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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Montags.

Expedition: Lanzleiberg Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hießen.

Nr. 1O1. Dienstag den 2. Mai 1871.

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Nachwirkungen des vaticanifchen Concils.

Der unmittelbare Eindruck, welchen der den Bestrebungen der Curie so günstige Ausgang det Concils hervorbrachte, entsprach nicht der lebhaften Auf­regung und Theilnahme, mit welcher die Angehörigen aller Kirchen, nicht blos der katholischen, dem Verlauf der stürmischen Verhandlungen auf demselben gefolgt waren. Ganz besonders nahm der kirchliche Verfassungskampf, zu dem die Der- Handlungen sich zuspitzten, die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch. Gerade das Aufwerfen der DerfassungSfrage hatte den gebildeteren und hervorragenden Thcil des EpitcopatS mit Erbitterung gegen Rom erfüllt. Zur Theilnahme an dem Feldzuge gegen Staat und Gesellschaft, dessen Programm im SyllabuS aufgestellt war, hätten die Bischöfe, wenn auch nicht ohne geheime Sorge wegen der in Au- ficht gestellten Conflicte mit der Staatsgewalt, verhältnißmäßig leicht sich bereit finden lassen. Die Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit dagegen brachte sie in Aufregung, weil durch dieselbe ihre Stellung dem Papste gegenüber herabgedrückt und die aristokratische Verfassung der Kirche dem Ideal der Jesuiten entsprechend in eine absolutistisch-bureaucratische verwandelt werden sollte, in der die Bischöfe selbstverständlich nur noch als päpstliche Commiffarien zu fungiren hätten, jedes EinflusseS auf die Gefammtleitung der Kirche beraubt. In den ihnen nach altem Kirchenrecht gebührenden Einfluß sollte als geheimer Staatsrath der Kirche der Jesuitenorden treten, dessen thatsächliche Macht neich Annahme des Unfehlbarkeits­dogmas ein Gegengewicht nicht mehr findet.

Nach Annahme der päpstlichen Propositionen durch das Concil fanden sich die dissentirenden Bischöfe rascher, als es von manchen Seiten erwartet war, in die von der Curie ihnen angesonnene Machtverminderung, obwohl die Formlosigkeit der Verhandlungen und der auf sie ausgeübte gewaltsame Druck ihnen hinreichende Veranlassung geboten hätte, vom kanonischen Standpunkte aus gegen die Beschlüsse zu protestiren. Hätten fie sich in ihrer Gesammtheik auf den allkatholischen Stand- punkt gestellt, so wäre ihre Stellung unerschütterlich gewesen, und die Katholiken aller civilisirten Länder würden in ihnen die Regeneration der katholischen Kirche gesehen und ihnen in überwiegender Mehrheit treu zur Seite getreten sein.

Aber Jahre lang gewohnt, der Curie in ihrem Kampfe gegen den Staat und die Gesellschaft willenlosen Gehorsam zu leisten, waren sie gelähmt, jetzt, wo es galt, ihre eigenen Rechte gegen die Concilsbeschlüffe zu vertheidigen. Sie unter- warfen sich, und mit ihrer Unterwerfung schien der Sieg der Curie vollendet zu sein. Der Deutsch-französische Krieg nahm bald die Aufmerksamkeit der Welt so ausschließlich in Anspruch, daß man sich um die möglichen Folgen der Concils-

beschlösse wenig kümmerte. Im Allgemeinen war man der Ansicht, daß Satzun-

gen, die so sehr gegen den Geist des Jahrhunderts und gegen die Vernunft ver­stießen, nur ein tsdter Buchstabe bleiben würden. Es ist dies eben eine der selt­

samen Inkonsequenzen der öffentlichen Meinung, daß sie von der Gewalt des Ultramontanismus sich bald die großartigsten, oft selbst übertriebenen Vorstellungen macht, bald feine Macht bei Weitem unterschätzt, und daher gerade in den ent­scheidendsten Momenten seiner Entwicklung freien Spielraum läßt. Vor dem Concil zuckte man spottend über die Anmaßungen der Curie die Achseln, statt denselben einen Riegel vorzuschieben; während des Concils, wo man in der That nichts thun konnte, gerieth man in einen Eifer, der der Curie wenig Sorge machte; nach Dem Concil war man wieder in der Stimmung, die Sache auf sich beruhen zu lassen, mit dem stillen Vorbehalte, von Fall zu Fall mit der Curie sich aus­einanderzusetzen, eine Methode, der die Curie alle ihre Erfolge verdankt und gegen diese daher durchaus nichts einzuwenden hat.

Die Wahlerfolge der ultramontanen Partei und ihr unvorsichtiges, heraus­forderndes Auftreten im Reichstage haben das deutsche Volk genöthigt, den Concils- beschlüssen wieder seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wir schlagen es sehr hoch an, daß die einmütigen Beschlüsse der Volksvertretung den Übergriffen des Ultra- montanismus zunächst einen Damm entgegengestellt haben. Aber zum Vorkämpfer in dem geistigen Kampf wieder den Ultramontanismus, der doch allein zu ent- scheidenden, bleibenden Ergebnissen führen kann, ist der Reichstag natürlich nicht berufen. Der Cntscheidungskampf wider die Concilsbefchlüsse muß innerhalb Der Kirche selbst geführt werden; er muß als eine Reaction des katholischen Gewissens gegen Die ultramontane Herrschsucht unD Vergewaltigung erscheinen.

Döllinger ist es, Der im Namen Des katholischen Gewissens Verwahrung gegen Die neukatholischen Satzungen eingelegt hat. UnD Döllinger ist wie fein Anderer berufen, in diesem Streite die alte Kirche wider den Neukatholicismus des vatikanischen Concils zu vertreten. Er ist anerkanntermaßen der erste katholische Theologe Der Gegenwart, in kirchengeschichtlichen unD dogmatischen Dingen Die größte Autorität Der katholischen Kirche, unD dabei ein Mann, dessen streng kirch­liche Gesinnung höchstens von den Jesuiten, Die ihm schon seit längerer Zeit feindlich gesinnt find, in Zweifel gezogen werden* kann. Diese Eigenschaften erklären den tiefen und peinlichen Eindruck, den sein mannhaftes Auftreten auf die Ultramon­tanen hervorgebracht hat. Wenn auch von bischöflicher Seite erklärt wird, die Kirche ist da, wo der Papst und die Bischöfe sind, so gibt es doch manchen stren­gen Katholiken, der sie im Falle des Conflicts zwischen den Bischösen und Dollinger lieber da suchen möchte, wo Döllinger ist.

Einen Beweis für Den tiefen Eindruck, Den Döllingers Vorgehen gemacht hat, sehen wir in Der raschen Verhängung Der großen Exkommunikation toiDer Den berühmten Theologen. Sobald» sich Die Fruchtlosigkeit aller Bemühungen, ihn zu einem Widerruf zu bewegen, herausgestellt hatte, mußte mit Entschiedenheit ver­fahren, mußte er möglichst schnell aus der Kirche ausgeschlossen werden. Ob rS gelingen wird, durch seine Scheidung von der Kirche seinen Einfluß auf die Glieder derselben zu brechen, das ist freilich sehr fraglich. DaS allerdings hat der Erz­bischof von München-Freifing erreicht, daß die Pfarrgeistlichkeit von München und mehreren Städten sich gegen Döllinger ausgesprochen hat, und es wird durchaus uicht schwer fallen, ähnliche Kundgebungen in ganz Bayern, ja auch außerhalb Bayerns, hervorzurufen; dazu bedarf es nur eines Winkes von Rom. Auch werden die Pfarrer in dem bayerischen Hochlande und anderen Burgen des Ultramon- tanismus die Gemeinden ohne Mühe davon überzeugen, daß Döllinger ein Ab- trünniger und Ketzer sei. Die gebildete katholische Laienwelt aber wird nicht iv Dem Erzbischof, sondern in dem excommunicirten StiftSprobst den wahren Vertreter Der Kirche sehen; unD nicht etwa vorzugsweise Die freigesinnten, sondern auch streng kirchlichen Elemente, wie ein Blick auf Die zahlreichen an Döllinger gerich­teten ZustimmungSadreffen beweist.

Welchen Ausgang Die Bewegung nehmen wird, vermag Niemand vorherzu sagen. Daß sie aber die innigste Theilnahme auch der Protestanten verdient, i| unzweifelhaft. Sie ist hcrvorgegangen aus einer mächtigen Regung der religiöse, Ueberzeugung und des deutschen Gewissens.' Und eine Sache, die auf dem Deut schen Gewissen beruht, ist stark. Hoffen wir, daß sie sich auch Diesmal stärke erweisen werde, als die Macht des Papstes und Derjenigen, welche Döllinger Der Dämmen, weil er über das Concil und das in demselben beobachtete Verfahre heute noch eben so denkt, wie vor einem Jahre fie selbst gedacht haben.

Die königlich württembergische Felddivision hat von Rheims aus der Dictoric National-Jnvalidenstiftung als Beitrag zu der von dem Kronprinzen des deutsche Reiches begründeten deutschen Jnvalidenstiftung eine Tageslöhnung sämmtliche Unteroffiziere und Mannschaften, sowie die GehaltSrate der Offiziere, Aerzte un Beamten auf einen Tag im Belaufe von mehr als 5000 Gulden übersandt. - Diese hocherfreuliche, wahrhaft patriotische Gabe, welche auf diesem Gebiete i solcher Einmüthigkeit zuerst Der Süden unseres Vaterlandes der gemeinsamen Sack Darbringt, legt Zeugmß ab, daß Diejenigen, die in treuer Waffenbrüderschaft ai Dem Schlachtfclde so glänzend als Eins mit uns sich erprobt haben, ebenso bere sind, ohne Unterschied der Stämme auch in Den Werken Der freien Seldstthätigke und Selbstbestimmung für Da« ganze Deutschland einzutreten.

* In der Donnerstagssitzung des Reichstages Debütirte DieVerfassung' Partei" in Dem Fach Derernsten Derfassungsfragen," wie Der Oberregiffeur He Windthorst einem geehrten Publico zu wissen funD that. Titel Des Stücks:D itio in partes", auSgesührt vom ganzenCorps des Centrum" mit Soloparthti Der Herren Mayr (Augsburg), Greil unD Windthorst. Das Stück litt Schi! : bruch, Da Das Publikum nach Beendigung Der Soloparthien genug hatte, zisch und die projectirte graziöse Auswanderung nachFraction Müller" unterbleib' mußte. Die Herren sind in der That wenig politisch, sonst würden sie Die - leidige Trennung nicht in Scene setzen wollen bei Sachen, bei Denen sie tot gleichgiltig ist: Dadurch machen sie das ganze Institut verhaßt und stärken l Opposition für die Fälle, wo ihnen vielleicht die Secession höchst erwünscht fe müßte. Am Donnerstag hätten die Herren gewiß warten müssen, bis ihnen den Jnteressirten die Abstimmung verboten wurde, sie thaten es nicht und - blamirten sich als Politiker wie als Verfaffungskenner: Denn, wie Herr Delbn sehr richtig bemerkte, ist die Deckung von Matrikularbeiträgen dis gemeinsam Angelegenheit Des deutschen Reiches und es kommt nicht darauf an, wer J zahlen hat, sondern ob überhaupt das Deutsche Reich zahlen muß; und d muß es als Rechtsnachfolger des norddeutschen Bundes.

t Das Organ der Katholiken, DieGermania", berichtete, wie sch 1 erwähnt, kürzlich über eine Antwort, welche der deutsche Kaiser einer Deputati ; Der Maltasar zu Gunsten DeS heiligen Vaters in Versailles erteilt haben fc ' unD wonach Seitens Des Kaisers Die Aeußerung gefallen wäre:seine Gesinnung 1 für Den Papst, als dem kirchlichen Oberhaupte seiner katholischen Untertan . seien noch stets dieselben, er sehe in der Occupation Roms einen Gewaltakt, sor 1 eine Anmaßung von Seiten Italiens, und er würde nach Beendigung des Krief in Gemeinschaft mit den anderen Fürsten Schritte Dagegen in Betracht ziehe,

Das katholische Blatt zieht nun hieraus Den Schluß, Daß Die BunD regieruug Durchaus nicht Darauf verzichtet habe, eine Action zu Gunsten des Papf ' einzuleiten und durchzuführen. Das ist nun selbstverständlich lediglich eine Jllusii * Die in den Köpfen Der extremen Uitramontanen spukt, Denn jeder vernünftige Ma weiß, daß Die Deutsche Politik weder heute noch vor zehn Jahren, wo PreusJ unter den ersten der Mächte sich befand, welche da-Königreich Italien anerkannt jemals daran gedacht hat, den Italienern zu verbieten, daß sie Rom zu ih Hauptstadt machen. In Der That, Die römisch-italienische Angelegenheit wäre (