Ausgabe 
31.12.1870
 
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Die republikanische, von den Parisern proclamirte Regierung hat den Kampf fortgesetzt, weil ihre Existenz von der Fortsetzung defselben bedingt war, sie hat ihr «genes Interesse, nicht da- Wohl de- Landes zur Richtschnur ihre- Handeln- gemacht. Indessen wenn ihr Widerstand auch politisch durchaus ungerechtfertigt ist, so sind die militärischen Leistungen der neu gebildeten republikanischen Heere doch nicht gering anzuschlagen. Die Widerstandskraft der numerisch autzerordent- lich starken und gut geführten Loirearmee hat sich ehrenvoll bewahrt, wie denn auch unsere Krieger der Tapferkeit de- Feinde- in den letzten Kämpfen alle Ge­rechtigkeit widerfahren lassen. Wohl trifft den Kaiser de- französischen Staates eine schwere Verantwortung wegen de- unnütz vergossenen Blute-; aber die Opfer ihrer unsinnigen Politik haben sowohl vor Pari- wie in den übrigen Kämpfen ihre Soldatenpflicht erfüllt; sie haben mit ehrlichen Waffen gekämpft, und wurden von ihren deutschen Gegnern al- ehrliche Soldaten angesehen. Daß diese neu gebildeten Heere nach wiederholten Niederlagen nicht die festgefügte Haltung alter Truppen bewahren (wovon die große Anzahl der Versprengten und Marodeure ein unwiderlegliche- Zeugniß ablegt) ist natürlich; und es ist daraus diesen Truppen kaum ein Vorwurf zu machen.

Zu diesen geschlossenen, regelmäßig organisirten Heere-maffen kommt nun aber ein schlechthin verderbliches und verwerfliches Element, die Guerillabanden, welche dem Kriege den Charakter eines Volkskriegs geben sollen. Die Thätigkeil der Franktireur- und der bewaffneten Bauern, die aus sicherem Versteck auf Pa­trouillen schießen und gelegentlich auch wohl ein schwaches feindliches Detachement beunruhigen, übt auf den Gang der kriegerischen Operationen gar keinen Einfluß, aber sie reizt und erbittert den Gegner, weil sie ihn zwingt, auf seine Sicherheit Bedacht zu nehmen, auch wo er einem ebenbürtigen Feinde nicht gegenüber steht. Die- Element droht die an sich schon furchtbare Kriegführung völlig zu vergiften. Ein Feind, der nicht Soldat ist, gilt, und mit vollem Rechte, in den Augen des Soldaten für einen Banditen, das Hau- aus welchem hinterlistig auf ihn vo Civilisten geschossen ist, betrachtet er als eine Räuberherberge und behandel^ nach allgemein geltendem Kriegsrecht nicht anders als eine solche. Den fcr,d>tn Soldaten berührt eine derartige Hinterlist und Tücke um so empfindlich" " seiner ganzen Natur nach durchaus darauf bedacht ist, zu feinen Qu!cr6c*c,n und überhaupt zu der Eivilbevölkerung des occupirten Landes in ejp^kEhltche-, freundliches Verhältniß zu treten, und sich von jeder anspruchsoo^ Unbescheiden, heit fern hält. Er laßt sich Manches im Verkehr mit den ße'£Ucn >

nur die feige Tücke erbittert ihn. Daß unter solchen Umstä^" Repressalien

sich auf da- Nothwendige beschränken, daß die unerläßli^ Strenge niemals ln Grausamkeit und Unmenschlichkeit ausartet, gereicht tw musterhaften, namentlich auch von allen englischen Berichterstattern bewunden Disciplin der deutschen Heere, zum höchsten Ruhme. Wie haben unter glichen Umständen die fran­zösischen Truppen gewüthet! Die äußerste Härteren jede <spur von Frcischaa- renwesen ist einer der festesten Grundsätze der f^nzösischen Kriegführung. Die arme Landbevölkerung Frankreichs wäre wahrlich zu beklagen, wenn wir nach ftan- zösischer Methode gegen sie verfahren wo^en.

Weshalb bemüht sich denn aber oie französische Regierung, einen Guerilla­krieg zu entzünden, der militärisch ihre Lage in keiner Weise bessern kann und der nur dazu beiträgt, die Leiden des Lande- zu vergrößern? Der Grund ist einfach: sie bedarf des Freischaaren- und Banditenwesens, um der Kriegölecden- schäft stets neue Nahrung zu geben. Der Gucrillakri-o »st ein/» u*vot^*en Mittel, um alle Friedenswünsche zu ersticken; er wird nicht bloß gegen die Deut- schen geführt, sondern auch zur Beherrschung der öffentlichen Meinung Frankreichs. Um das Unheil, das sie dadurch über die Bevölkerung des Landes herbeiführen, bekümmern sich die Machthaber außerordentlich wenig, so lange die Wuth wegen der furchtbaren Drangsal sich gegen die Prussiens und nicht gegen Herrn Garn- betta kehrt. Der Guerillakrieg ist ein Symptom des Kriegsfanatismus, und man fürchtet, daß der Fanatismus selbst verschwinden würde, wenn die Gewalt der Symptome als in der Abnahme begriffen erscheine.

Es ist also Methode in dem Verfahren der Machthaber. Aber den Folgen dieses Verfahrens kann kein Franzose, der sich noch einen Rest von Besonnenheit bewahrt hat, ohne Grauen entgegensetzen. Diese Folgen werden sich erst nach dem Kriege in voller Klarheit Herausstellen. Die französische Gesellschaft sicht in der ruhigen Haltung und der Fügsamkeit des Landvolks das Gegengewicht gegen die socialistischen Bestrebungen der großstädtischen Ardeiterbcvölkerung. Aber Frank­reich hat auch wiederholt die Erfahrung gemacht, daß diese unter gewöhnlichen Verhältnissen so lenksame, jeder Initiative entbehrende Arbeiterbevölkerung, einmal entfesselt, der entsetzlichsten Ausschreitungen fähig ist. Wo ist die Kraft in Frank­reich vorhanden, die gleichzeitig einem allgemeinen Bauernau-stande und einer Schilderhebung der Socialrsten erfolgreichen Widerstand leisten könnte? Gambetta hat die rohen Elementarkräfte entfesselt, die vollkommen unfähig sind, sich selbst zu beherrschen, und die, durch den Krieg zum großen Tyeil in ihrem bescheidenen Wohlstand geschädigt, auf lange Zeit hin einem schweren Steuerdrücke verfallen, sich ohne Zweifel der alten Losung: Friede den Hütten und Krieg den Palästen erinnern werden. Was jetzt ein Guerillakrieg ist, bas wird nach Abschluß bcs Friedens voraussichtlich zu einer wüsten Iacquerie ausarten. Eine schwere und dornenvolle Aufgabe wird die Republik ihren Nachfolgern hinterlassen: den gesell- schaftlichen Krieg im ganzen Lande. Die Machtmittel aber, deren die künftige Regierung bedürfen wird, um die Feinde der Gesellschaft zu bekämpfen, hat der auswärtige Krieg erschöpft.

rv dringend Massenandrang der schwereren Briefe keine Beeknträchtlgu .^Bedürfnisse- zu ersucht, die Absendung innerhalb der Grenzen de- einen und den-

halten; die Einlief,rung zweier und mehrerer Feldpostbr^

selben Empfänger an einem Tage ist nicht statthaft. »en, sowie Gegenstän-

Briefe, deren Emlagen aus Fettsubstanz.n, Flütvelche leicht dem Der- den, welche durch Druck oder Reibung leiben, bivrderung unbedingt ausge- berben ausgesetzt sind, bestehen, müssen von diese schloffen werden. .orderung und die Beschaffenheit

Mit Rücksicht auf die weite Strecke dwereren Briefe recht dauerhaft und der Wege ist e- dringend nothwendig, dia verpacken; die kleinen PappcartonS baltbar, am besten in Leinwankcouveleinwanb haben, durchaus zu verwerfen; sind, wenn sie nicht einen Ueberzug v,zösische Grenze erreichen, und die Sachen sie platzen oft schon, bevor sie die fallen heraus. die frühere GewichtSbeschrankung der gewöhn-

Vom 10. Januar ab Gewichte von 4 Loih unbedingt wieder eintreten. licheo Feldpostbriefe bis ^mt sich Vorbehalten, schon früher die Beschränkung Auch muß das General-,pn, wenn etwa die auf den Feldpostbetrieb einwirkenden auf 4 Loth eintreten wieder anders gesialt.n sollten.

Verhältnisse sich inr

Kriegsrrachrichten.

^rrespondenz HaoaS meldet aus Puris: Vom 20. Dec. ab sind alle ^schlossen und in Ambulanten üerroaacclf. Bei dem Ausfälle am 21. Theate;.

zum ersten Male Arlillrrie und Nuionalgarbe verwendet worden. ^^jDieKarlsr. Ztg." theilt al« Beweis franzosi'cher Barbarei den Brief des angenenen Feldwebels Steinmetz mit, batirt Contrenevllle, 2. d. M., an Herrn apitän Holl, M recourt:Ick) bin zum Gelungnen gemacht worden, ich und

die beiden Unteroffiziere und 11 Mann von meinen Leuten, nach einem Kampfe in Vittel, wo wir nur einen D rwunbeten batten, Dörn von der 3. Compagnie, welcher hier unter der Sorge eines Arzte- zurückgeblieben ist. Ich benachrichtige Sie, daß, wenn von Seiten der Preußen Repressalien gegen Vittel, Contreneviüe oder irgend einen aubkren Ort dieser Gegend vorgenommen werden sollten, man uns Allen die Ohren abschneid<n wird. Es geschieht auf ausdrücklichen Befehl des Herrn Oifizicrs, daß ich Sie hiervon benachrichtige und Sie bitte, diese Drohung auch anderen preußischen Befehlshabern mitzutheilen. W>r sollen weiter weggeführt werden. E ne große Menge Garidaldianer waren e-, welche uns nach lebhaftem Widerstände gefangen nahmen. Ich bitte ferner, meiner Frau bavckl Nachricht zu geben. Lebt wohl, liebe Kameraden!"

Ueber die Ermordung re- unglücklichen Comm ndanten Brnaud in Lyon sagtSalut Public": Auf die Berichte über das Gefecht von Nuit- wurde Montag Abends in einer Versammlung von Croix-Rouffe auf Dienstag eine Kund­gebung mit schwarzgekleideten Frauen und einer rvthen Fahne beschlossen. Es sollte ein Revolutionscomite ausgeft Ut werden, welches Pricster und Aristokraten zur Armee zu schicken hätte. Aber ter Bataillonschef, an den sich der Club wendete, versagte seine Mitwirkung; darauf verlangten die Füdrrr von Arnaud, Chef d'Atelier und Nationalgarde-Commanvant, baß er fern Bataillon zur Ver­fügung stelle. Als er sich ebenfalls weigerte, schuppten ihn die Weiber aus dem iNeria-vmtungslocsl (Saal 93-ikntino). Arnauv, von einigen Lärmern mit Flinten­schüssen bedroht, zog einen Revoivcr und erhielt darauf einen Bayonnetstich in die Stirne; er erwiderte den Stoß mit zwei Schüssen, die in die Lust gingen. Jetzt hieß <1:Er hat auf du« Volk geschossen; ersch'eßt ihn!" Dieses Urtheil wurde von den Meuterern standrechtlich vollzogen, obgleich nicht 30 Schritte weit Linienmilitär einkasernirt und Nationalgarde postirt war. Arnaud hatte noch da- Unglück, schlecht getroff-n zu werden, so daß ihm ein 16jähriger Gamin den Gnadenstoß gab. Der Mord wurde vollbracht von 15 Individuen, begleitet von 20 Megären mit einer rothen Fahne. Arnaud starb gefaßt: er entblößte seine Brust und warf sein Käppi in die Luft mit dem Rufe: Es lebe die Republik! Sein Wunsch, vor seinem Tod noch Frau und Kinder zu sehen, wurde nicht erfüllt. Die Mörder schossen einer nach dem andern; erst auf den fünften Schuß fiel der Unglückliche, war aber nicht todt. Der obengenannte Gamin näherte sich dann und schoß ihm seine Kugel durch Vie Brust. Noch lebte Arnaud und suchte sich auf die Kniee zu erheben, worauf er einem Schuß in das Hinterhaupt erlag. Die Justiz ist sofort eingeschritten und die Nationalgarbe verhaftete die Haupt­schuldigen. Die Ruhe ist hergestellt- Gambetta soll tncogntto in cer Stadt sein.

München, 27. Dec. Der König von Preußen hat untcrm 22. Decembcr an den General v. d. Tann folgende Ordre erlassen: Das Ihnen untergebene königljch bayerische erste Armeecorps hat fast drei Monate unmittelbar vor dem Feinde gestanden, in dieser Zeit zahlreiche Gefechte geschlagen und Anstrengungen erduldet, wie selten einem Truppenih-ile zugefallen. Sie haben sich in dieser Zeit vielfach Anspruch auf Anerkennung erworben, in deren Bcthäkigung ich Ihnen hierdurch den Orden pour le merite verleihe. Mit dieser Dekoration lasse ich Ihne» jetzt, wo das Armeecorps in sein früheres Verhältniß zur dritten Armee zurückgekeyrt ist, auch noch beifolgende 30 Eis rne Kreuze II. CUffe zugehen und ermächtige Sie, dieselben an Offiziere und Mannschaften des königlich bayerischen ersten Armeecorps zu vertheilen, die sich unter ten stattgehabten schwierigen Ver­hältnissen besonders ausgezeichnet haben.

DieProvinzial-Correspondenz" schreibt bezüglich der Beschießung des Mont Avron, es handle sich noch nicht um die Beschießung der Stadt, ja noch nicht um die unmittelbare Beschießung der Forts, wohl aber um eine wirksame Ein­leitung dazu. Sobald der Mont Avron genommen sei, werde nicht blos da- Vorgehen gegen die nächstliegenden Forts wesentlich erleichtert, sondern auch die Beschießung der naheliegenden Stadttheile ermöglicht werden. Die große Ausgabe werde jetzt um so sicherer au-geführt werden, je weniger die Belagerungsarmee irgendwoher einen Angriff von Außen zu besorgen habe.

Da- Generalpostamt hat folgende Bekanntmachung, die vorübergehende Zu­lassung gewöhnlicher Feldpostbriefe bis zum Gewichte von 8 Loth betreffend, erlassen:

Die gegenwärtigen Verhältnisse im Feldvostbetriebe gestatten es, ausnahms­weise und vorübergehend Feldpostbriefe nach Frankreich, welche mehr als 4 Loth wiegen, und zwar bis zum Gewichte von 8 Loth einschließlich, zur unentgeltlichen Beförderung mit ver Post zuzulassen. Die Annahme dieser schwereren Briefe bei sämmtlichen Postanstalten soll während des Zeitraums vom 27. December 1870 Morgen« bis zum Abende des 9. Januar 1871 erfolgen.

Damit die Beförderung der Correfpondenz nach dem Felde ourch zu großen

Darmstadt, 28. Dec. In der heutigen Sitzung erster Kammer, in welcher 19Mitgliever zugegen waren, wurden die deutschen Verträge einstimmig genehmigt. Ebenso nahm die Kammer den Gesetzentwurf, den Uebergang zu dem Norddeut­schen Strafgesetzbuche betreffend, einstimmig an und verwilligte den vom KriegS- ministerium geforderten Ccedit von 3,336,000 fl. zur Fortführung des Krieges.

Coblenz, 25. Dec. Durch die seit letzter Zeit vielfach gemachten Versuche zur Desertlon der französischen Offiziere und Gefangenen sind die Maßregeln zur Bewachung sehr verstärkt worben. Den französischen Offizieren 'st da- Lesen der sehr antideutsch gehaltenenInbepenbance beige" entzogen und baS Auflegen der­selben in öffentlichen Localen verboten worben. Gestern Abend wurde den Ge­fangenen in den Barackenlagern von wohlthätigen Spendern ebenfalls eine Weih­nachtsfeier nach deutscher Sitte veranstaltet, indem jede- Bataillon einen reich mit Zuckerwaaren verzierten Christbaum, sowie pro Mann ein Bröbchen nebst Wurst, Cigarren und Tabak erhielt; außerdem wurden an die Bedürftigsten Unterhosen, Jacken, Strümpfe, Shawls rc. vertheilt. Die Feier machte auf die Gefangenen einen tiefen Eindruck und mit innerer Zufriedenheit begaben sich dieselben zur Ruhe.

Berlin, 25. Dec. W e aus einer Privatdepesche per WienerPresse" her­vorgeht, ist die Berufung des Bundeskanzleramtspräsidenten v. Delbrück nach Der-