sammelt, um über eine von Worms ausgegangene Vorlage, betreffend den Erlaß einer Stävteordnung für das Großherzogthum Hessen zu berathen und zu beschließen. Den Vorsitz führte Herr Bürgermeister Brück von Worms. Ja mehrstündiger eingehender Debatte verständigte man sich über die Nothwendigkeit des baldigen Erlasse- einer Stävteordnung für Hessen, stellte die Grundzüge einer solchen für die hessischen Verhältnisse, unter Beachtung der Stävteordnung für die preußischen Rheinlande unv Baden, fest und überwies die Ausführung wie die Mottvirung dieser grundlegenden Sätze einer dafür sofort gewählten besonderen Commission. Dieselbe besteht aus den Herren Buchhändler Diehl und Aovocat Ohly von hier, Bürgermeister Racke und Aovocat Dr. Jung aus Mainz, Buchhändler Ricker aus Gießen, Dr. Schroder aus Worms und Aovocat Dr. Weber aus Offenbach. Der Commission ist die Beschleunigung ihrer Arbeit, sowie die Berufung eines „Städte- tags" ausgetragen, zu welchem sämmtliche hessi,che Städte, die mindestens eine Bevölkerung von 4000 Seelen haben, eingeladen werden sollen, Delegtrte aus dem Kreise ihrer Gemeindevorstände zu entsenden.
Darmstadt. Wie dem „Fr. I." berichtet wird, schwebte bei dem Theaterbrande unsere Neustadt in einer großen Gefahr, von welcher nur die Wenigsten die leiseste Ahnung hatten. Etwa 200 Schritte westlich von der Brandstätte befindet sich nämlich rin sehr bedeutendes Petroleumlager einer bekannten Firma, deren Fahrlässigkeit so weit ging, daß eine Menge Pttroleumsässer im Hofe lagerten. Der Wind trieb nun unaufhörlich glühende Kohlen westwärts über die Stadt und eine Menge derselben fielen auch in dem bewußten Hofe auf die dort gelagerten Fässer nieder, so daß u wirklich Wunder zu nehmen ist, daß wir vor dem fürchterlichen Unglück eines großartigen Petroleumbrandes bewahrt blieben. Es hat sich leider bestätigt, daß von ven aus dem Theater geretteten Gegenständen gewissenlose Menschen sich Vieles angeeignet haben.
Darmstadt. Ein Ausruf einer Anzahl angesehener hiesigen Einwohner fordert die Kuastfreuuve auf, ven Betrag ihres Abonnements oder ihrer Theateraus- gäbe, bis wieder gespielt werden kann, fortzuzahlen, er fordert die Burger, welche Geld am Theater verdienen, zu Beiträgen auf, um dann vor die Theatervirection treten und sagen zu können: „Seht, toir zahlen fort — bezahlt Ihr auch weiter! — Vom Gemeinverath der Residenz wurden 12,000 fl. als Beitrag zur Erbauung eines Jnterimstheaters bewilligt. — Von den Bühnen München'-, Frankfurt'- unv Weimar's sind bereits Gastspielanträge an hervorragende Mitglieder des Hoftheaters eingelaufen.
Darmstadt, 30. October. Major v. Hesse vom 3. Infanterie-Regiment ist in den Ruhkstanv versetzt worden. Diese Penfionirung erregt hier insofern Aufsehen, als man mit ihr gewisse Vorgänge, welche in dem Gefecht von Montli- vault stattgehabt haben sollen, in Verbindung bringen zu muffen glaubt. ($. I.) t Berlin, 30. October. Deutscher Reichstag. 11. Sitzung. Präsident Dr. Simson eröffnet die Sitzung um 121/* Uhr. Am Tische des Bundesraths: Fürst Bismarck, v. Roon, Delbrück, v. Pfrttschner, v. Mittnacht, Admiral Jachmann, General-Posi-Director Stephan, Dr. Kirchenpaur rc.
Auf der Tagesordnung sieht die erste Berathung des Gesetz-EntwurfeS, betr. den HauShalts-Etat des Deutschen Reiches für das Jahr 1872.
Die Berathung wird eingeleitet durch den Präsiventen des Reichskanzler- amtes Minister Delbrück: Der vorliegende Gesetz-Entwurf unterscheidet sich von dem Staatshaushalt des Rorvveutschen Bundes, welcher bisher zur Berathung des Reichstages stand, in sehr wesentlichen Beziehungen. Er enthält zuerst den Ausdruck der neuen verfassungsmäßigen Gestaltung Deutschlands und der Der- einigung von Elsaß und Lothringen mit dem Deutschen Reiche, soweit diese Ge- staltung einen finanziellen Ausdruck erhält. Er hat ferner die Ausgabe, den Haushalt des Reiches unv den Haushalt der einzelnen Bundesstaaten unabhängiger zu gestalten, als es bisher der Fall war. In Folge der ersten von mir erwähnten Verschiedenheit wird es überaus schwer, unv beinahe unmöglich, die einzelnen Der- schiebenheiten von dem früheren Etat hervorzuheben. Der Unterschied dieses Etats ist so bedeutend, daß e< überflüssig ist, auf diese Verschiedenheiten weiter einzu- gehen, als solches in der dem Etat beigefügten Denkschrift geschehen ist. Ich glaube indessen, daß es von Interesse sein wird, wenn ich nach einer andern Seite hin eine Vergleichung der Eeats anstelle. Der vorliegende Etat schließt mit einer Ausgabe von 110,522,816 Thlr. ab. Von dieser Ausgabe sollen gedeckt werden, theils aus der von Frankreich gezahlten KriegSentschävigung, theils durch die vom Hause bewilligte Anleihe ein Gesammtbetrag von 8,432,000 Thlr. Es bleiben also aus regelmäßigen Quellen zu decken 102,030,816 Thlr. Von dieser Summe wird ein Theil durch die eigenen Einnahmen des Bundes gedeckt; es sind dies in erster Linie die Zölle unv Verbrauchssteuern. Der vorliegenve Etat weist an Zöllen und Verbrauchssteuern eine Einnahme von 62,536,100 Thlr. nach. Hierzu würde treten der Antheil der von den Südstaaten als Aequivalent für die Bier- und Branntweinsteuer zu entrichten ist, unv es würde als gemeinschaftliche Einnahme eine Summe von 65,750,980 Thlr. sich ergeben. Dieser Einnahme treten ferner hinzu verschiedene Einnahmen der elsaß'- unv lothringen'ichen Eisenbahnen mit 2,954,550 Thlr., so daß sich eine Gesammtsumme von 70,410,273 Thlr. ergiebt. Hiernach bleiben noch aufzubringen 31,637,475 Thlr. In Beziehung auf diese Summe muß nun entschieden werden zwischen denjenigen Bundesstaaten, welche in Gemeinschaft der Post- und Telegraphen-Verwaltung stehen und zwischen denjenigen, bei' welchen dies nicht der Fall ist. Indem ich diese allgemeinen Zahlen gebe,' muß ich ausdrücklich hervorheben, daß ich hierbei alle die kleinen Rüancen habe außer Betracht lassen müssen, da eine solche Darstellung zu weit führen würbe. Es kam wir heut nur darauf an, dem Hause durch Zahlen, welche Sie controltren können, ein ungefähre- Bild davon zu geben, wie sich jene Post der Ausgabe des Bundes berechnen wird, welche nicht durch die eigene Einnahme des Bundes ge- deckt wird. — Redner geht nun auf den weitern Inhalt der Vorlage über und verweist darauf, daß der Umstand, daß der Norddeutsche Bund bei seiner Gründung fein Vermögen besessen, zu manchen Unzuträglichkeiten geführt und es cr- forderlich gemacht hätte, an seine einzelnen Mitglieder Aniorderungen zu stellen, welche von Vielen schwer empfunden seien. In dieser Beziehung sei nun eine önbere Lage geschaffen, so daß es möglich sein werde, die Lasten nach Möglichkeit zu erleichtern; Revner bittet zum Schluß um Annahme der Vorlage.
i Ö empfiehlt den Etat zur Annahme, indem er ausführt,
in Anbetracht der ganzen politischen Lage Europa'- die Bewilligung des pro- vlsoriscken Etats für die Militär-Verwaltung erforderlich sei.
Greil findet den Etat zwar durchsichtig, aber sowohl die für Militärzwecke, ttie die für den Betriebsfond zu verausgabenden Gelder viel zu hoch; der Ab-I solutismus werde dadurch genährt unv ein gesundes Staatsleben untergraben.!
Er will die Militärlasten des Volkes abgemindert sehen und hofft, daß der Etat einer ernstlichen Prüfung in der Commission unterzogen werde.
Lasker wendet sich gegen die Neuerungen des Vorredners, die Regierung kräftigen, heiße nicht, den Absolutismus stärken, aber wer die Regierung schwächen wolle, der spiele mit dem StaatSwohl. Wenn Bayern Millionen B.ckriebsfond habe, so sei die Summe von 10 Millionen für das Reich nicht zu viel; in demselben Maße, wie der Rcichsbetriebsfond wächst, werde er sich hoffentlich in den Einzelstaaten vermindern. Bezüglich des Etats tadelt der Redner, daß die Zinsen der Kriegsschuld nicht in Einnahmen nachgewiesen und die Jnvalivenpensionen gar nicht ausgenommen sind. Weiter tritt er dem Vorurtheil entgegen, daß eine starke Militärmacht die Freiheit untergrabe; die waffenfähige Macht sei durchaus nicht das Gegentheil der Freiheit; nur müsse der Reichstag streng controliren, daß nicht die Entwickelung der Militärmacht als einseitiger Staatszweck verfolgt werde. Für das Pauschquantum von 89,996,000 Thlr. wird Revner stimmen, weil die Ver- hältn'.ssr die rechtzeitige Vorlegung eines neuen Etats verhmverttn, ebenso ist er mit der Erhöhung des Pauschquantums von 225 auf 240 Thlr. wegen besserer Verpflegung einverstanden, aber er glaubt trotzdem, daß große Ersparnisse gemacht werven könnten. Vor Allem verlangt er, daß die Contingentziffcr bestimmt fest- gesetzt werde, und daß die Regierung schon jetzt über die Hohe derselben Auskunft gebe.
An der Debatte betheiligten sich noch weiter bis zu der Stunde, wo wir zur Presse gehen müssen, der Kciegsminisier v. Roon, welcher auf die Monita Lasker's einging, unv die Abgeorvneten Bebel, mit Ausfällen gegen Vas bisherige Verhalten der liberalen Partei im Reichstage, das zur Lösung der socialen Frage nicht beitrage, unv Dr. v. Mohl mit einer Zurückweisung der Vorwürfe Bebel'S. Den Schlußbericht müssen wir uns bis zur nächsten Nummer aufheben.
t Berlin, 30. October. Heute Mittag fand auf dem Schießplätze des Garde-Schützen-Bataillons im Beisein des Kaisers, des Kronprinzen, der Prinzen Carl, Friedrich Carl, Albrecht Sohn und August von Württemberg die feierliche Enthüllung des Denkmals zum Andenken an die während des letzten Krieges ge- fallenen Kameraden des Bataillons statt. Die Feier bestand in einem kurzen Gottesdienst, in welchem der Divisionsprediger Jordan an den Jahrestag der Er- stürmung von Le Bourget erinnerte und in einer Besichtigung des Bataillons durch den Kaiser, der mit mehren der decorirten Mannschaften längere Zeit sich unterhielt; besonders ausgezeichnet durch kaiserliche Hulv wurde der Premier- Lieutcnant v. Appel, der am 30. October 1870 mit seiner Compagnie den übermächtig starken Feind aus Le Bourget hinauswarf und dafür das eiserne Kreuz 1. Classe erhielt. Auch mit mehren der anwesenden Cioilisien, namentlich mit der Deputation des Vereins ehemaliger Gardeschützen unterhielt sich der Kaiser längere Zeit und belobte ihren während des Krieges bewiesenen Patriotismus. Die Ver- abschiedung geschah durch eine Ansprache des Kaisers an das Bataillon, in welcher er für die an ven Tag gelegte Bravour dankte und betonte, daß gerate dieser Truppentheil seine Erwartungen vollkommen erfüllt, ja übertroffen habe; der jetzige Frieden muffe benutzt werden zur Stärkung ter Wehrkraft, damit, wenn dereinst der deutschen Nation wiederum ein Krieg aufgezwungen würde, was Gott verhüten möge, dieselbe Kraft und derselbe Opfersinn walte. Heller Jubel begleitete die Rückfahrt des Monarchen. — Das Denkmal selbst, aus freiwillrgen Beiträgen von Angehörigen und Freunden des Bataillons erbaut, ist ein fast quadratischer, etwa 5' hoher Bau von Cementarbeit, der an seinen 4 Seiten Votivtafeln trägt und von einem schlafenden Löwen bedeckt ist; die vordere Seite zeigt das eiserne Kreuz und das Königswort: „Gott war mit uns, Ihm sei die Ehre", die Hintere Seite die Wivmung des Bataillons an die gefallenen Kameraden, rechts und links sind vie Namen des ehemaligen BatailloncommandeurS Falkenstein v. Fabeck eines Hauptmannes, sieben Lieutenants, eines Bataillonarztes, zwei Portepeefähnrichs, eines Sergeanten, 15 Unteroffizieren, 20 Gefreiten und 146 Schützen, welche sämmt- lich den Heldentod für'6 Vaterland starben, verzeichnet. Ein ganz gleiches Denkmal steht auf den Höhen von St. Privat.
Versailles, 30. October. Die Ratification der Zollconvention ist aus Berlin eingetroffen. Der Austausch erfolgt morgen.
Prag, 30. October. Rieger ist hier eingetroffen. Am Bahnhof von Abgeordneten empfangen, hielt derselbe über das Scheitern des Ausgleichs eine Rede. Die böhmischen Studenten spannten die Pferde von Rieger's Wagen aus und zogen den Wagen bis zur Wohnung. Rieger hielt nochmals eine Rede, worauf die Menge singend und Slavas rufend zur Wohnung Clam - Martinitz' zog. In der Ferdinandgaffe wurde dieselbe jedoch auseinandergesprengt. Etwa 10 Verhaftungen wurden vorgenommen.
Newyork, 26. October. Namens der Bürger von Newyork hat O'Connor eine Cioilllage gegen Tweed angestrengt.
Newyork, 27. October. Die Verhaftung Tweed'S hat ftattgefunden, doch wurde derselbe gegen Bürgschaft von 1,000,000 L. wieder auf freien Fuß gesetzt. Bisher haben die Untersuchungen bereits Veruntreuungen von 19,500,000 L. zum Nachtheil Der städtischen Caffe ergeben. — Der Präsident hat Hrn. William M. Ewarts und Hrn. Benjamin Curtis zu Anwälten beim Genfer Schiedsgericht ernannt. Da Hr. Caleb Cushing schon früher zu dem nämlichen Posten bestellt worden war, wird die amerikanische Seite durch drei Rechtsanwälte vertreten sein.
Vermischtes.
In der Ortschaft TaraSct des Kiewer Gouvernements haben die Dauern eine gräßliche Unthat begangen. In der Gegend trieb sich ein Pferdedieb herum, der den Bauern vielen Schaden Ulfügte. Als diese den Dieb nach langem vergeblichen Aufpassen endlich dach erwischten, da risse» sie ihm die Kopf- und Barthaare einzelmeise aus und stachen ihn mit Strohhalmen in die Augen. Dann schlugen sie so lange auf die nackten Sohlen des Delinquenten, bis diese übermäßig an- schwollen; hierauf rissen sie ihm die Augen aus und zertraten dieselben. Zum Schluffe flöchte» sie ihm Arme und Beine auf ein Wagenrad, daß sie ganz zerschmettert wurden, und führten die Leiche in hockender Stellung auf ein Pferd gebunden in die Stadt zu Gericht. Die Thäter wurden sofort in Hast genommen.
Literarisches.
Heute, bei dem stets steigenden, schon jetzt alle Classen der Gesellschaft umfassenden Verkehr, ist wohl ziemlich Jedermann eines Notizbuchs bedürftig. Wir glauben als ein solches Leske's Schreib- und Geschäftskalender für 1872 , 61. Jahrgang, jedem Beamten und Geschäftsmanne, sowie jeder Familie mit vollem Recht empfehlen zu sollen. Sein, auf der Höhe der Zeit stehender Inhalt ist reich an geschäftlichen, statistischen und sonstigen gemeinnützigen Notizen, das Format, klein Octav, handlich, die Ausstattung durchaus sauber, der Preis von 36 Kreuzern für das gebundenes 20 Bogen starke Exemplar sehr billig. Man findet das Büchlein in jeder Buchhandlung
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