Ausgabe 
31.3.1870
 
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Kleide, den Kranz von Orangenblüthen durch das duftige blonde Haar geschlungen.

Ruhig, aber doch voll Glück und Seligkeit, blickte der Bräutigam auf das liebliche Geschöpf an seiner Seite und als der würdige Priester das Amen gesprochen hatte, da flüsterte er leise:

Jetzt bist Du mein, Charlotte wirklich mein für alle Ewigkeit."

Sie nickte ihm mit strahlendem Lächeln zu.

Als der alte Kantor Johann Gottfried Schicht in Leipzig den ersten Brief von Charlotte Häser, nunmehrige Charlotte Vere, erhielt, und das Glück der­selben daraus sah, murmelte er leise:

Das Kind liebt, und nun weiß ich es sicher aufgehoben. Jetzt, alter Häser, wird es Zeit, daß ich Dir droben von Deiner Lotte erzähle."

Aber Schicht hatte bis dahin noch ein bischen Zeit er starb erst elf Jahre später.

Politische Rundschau.

29. März.

x DieAllg. Ztg." veröffentlicht einen ihr von hervorragender Seite zugegangenen Entwurf für die Bildung eines Staatenvereins, welcher unter Bezug­nahme auf Art. 2 des Nicolsburger Präliminar, frierens Bayern, Württemberg, Baben und ten süd­lichen Theil von Hessen-Darmstadt unter dem Namen Vereinigte Süddeutsche Staaten" zu umfassen hatte. Der Entwurf enthält 17 Artikel. Ein Anhang hier­zu enthält in7 Artikeln einen EntwurfzurSchaffung einer nationalen Vcrbindung zwischen diesenVereinigten Süddeutschen Staaten" und dem Norddeutschen Bunde. Der Art. 1 zählt die gemeinsamen natio­nalen Angelegenheiten auf. Art. 2 erklärt den Schutz und die Sicherung des gesammtrn deutschen Gebietes durch die im Jahr 1866 geschloffenen Ver­träge geregelt. Art. 5 überträgt die Uebcrwachung der gemeinsamen Angelegenheiten einem Bunbesrathe und einem Bundesparlamente. Art. 7 regelt die Bildung des BundesratheS und des Bundesparla­mentes analog, nach den Bestimmungen des Zoll­vertrages.

DerAllg. Ztg." wird aus Stuttgart geschrieben: Die plötzliche Vertagung der Kammern, a!S diese eben im Begriff standen, größere GesetzgebungSvor- lagen zu berathen, und noch ehe die Gelegenheit gegeben war, über den Antrag der 45 in der MiU- tärfrage zu berathen und zu beschließen, fiel heute um so überraschender in die Mitte der Abgeordneten, als gleichzeitig eine Ministerveränderung bekannt wurde, welche ebensowenig vorauSzusehen war. Das also wäre die Antwort auf die 150,000 Unterschrif- ten, welche eine Aenderung der Milttäreinrichtungen verlangen: v. Suckow, der entschiedenste Anhänger des preußischen Systems, Kriegsminister! Und um nichts an Deutlichkeit vermissen zu lass.n, erhält gegenüber dem entschiedenen Willen des württembcrgi- schen Volkes, wie er sich bei den Zollparlaments­wahlen und wiederum bei den Abgeordnetenwahlen geäußert hatte, wo unter 70 Volksabgeordneten 45 Großdeutsche und Demokraten gewählt wurden der großveutsche CultuSminister Golther seine Ent­lassung. Dafür stellt man andererseits eine V rmin- derung des Militärbudgets um eine halbe Million in Aussicht; daran sollen die Wogen der Bewegung sich brechen, oder es sollen doch mit diesem Köder die weniger Entschiedenen unter den 45 Antrag­stellern zur Regierung hinübergeleckt, es soll aus ter Negierungsminderhelt eine Majorität gemacht werden. Daß bei diesen verschiedenen Beweggründen und Rück- sichten die Negierung nichts weniger a!6 einer siche­ren Stellung und eines klaren Zieles sich bewußt ist, geht schon daraus hervor, daß sie ten auf die nächsten Tage zu erwartenden Verhandlungen über das Militärwescn und die davon unzertrcnntlichen politischen Fragen zuvorgekommen, daß sie dem Kampfe darüber ausgewichen ist. Was nun weiter folgen soll das Land hat seit 1866 nie gewußt, was es von dem Ministerium Varnbiiler f.rnerhin zu erwarten habe. Die HH. Minister haben ihre Maß- nähme für den Augenblick getroffen, sie wiff.n wohl selbst nicht, wohin st- w.iter steuern. So viel aber ist gewiß, daß diese B.Handlung der wichtigsten An- gelegenheit des Landes von den Großdeulschen wie ein Schlag ins Gesicht empsuno n iviro, und raß das ganze Land, die wenigen Feinde seiner Freiheit ausgenommen, t.en Schmerz mitempsindet. Und man täusche sich nid)*, ter Schlag bat nicht wie ein Un­glück getroffen, dag man mit Nesignat on hinnimmt, er ist die einfache Zulückweisung einer zu gemein- samer Verfolgung ein.s klaren Zi'cl.s ost dargebote- neu Hand. Das Aufgebot rücksichtsloser Energie, das Herr v. Varnbiiler in den neuen Ministern sich gesichert zu haben scheint, schreckt die Männer nicht, die sich bewußt sind, ebenso fest für des Staats- oberharptes königliches Nicht als für des Landes Wohl einziistehkn. Solchen Schritien der Negierung gegenüber, von welchen nichts gew fstr ist, als daß sie durch preußische M-Hnungen an strammere Haltung hervorg.rufen, und zur B-urkuudung bestimmt sind, daß man an d«n Willen deö Volkes sich nicht zu kehren gemeint sei, h.ilten die Abgeordneten um so

fester zusammen, und das Volk wird seine Gewähl­ten nicht im Stiche lassen.

Die spanischen Blätter veröffentlichen den Brief der Exkönigin Isabella an den Papst, welchen ihr Sohn, der Prinz von Asturien, als Empfehlungs­schreiben nach Rom mitgenommen hatte. Von Wich­tigkeit für Carlisten und MoteradoS sind zwei Punkte in demselben. Einmal bezieht die Königin sich auf einen Brief, worin der Papst ihr mittheilt, daß er seine Gebete an den Allmächtigen richte, damit Gott sie auf den Thron zurückführe, der ihr von Rechts­wegen angehöre. Ferner erklärt Isabella:Heute strebe ich nicht mehr danach, jenes Recht für mich zu sichern; sondern es meinem Sohne, dem Prinzen, zu übertragen." LobenSwerlh ist übrigens JsabellenS Wunsch, baß durch des Prinzen Schuld kein Tropfen Blutes vergossen und auch nicht einen Tag lang der Fricde und die Ruhe Spaniens gestört werde.

30. März.

Der preußischeStaatsanzeiger" enthält eine kgl. Verordnung v. 25. März, wodurch der Zollvereins- BunbeSrath zum 4. April einberufen wird.

/ Die Hauptpunkte des derAllg. Ztg."von her- vorragenber Seite (wohl aus dem Cabinet Hohen­lohe) mitgetheilten Entwurfes eines Südbundes sind folgende: Name:Vereinigte süddeutsche Staaten." Mitglieder: Bayern, Württemberg, Baden, Süd- Hessen. Zweck: gegenseitiger Schutz nach außen, Fricde im Innern, Gemeinsamkeit der HeereSeinrichtungen; gemeinsame Consulate, gegenseitige Mitvertretung durch die Gesandtschaften; gemeinsames Jndigenat; Gemeinsamkeit des Rechtes; gemeinsame Obergerichte. Organisation: Bundenrath mit wechselndem Vorort (Bayern 6 Stimmen, Württemberg 4, Baden 3, Hessen 2 Stimmen) und Ausschuß aus den Landes- Vertretungen. Verhältniß zum Nordbunde: Ausrecht­haltung der Allianz- und Zolloereinsverträge. Ge­meinsame Maßregeln für Ordnung der Maße, Mün­zen, Gewichte, des Bank- und Papiergelbwesens; der Patente; des geistigen EigenthumS; des Eisen­bahn-, des Post- und Telegraphenwesens, der Fluß- sch fffahrt ic. Organe dafür: der Zollbundesrath uno das Zotlparlament, jedoch in letzterem geson­derte Abstimmung der nord- und süddeutschen Mit­glieder.

V Der osficiöse Berliner Correspondent derKöln. Ztg." schreibt: DaS Südbundsprojcct derAugsb. AUg. Ztg.", obgleich mt einem allgemeinen deutschen Bund in Verbindung gebracht, hat keine größeren Aussichten als alle diejenigen, die bis jetzt die poli­tische Speculation beschäftigt haben. Erinnert man sich d r zweifelhaften Ergebnisse der im letzten Jahre gepflogenen Verhandlungen wegen des FestungSver- mögrna und des Schicksals der Hohenlohe'schen Pro- jecte, so laßt sich dag vorhersehen. Die Aussicht auf ein Parlament mehr, das überdies mit einer gebo­tenen itio in partes für die gemeinsamen Ange­legenheiten in die Welt treten würde, wäre unter solchen Bedingungen nichts weniger als verlockend. Derartige Entwürfe haben in so fern einige Bedeu­tung, als sie v<n Beweis liefern, daß die Südstaa- ten Die Unhaltbarkeit ihrer Stellung empfinden, aber einen praktischen Wcrth werden dieselben nicht leicht beanspruchen können. Das Projeet wird vielleicht die Blätter eine Z.it lang beschäftigen; man wird namentlich nicht ohne eine verzeihliche Neugierde nach l em Ursprünge forschen, aber in der Wirklichkeit wird eg fdum eine Nolle spielen.

Ocsterrclck). Wien, 22. März. Das Feudalblatt Qhterlniiö" veröffentlichtaus unzweifelhaft guter Quelle" ^rod röuillche Aktenstücke in Betreff des Eides auf die StaatS- grundg.setze. Dreie Aeußei nagen der Kurie sind, wie dasVa- irrland" sagt, eifoM auf Anfrage der Vorsteheischaft eines DiDftid (der Jesuiten), welker Mitglieder auf üsierreichischen Lehistuhl.n besitzt. DaS eisie Aktenstück, auSgegangen von der bfii. Pönitent arte", erinnert an das BeidanimungSurtheil, weiches Pius IX. über eine ganze Reibe von Bestinimungen beS öfterreichtich.n StaatSgnrndges tzeS ausgesprochen, betr. Glau­bens-, Gewiffens-, Lehr und Unterrichtsfreiheit, Gleichstellung Dir Eonf'isionen, die Schule, die Ehe K. und spricht, darauf genutzt, an dieNniverfttätspro'essoren, Schult.hrer und über, baupt Alle, d e eine öffentliche Stelle befleiten und von der S ia iisreuikiung zur Befolgung dieses StaalSgrundgefetzeS (eidlich) verpflichtet werden," folgendes Verbot anS:(5in Gclöbmß, refp. ein l$ib, wie er oben dargestdlt wird, ist unerlaubt." Auf

eine weitere Anfrage wird der Eid gestattet, wenn im gleicher» Contert hinzugefügt wird:unbeschadet der Gesetze Gottes und der Kirche." Man hat hier ein praktisches Beispiel dafür, wohin der heutige UltramontaniSmuS und PapalismuS führt. Und derlei sollten sich die heutigen Staaten und Culturvücker von Nom aus bieten lassen?

Frankreich. Paris, 24. März. Privatmittheilungen aus Nom vom 23. melden: die vom Papst selbst geschriebene Antwort auf die Note deS Grafen Daru ist nach Paris abge, gangen. DaS Concil hat seine Sitzungen wieder ausgenommen und diScutirt das Schema über die ketzerische Philosophie. DaS Resultat wird Ostermontag verkündigt werden.

Tours, 23. März. Die militärischen Sicherheitsmaß­regeln find noch verstärkt worden. DaS Zeugenverhör wird fortgesetzt. Arthur Arnould, Mitredacteur der Marseillaise, be­richtet Einzelheiten über die Arrestation deS Prinzen. Roche, fort wird eingeführt. Große Spannung im Publikum. Roche­fort sagt:Am Morgen deS 10. Jan. brachte mir Mtlliöre einen Brief von Peter Bonaparte, der in groben und unge­bührlichen Ausdrücken abgefaßt war. Ich beauftragte Milliäre, sich mit Arnould zu besprechen, um das Duell anzuordnen. Ich vermuthete keine Falle. Es war Arago, der mich warnte und sagte, Bonaparte sei sehr gewaltthättg." Rochefort bleibt bei der Verhandlung gegenwärtig. Die Frau Louis Noir sagt aus, Victor Noir sei sehr gutmüthigen Charakters gewesen, er habe gehofft, die Sache beilegen zu können. Die Handschuhe Victor Noir'S seien sehr eng gewesen. Der Ingenieur Che­valier sagt, Victor Noir habe die Absicht gehabt, die Sache beizulegen; seine Handschuhe seien unverletzt geblieben. Sauton, Redacteur desReveil", sagt, Noir wäre gefallen mit dem Hute in der rechten Hand. Zwei andere Zeugen haben über die Ohrfeige nichts gehört. Seinguerlö und Vacherie sagen aus, daß Fonvielle immer bewaffnet ausgehe. Siebecker sagt dasselbe und fügt hinzu, Victor Noir sei wie ein großer Neu­fundländer Hund gewesen, eben so stark und gutmüthig. Archi­tekt Legrand hat den Secretär deS Polizei - CommiffarS sagen hören:Die Geschichte von Auteuil wird mir eine Beförderung einbringen, Dank der Aussage deS Vinviollet." Clary, vom Prinzen berufener Zeuge, sagt, letzterer habe immer einen Re­volver bei sich geführt. EineS TageS habe sich der Prinz nach einem Streite mit ihm später bei ibm entschuldigt.

Tours, 24. März. Im Proceß Bonaparte constatirtev heute mehrer Zeugen den streitsüchtigen Charakter Victor Noir'S. Bei Erwähnung deS Benehmens des Prinzen zu Zaatcha kommt es zu einem lebhaften Wortwechsel zwischen dem Prinzen und dem Advokaten Laurier. Ulrich de Fonvielle betheiligt sich daran, indem er auSrief:Sie haben Victor Noir feiger Weise gemor, det!" Sie Sitzung mmbc zeitweilig aufgehoben.

Tours, 25. März. In der heutigen Sitzung plaidirte der Advocat Floquet und trug auf Schuldigerklärung an. Der Advocat Laurier, der für die Familie auftritt, schließt, indem er sagt, Victor Noir sei beurtheilt worden vom Volke am Tage seines Begräbnisses, an jenem Tage habe er die Unsterb­lichkeit eines Märtyrers erlangt und so müffe auch sein Mör­der die Unsterblichkeit der Schande erlangen.

Tours, 27. März. In den Verhandlungen gegen den Prinzen Peter Bonaparte schloß der Präsident um 1 Uhr 40 Minuten sein Nesume; um 2 Uhr 40 Minuten hatte die Jury ihre Berathung beendigt. Das Verdict verneint alle Schuld- fragen. Der Prinz wurde freigesprochen und seiner Haft ent lassen.

In der Civilprozeß - Verhandlung wurde der Prinz P. Bonaparte zur Zahlung der, für die Familie Noir aus dem Verfahren entstandenen Kosten, sowie zu einem Schadenersatz von 25,000 FrcS. nebst Zinsen verurtheilt.

Vermischtes.

Fulda. Gin Seregant hiesiger Garnison hat, wie einige Blätter melden, von einem in Brasilien gestorbenen entfernten Verwandten l1/? Million Thaler geerbt, und eS soll haupt­sächlich dem Einflüsse deS norddeutschen Gesandten zu verdan­ken sein, daß dem Erben die Erbschaft wirklich zu Theil ge­worden.

BreSlau, 21. März. Die Schles. Ztg. berichtet:Wäh­rend gestern Abend in einem Zimmer der Infanterie - Caserne Nr. 7 im Bürgerwerder der Trompeter Schmeel von der 8. Comp. des 3. Garde-Gren -Regis. (Königin Elisabeth) sein Abendbrod verzehrte, traten mehrere Stuben-Kameraden ein und machten sich über den Alleinfitzenden luftig. In übermüthi, ger Laune versuchten sie darauf, den Kameraden, von dem sie wußten, daß er einen Scherz wohl verstand, am weiteren Essen zu verhindern. Der Angegriffene suchte sich anfänglich in aller Gutmuthigkeit seiner Haut zu wehren; als man ihm aber im­mer mehr zu Leibe ging und einige ihn an Kopf, die anderen an den Füßen packten, wurde er aufgebracht und schlug mit den Händen um sich, wobei er unglücklicher Weise das scharfe und spitze M.ffer in den Händen behielt, mit dem er sich so eben ein Strick Brod abgeschnitten hatte. Leider erhielt der Grenadier Rabowsky während dieses Handgemenges einen Stich in die Herzgegend, so daß et augenblicklich leblos zu Boden stürzte. Der tragische Ausgang dieses harmlosen Scherzes rief unter den Ringenden natürlich einen panischen Schrecken her­vor , der Offizier du jour und ein Militärarzt aus dem nahe gelegenen GarnisoN'Lazareth wurden herbeigerufen, letzterer konnte aber nichts mehr thun, als die Tödtung des Unglück­lichen durch einen Stich ins Herz conftatiren. Der bedauerns- werthe Trompeter Schmeel wurde bald darauf verhaktet und ins Militärgefängniß abgeführt; doch läßt sich wohl mit Be­stimmtheit erwarten daß seine Unvorsichtigkeit die mildeste Be- urtheilung finden wird."

Nedaction, Druck und Verlag der Brü HUschen Univ.-Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.

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