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Gießener Anzeiger.
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Expedition : Lanz leib erg Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kichen.
Nk. 133
Donnerstag den 6. Inti
1871
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gegenständ in einzelne Schulen einführte. — In späteren Jahren suchte Frankreich feine Große hauptsächlich in dem äußern Schein, während Deutschland seine Entwickelung auf dem Gebiete des Wissens und der Innern Selbstständigkeit förderte, — mit welchem Erfolge, davon zeugen die glorreichen Thaten der Reformation, der mit ungeheuren Opfern errungenen Unabhängigkeit von Rom. Nur diese sitt- l'chen Anstrengungen gaben jetzt dem germanischen Volke die Kraft, den keltischen Stamm für lange Zeit zu unterwerfen.
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geheuren Niederlage, wie ste die Franzosen im letzten Kriege betroffen, ist es nicht ohne Interesse, einen jüngst im Berliner Handwerkerverein gehaltenen Vortrag des berühmten Gelehrten Professor Dr. Virchow „Zur europäischen Nationalitäten- Frage" zu reproduciren, soweit er sich auf Frankreich bezieht.
.... Von der Zeit an, wo das Licht der Geschichte über dem Gebiete der Nationalitäten • Frage leuchtet, — sagte Hr. Virchow u. A. — treten drei große Völkerfamilien auf, von deren Aufeinanverstoßen der jüngst beendete Krieg Zeug- niß ablegt und die voraussichtlich noch auf Jahrhunderte hinaus die Weltgeschichte unser-ContinentS bestimmen werden: der keltische Stamm, dessen Repräsentanten die heutigen Franzosen sind, der germanische, als dessen Repräsentanten wir uns zu geriren pflegen, und der slavische Stamm, welchen hauptsächlich Rußland repräsentirt. Die kompakte politische Organisation dieser drei Stämme, ihre mächtigen, festgefügten Staatswesen griffen schon von jeher entscheidend und bestimmend in die Geschichte em. — Die Gallier, von denen die Franzosen ihr, Nationalität ableiten, sind vollständig identisch mit den Kelten; die ältesten Nachrichten über dieselben verdanken wir griechischen und römischen Schriftstellern, welche von einem Einbrüche dieser Kelten mehre Jahrhunderte vor Christi Geburt in das nördliche Griechenland zu erzählen wissen. Die Franzosen sind heute noch gant fest davon überzeugt, daß die Kelten bis mindestens nach Kleinasien über Thracien hinaus vordrangen und daselbst unter dem Namen der Gallater bekannt wurden. Der Wohnsitz der Kelten erstreckte sich damals über das heutige Frankreich, die Schweiz, das südliche Deutschland und einen Theil Schottlands; gegenüber dieser kolossalen Ausdehnung des alten Ländcrgebiets muß man gestehen, daß das heutige Frankreich schon recht weit heruntergekommmen ist, wie auch die Vergegenwärtigung der Jahrhunderte langen Geschichte der Kelten ein fortschreitendes Zerbröckeln dieses Stammes ergiebt. Faßt man die eigentliche nationale Bedeutung desselben vom Standpunkte der allgemeinen Völker-Physiologie ins Auge, so stößt man in dieser Beziehung aus höchst charaltkristische Momente. Den Kelten ist die Sprach- einheit, der eigentliche gemeinsame GeisteSauSbruck, in welchem sich nationale Ideen verkörpern, verloren gegangen; das alte Keltische hat sich nur noch an sehr wenigen Orten erhalten, das heutige Frankreich hat keine Muttersprache mehr, es redet die Sprache seiner Unterdrücker, deren öffentliche Einrichtungen es sich ebenfalls an- geeignet hat. Was würde wohl aus Deutschland geworden sein, wenn es ihm nicht gelungen wäre, durch Jahrhunderte der Zerstückelung, Auflösung und Sonderung seine Sprache zu retten; wie könnte dieses Reich sonst wohl ln den jetzigen schweren Tagen seine Wiedergeburt feiern, nachdem es schon seit der Zeit der Hohenstaufen aufgehört hatte, ein in seiner Wirksamkeit nach außen und innen anerkanntes Reich zu sein! Das ermöglichte allein das im ganzen deutschen Volke lebendige Gefühl der Zusammengehörigkeit, der politischen Einheit, gefördert durch die unangetastete Spracheinheit. — Ganz anders in Frankreich. Als kurz vor Christi Geburt der große römische Feldherr Cäsar seine Legionen über die Alpen führte, fand er in dem zu erobernden Lande kleine, unter sich nur in loser Verbindung stehende Völkerschaften; im Südwesten, in Aquitanien, waren die Basken ansässig, vom Osten her hatten deutsche Stämme sich feste Wohnsitze erkämpft, nur der nördliche und nordwestliche Theil befand sich im ungeschmälerten Besitz der Kelten, die von den Römern unterjocht wurden und deren Sprache annahmen. Die Sprache der heutigen Franzosen ist nicht etwa eine gallische, sondern zum größten Theil lateinisch, ausgenommen die Bezeichnungen Der Berge, Flüsse rc. Will ein französischer Schriftsteller es unternehmen, für neue Gedanken neue Worte zu schaffen, so kann er nicht wie wir in einen unergründlichen nationalen Sprachschatz greifen, sondern er ist auf die lateinische Sprache für die Bildung der neuen Formen angewiesen. — Wie mit der Sprache, ging es auch mit den politischen Einrichtungen. Dir Verwaltung der eroberten Provinz wurde in die Hände römischer Beamten gelegt, deren einziges Bestreben dahin ging, das Land möglichst schnell und möglichst gründlich auszusaugen; wo aber überall die römischen Truppen in Garnison lagen, da blühte die Kunst empor, namentlich Bildnerei und Architektonik, und heute noch bewundern unsere Soldaten bei Metz die majestätischen Bogen der von den Römern angelegten Wasserleitung. — Später folgten wieder- holie Einfälle von Osten her, von der Gegend der heutigen Rheinlande, bis die Kelten schließlich von einem- urdeutschen Stamme, den Franken, vollständig unterworfen wurden; mit der ihnen eigenthümlichen Leichtigkeit fügten sich die Kellen auch diesem Wechsel, aus der römischen Provinz wurde eine fränkische, und bald । nannten sie selber ihr Land La France, Frankreich. Von den Franken erhielten , die Franzosen auch ihren ersten Kaiser, Karl den Großen, ein echt deutscher Herrscher, i Don welchem sie merkwürdigerweise heute noch behaupten, er sei ein gallischer Fürst । ßetpefen, dessen Reich bis an den Rhein reichte. Auf diese falsche Voraussetzung £run?let stch u. A. das Jahrhunderte alte Verlangen der Franzosen nach dem । deutschen Rheinstrom; Napoleon I. bezeichnete sich ausdrücklich als den legitimen Erben dieses „echt gallischen" Kaisers, und als im Jahre 1868 wegen Sadowa vnD Luxemburg der Chauvinismus in Frankreich alle Köpfe verdrehte, stützte man sich hauptsächlich auf diejenigen älteren Schriftsteller, welche den Rhein als die Grenze Galliens bezeichneten, und schmähte Napoleon 111., weil er diese „historische"
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t 3» der Wochenschrift „Im neuen Reich" wird der Reichskanzler Fürst Bismarck aufgefordert, die an Schweden versetzte Stadt und Herrschaft Wismar als intcgrirendes Glied dem deutschen Reichslande wieder einzufügen. Es wird nämlich behauptet, daß Hafen und Rhede von Wismar vertragsmäßig niemals in eine Flottenstation oder einen förmlichen Kriegshasen verwandelt werden dürfte und diese Neutralisirung durch den Vertrag von Malmö im Jahre 1803 von Dem Herzog Friedrich Franz von Mecklenburg, dem die vom Könige von Schweden in Stadt und Herrschaft Wismar besessenen SouveränetätSrcchte abgetreten, bestätigt worden fei. Wir dürfen versichern, daß diese in Der oben genannten Wochen- >chrift ufgerührte Geschichte eine große Lächerlichkeit ist. Nach der deutschen RcichS- venaffung hat der Kaiser dae^undedingte Recht, an den deutschen Küsten beliebig Kriegshäfen und Befestigungen anzulegen — mit dem Malmöer Vertrage verhält es sich genau so, wie mit den zahlreichen Gesetzen im öffentlichen und Privatrechte, die längst abgethan sind. Welcher Macht würde es auch wohl heute cinfallen, gegen ein? Befestigung WiSmarS zu protestiren.
Noch nicht sine einige Stimm? ist bis jetzt in Frankreich laut geworden, die es gewagt hätte, Den wahren Vortheil Frankreichs in der Anbahnung eines guten Verhältnisses zu dem neuen Deutschland zu suchen; im Gegentheile stimmen die französischen Journale, wie auch die „Straßb. Ztg." bemerkt, „schon wieder lustig im Fahrwasser der deutschen Hetze." Das Blatt setzt indeß hinzu: „In Deutschland macht das weiter keinen Effect; geantwortet wird nicht, vielmehr richtet man sich nach Der Regel, welche ein deutscher Kreisdircctor dcS Elsasses kürzlich seiner Polizeimannschaft bezüglich der Kinderschaaren gegeben hat, welche „Vive la France!“ und „A bas la Prusse!“ schreien. Die Vorschrift ging dahin, von diesem Thun keine Notiz zu nehmen, auch selbst dann nicht, wenn sich unter den Kindern Erwachsene finden sollten; auch diese solle man ruhig mitschreien lassen. In Deutschland weiß man eben, daß die größten Kläffer am wenigsten beißen. Schade aber wäre es für den nicht mitschreienden, aber doch das unwürdige Treiben duldenden Theil des französischen Volkes, wenn die Hetzer die Herstellung bauernder friedlicher Beziehungen zwischen den beiden Nachbarvölkern verzögerten." Es findet sich freilich ein feindlicher und heuchlerischer Ton neuerdings wieder selbst in Der Versailler Nationalversammlung, selbst im Munde von Negie- rungSmännern wie Trochu rc., ein; indeß es würde doch allerdings ganz verkehrt fein, ein großes Gewicht darauf zu legen. Auch die „N. A. Z." spricht sich in diesem Sinne aus. Sie schreibt: „Man muß mehr als ein Wunder verlangen, will man den Franzosen zumuthen, daß sie durch das Unglück eines Jahres, sei es auch noch |o groß, in ihrer innersten Natur vollkommen umgewandelt sein sollten. Eine Nation, die so lange von der Phrase und dem äußeren Prunke gelebt hat, bei welcher die Eitelkeit und Ueberhebung nicht Die bedauerliche Zugabe großer Tugenden, sondern recht eigentlich innerstes Wesen geworden, wiederholt unvermeidlich ihre alten Schlagworte noch eine geraume Weile, wenn sie auch selbst nicht mehr an sie glaubt, denn das fährt sie immer fort sich einzubilden, daß Die übrige Welt an sie glaube. Keiner der Schreier, welche Rache und Restitution proclamiren, hält im Ernste dergleichen in Den nächsten Jahren für möglich, und die Mehrzahl der Franzosen hat gelernt, den Krieg zu fürchten. Gambctta, well cher die Muttersöhnchen aus Den Häusern geholt hat, als die Bcrusssoldaten in preußischen Casematten saßen, hat dafür gesorgt, daß Frankreich durch den Krieg bis an die Knochen und bis an das Herz getroffen ist. Der Aufmarsch am Rheine, welchen Dore in seiner schönen Zeichnung Den Franzosen so poetisch und .er- führerisch vor Augen geführt hat, läßt sich nicht mehr machen, seit die Pickelhauben die Grenzbollwerke Frankreichs besetzt halten. Die aus der Gefangenschaft heim- gekehrten Truppen, insbesondere die Offiziere, haben der Enttäuschung und Ernüchterung so viel erfahren, daß sie gegen jeden andern Feind lieber werden mar- schiren wollen, als aus'S Neue gegen Die Deutschen. Was aber mehr als alles oies bedeutet: Schlagen wir Den Haß und die Wuth gegen Deutschland noch so hoch an, stärkeren Grimm und wilderen Rachedurst empfindet jedenfalls die Partei in Frankreich, welche vor vier Wochen in PqriS unterlegen ist und mit deren Mitgliedern die Sieger so grausam umgesprungen sind." Die „Spener'sche Ztg." faßt auch den Zudrang der Franzosen zur neuen Anleihe als eher ein günstiges Zeichen für die friedliche Gesinnung der Nation auf. Sie erinnert daran, wie Gambetta nur in England Geld finden konnte, und alle weiteren Kriegsbedürfniffe durch Bankvorschüsse gedeckt werden mußten. „Es ist dies ein deutlicher Beweis, daß seit Der Einschließung von Paris der Krieg keineswegs mehr populär war, desto mehr es aber der wieder hergestelltc Friede ist. Die gegenwärtige Anleihe
5. Juli. !Forderung nicht offen auszusprechen sich getraute. Recht bezeichnend ist es, daß t Gegenüber den noch ungelösten Wirren in Frankreich, den haltlosen Zu-i dieser „echt gallische" Kaiser die deutsche Sprache zwangsweise als Unterrichtsständen daselbst, sowie zum theilweiscn Verständniß Der Möglichkeit einer so un-!gegenstand in einzelne Schulen einführte. — In späteren Jahren suchte Frankreich
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