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Breis vierteljährig 1 fl. 12 fr. mit Brtngerlohn. Durch die Post bezogen nierteljährig i fL 27 Er.
Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit AuS. nähme Montags.
Expedition: Lanzleiberg Ltt. B. Rr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Sieben.
Nr. 238.
Sonntag den 5. November
1871
Bestes,«ge» auf den Gietzener Anzeiger
Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Erpedition abholen lassen, erhalten denselben für die Monate November und December zu 40 fr.
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Betreffend: Die Ableistung des Verfassungseides im zweiten Halbjahr 1871. Gießen^ am 30. Oktober 1871.
Da» Grohherziigliche Kreisamt Gieße»
an die Großhersoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir erinnern Sie an alsbaldige Erstattung der vorgeschriebenen Berichte und bemerken, daß die Ableistung des Verkassunaseides den ein- für allemal festgesetzten Tagen stattfinden wird, nämlich 9 -versa,,ungseides
Freitag den 10. November, Vormittags 10 M»r
dem Negierungsgebäude zu Giessen und 9 9 '
dem Rathhaus zu Lich.
Mittwoch den 15. November, Vormittags 10 Uhr,
Politischer T d e i l.
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t Die Finanzlage Frankreichs.
Die französische Regierung hat in diesen Tagen eine Uebersicht gegeben über den Betrag der von den deutschen Behörden erhobenen directen und indirekten Steuern, sowie über die Requisitionen und Verluste aller Art, welche durch die deutsche Okkupation den Franzosen zugefügt sind, wonach sich die von den Can- tonalcommisstonen festgestcllte Höhe der Verluste in den von der deutschen Armee besetzt gewesenen 33 Departements auf 821 Millionen Francs beziffert. Wenn man dieser Summe die bereits gezahlten 1500 Millionen Francs Kriegsentschädigung, sowie ferner die bis zum 1. Mai nächsten Jahres vertragsmäßig zu zahlenden 650 Millionen hinzurechnet, so haben die Franzosen durch die Deutschen bereits einen Verlust von drei Milliarden oder rund 800 Millionen Thalern erlitten, und zu diesen ungeheuren Verlusten kommt sodann noch die wahrhaft furchtbare Schuldenlast, welche die Kriegsentschädigung, sowie die französische Kriegführung auf die Schultern der Franzosen geladen hat. — Frankreich hat bereits jetzt schon nahezu zweihundert Millionen Thaler allein zur Verzinsung seiner Schulden jährlich zu zahlen. Rach dem 1. Mai 1872 ist Frankreich ferner verpflichtet, noch wettere 3 Milliarden Francs (800 Millionen Thaler) Kriegsentschädigung zu zahlen, so daß einschließlich der oben berechneten 3 Milliarden und der 300 Millionen Francs oder 800 Millionen Thaler Zinsen, welche gleichfalls bis zum 1. Mai 1872 vertragsmäßig gezahlt werden müssen, die Franzosen mithin einen dritten haaren Verlust von 1680 Millionen Thaler sich anzuschreiben haben. Damit aber nicht genug; berechnet man die Schäden, welche die Pariser Commune anrichtete, und dte Kosten, welche die Ausrüstung und Erhaltung der französischen Truppen erfordert, so darf man im Ganzen den finanziellen Verlust der Franzosen auf mindestens 9 Milliarden Francs oder 2400 Millionen Thaler schätzen. — Eine so ungeheure Einbuße von materiellen Kräften muß allerdings Frankreich verhin- bern, für die nächsten Jahre abermals eine übermüthige Kriegspolitik in Scene zu setzen, zumal wenn man bedenkt, daß das Domänen- und sonstige Staatsvermögen durch dte früheren Regierungen schon so gut wie aufgezehrt ist, die Eisenbahnen ausbkutendeu Monopolgeffllschaftkn überliefert worden sind, das Communalvermögen in Rente verwandelt, also die Steuerkraft jedes einzelnen Franzosen auf eine wahrhaft furchtbare Weise angestrengt werben muß, um zu verhindern, daß der Staats- credit Frankreichs nicht zu stark erschüttert wirb, und ein allgemeiner Staatsbankerott ausbricht.
t Die Erklärung des Kaisers auf die Immediateingabe der deutschen Bischöfe wegen der vermeintlichen Verletzung der Rechte der katholischen Kirche, wonach der Kaiser auch in Zukunft darauf halten wird, daß in Preußen jedem Glaubensbekenntnisse das volle Maß der Freiheit zu Theil wird, welches mit dem Rechte Anderer und mit der Gleichheit Aller vor dem Gesetze verträglich ist, wird der clerikalen Agitation keinen Einhalt thun, denn die Bischöfe wissen sehr wohl, daß ' die Glaubens- und Gewissensfreiheit der Katholiken nicht im entferntesten von der Staatsgewalt gefährdet ist, daß es sich vielmehr nur darum handelt, den reichs- fttndlichen Bestrebungen der Centrumsfraction entgegen zu treten. Um noch dieser letzteren Richtung hin Erfolge zu erzielen, ist eine ganz andere Taktik erforderlich, als diejenige, die katholische Bevölkerung in Bezug auf die Aufrechthaltung der Rechte des katholischen Clerus zu beruhigen. Man kann den Einfluß des Clerus brechen und eine wirklich freisinnige Politik auf dem Gebiete der inneren Politik । befolgen. Es ist immer bas alte Lied, was wir singen müssen: man befreie1
Vlt oon dkr Kirche, führe die obligatorische Ctvilehe ein, gesunde Steuer-1
reformen herbei u. s. w., und die Wühlereien der Clerikalen werden ihre Wirkungen auf die Massen verfehlen. Unsere Clerikalen sind ungleich praktischer als unsere Rationalliberalen, die weit mehr ihre politischen Doctrinen und deren Geltendmachung als die Befriedigung der Bedürfnisse der großen Mehrheit des Volkes im Auge haben. Wenn die Bestrebungen der Regierung ferner wie zuvor m erster Linie auf die Befestigung des Militarismus und die Verstärkung der Kapitalsmacht hinauslaufen, dann werden allerdings die Clerikalen leichtes Spiel haben; diese werden sich um so leichter den Schein geben können, als handle es
$ m?-,- en blos um ^ic Befreiung des Volkes von dem schwer drückenden Alp des Militarismus und des Kapitalismus. — Man gebe daher unserem Staats- leben einen humaneren Character, man werde vor Allem gegen die ärmeren Gesell- chaftsklassen gerechter, und man wird den Einfluß der Clerikalen nicht mehr zu furchten haben. v •
.. t Trotzdem die offiziösen Zeitungen uns fast alle Tage die FriedenSbüra- schäften aufzahlen, welche wir durch den letzten Krieg gewonnen haben sollen, scheint doch nicht blos den konservativen, sondern auch den liberalen Reichstagsfractionen eine gewisse Scheu anzukleben, an dem Militäretat und dem Militärwesen des deutschen Reiches überhaupt zu rütteln, denn selbst der schüchterne Versuch des ^"Konservativen Oberstlieutenant Blankenburg, eine Agitation gegen die dreijährige Prasenzzeit bei den Fahnen einzuletten, hat die entschiedene Mißbilligung der con- ffrvanven und nationallibcralen Partei erfahren. Blankenburg möchte dte Präsenzstärke auf 5/g Procent der Bevölkerung (auf 333,000 Mann) beschränken, wodurch eme Ersparniß im Militäretat von 10 Millionen Thalern gewonnen werden würde. So wenig nun auch für die eigentlichen Ziele einer gesunden DolkSpolitik in der J. tlttarfragc den Sturz des Militarismus — gewonnen wird, so darf doch die Bedeutung einer solchen Ersparniß für die Culturentwtckelung des deutschen Volkes nicht gering angeschlagen werden; bleibt doch die Hauptsache bei den hier tn Erwägung kommenden Momenten immer die, daß eine größere Herabsetzung des FriedenSpräsenzstandes als die von Blankenburg vorgeschlagene gar nicht erreicht werden kann. Richt nur, daß sämmtliche Fraktionen des Reichstages einer Herabsetzung der Dienstzeit unter zwei Jahre entschieden entgegentreten würde, auch der Bundesrath würbe dieselbe einstimmig ablehnen. Dagegen dürsten sich die Regierungen von Bayern, Württemberg, Baden und der meisten kleineren Staaten, vielleicht mit alleiniger Ausnahme von Mecklenburg, für den Vorschlag von Blankenburg gewinnen lassen, falls er die Zustimmung der Majorität des Reichstages fände, und selbst die preußische Regierung würde sich in diesem Falle nicht der Erwägung entziehen können, daß der aus den Neuwahlen im Jahre 1873 hervor- gehende Reichstag aller Wahrscheinlichkeit nach aus Elementen zusammengesetzt sein wöchte, mit denen eine mehr als zweijährige Dienstzeit unter keinen Umständen zu vereinbaren ist. In jedem Falle muß die Volksvertretung schon jetzt gegenüber der stetigen Vermehrung der Steuer- und Militärlasten, auf eine Verminderung des Friebensstandes hinwirken, will sie sich nicht der Gefahr aussetzen, daß der Punkt der Agitation in der Militärfrage ganz außerhalb des Parlaments verlegt wird; hat das deutsche Volk einmal erst die Ueberzeugung gewonnen, daß seine Volksvertretung im Großen und Ganzen nichts weiter als ein gefügiges Werkzeug in Den Händen der Bundesregierung ist, dann hätte freilich der Reichstag allen Halt in der Nation verloren und die auf Abschaffung der stehenden Heere überhaupt gerichtete Bewegung möchte alsdann Dimensionen annchmen, die einer gesunden Entwickelung unserer politischen wie socialen Zustände äußerst gefährlich würden. Anderseits müßte eine für die Wehrkraft "Deutschlands ungefährliche


