgesprochenen Partlkulari- sten, welcher an der durch die Versailler Verträge erworbenen Position streng fest- halten und insbesondere der nationalen Richtung sich widersetzen wird, die auf die Einziehung der Gesandtschaftsposten in Paris, Wien u. f. w. hindrängt. Graf Hegnenberg-Dux tst vor Allem Bayer, wenn auch kein Ultramontaner; er neigt sich zur Mittelpartet hin, welche die thatsächlichen Verhältnisse anerkennt, aber dem deutschen Einheitsstaate entschieden feindselig gegenübersteht.
Das Hauptorgan der Deutschenfresser in Paris ist das „Siecle", und sein Hauptapostel ist Vilbort, der in Todesängsten vor den Deutschen zu schweben sich den Schem gibt und sich bei seinen Argumentationen genau derselben Sprache bedient, wie die „Pekinger Staatszeitung", wenn sie gegen „die rothborstigen Barbaren" donnerte. „Die Deutschen erscheinen wieder in Parts", klagt Vilbort, „sie sind liebenswürdig, sanft, einschmeichelnd geworden wie vor dem Kriege; alles, was sie wollen, ist, daß man sie ihr Glück in Paris versuchen lasse." Es folgt ein sehr plumper Ausfall gegen den „Eroberer Wilhelm, diesen unversöhnlichen Feind des demokratischen Frankreich" u. s. w., auf die deutsche Politik und auf die deutsche Nation. Wir wollen darüber kein Wort verlieren; Vilbort spricht nicht wie ein zurechnungsfähiger Mann, sondern wie ein beschränkter, durch Leidenschaftlichkeit verblendeter und verbissener Mensch, der den Franzosen durch große Worte über ein Land zu imponiren sucht, das zu kennen er sich den Schein gibt. Als Stylprobe möge der Schluß dieses neuesten Aufrufes an die Franzosen dienen: „Wir vertreiben ihn s,den Deutschen) von unserem Herde wie von unserem Herzen; wir betrachten den Deutschen nicht als einen freien Mann, sonvern als einen Va- fallen, der unter dem Sporn des Feudalbarous sich krümmt, gleichviel, ob dieser Kaiser, König, Herzog oder Markgraf ist; und indem wir unsere Sache vertheidi- gen, welche die aller Nationen ist — denn sie ist die Sache des Rechtes —, behandeln wir ihn, wie mau jeden, Souverain oder Volk, behandeln muß, der seinem Vortheile und Ehrgeize die Grundprincipien der modernen Gesellschaften opfert: dieses Princip, kraft dessen jeder Mensch oder jede Gruppe von Menschen im 19. Jahrhundert sich an das, was man Vaterland nennt, gebunden fühlen durch eine Macht, die höher als alle Verträge ist, indem sie alle Eroberungen verabscheut, und die unzerstörbar ist, weil sie die Gerechtigkeit ist." Welch hohles Geschwätz!
In Noisy-le-Grand bei Paris kam es am vorletzten Sonntag zu einer blutigen Schlägerei zwischen deutschen Truppen und einer Bande Herumstreicher. Letztere wurden fast alle festgenommen. Dor den französischen Friedensrichter ge- führt, stellte es sich heraus, daß kein Einziger aus Noisy-le-Grand war, sondern alle zu den sogenannten „RodeurS de la Barriere", die unter der Commune eine .so hervorragende Rolle gespielt, gehörten. Alle deutschen Garnisonen in der Um- gegend von Paris, die von Varenue, St. Hilatre, St. Maux, Joinville-le-Pont u. s. w., sind verstärkt worden. Es kamen in den verschiedenen Orten ungefähr 5000 Mann an. Meaux hat auch 1300 Mann Verstärkung erhalten, da dort auf einen deutschen Offizier, der in den Straßen spazieren ritt, ein Pistolenschuß abgefeuert wurde. Die Civildelegationen, welche den deutschen Truppencorps in den verschiedenen noch besetzten Departements beigegeben waren, sind seit dem 31. Juli aufgehoben. Die Mittheilungen, welche bisher diesen Beamten gemacht wurden, müssen in Zukunft an die Civilcommission der OccupationSarmee in Com- piegue gesandt werden.
Die Nachrichten über den Aufstand in Algier sind herzzerreißend. In der Provinz von Constantine nehmen die Feuersbrünste überhand. Die unermeßlichen Wälder von Chillalo sind in Brand gesteckt, ebenso wie die von Bjebel-Belain. Auch die Wälder im nördlichen Theile sind nicht verschont worden, und in der Umgegend von Bona verbreitet der TribuS der Bent-Salah überall Feuer und Verwüstung. Viele Distrikte find von Marodeuren heimgesucht und nur in dem von Constantine erfreut man sich einiger Sicherheit. Wendet man stch aber nach Nordosten, so beginnen die Feuersbrünste wieder, und bet Collo verfinstern dichte Rauchwolken die Luft und verhindern die Aussicht auf's Meer. Die sonst so belebten Straßen von Biskra und Batna sind höchst unsicher. Nur in der Umgegend von Scherschel ist der Aufstand vollständig niedergeworsen. Die Deputirten von Algerien erhalten Briese, die man für romanhafte Erfindungen halten würde, stammten sie nicht von den Maireö und den Muntcipalräthen der verwüsteten Gegenden. An manchen Stellen waren die Truppen ganz in der Nähe der Araber. Die Soldaten verlangten weiter nichts, als gegen die Empörer zu marschiren, und die verzweifelnden Einwohner baten dringend um Schutz für ihre Ansiedlungen, der die Führer der Detachements gaben keinen Befehl dazu. Es fehlt durchaus "c kJ1 „ in Algerien, aber die Mehrzahl der Offiziere ziehen aus Aerger über dle Unterdrückung der Bureaux es vor, die Colonisten mit Plünderung und Brand überzogen zu sehen, als daß die militärische Verwaltung von der bürgerlichen verdrängt werde. Die Befehle, welche der Viceadmiral Gueydon gegeben Hat, sind fast gar nicht ausgesührt worden. Allerdings ist General Lallemand vom Kriegsminister zuruckgerufen worden, aber wenn einmal die Regierung die Genug- thuung habe- wird, ihre Befehle aulgeführt zu sehen, so werden die Karmen »er.
brannt, die Ernten zerstört, die Colonisten ermordet ober rutntrt sein. Der Aufstand von 1871 ist ein Todesstreich für die Colonisation. Dazu kommt, daß die Ernennung des Herzogs von Chartres zum Escabronschef bei den afrikanischen Jägern d e bonapartistischen Offiziere in lebhafte Unzufriedenheit versetzt hat. Von der andern Seite hat die Thatsache, daß gewisse von Gambetta ernannte Offiziere abgesetzt worden sind, viele Offiziere in Unruhe gesetzt, welche Ursache haben, um die Beibehaltung ihrer Stellen besorgt zu sein. So ist die Versailler Regierung bei der Armee ebenso verkannt, wie bei der Pariser Bevölkerung.
t Berlin, 11 August. Gegen die von den Verwaltungsbehörden beliebte Art und Weise der Ausführung des Gesetzes, betreffend die Gewährung von Beihilfen an bedürftige Reservisten und Landwehrmänner sind, wie ich höre, Unsummen von Reklamationen bei den Oberpräsidenten der einzelnen Provinzen eingegangen, welche auf's Deutlichste für die große Unzufriedenheit zeugen, die in den beteiligten Familien durch die vom Gesetzgeber nicht im Entferntesten gewollte rigorose Auslegung des Gesetzes wachgerufen worden ist. — Ohne Zweifel wirb diese Angelegenheit, sowohl im nächsten Reichstage wie auf den Einzellanbtagen, zu sehr erregten Debatten Veranlassung gehen.
Die Wohnungsnoth in B.rlin ist zum Gegenstand eingehender Erörterungen im Ministerium des Innern gemacht worden; der Polizeipräsident hat bestimmte Vorschläge zur Abhilft derselben eingereicht, die jetzt sehr eingehend geprüft werden. Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, die herzlose Weise zu kennzeichnen, in welcher mitunter die socialen Verhältnisse der Hauptstadt diSkutirt werden. So behauptete beispielsweise die „Deutsche ReichS-Corr." neulich alles Ernstes: der Miether habe gar nicht darnach zu fragen, ob die Miethe für die betreffende Wohnung nicht etwa zu hoch sei, er müsse vielmehr ganz froh sein, wenn er für sich und seine Familie noch ein Unterkommen finde. — Bekanntlich hat aber die WohnungSnoth ihren Grund nicht blos allein in dem thatsächlichen Wohnungs- mangel, sondern nicht mmder in den theuren Miethspreisen, die vornehmlich durch die Inspiratoren der „Deutschen ReichS-Corr.", den in Industrie machenden (ä la Rumänien) freiconservativen Herren Graf Renacd und Cousorteu, mit Hilfe bcS auf ein Jahrhundert hinaus berechneten neuen Bebauungsplans künstlich in die Höhe geschraubt werden.
t Berlin, 11. August. Ich schrieb Ihnen vor einigen Tagen, die Behörden seien auf'S Aengstlichste bedacht, in dem schwebenden Manrerstrike nach keiner Seite hin Partei zu ergreifen, und schon aus diesem Grunde sei die in der letzten Sonntagsnummer der Gesellen colportirte Nachricht sehr unwahrscheinlich, die Meister würden im Laufe dieser Woche den Forderungen der Gesellen nachgeben müssen, weck die für die Negierungsbauten gewährte Verzögerungsfrist von drei Wochen mit dem vorigen Sonnabend verstrichen ist. In der That ist diese Nachricht auch nichts weiter als eine Agitationsente; die Regierung denkt nicht nur daran, die Meister zu drängen, sondern hat sich nach dem ersten darauf gerichteten, aber vollständig mißglückten Versuche auf streng neutralen Boden zurückgezogen. Als nämlich zu Anfang des Strikes der Maurermeister Lorenz als Unternehmer des Umbaues der Porzellanmanufactur bei Charlottenburg sich weigerte, den bekannten Gesellenrevers zu unterzeichnen, that dies der den Bau leitende königliche Regierungs- und Baurath Möller auf eigene Hand, setzte Lorenz außer Accord und übertrug die Arbeiten einem andern Meister. Schon am nächsten Tage verlangten aber die Gesellen bei zehnstündiger Arbeitszeit eine Lohnerhöhung um 5 Sgr. pro Tag, und als Hr. Möller dieserhalb bei der Ministerialbaubehörde um Instruction nachsuchte, erhielt er eine gehörige Rase und die Weisung, den Bau nöthigenfalls ruhen zu lassen. Das geschieht seitdem auch. — Welcher Dank Überhaupt bei der Parteiergreifung für die Socialdemokratie zu ernten ist, mußte gestern die Daubitz'sche Staatsbürgerzeitung, welche seit dem Zerwürfniß mit ihrem früheren Redakteur Held auffällig mit den socialistischen Arbeitern kokettirt, in einer Versammlung der Tischlergeftllen erfahren. In bekannter anti-chevaleresker Weise wurden sämmtliche Zeitungen, mit Ausnahme des „Socialdemokrat" geschmäht und des Verraths an der Arbeitersache geziehen; der Reporter der Daubitz'schen Staatsbürgerzeitung suchte das von ihm bediente Blatt vor dem generellen Ver- dammungsurtheil zu retten, bekam jedoch die Antwort, diese Zeitung tauge ebenso wenig wie die anderen, denn mit ihrem Liebäugeln nach den Arbeitern hin suche sie nur Abonnenten zu gewinnen. So ganz unrecht ist dieser Ausspruch allerdings nicht.
Die von einzelnen Prvinzialbehörden an das Ministerium des Innern gerichtete Anfrage, ob der Zuzug von Maurergesellen nach Berlin gefördert oder zurückgehalten werden solle, ist dahin beantwortet worden, daß die Staatsbehörden als solche sich jedweder Einmischung in diese Angelegenheit zu enthalten haben. Einerseits haben die Behörden keine Veranlassung, den Maurermeistern neue und willige Arbeitskräfte zuzuführen, anderseits liegt ihnen nicht daran, das Proletariat, d. h. die Partei der Unzufriedenen in Berlin, künstlich zu verstärken.
Der Strike der Maurergesellen soll, nach Angaben der Faiseurs, bis jetzt die fabelhafte Summe von 30,000 Thlr. verschlungen haben.
Berlin, 12. August. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht ein Gesetz, betreffend die Bestellung des BundeSoberhandelSgerichtS zum obersten Gerichtshof für Elsaß-Lothringen, ferner einen allerhöchsten Erlaß, betreffend die Bezeichnung der Behörden und Beamten des deutschen Reiches sowie die Feststellung des kaiserlichen Wappens und der kaiserlichen Standarten.
Berlin, 12. August. Die „Nordd. Allg. Ztg." bringt einen Artikel über die Reise des Kaisers, in welchem sie schreibt: Der Augenblick werde geschichtlich denkwürdig bleiben, wo der König von Bayern im eigenen Lande den deutschen Kaiser zuerst begrüßt und damit seiner Ergebenheit für die nationale Sache und seiner Verehrung für das Oberhaupt der Nation einen neuen Ausdruck verliehen habe. Die Herzlichkeit der Begrüßung müsse dem deutschen Volke eine Gewähr sein für die nationale Gesinnung der Fürsten und ihre festgegründete Eintracht; in dem herzlichen Familienverkehr des Kaisers mit dem österreichischen Kaiser aber liege die Bürgschaft für die Befestigung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten, ein Moment, das von den friedliebenden Elementen der Bevölkerung der beiden Nachbarreiche mit höchster Befriedigung willkommen geheißen werden Dürfte.
Ischl, 12. August. Die Begrüßung der Monarchen war äußerst herzlich. In Wels umarmte Kaiser Wilhelm den ihn erwartenden österreichischen Kaiser,


