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Oießmer Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Swk, nähme Montag-.

Srpedttion: Tanzleiberg Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kießen.

Nk. 284. Dienstag den 5. December 1871.

*3^«*.^* werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, CanMberg 23. 1, als such

dUf ssss MlIZkWet bei allen Post-Expeditionen imd '-en Land-Postboten entgegen genommen

Abonnenten, welche den Ameiqer bei der Erpedition abdolen lasier, erhalten denselben für den Monat Tecember zu 20 fr.

Amtlicher Theis-

Gießen, am 30. Uovrmber 1871.

Betreffend: Die Feststellung und Erhaltung der inneren Grenzen.

Das G r n ft h e r z o g l i ch e KreisamlGie ft e n

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien zu Allendorf a. d. Lahn, Burkhardsfelden, Groß-Linden, Grüningen, Klein-Linden, Lich, Lollar, Reiskirchen, Rnttershaufen, Watzenborn und Wieseck.

Wir erinnern Sie an Erbdigung der Verfügung vom 3. Novenber 1871 binnen 8 Tagen.

In Verhinderung 6/8 Kreisralhs:

Kekn l6, Kreisassessor.

Politischer Theil.

Assifen- und Völkerrecht.

In Irland wurde kürzlich ter Mörder eines Polizisten obwohl die That vollständ'g erwiesen war, von der irischen Jury freigtjprochen; unzweifelhaft, weil sie die Ermordung eines Polizeibeamten für ein^ politisches Verbrechen" ansah und in jedem Irländer ein gut StückFknianismWL^' st.ckt.

Jetzt haben französische Assisen in kurz hinterLriiÄider folgenden Fällen Mörder deutscher Soldaten, obwohl sie der That überführt, r-rsp. geständig waren, frei- gesprochen, weil sie deN Mord eineS für ?:nr frntrint

That ansehen.

Diese Freisprechungen aber fanden in einer Zeit statt, in welcher chinesische Gesandte nach Paris gekommen waren, um dem Oberhaupte der Republik anzu­zeigen, daß die Missethater, welche bei einem Volksaufstande einige Franzosen um­gebracht, ihre gerechte Strafe empfangen hätten was dieKölnische Zeitung" veranlaßt, den Chinesen den Rath zu geben, so rasch wie möglich Schwurgerichte einzusühren. Dann könnten sie, von etwaigen Reklamationen gedrängt,der Ge­rechtigkeit freien Lauf lassen", ohne zu fürchten, daß ihren Unterthanen deshalb ein Haar gekiümmt werde.

In diesem guten Rath derK. Z.", welcher durch eklatante Thatsachen allerdings motivirt wird, liegt eine herbe Kritik des Instituts der Geschworenen- gerichte, welche die Strafrechtswiffenschaft zu verwinden haben wird.

Die Vorgänge in Frankreich aber stellen sich noch in einem anderen Lichte dar, sie empören noch viel mehr das politische, wie das jurist sche Gewissen.

Der oben cilirte irische Stroffall ist gewiß eklatant, aber er dient gerade dazu, um der empörenden Rohheit der französiichen Procedur als Folie zu dienen.

Dort nämlich tbaten die Vertreter der richterlichen Gewalt: Präsident und Staatsanwalt, ihre Pflicht; sie traten mit männlichem Ernst für die Forderung der Gerechtigkeit ein wenn sie auch keine Macht über das irische Gewissen hatten.

Ganz im Gegentheil aber stellt sich in Frankreich, namentlich in dem Falle Tounelet" Präsident und Staatsanwalt von vornherein auf den Standpunkt der Geschworenen; dem vulgänn Vorurtheil, welches ein aus Nationalhaß verübtes Verbrechen nicht als Verbrechen ansiebt und die Übertragung des Haff s, welchen der Krieg erzeugt hat, auch auf die FriedenSoerhältniffe al- ein Zeichen patrioti­scher Gesinnung geehrt wlff-n will.

Mit einem Worte: d'.e Vertreter der öffentlichen Gewalt nehmen Partei: sie erkannten an, daß der Haß gegen die Deutschen gerecht sei, daß der Durst nach Revanche eine patriotische Pfl cht und, der in Folge dieses Revanchedurstes verübte Mord eineschöne" Handlung sei.

Wir brauchen uns nicht erst selbst der Worte zu bedienen, welche die Schmäh- lichkeit einer solchen Auffassung characterisiren, welche nur zu deutlich die Verwil- derung ter französischen Nation nachweift, welcher durch formelle und intell'ktuelle Bildung wahrlich nicht abgeholsen werden wird, wenn auch das Betürfn:ß einer solchen von den Demagogen wie von den französischen Staatsmännern gleich sehr anerkannt wird. Wir bemerken nur beiläufig, daß, wenn dasJournal dcs Debats" erst kürzlich, in einem an sich selbst ganz rortnsflich geschrubenen Artikel Frank­reich ermahnte das Frankreich nach Sedan sich das Beispiel Preußens des Preußens nach Jena zum Vo« bild zu nehmen, dasielbe nur die eine Seite des emrfohlen n Vorbildes gewürdigt zu haben schien. Vielleicht wird es den ernsten Geistern in Frankreich durch die skandalösen Gerichtsvorgänge jetzt leichter begreiflich gemacht, daß die nationale Wiedergeburt nur mit Hilfe der sitt­lichen Erhebung möglich sei.

Jedoch hoben wir nicht daraus zu sehen, ob Frankreich Neigung oder Kraft genug btsttzt, solche zu vollbringen; aber die französischen GcrlchlSvorgänge zwin­

gen Deutschland, sich die Frage vorzulegen, auf welche Weise es möglich sein wird, einen internationalen Verkehr mit Frankreich zu unterhalten, welchen diese- selbst nicht nach den Grundsätzen deS Völkerrechts gehandhabt wissen will.

Was das Völkerrecht jeder Regierung in dieser Beziehung den Regierungen zur Pflicht wacht, das hat Herr ThierS der chinesischen Grsandtschaft in bündigster Weife an'S Herz gelegt.Die Pflicht der Regierungen ist es, sagte er, nicht blos die Vergehen der Volksmenge zu strafen, sondern auch ihre Leidenschaften zu mäßi- gev- i urv vi* »uv oer

uchkeit zur^eltung zu bringen."

Gerade das Gegenthcil von dem Allem, was Herr ThierS auf Grund des Völkerrechts der chinesischen Regierung zur Pflicht macht, thun die Organe der französischen Regierung, wenn es sich um ein Verbrechen gegen Deutsche handelt, und die gerichtliche Procedur muß zu einer bloßen Farce werden, wenn Präsident und Staatsanwalt den Leidenschaften und Vorurtheilen der Geschworenen schmeicheln, der verletzten Nationaleitelkcit durch Ausputzen des Revanchegedankens zu Hilsr kommen.

Zunächst so denken wirwerden die jüngsten Erfahrungen die deutsche Regierung dazu nöthigen, in den von unseren Truppen noch besetzten Departements mit äußerster Strenge jeden Angriff auf die Sicherheit unserer Soldaten zu strafen; aber die Beleidigung des Völkerrechts, welche durch offenkundige Partei- nähme des Gerichtspräsidenten und Staatsanwalts zu Gunsten des Mörders Tou­nelet und Aufreizung der Revancheleidenschaft verübt worben ist, wird doch wohl schwerlich ohne eine jede Reclamation hingenommen werden können.

Einer solchen aber wird sich Herr Thiers um so weniger entziehen können, als er die Moralpflicht Frankreichs und französischer Beamten nicht hinter die der chinesischen zurückstellen kann.

Mindestens wird men ihn veranlassen können, sich über diesen Punkt zu äußern. ,

Aus Rom wird unterm 28. November Wiener Blättern trlegraphirt: Ja» Vatican herricht eine große Aufregung. Der König von Italien hat unmittelbar bei dem Papste anfragen lassen, ob und wann Seine Heiligkeit ihn empfangen wolle. Der Papst ist nicht abgeneigt, den König zu empfangen; seine Umgebung widersetzt sich.

Mainz, 1. December. Wie es heißt, soll die hiesige Citadclle in den Besitz der Immobilien-Gesellschaft übergcgangcn und beabsichtigt (ein, dieselbe zu schleifen und an deren Stelle Wohnungen zu erbauen.

Frankfurt, 2. December. Auf Anordnung des Handelsministers werden jetzt auf allen preußischen Staats- und Privatbahnen Versuche mit einer neuen Me­thode, die Personenwagen zu heizen, angestellt. Man wird hierzu eine eigen- prä- parlrte und comprimirte Kohle verwenden, deren Verbrennung man je nach der Temperatur reguliren kann. Es soll vorgesehen sein, daß alle drei Wagenclaffen geheizt werden. Zu wünschen wäre, daß diese Wohlthat auch allen Zügen, und nicht etwa blos den Schnellzügen, zu Theil würde.

t Berlin, 1. December. Deutscher Reichstag. 36. Sitzung. Präsident Dr. Slmson eröffnet die Sitzung um 21/* Uhr. Am Tische des Bundesraths: Graf v. Roon, Delbiück, v. Piretzschner, v. Lutz, v. PerglaS, v. Holleben, v. FrieS, v. Liebe, General-Postdirector Stephan, Geh. Rath Dr. Michaelis u. A.

1) Dritte Bcrathung des Ges'tz-ntwurss, betreffend die Frieden-'präsenzstärks re- deutschen Heeres und der Ausgaben für die Verwaltung dcffelben für die Jahre 187274.

Abg. Sonnemann (unter sehr großer Unruhe des Hauses) rügt das von cen orgailisirtcn Parteien in dieser Frage beobachtete Verfahren, durch welche- der