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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Montags.

Expedition: Canzleiberg Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hießen.

Nr. 9. Mittwoch dcn 11. Jammr 1871.

Amtlicher

T h e i l.

Gießen, am 8. Januar 1871. Betreffend: Die Führung der Handelsregister, in specie Einträge der im Jahre 1870 hinzugekommenen Gcwerbtreibenden. ,

Das Großherzogliche Stadtgericht Gießen

an die Großherzoqlichen Bürgermeistereien des Bezirks.

Sie wollen uns ein, auf Grund der einem jeden von Ihnen von dem Großherzoglichen Steuercommissariate zukommenden Liste der Gewerbtreibenden Ihrer Gemeinden zn fertigendes Verzeichniß über Diejenigen, welche sich im Jahre 1870 neu etablirt oder ihr bereit» bestandenes Gewerbe, insbesondere durch Handelsbetrieb erweitert haben, mit Angabe der Art des Gewerbes eines jeden Einzelnen, baldigst vorlegen, um etwa uöthig scheinende Einträge in das Handelsregister vollziehen zu können.

M u h l.

B e k a n n t m a ch u n g.

Der Unterzeichnete bringt hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß der Großherzogliche Finanzaccefsist Roth von heute an bis auf Weiteres ermächtigt ist, für die Großh. Rentamtskaffe Gelder zu empfangen, Auszahlungen zu leisten und gültig für ihn während seines Urlaubs zu quittiren.

Gießen, den 9. Januar 1871. L y n ck e r ,

Großherzoglicher Rentamtmann.

Politisch

10. Januar.

Ter K. Z. wird aus Berlin, 7. Jan., geschrieben: Die Entschuldigungen, mit welchen die Franzosen ihre Niederlagen zu verhüllen suchen, zeichnen sich durch einen Zug poetischer Phantasie au-, welchem man unter künstlerischem Ge- sicht-punkt eine gewisse Anerkennung nicht versagen kann. General Faidherbe in Nordsrankrrich entspricht mit seinen bombastischen Bulletins, Vie jede Schlappe als einen Sieg verkünden, allen Voraussetzungen seiner leichtgläubigen Landsleute. Amüsant ist auch die Correspondenz HavaS, die das Schweigen ter Fork- in Folge de- Bombardement- dadurch zu erklären sucht, daß die französische Artillerie ihre Munition nicht unnütz verschwenden wolle. Al- ob sie die ganze Zeit über etwa- Andere- gethan hätte! Wahrheitsliebender sind die Correspondenztn eng» lischer Blätter, die fast durchweg den Fall von Pari- für eine nicht ferne Zeit in Aussicht stellen. Auch die sonst franzosenfreundliche Londoner Eorrespondenz der Jndcpendance schreibt, in London heiße es in allen unterrichteten kreise», daß die Tage von Paris gezählt wären. So wird es denn auch mit den falschen SiegeSbulletinS der Generale in den Provinzen halv vorbei und Gambetta binnen Kurzem am Ende seines Lateins sein. Die Friedcnsau-sichten werden dann viel- leicht Boden gewinnen.

DieNeue Würzburger Zeitung" bringt au- Straßburg eine Mittheilung, nach welchlr bereits definitiv beschlossen worden sein soll, Elsaß und Lothringen al» unmittelbares ReichSlond unter einem vom deutschen Kaiser zu ernennenden Statthalter, mit dem Sitz in Straßburg, dem deutschen Bunde einzuverleiben. Diese- Reichsland würbe seine eigenen Finanzen, seine eigene Verwaltung und Rechtspflege haben, nach drei Jahren Abgeordnete in den Reichstag schicken, in den Zollverein aber sofort eintreten. Diese Einverleibung soll noch vor dem Frie­densschlüsse erfolgen. Von unterrichteter Seite wird die Richtigkeit dieser Mit­theilung bestätigt.

Der König Johann von Sachsen, welcher von dem Häuflein Katholiken in der wendischen Lausitz eine Adresse empfangen hatte, worin er ersucht war, dem Statthalter Christi in Rom in seinem Kampfe gegen den König von Italien bei- zuspringen, hat daraus Folgendes geantwortet:

Ich habe die auf die gegenwärtigen Verhältnisse de- Kirchenstaates in der Stadt Rom bezüglichen Petitionen, vie Sie mir in dcr letzten Zeit zugesendet haben, erhalten und mich gefreut, darin Gesinnungen ausgesprochen zu finden, die mit meinen eigenen Ueberzeugungen und Wünschen übereinstimmen. Ich habe daher da- Einzige, was jetzt in dieser Beziehung von meiner Seite geschehen kann diese Petitionen an bas Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten abgegeben, um sie dem auswärtigen Amte des Norddeutschen Bunde- mitzuthrilen, an welches voraussichtlich ähnliche Petitionen au- anderen deutschen Ländern bereits gelangt fein werben. (D. A. Z.)

In derN. Fr. Pr." richtet Denedcy einen Brief an den Pfarrer Brester in Paris, der am Schluffe einer Rede gesagt:Frankreich zerstören, heißt die Menschheit blenden!", und bemerkt wegen der Rückforderung de-Elsasses:Gäbe es eine Möglichkeit, Deutschland zu verbürgen, baß dasFrankreich von morgen" nie mehr die Welt beherrschen und dafür seine Nachbarn mit eisernem, blutigem Fuße, sobald Stimmung, Zett und Gelegenheit gekommen, zertreten werde dann könnte Deutschland abstehen von einer Forderung, die jetzt in der Natur der Dinge liegt, die Folge einer hundertjährigen Geschichte, bis In die letzten Tage mit Blutströmen in da- Herz des deutschen Volkes eingeschrieben, ist. AberLoth- ringen? Keiner der deutschen Soldaten, der deutschen Aerzte, der deutschen Kranken­pfleger, der deutschen Politiker, die in Folge de- Krieges Lothringen durchzogen, wird sich der Thatsache erwehrt haben, daß Lothringen französisch ist, in Sprache,

er T h e i l.

in Denkart, im Blut und in der Seele. Die deutsche Kriegskunst weiß auch, daß Metz die Vertheidigung-veste Frankreichs, nicht aber ein Angriff-Posten auf Deutsch­land, und daß dies um so weniger der Fall sein wird, wenn Luxemburg, die Veriheibigungsvefte Deutschland-, in deutsche» Händen ist. Trügen nicht alle Zeichen, so liegt in diesem Bewußtsein auch die Ursache der Schritte, die Preußen in diesem Augenblicke Luxemburg gegenüber thut. Friede! Friede! O, wessen Herz seufzt nicht nach diesem Himmel-segen!"

DieWiener Presse" schreibt:N>cht die verächtlichste der Früchte, welche der Sturm de- deutsch.französischen Kriege- von den ragenden Besten de- Welt­baumes geschüttelt, ist die freundliche Annäherung, die sich gegenwärtig zwischen Preußen und Oesterreich vollzieht. Graf Beust hat während seiner staatsmänni­schen Laufbahn nie eine diplomatische Note geschrieben, die in einem so großen politischen Styl verfaßt wäre, wie diese Antwort an Preußen. Es liegt ein im- ponirender Zug in dieser schlanken Anerkennung neu geschaffener Thatsachen, und der Reichskanzler hat es verstanden, der Resignation eine stolze Gestalt zu geben. Wie erquickender Thau sollen die Schlußworte der Depesche aus die Hoffnungen und Bestrebungen der Deutschen in Oesterreich. Die principicllen Widersacher Preußen- in Oesterreich werden sich hinfort noch weniger al- früher auf die Ge­sinnungen der Negierung berufen können. Der grundsätzliche Preußenhaß wird sich nun zeigen müssen als da-, was er wirklich ist als die gemeinsame Decke für fanatische Demokraten und Ultromontane, für Hietzinger und Ultrozechen, und es wird nach wie vor die Pflicht der Publicistik fein, in das Treiben dieser unlauteren Elemente hineinzuleuchten. Es ist kaum anzunehmen, daß die neue Strömung der auswärtigen Politik Oesterreichs in unseren politischen Vertre« tungskörpern principiellen Widerstand finden werde. Doch auch an Preußen er­geht die Mahnung, daß e- die sreundnachbarliche Gesinnung, die wir hegen, uns nicht zu sehr erschweren möge."

Die Versenkung einer Anzahl britischer Fahrzeuge in der Seine bet Dundair, dem Hasen von Rouen, am 21. und 22. v. M. durch preußische- Militär hat, wie nicht anders zu erwarten stand, in der englischen Presse eine lebhafte Er­örterung über die Berechtigung zu dieser Maßregel hervorgerufen. Bei der Be- urtheilung de- Sachverhalt- muß der Gesichtspunkt festgehalten werden, daß diese Maßnahme gegen neutrales Eigenthum zur Kriegszeit erfolgte, und zwar auf einem Waffergebiete, welches der deutschen Krieg-Hoheit nach Vertreibung der Franzosen unterworfen war. Handelsfahrzeuge sind nicht wie die Kriegsschiffe mit der Au-nahme-Eigenschast der Exterritorialitäk bekleidet und e- ist daher ein großer Unterschied, ob ein englische- Kriegsschiff oder em englische- Kohlenfchiff von deut­scher Seite mit Beschlag belegt wurde. In dem vorliegenden Falle bandelte es sich nicht um eine politische, sondern um eine militärische Maßregel. Französische Kriegsschiffe waren mehrfach den Strom hinauf gedampft, batten Truppen gelandet, 1 Die deutschen Streitkräfte beschossen und ihnen dadurch Verluste beigebracht. E- lag die Wahrscheinlichkeit nahe, baß die französischen Befehlshaber die englischen Schiffe zu Transportfahrzeugen benutzen und zugleich die neutralen Fahrzeuge al- Deckung bei ihrem weiteren Vorgehen gebrauchen würden. Für die Deutschen erwuchs dadurch die Ausgabe, eine Nutzbarmachung dieser Fahrzeuge zu Gunsten der Interessen de- Feindes für alle Fälle zu verhindern und durch die Versenkung der Schiffe das Fahrwasser zu sperren. Der An-druckEmbargo" ist die tech. nische Bezeichnung für diese Beschlagnahme der Schiffe. Diese- Recht desEm­bargo" steht nach positivem Völkerrechte jedem Staate zu und ist nicht selten aus­geübt worden. Es ist ohne Zweifel, daß für diese Vcrwerthung des neutralen Eigenthum- vie vollste Entschädigung gewahrt werden muß und in dem vorliegen­den Falle auch geleistet werden wird. Im Jahre 1718 und 1732 thaten die-