Ausgabe 
29.12.1870
 
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Vorkommen kann, spricht mehr als Alle- seither für den Geist einer Armee, die von solchen Offizieren geleitet wird und in ihnen ihre Vorbilder erkennen soll. Eine solche Armee wird nur noch durch den Schrecken zusammengehaltm unt augenblicklich vielleicht auch zu Thaten der Tapferkeit hingerissen, vermag aber auf die Dauer gewiß keinen Widerstand entgegenzusetzen einer Armee, welche Tapferkeit ebenso wie musterhafte Di-cipliu zu ihren Eigenschaften zählt.

Vor einiger Zeit wurden drei Franktireur« von den Badensern standrecht, lich gehenkt. In Folge dcssen richtete der Oberst Bourra« folgende« Schreiben an den in Dijon befindlichen General Werber:

Herr General! Ich habe in Erfahrung gebracht, daß drei meiner Frank­tireur«, welche von Ihren Soldaten gefangen wurden, gehenkt worden sind. Ja' bitte, mir mitzutheilen, ob dieser Fall ein vereinzelter war, der sich nicht mehr wiederholen soll. Wenn diese Art, Gefangene zu behandeln, zur Regel werden würde, so würde ich mich genöthigt sehen, an den 70 deutschen Gefangenen, welche sich gegenwärtig in meinen Händen befinden, Repressalien zu üben.

General Werder beantwortete diese- Schreiben in folgendem Sinne:

Herr Oberst! Ich habe Befehl gegeben, den Fall, den Sie mir mittheilten, zu untersuchen. In jedem Falle beeile ich mich jedoch, Ihnen zu erklären, baß ähn­liche Falle durchaus nicht mehr Vorkommen sollen und baß ich nie gestatten werbe, daß ein Kriegsgefangener unter den Galgen gestellt werbe.

Garibalbi hat da« ihm verliehene Großkreuz ber Ehrenlegion au-geschlagen.

DerDaily New-" wird au- Dieppe vom 15. geschrieben, baß die Preu ßen Tag- vorher wieber dort eingezogen sind. General Goeben kam mit etn?u 6000 Mann, und wiewohl der Besuch den Einwohnern keineswegs angenehm war, schickte man sich doch um so eher in da« Unvermeidliche, al« man das mu- sterhafre Benehmen des Feinde« in der Woche vorher keineswegs vergessen halte. Bald füllten sich die Straßen mit Cavallerie, Infanterie, Kanonen und Fuhrwerk aller Art. Der Ausrufer ber Statt machte bekannt, baß bie Einwohner sich aus die Einquartierung der Mannschaften und Pferde (der letzteren waren 600) vor» zubereiten hätten, und vor der Abenddämmerung war ter letzte Mann unterge bracht. Die öffentlichen Gebäude wurden mit Schildwachen besitzt, aber bi» französische Flagge auf der Mairie wurde nicht eingezogen. Gegen Dunkcl er­schien eine Proklamation, daß jeder Eigenthümer von Pferden diese, unter An drohung eine« Kriegsgericht- und 100 Franken Strafe für jede Stunde ber Verspätung, auf tem Viehmarkt zu stellen hätte. Etwa 400 Stück wurden vor. geführt, davon aber nur etwa ein Dutzend angekauft und nach dem von eine- Commission angesrtzten Preise bezahlt. Die Schuhmacher machten bei Absatz ihrer Ladenvorräkhe gute Geschäfte. Später, am Tage, wurden ein paar übrig­gebliebene Geschütze auf dem Fort in der Nähe de« Hafen« vernagelt, die in den Magazinen liegenden Bomben entleert unv zerstört. Auch etwa 300 alte Ge­wehre, welche bas 27. Regiment schon in der vorhergehenden Woche zertrümmeri hatte, wurden jetzt auf dem Hofplatze bt« Schlöffe« verbrannt. Während dir Flammen aufloderten, kam ein Kriegsschiff in Sicht. Die Preußen gaben einen Signalschuß ab, worauf da« Fahrzeug die englische Flagge zeigte und sich später al« ba« KanonenbootDascher" au-wie-, welche« ausgeschickt worden war, um die britischen Unterthanen zu beschützen. General v. Goeben hat Ordre gegeben, allen englischen Dampfern freie- Ein- und Auslaufen zu gestalten.Da Be- tragen ber preußischen Truppen (so schließt ber Corresponvcnt seinen Brick) ist äußerst loben-wcrth. Sie sinb so freundlich und gefällig, wie ihre Loge es ihnen erlaubt, vertheilen Almosen an die Bettelkinder, theilen ihre Rationen Wurst und Zwieback mit Anderen, küssen die kleine» Kinder, und thun Alle«, um ihren un­willkommenen Besuch so wenig bitter zu machen, wie möglich."

Versailles, 19. Dec. Vor Kurzem ging bie Nachricht durch die Brüsseler Zeitungen, daß ber Chef-Redacteur de« seit einigen Wochen in Brüssel erscheinen­denGaulois", Herr Tarbe, auf eigenthümliche Weise au« Paris entkommen sei. Er sollte nämlich einem Engländer die Erlaubniß. die preußischen Linien zu pas- siren, für 6000 Franken abgekauft und sich unter dessen N^men davon gemacht haben. Nach zuverlässigen Mittheilungen können wir veifichern, baß diese Anekdote, die, irren wir nicht, auch in deutsche Blätter übergegangen ist, auf Wahrheit beruht. Nur war es nicht ein Engländer, welcher dem Herrn Tarbe seinen Passier­schein und seinen Namen verkaufte, sondern ein Schweizer, und bie V.rkaufsumwe betrug nicht 6000, sondern 10,000 FrcS. In Folge diese« Mißbrauch-, dem ähnliche Geschäfte gefolgt fein sollen, wird jetzt Niemand mehr au« der einge­schlossenen Stabt herau-gelassen.

Laon, 20. Dec. Französische Blätter brachten kürzlich die Nachricht von der Wiebereinnahme von La Fere durch Truppen derNordarmee". Dies ist eine grobe Unwahrheit. 5000 Franzosen erschienen vor der Festung, haben aber selbst den CernirungSversuch aufgegeben, und die Festung ist nach wie vor in unseren Händen. (Die französischen Blätter haben mittlerweile selbst da- falsche Gerücht berichtigt unv erklärt, man habe La Fereunzugänglich" gefunden.)

Telegraphische Depeschen.

und Frankreich« zu veranlassen, in einem und dem nämlichen Conqreß gegenwärtig zu sein, so lange Frankreich und Preußen einen so erbitterten Krieg mit einander rühren. W-r sind über bie Versuche erstaunt, welche sich mehrere europäische Mächte von Neuem machen, um einen Waffenstillstanb herbeizuführen. Wir zweifeln indeß, baß sie reüssiren unv glauben vor Allem, daß die französische Regierung wohl daran thut, im Interesse ihrer eignen Wurve, derartigen Bemühungen qeaen- Über fremb zu bleiben.

Indessen läßt Herr v. Bi-marck in seinen osficiösen Organen erklären was keine sonderlich versöhnlichen Intentionen seiner Seit- andeutet baß er sich keineswegs dem Bombardement von Pari- widersetzt habe unv daß, wenn dieses Bombardement bis jetzt nicht stattgefunden hat, bie Preußen dies rein strate- g'schen Motiven zur Last legen müssen, n-cht aber Gefühlen ber Menschlichkeit, welche H-rr v. Bismarck sich nicht unterschieben lass<n will.

Lille, 24. Dec. Der militär sche Bericht über bie Operationen bei Paris vom 21. dS. sagt: Die Franzosen haben die Positionen im Osten besetzt, nachdem sie die Preußen gezwungen ihr Feuer einzustellen. Admiral La Ronc'öre bat Bourge- angegriffen, kannte sich jedoch nicht behaupten. General Ducrot hat nach einem heftigen Artilleriekampf der Batterie von Posiblon und Mesune am Abend die Ferme- GrvSlay und Le Grand Drancy besetzt. General Trockn bat mit seinen Truppen die Nacht auf dem Kampfplatze verbracht. Die Verluste des Corps des Admiral be la Ronciere sinb stark. Die anberen Corps haben weniger gelitten.

Aus Lille wird gemeldet, daß ein starker Theil der Nord-Armee nach der Champagne marschirt, um die Eisenbahnen zu zerstören und die Verproviantiruna ber deutschen Armeen zu verhindern. n

Officielle militärische Nachrichten.

Versailles., 24. December. Die erste Armee unter General v. Manteuffel griff am 23. den Feind in seiner Stellung nordöstlich Amens an. Trotz seiner doppelten Ueberzahl und zahlreichen Artillerie wurden Beaucourt. Montigny, Frechencourt, Querrieuz, Pont- Noyelles, Bussy, Vecquemont und Daours genommen und gegen heftige Offensivstöße siegreich behauptet, bis die Nacht dem Kampfe ein Ende machte. Bis jetzt über 400 unverwundete Gefangene ein­gebracht. v. Podbielsky.

Amiens^ 24. Dec. Gestern siegreiche Schlacht der 1. Armee an der l'Hallu, 11/2 Meilen nordöstlich von Amiens, gegen die 60,000 Mann starke feindliche Nordarmee. Dieselbe wurde nach Erstürmung mehrerer Dörfer mit sehr bedeutenden Verlusten über den Abschnitt der l'Hallu zurückgeworfen. Bis jetzt 1000 unverwundete Gefangene eingebracht. v. Sperling.

Versailles., 25. December. Am 24. versuchte der Feind zur Deckung seines Rückzuges verschiedene Offensiv-Stöße gegen General v. Manteuffel, wurde aber zurückgeworfen. Ueber 1000 unver­wundete Mannschaften sind bis jetzt in unseren Händen. Am 25. früh meldet General v. Manteuffel: die geschlagene Nordarmee wird in nordöstlicher Richtung von mir verfolgt. v. Podbielsky.

Versailles, 25. Decbr., Morgens 10 Uhr. Der Königin Augusta in Berlin. Vorgestern hat Manteuffel den Feind bei Amiens geschlagen, Details fehlen. Hier nichts Ernstliches vorgefallen, Feind aber immer noch mit Massen vor seiner Ostfront bivouakirend^ Heute 9 Grad Kälte, aber heiter, ohne Schnee und Wind.

Wilhelm.

Versailles, 25. Dec., 4 Uhr Nachm. Der Königin Augusta in Berlin. Manteuffel machte über 1000 Gefangene und nahm einige Geschütze. Die Verfolgung begann erst heute nach Arras.

Wilhelm.

Versailles, 26. Dec. Am 25. erreichte General v. Man­teuffel in der Verfolgung der Kindlichen Nordarmee Albert, wobei Gefangene eingebracht wurden. Vor Paris unterhielt der Feind am 26. ein wirkungsloses Feuer aus den Forts. v. Podbielsky.

Versailles, 27. December. Seit 7 Uhr früh hat die Be­lagerungs-Artillerie das Feuer gegen den Mont Avron eröffnet.

Bordeaux, 23. Dec. Fünfzehnhundert Preußen halten noch Rouen besetzt. Zwei englische Schiffe sind in die Seine eingelaufen bis Duclatr. Zwi­schen Duclair und Rouen sind Torpedo« gelegt worben. Au« allen Depeschen geht hervor, baß bie Preußen ihren Marsch bis Tours befinitiv aufgegeben haben. Sie gehen in ber Richtung von Orleans zurück.

A Bordeaux, 24. Dec. DerMoniteur universel" sagt: Die bedauern«- werthe europäische Diplomatie befindet sich im Augenblick in einer üblen Lage. 3m Begriff zwei oder drei Conserenzen zu eröffnen, die eine um bie orientalische Frage zu regeln, die andere um die luremburgische Angelegenheit zu beseitigen, weiß sie wohl, daß alle Beschlüsse, welche sie in Versammlungen faßt, in welchen Frankreich nicht vertreten ist, Gefahr laufen, früher oder später als ungültig be­trachtet zu werden. Aber wer will das Mittel finden, die Abgesandten Preußens

von Podbielsky.

Versailles, 28. Dec. Die Beschießung des Mont Avron hat im Laufe des 27. ununterbrochen stattgefunden und wird heute fort­gesetzt werben. Diesseitiger Verlust unbedeutend.

von Podbielsky.

Privatdepesche des Gießener Anzeigers.

Paris, den' 21. December. (Ballonpost.) Die Regierung ermächtigte Frankreichs Bank zur außerordentlichen Banknoten-Emission von 2^ Milliarden. Golvagio 4 Procent.

Allgemeiner Anzeiger.

Besondere Bekanntmachungen.

Die Interessenten werden daher aufge-

1) Donnerstag den 29. December,

2) Samstag 31.

5044) Zur Bezahlung der Zinsen, welche

von den bei der hiesigen Spar- und Leih- - , - -------.,n.

kasse angelegten (Kapitalien am Ende dieses > fordert, die Zahlung an diesen Tagen in Jahres fällig werden, sind nachstehende Empfang zu nehmen und hierzu durch Bor- Termine festgesetzt, und zwar: Izeigung der Schuldscheine sich zu legitimiren.

Zugleich wird bemerkt, daß der auf den Donnerstag fallende Zahltag für die In tereffenten der Stadt Gießen, dagegen der auf Samstag fallende Zahltag für die Auswärtigen bestimmt ist.

Die Herren Bürgermeister werden ersucht,

dieses in ihren Gemeinden auf ortsübliche Weise bekannt machen zu lassen.

Gießen, den 28. November 1870.

Der Rechner der Spar- und Leihkasse: Kehr.