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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Au-, nähme Montag«.

Expedition: Canzleiberg Ltt. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hieben.

Nr. 233. Donnerstag den 2. November 1871.

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1. November.

Um von vornherein dem Dorurtheile entgegen zu treten, welches sich bei früheren Volkszählungen gezeigt hat, daß nämlich die Bevölkerungsaufnahme auch zu Zwecken der Steuerveranlagung erfolge, soll, wo es erforderlich ist, durch die Regierungsbehörden öffentlich bemeikt werden, baß ein solcher Zweck gänzlich fern liegt. Es soll nur ermittelt werden, wie viel Einwohner das deutsche Reich zählt, wie viel die einzelnen Staaten, Provinzen, Regierungsbezirke, Städte und Dörfer enthalten, wie sich die Bevölkerung nach Geschlecht, Alter und Religionsbekenntniß vertheilt, wie viele Personen in den einzelnen Erwerbszweigen beschäftigt sind, in welchem Maße die Schulbildung verbreitet ist und wie viele zum Erwerbe größten- theils unfähige, namentlich taubstumme, blinde, blödsinnige und irrsinnige Personen vorhanden sind. Daraus soll ersichtlich gemacht werden, baß hier ganz andere Fragen als Steuerveranlagung zur Sprache kommen. Die Ermittelung für bie Bevölkerung ist wichtig für die Ausgleichung der Einnahmen und Herauszahlung bei der Zollvereinsabrechnung und Feststellung der Militärcontingente.

Auf Grund des Artikels 50 der deutschen Reichsverfaffung hat der Kaiser jetzt neue Bestimmungen über die Uniformen der Postbeamten und Post-Unter, beamten, sowie über die Montirung der Postillone im Bereiche der Reichspostverwaltung genehmigt. Die Galla-(Staats-) Uniformen werden durch die neuen Bestimmungen nicht berührt, auch können die vorhandenen Uniformen aufgetragen werden. Die Festsetzung des Termins für das Anlegen der neuen Uniform bleibt Vorbehalten. Die Musser der neuen Uniformen werden in kürzester Frist zugänglich gemacht werden. 1

Auf die Nachricht hin, daß Graf Hohenwart sein Entlaffungsgesuch ringe- reicht habe, beglückwünscht dieTimes" den Kaiser von Oesterreich, baß er dem Ralhe seiner besten Freunde gefolgt sei. Es sei erfreulich, daß Beust und Andraffy den Sieg davon getragen hätten. Wer auch immer die Männer sein mögen, denen der Kaiser die Bildung seines neuen österreichischen Ministeriums anvertraut, so viel stehe fest, irgend ein Plan müsse vorgelegt werden, welcher bie berechtigten Ansprüche der Czechen unter Bedingungen zuließe, wie fie sich mit der Verfassung und mit der Unversehrtheit der Monarchie vertragen.

Die Krists dauert in Wien auch noch heute fort. Graf Hohenwart führt zwar nur noch provisorisch bie Geschäfte, aber ber Ausgleichsgedanke wird in den obersten Regionen noch festgehalten, und nur die Hohenwart'sche Methode der Operation ist aufgegeben. Eine ganze Schaar von föderalistischen Führern, Polen und Slovenen, stnb in Wien eingetroffen und suchen politische Zugeständnisse für ihre Partei zu gewinnen. Weder Graf Beust noch Andrassy sind daher in den Hafen der Ruhe cingekehrt, und Beide, von denen der Erstere das Zimmer hüten muß, conferiren sehr eifrig miteinander. Ueber die Zusammensetzung des künftigen Ministeriums cursiren nur Gerüchte; bezeichnend für die augenblickliche Stimmung und Situation ist es aber, daß unter den Mitgliedern des zu erwartenden Eabinets beständig hohe Militärs obenan stehen. Auch spricht man von einem katholisch- eentralistischen Ministerium.

Die Frage über den Fortbestand de« Hohcnwart'schen Eabinets war am 27. vorigen Monats entschieden. Das am Abend des Samstag ausgegebene Bulletin des officiösenOesterreichischen Journals" lautet: Der Kaiser hat das Gesammt- entlaffungsgesuch des Ministeriums Hohenwart angenommen und bie Entlassung förmlich ertheilt. Am Freitag hat ber letzte Ministerrath unter Vorsitz Sr. Maj. des Kaisers stattgefunven. In den wärmsten Ausdrücken hat der Kaiser dem Mi­nisterium insgesammt und den Ministern einzeln seine Anerkennung und seinen Dank ausgesprochen für ihre Thätigkeit bet ber unter seiner vollen Zustimmung geführten Action der letzten acht Monate; sein unerschüttertes Vertrauen begleite die Minister bei ihrem Austritt aus dem Amte. Nach demPesther Lloyd" hat der Kaiser dem Grafen Hohenwart, als dieser mündlich fein Demisstonsgesuch au- kündigte, gesagt:Ich anerkenne Ihren guten Willen und werde Ihrer nicht vergessen."

In französischen Kreisen hegt man noch immer die Hoffnung, wenigstens Metz wiederzugewinnen, indem man Pondtchery an Deutschland abtrete! Man findet diese Fabel, mit vielen angeblichen Details über die Verhandlungen ausge- stattet, welche Pouyer-Quertier über diesen Gegenstand mit Bismarck eingeleitet, namentlich in legitimistischen Organen ber Provinzialpreffe ausgesponnen. Die vermuthung liegt nahe, als wollten gewisse Kreise auf biese Art versuchen, bie Machteifersucht und den seemännischen Argwohn Englands gegen Deutschland wach­zurufen, indem man letzterem Absichten auf eine Eolontalpolitik unterschiebt, die ihm sicherlich ganz fern liegen.

Da« Buch des Generals von Palikao:Ein Kriegsministerium von 24 Tagen" enthält einen merkwürdigen Brief, den derselbe alsbald nach seinem Ein­tritt in's Ministerium von einem der Generäle des Mac Mahon'schen Eorps erhielt- Der Briefsteller constatirt zuerst den traurigen Zustand der Intendanz und des Derpflegungswcsens, sei es bei der Armee, sei es in Straßburg, gleich beim Be­ginn des Feldzuges.

Das erste, was uns die Commandanten der Mitrailleusenbattenen sagten, fahrt er fort, war, baß man bie Munitionen schonen müsse, weil man deren sehr wenig habe. In der That mußten in der Schlacht vom 6. August (ein Lap­sus läßt den Verfasser immer vom 7. sprechen) die Mitrailleusen und andere Bat- tenen lange Zelt das Schlachtfeld verlassen, um neue Provisionen im Reservepark zu holen, der selbst nur sehr ärmlich ausgestattet war. Als man an diesem Tage Ordre gab, eine Brücke zu sprengen, fand sich im ganzen Armeecorps, weder beim Genie noch b:i der Artillerie, das mindeste Sprengpulver vor. Was aber das Schlimmste ist, daß unsere Artillerie in beklagenswerther Weise derjenigen der Preußen, sowohl was das Kaliber als die Zahl anbetrifft, nicht gewachsen ist. Unsere 4pfündigen Geschütze, hübsche Spielzeuge in einer Ausstellung, haben nir­gends auch nur einen Augenblick vor den 12-Pfündern der Preußen Stand halten können; Tragfähigkeit, Sicherheit und Schnelligkeit des Schusses, Alles ohne Der- gleich, ist bei unseren Feinden Überlegen. Während unsere Artillerie sich niemals halten konnte, verließ diejenige der Preußen nur ihn Stellungen, um vorzurücken; sie schien von der unseren nie getroffen zu werden und bewegte sich mit derselben Kaltblütigkeit und derselben Präciflon, wie auf dem Exercierplatz... Was uns am meisten in der Schlacht vom 6. fehlte, war Artillerie, während die der Preußen sich geradezu erdrückend zeigte. Diese Thatsache war so in die Augen fallend, daß der letzte und unintelligenteste Soldat sie sogar anerkannte. Die einzigen Waffengattungen, welche wirklich auf dem Niveau waren, sind diejenigen, die nicht gerade für gelehrt gelten. Als man die Cavallerie chargiren ließ, rückten zwei Kürassierbrigaden unverzagt mitten in die feindliche Infanterie hinein, die sie ver­nichtete. Was die Infanterie anbetrifft, so war ihre Haltung heroisch... Von ihrer Energie geben die erlittenen Verluste eine Idee: Der Durchschnitt der Ver­luste an Offizieren ist der von 40 auf 64, der an Soldaten von 1200 auf 2200 f es gibt Regimenter, welche weniger, es gibt deren, welche mehr verloren haben... Und nun, mein General, weshalb, wenn man 200,000 Mann in der Hand hat, die leicht zu concentriren sinv, weshalb muß jedes kleine Corps, eins nach dem anderen, sich von Massen des Feindes erdrücken lassen? Warum mußte man die Schlacht annehmen, wenn man weiß, daß man im Treffen einer gegen vier oder fünf stehen muß ? Warum, wenn man die Schlacht verloren sieht, konnte man nicht vom Rest der Energie der Trippen profitiren, um noch zu rechter Zeit die für einen anständigen Rückzug nothwendigen Befehle zu geben, um die Bagage, die Reserveartillerie, die Kriegskasse zu retten ? Warum dieser Masse von Menschen und Pferden eine einzige Rückzugslinie anweisen, auf der man sich weder zu be­wegen, noch regelmäßig zu leben vermag, während jeder Commandaut, wenn man ihm von vornherein für den Rückzug einen Concentrationspunkt angegeben hätte, seine Division schneller und leichter dorthin führen konnte, wobei er seine Truppen nährte, ohne die Ortschaften auszusaugen. Ich berühre diese Fragen nur flüchtig, sie sind zarter Natur. Sie verstehen, mein General, warum ich nicht mehr dar­über sagen kann."

Diese harte Verurtheilung der Kriegsführung des Marschalls Mac Mahon dürfte schwerlich ohne Antwort bleiben.

DerNouvelliste de Rouen" meldet nach einem Schreiben des Dr. Conneau, daß der Kaiser Napoleon aus Gesundheitsrücksichten den Winter auf Malta zuzu­bringen gedenke, wohin er in nächster Zeit abreisen werde.

Wie derDaily Telegraph" erfährt, steht es nunmehr fest, daß, falls nicht unvorhergesehene Ereignisse eintreten, das Conclave der Cardinäle, dem die Er­öffnung des Testamentes von Pius IX. obliegt, nach einer französischen Stadt und nicht nach Rom einberufen werden wird.

Zu der schon gemeldeten Nachricht von einem blutigen Ausstand, der am 2. v. M. in der Hauptstadt Mexico'« stattfand, ist einiges Nähere derNewyork Tribüne" vom 14. Octbr. zu entnehmen: Am 1. October überrumpelte ein Corps Gensd'armen und ein Theil des 13. Cavallerieregiments, im Ganzen 400 Mann, die Citadelle und befestigten sich in derselben mit dem Beistände von 800 Sträf­lingen, die sie aus Dem Belengefängniffe befreit hatten. Die Führer der Revolte waren die Generale Negrete, Toledo, Riveras und Echavarria. Der loyal ge­bliebene Theil der städtischen Garnison griff unter Dem Commando der Generale Rocha, Alatorne und A. Garzia die Insurgenten an, und um Mitternacht nahmen die Nationaltruppen unter General Rocha die Citadelle mit Sturm. Die vier Führer der Revolte entkamen. Dem Fall der Citadelle folgte ein allgemeine« Gemetzel. Sämmtliche Offiziere und Sergeanten der Insurgenten, sowie die Rädelsführer der befreiten Sträflinge wurden gelobtet. Bis 10 Uhr Morgens am genannten Tage waren 250 Insurgenten erschossen. Gouverneur Castro wurde von Rlveras, den er verfolgt hatte, gelobtet.

Darmstadt. Am 25. v. M. hatten sich in Dem hiesigen RathhauSsaalc auf vorherige Einlabung je Drei Delikte Der Gemeindevorstände der Städte Darm­stadt, Mainz, Gießen, Offenbach, Worms, Bingen, Friedberg und Alsfeld ver-