Einzelbild herunterladen

Preis vierrädrig 1 fl- 12 fr. mit Brtngerlolm. Durch die Poft bezogen vierteljährig t ft. 27 fr.

Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Montags.

Exvedttion : Canzletderg Ltt. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.

Rr. SS. Sonntag dm 5. März 1871.

Bestellungen auf »en Giestener Anzeiger

Abonnenten, welche den Ameiqer bei der Erpedition abbvlen lassen, erhalten denselben für den Monat März zu 20 kr.

A m t l i ch e r T d e i l.

Bekannt m a ch n n g. «

Betreffend: Außerordentliche Sitzung des Bezirksraths.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß

Dienstag den 14. d. Mts., Vormittags 10 Uhr, eine außerordentliche Sitzung des Bezirksraths in dem Rathhaussaale dahier stattfinden wird.

Gießen, den 2. März 1871. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Starck.

P o l i t i sck

Die Friedensbedingungen.

Die Annahme der von deutscher Seite g-|tcUten Fliedensbedingungen durch, die französischen Unterhändler beweist, daß die neue französische Regierung ciej Niederlage Frankreichs und unseren Sieg vollständig anerkennt und daß sie der Hoffnung entsagt hat, durch eine Fortsetzung des Kampfes einen Umschlag des Kriegsglücks zu erzwingen. Sle hat sich überzeugt, daß die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten rasch zu der Eroberung Südfrankreichs führen und die letzten Hilfs­mittel des Landes der sicheren Vernichtung preisgeben würde. In dieser Uebcr- zeugung haben Thiers und Favre unter Zustimmung der Commissanln der Na- tionalversammlung sich zu der Unterzeichnung der Präliminarien entschlossen und damit selbstverständlich ihre Absicht kundgegeden, der Versammlung in Bordeaux die Annahme derselben zu empfehlen, welche dieselbe auch mit großer Majorität angenommen hat.

Es sind Bedingungen, wie ein Sieger sic stellt. Aber jeder unbefangene und unparteiische Beurtheiler wird uns zugestehen müssen, daß wir von dem Rechte des Siegers eine außerordentlich maßvolle Anwendung gemacht haben, daß unsere Bedingungen schonend und milde sind im Vergleich zu der Verschuldung unseres Gegners und der Größe unserer Waffenerfolge, sowie der Opfer, mit welchen wn diese Erfolge erkauft haben. Es sind die Bedingungen, die bas R'chtsgefuhi der von Frankreich aufs Höchste gereizten und lrevelhaft aus angestrengter Friedens- arbeit herausgerissenen deutschen Nation gefordert hat. Unsere Diplomatie hat sich zum Organe des Nationalbewußtseins gemacht. Sie hat die nationalen For­derungen in ihren allgemeinen Umrissen zur Grundlage ihrer Bedingungen gemacht; sie hat diese in keiner Weise übertriebenen Forderungen in einzelnen Punkten viel­leicht noch ermäßigt, aber sie ist wahrlich nicht über dieselben hinauSgegangen.

Wenn die englischen Zeitungen in übel angebrachter und ihnen schlecht genug zu Gesicht stehender Sentimentalität ein Klagelied über die Härte unserer Bedin­gungen erheben, so beweisen sie damit nur, daß sie unfähig sind, große Verhält­nisse in großem Sinne aufzufassen, oder daß sie ein außerordentlich kurzes Gedacht- niß haben. Hat man denn in England so ganz vergessen, wie dieser furchtbare Krieg entstanden ist? Hat man vergcffen, in welcher Absicht Frankreich uns über- fallen hat? Man erwäge doch nur einmal, welches Loos uns zu Theil geworden fein würde, nnnn unsere Siege Frankreich nicht verhindert hätten, seine Entwürfe zur Ausführung zu bringen.

Weshalb hat denn Frankreich uns den Krieg erklärt? Kein Franzose wagt ts in Abrede zu stellen, daß Frankreich als Sieger die Rheingrenze gefordert haben würde. Kein Franzose wagt zu leugnen, daß Frankreich als Sieger Süddeutsch land seinem Proteclorate unterworfen, daß es den Nordbund zertrümmert, daß es Preußen auf den Standpunkt, den es vor 1866 einnahm, zurückgeworfen Habers lvütde. Das sind keine Vermuthungen, das sind die offen ausgesprochenen Ab- ßchtcn, unter denen die französische Armee, von dem brausenden Jubel der Nation geleitet, ihren Marsch auf Berlin antrat. Frankreich wollte uns berauben und politisch vernichten.

Daß dies die Absichten Frankreichs waren, daran zweifelte im Juli kein europäisches Eabintt; aber kaum erhob sich ein milder Tadel gegen den Frevel, einen brutalen Eroberungskrieg, ohne jegliche Veranlassung, ohne Herausforderung, ja ohne jeden scheinbaren Vorwand zu beginnen. Jetzt haben wir Frankreich zu Loden geworfen und nun stellt man sich entrüstet darüber, daß wir dasselbe nicht ohne eine empfindliche Buße aus den Händen lassen, daß wir, die Angegriffenen, zur Sicherung gegen künftige Angriffe als Sieger von dem Eroberungsrecht eine mäßige Anwrndung machen. Und was wir fordern, ist alter deutscher Bisitz, uns durch Lag und Trug und offene Gewalt entrissen, ein Besitz, an dessen Wieder- trwerbung wir 1814 und 1815 durch England zur ewigen Schande für seine Staatsmänner (Wellington selbst hat später sein damaliges Verhalten bereut) ge­hindert worden sind.

Zu welchen völkerrechtlichen Zuständen würde es denn führen, wenn man jivar dem croberungölustigen Angreifer freie Bahn lassen, aber dem siegreichen

er Theil.

Angegriffenen das Recht verkümmern und beschränken wollte, den Angreifer der gebührenden Strafe zu unterwerfen? Wer aus Landergier den Frieden bricht, Aer muß wissen, er muß es mit voller Sicherheit wissen, daß ihm im Falle der Niederlage dasselbe Loos bevorsteht, welches er dem Angegriffenen bereiten wollte. Wäre es anders, so würde der Weltfriede nicht ein Jahr gesichert sein: Wir sor- gen, indem wir Frankreich zu einer Gebietsabtretung nöthigen, nicht nur für un'rre eigene Sicherheit, sondern auch für die Aufrechterhaltung des Weltfriedens: wir bringen ein Recht in Anwendung und wir erfüllen unsere Pflicht als Glied dcp europäischen Staitensvstklw, indem wir Frankreich zum Bewußtsein bringen, datz es nicht das Privilegium hat, ungestraft die Gebote des Völkerrechts zu ver­höhnen. Diese Lection war nm so nothwendiger, da Frankreich ja in der That für sich das Recht der Straflosigkeit in Anspruch nahm und auf dies vermeintliche Vorrecht vertrauend, stets bereit war, den Frieden der Welt zu stören.

Daß aber die Landabtretung, die wir Frankreich zugemuthet haben, nicht zu hoch bemessen, nicht hart und grausam ist, ergibt sich ganz einfach aus der Ver­gleichung unser Forderung mit den Opfern, die das siegreiche Frankreich uns auf­erlegt haben würbe; darüber ist kein Wort weiter zu verlieren.

Wer aber meint, daß die Landabtretung, weil Frankreich sie nicht verschmerzen könne, die Quelle neuer Kriege sein werde, der bedenkt nicht, daß Frankreichs Rach­sucht ebenso sehr von den Niederlagen selbst, als von den Folgen derse ben gereizt werden wird. Was die Franzosen krankt, ist vor Allem das Bewußtsein, von den Deutschen besiegt zu sein: der Ingrimm über die Tage von Wörth, Sedan, Le Mans wird tiefer >n ihnen hosten, als der Schmerz über den Verlust von Straß­burg und Metz. Weil wir dies wissen, deshalb grade war es eine unabweisliche Pflicht, deli Franzosen ihre furchtbare Angriffsposi-tion zu entreißen. Sie haben letzt gelernt, daß dem Frevel die Strafe folgt, und die Erneuerung des Frevels ist ihnen dadurch erschwert, daß wir die Pforten zu unserem Gebiete in unsere Hände genommen haben. Vielleicht wird man auch in England noch zu der Er- kenntniß kommen, daß wir damit besser für den Weltfrieden gesorgt haben, als wenn wir Herrn Gladstone und Lord Granville Die Forwulirung der Friedens­bedingungen überlassen hätten.

Es kommen immer mehr Anzeichen, welche darauf hindeuten, daß Italien derjenige Punkt ist, auf welchen sich die ersten Versuche des neuen Frankreichs in der auswärtigen Politik richten werden. Noch neulich hat die Gewissenhaftigkeit mit welcher die italienische Negierung den Gesetzen der Neutralität nachkam und eine für Marseille bestimmte Ladung von Gewehren zu Genua mit Beschlag be­legen ließ, die Franzosen sehr aufgebracht. Jules Simon stellte z. B den ita­lienischen Gisandten Nigra in der heftigsten Weise über die Undankbarkeit Ita­liens zur Rede und drohte damit, daß man Italien, welches seine Existenz der Gnade Frankreichs verdanke, schon fein Benehmen gegen seine Wohlthäter ent­gelten lassen werte. Es b>Durfte der Vermittlung befreundeter Diplomaten, welche Jules S'.mou zu einer förmlichen Abbitte vermochten, um einen vollständigen diplomatischen Bruch zu verhüten.

Die Abneigung gegen Frankreich und die Sympathien für Deutschland nehmen unter diesen Umständen in Italien täglich zu und auch solche Organe, die bisher den Deutschen sich unfreundlich zeigten, haben sich Deutschland all- mälig zugewandt. Das Hauptorgan des gegenwärtigen Cabinets, dieOpinione" nebenbei gesagt, das einflußreichste und verbreitetste Journal Italiens, welches, wenn auch früher französische Sympathien nährend, doch auch Deutschland gegen­über stets eine achtungsvolle Sprache führte ist nun ganz unter die Deut­schen gegangen und stellt sich mit ihren Sympathien offen auf deutsche Seite.

Aus Florenz werden übrigens über die Reise, die Arago beim Beginn des Waffenstillstandes dorthin unternahm, Enthüllungen gemacht, welche das Vor­geben, daß, derselben kein politischer Zweck zu Grunde lag, nicht gelten lassen wollen. Mit dieser Reise fallen zusammen die Demission Garibaldi'S, die Un-