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Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit ÄuS- nahme Montags.
Exvedition: Canzleiderg Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsölatt für den Kreis Kichere.
Nx. 8,1 Mittwoch den 5. April 1871.
wiwuwmiu ^Minrirrinrrinr.i v u 1 "LT .7 ' " 6*,, fz* • a 6M*»*^* .*<**.. werden noch fortwährend sowohl bei der Exvedition, Canzleiberg B-1, als auch
BefteMnngen aus Den Anzeiger bei allen Paft-Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.
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4. April.
Von allen Seiten wirb jetzt bestätigt, daß man von deutscher Seite, soweit e« unsere Interessen gestatten, die Regierung des Herrn Tdier« zu unterstützen^ sucht, und auch der Rücktransport ter Gefangenen hat wieder begonnen, lieber die Verhandlungen in Brüssel kann Näheres noch nicht bekannt sein. Man varft nach der Lage der Sache annehmen, daß die Frage des Handelsvertrages noch nicht erörtert wurde. Man war bekanntlich darauf gelabt, daß höchstens die Gr* Neuerung des Vertrages für eine bestimmte Zeit erlangt werden dürste. Sollte Frankreich dieselbe verweigern, so wirb cd sich darum handeln, welchen Tarif es dann auf seiner östlichen Gränze eintreten lassen will. Deutschland kann verlangen , daß ihm derselbe Tarif wie England und Belgien zugestanden werde. Sollte Frankreich dagegen Deutschland gegenüber wieder den früheren Tarif cm- führen wollen, wie derselbe vor 1862 bestanden hatte, so können Repressalien von un trer Seite nicht auSbleben. Es würbe dann cu Erhöhung der Zölle auf eine bestimmte Reihe von Artikeln genügen, um Frankreich zum Bewußtsein zu bringen, welchen Schaden es sich selbst mit dem Tarifkriege inmitten des Friedens zufügen würde. rji m
Die Rational-Zeitung in Berlin öffnet ihre Spalten einer schweren Vc» da'chtigung des österreichiscyen Kriegsministers F.-M.-L. Baron Kuhn, dem sie nichts Geringeres insinuirt, als HanvlangerSdienste für französische Sp onage geleistet zu baden. Dem Gewährsmann des berliner Blattes ist wohl nicht gegenwärtig gewesen, daß selbst die persönlichen und principiellen Gegner Kuhn's seine Loyalität und seinen Geradsinn nie angctastet haben und daß österreichischerjeits fein ehrlich denkender Mann ihn einer solchen That für fähig hält, die sich mit den Begriffen von militärischer Ehre, wie sie in der österreichischen Armee feftwurz-ln, schlecht vertragen würde. Herr v. Kuhn selbst weist mit größter Entrüstung dilse Verdächtigung zurück und versicherte zudem Officieren gegenüber, den sranzösijchen Eonsul Lafaivre, mit dem man ihn in Verbindung bringen will, nie gesehen und gekannt zu haben. Jener Hauptmann du Nord, der in der Uniform eines österreichischen GeneralstadsofsicierS im französischen Hauptquartier gesehen wurde — was ja noch kein Grund zu Verdächtigungen wäre — '«st, wie ich verbürgen kann, hier um einen Urlaub zum Besuche seiner Heimath eingenommen zu einer Zeit, als sich Herr v. Kuhn in Ofen befand, ihn also vor seinem Abgänge überhaupt nicht sehen konnte. Was aber den GeneralstabSchef Gambena's dc Serre, anbelangt, so stand und steht derselbe im Dienste der hiesigen Direction der so- genannten Staatsbahn, also einer Privatgesellschaft, in deren VerwaltungSkorper sich mehrere Franzosen befinden, der aber jeder stsatlichen Einmischung ent- rückt ist. . <• n-
Der „K. Z." wird aus Wien geschrieben: Die Nachricht, daß in Fulda binnen Kurzem abermals eine Versammlung deutscher Bischöfe zu einer geheimen Besprechung zusammentreten werde, bestätigt sich. Gegenstano der B»rathung sollen dieses Mal nach der „Allgemeinen Zeitung" folgende vier Punkte sein: 1) Maßregeln gegen die noch immer gegen das Unfehlbarkeitsdogma opponirenden Priester und Laien; 2) Stellung der Kirche zu dem neuen Deutschen Kaiser- reiche; 3) Berufung einer Synode im Herbste dieses Jahres, welcher die deutschen , österreichischen, ungarischen und polnischen Bischöfe beiwohnen sollen; 4) Gründung der längst in Aussicht genommenen katholischen Universität. Da die Opposition unter den „liberal gesinnten" Kirchenfürsten keinen Vertreter meyr hat, dieskiben vielmehr sämmtlich ins römische Lager aus OpportunitätS-Ruck- sichten übergegangen sind, so wird man bei Berathung des ersten Punctes keine großen Debatten zu erwarten haben.
Das pariser osficielle Blatt kündigt in seinem amtlichen Theile an, daß das „Central-Comite am 29. März der Commune seine Gewalten übergeben hat", und bringt dann folgende Proclamation an die Pariser:
Pariser Commune.
Bürger! Eure „Commune" ist eonstituirt. DaS Votum vom 26. März hat ore siegreiche Revolution geheiligt. Eine Regierung, die euch auf feige Weife überfiel, hatte euch bet der Kehle genommen; ihr habt bei eurer legitimen 23m theidigung diese Regierung, welche euch dadurch entehren wollte, daß sie euö' einen König auszwang, aus eutrn Mauern verwiesen. Heute mißbrauchen die Verbrecher, welche ihr selbst nicht einmal verfolgen wolltet, eure Großmuth, um nn den Thoren der Stadt einen Herd monarchischer Verschwörungen zu orgam- siren. Sie rufen den Bürgerkrieg an; sie setzen ins Werk die ganze Corruption; sie nehmen eine jede Mitschuld an; sie haben sogar um den Schutz des Ausländers gebettelt. Wir rufen wegen Vieler abscheulichen Umtriebe das Urthe'.l von Frankreich und der Welt an. Bürger! Ihr habt euch Institutionen gegeben, welche altn Versuchen Trotz bieten. Ihr seid die Herren eurer Geschicke. Vtark durch eure Unterstützung, wird die Repräsentation, welche ihr hergestellt, die Un- g ückssälle, welche die gefallene Regierung veranlaßt, wieder gut machen: die ge sährdete Industrie, die eingestellte Arbeit, die gelähmten Handelsgeschäfte werden einen kräftigen Aufschwung nehmen. Schon heute erfolgt die erwartete Entscheidung über die Miethen; morgen die üaer die Derfallzeit der Wechsel; alle öffentlichen Dienstzweige wieder hergestellt und vereinfacht; die Nationalgarve, in
! Zukunft die einzige bewiffntte Macht der Stadt, ohne Verschub reorganisirt. Das werden unsere ersten Thaten sein. Die Erwählten des Volkes verlangen zur Sicherung des Triumphes ter Republik nur , daß es ihnen sein Vertrauen erhält. Was sie betrifft, so werden sie ihre Pflicht thun.
Stadthaus, 29. März 1871.
Die „Commune" von Paris.
AZ. Berlin, 1 April. Deutscher Reichstag. Die heutige neunte Plenarsitzung wurde um 10i/4 Uhr vom Präsidenten Dr. Simfon eröffnet. Der Abge- ordnete Bebel ist eingkireten. — Der Generalpoftdirector Stephan erläutert die Forderung 161,375 Thaler als erste Rate zur Herstellung eines Dienstgebäudes für das Generalpustamt, welches jetzt 136 Beamte umfaßt, mehr ab ein Ministerium. Diese Beamten säßen jetzt, wenn nicht auf dem Dache, so tod) unmittelbar unter dem Dache. — Abgeord. Richter bittet um Auskunft über die Bedingungen der Zahlung d-s Kaufpreises. — Rcichensperger (Crefeld) empfiehlt für kaS neue Gebäude einen monumentalen Charakter. — M quel (Waldeck) hält es nicht für angemessen, hier über den Baustvl zu derathen; ebenso v. Unruh (Magdeburg). — Minister Fr csen erklärt, daß Bayern- und Württemberg zu den Kosten nicht beitragen. — Braun (Gera) wünscht zur näheren Instruction für den Bau die Niedersetzung eines Ausschusses. — Bei der nun folgenden zweiten Lesung wird der Gesetzentwurf pure angenommen Dem Grasen Kleist (Lübben) erwidert auf seinen Dank an die Regierung für die möglichst einfache Herst ll'ing des Gebäudes v. Hoverbeck (Sensburg): Er solle doch nicht immer gleich an die große Glocke hängen, wenn, die Regierung etwas Gutes thue; das säh-' so auS, als komme es nur selten vor. — Das von Mallinckrodt (Tecklenburg) angeregte Bedenken, ob die süddeutschen Abgeordneten bei dem Beschlüsse m rznwirlea haben, soll bei der dritten Lesung erörtert werden.
Es folgt die zweite Lesung der redigirten Bund-Sversassung, zu welcher der schon mitgetheilte Reichenspergei'sche Antrag eingebracht ist. Zu demselbei hat Sonnemann (Frankfurt) mehrere auf die Preßfreiheit, das VtrsammlungS' und Vereinsrecht bezügliche Anträge gestellt; gegen denselben liegen die Anträge der Fortschrittspartei (Antragsteller Schulze (Berlin) und der Freiconservativen (An- tragsteller Graf Renart-Coscl) vor, welche aus materiellen Gründen den Uebergang zur Tagesordnung empfehlen.
Bei der Debatte über die Einleitung des Gesetzes kommt zunächst der Antrag Duncker'S (Berlin) zur Debatte, welcher in dem Entwürfe überall statt „Bundesgebiet' — „Reichsgebiet" setzen will. Duncker empfiehlt seinen Antrag; denn wenn man ein Reich schaffen wolle, müsse man auch von diesem Reichsgebiet reden. Ihn ui.terstützcn Dr. Hänel (Kiel) und v. Hoverbeck (Sensburg); gegen den Antrag erklärt sich Fürst Bismarck, welcher in dem „Reichsgebiet" eine Art von Tautologie erblickt. Eine präjudicielle B-deutung beanspruche die in der Verfassung beliebte Unterscheidung zwischen Reichs- und Bundesgebiet nicht, obwohl sie nicht willkürlich gewählt sei; am blsten sei cs, der Reichstag ließe seine Bedenken in diesem Punkte schwinden und nähme die Vorlage so an, wie sie ist. -- LaSker (Meiningen) erklärt Namens feiner politischen Freunde, von jeder materiellen Debatte über die Verfass'ing fernbleiben zu wollen; Deutschland bedürfe vorläufig der Ruhe, um sich der Errungemchasten freuen zu können. — Fürst Bismarck stimmt diesen Aeußerungen Namens des BundeSrathes in allen Stücken zu. — Nachdem noch Wiggers auf die traurigen Zustände in Mecklenburg hingewiesen und auch für dieses Bundesland eine konstitutionelle Verfassung gefordert, wird der Antrag Duncker abgelehnt, die Einleitung des Gesetzes angenommen.
Zu Artikel 1 der Verfassung, welcher Sie zum Reiche gehörenden Bundes- länder'aufzählt, brantr.-at Dr. v. Zoltowski (Buk) hinter die Wone „Preußen mit Lauenb.irg" zu fetzen „mit Ausschluß der unter preußischer Herrschaft stehen- len polnischen Landc-theile.' — v. Zoltoweki motivirt feinen Antrag und appellirt an das Gerechtigkeitsgefühl der Deutschen; die Polen mischen sich nicht in deutsche Angelegenheittn, wie sie noch durch ihre Stimmenthaltung bei der Adreßdebatte möchten sich die Deutschen also auch nicht in polnische Angelegenheiten mischen. — Fürst Bismarck: Die Antroastel'- r haben kein Recht, sich bei der Motivirung ihres Antrages auf die Thronrede zu berufen, da diese nur von „andern", d. h. nicht preußischen Döllnn spricht, die Bewohner des Großherzogthums Pofen aber Preußen find. Die Wähler Der Antragsteller sind aber auch gar nicht m.t dem Vorgehen der polnischen Fractron im Land- und Reichstage einverstanden, wie sie das schon oft bewiesen. Es existire nicht ein einziger Vertrag, welcher den Polen Preußens eine andere Behandlung wie den übrigen Preußen verheißt; und welches Verfahren wolle man denn der preußischen Regierung gegenüber ihren Staatsangehörigen polnischer Zunge empfehlend Etwa dasjenige, welches die Polen Deutschland gegenüber beobachtete«, als sie letzteres beherrschten? Nein, wir werden nicht ab- laffen, unsere polnischen Mitbürger an Den Segnungen der Cultur ebenso wie un- selbst participiren zu lassen. (Bravo!) — v. Krzysanowski verlangt die Ausschei- düng der polnischen LandeStheile aus dem deutschen Reiche als einen Akt der Anerkennung dafür, daß Polen früher das deutsche Reich rettete. — Freiherr von Unruh-Bomst: Die vorliegende Frage könne nur nach dem anerkannten Staats-


