Ausgabe 
29.12.1870
 
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PreiL vierteljährig 1 fl. 12 kr. mit Brtngerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl. 27 kr.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Montags.

Expedition: Eanzleiberg Ltt. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.

Nr. 190 Donnerstag den 29. Dcccmtier 1870.

Amtlicher Theil.

Nr. 49 des Bundes-Gesetzblattes des Norddeutschen Bundes, ausgeqeben zu Berlin am 30. November 1870, enthält:

(Nr. 590.) Gesetz, betreffend den ferneren Geldbedarf für die Kriegführung vom 29. November 1870.

(Nr. 591.) Ernennung eines Viceconsuls des Norddeutschen Bundes zu Padstrov.

Nr. 50 des Bundes-Gesetzblattes des Norddeutschen Bundes, ausqeqeben zu Berlin am 16. December 1870, enthält:

(Nr. 592.) Instruction über die Zusammensetzung und den Geschäftsbetrieb der Sachverständigen-Vereine. Vom 12. December 1870.

(Nr. 593.) Bekanntmachung, betreffendere Ausgabe fünfjähriger fünfprocentiger Schatzanweifungen im Betrage von 51,000,000 Thaler oder 7,500,000 Livres Ster­ling. Vom 13. Decembef 1870.

(Nr. 594.) Ernennung eines Vicekonsuls des Norddeutschen Bundes zu Moß (Norwegen).

(Nr. 595.) Ertheilung des Exequatur an den britischen Vicekonsul zu Danzig.

(Nr. 596.) Detzgl. an den Consul der Republik Peru zu Hamburg.

Gießen, den 23. December 1870. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. G o l d m a n n.

Politischer T h e i l.

28. December.

Die Provinzial-Corresp. bespricht das künftige Verhältmß zwischen dem neu­gestalteten Deutschen Reiche und Oesterreich mit besonderer Bezugnahme auf den Inhalt des Prager Friedens. Dieselbe schreibt:In dem Augenblicke, wo die Neugestaltung Deutschlands auf Grund der Verträge des Norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten ihren Abschluß erhalten soll, richtet sich der Blick der deutschen Politiker vielfach auch auf die Beziehungen des neuen Deutschen Reiches zur österreichisch-ungarischen Monarchie, theils mit Rücksicht auf den Prager Frieden, in welchem Preußen und Oesterreich sich über ihre Auffassung von der damals erwarteten Gestaltung der deutschen Verhältnisse verständigt hatten, theils und vor Allem in dem Wunsche, mit dem mächtigen Nachbarreiche Beziehungen zu pflegen, welche der gemeinsamen Vergangenheit ebenso wie den Gesinnungen der beiderseitigen Bevölkerung entsprechen. In dem Prager Frieden war in Aus- sicht genommen, daß die süddeutschen Regierungen sich zu e nem Bunde vereinigen würden, welcher neben einer eigenen «»abhängigen Stellung zugleich in enger» nationale Beziehungen zu dem Norddeutschen Bunde treten sollte. Diese Voraus setzung ist Seitens der süddeutschen Staaten nicht verwirklicht worden; dieselben haben nur die nationalen B ziehungen zu Norddeutschland, und zwar zunächst in der Erneuerung des Zollvereins und in den Schutz- und Trutzbündniffe» ange- knüpft. Niemand vermochte vorauSzusehen, daß unter dem nationalen Aufschwünge, welchen der unerwartete französische Angriff hervorrief, die deutsche Entwicklung ihren Abschluß in der Errichtung eines neuen Deutschen Reiches finden würbe. Norddeutschland aber konnte diese aus dem Geiste des deutschen Volkes in freier Bewegung hervorgegangene Entwicklung nur frcutig begrüßen. Was Oesterreich betrifft, so darf dasselbe auf die Neugestaltung der deutschen Verhältnisse mit dem berechtigten Vertrauen blicken, daß alle Genossen deS neuen Deutschen Bundes Mit unserem Könige von dem Verlangen beseelt sind, aufrichtig freundschaftliche Beziehungen zu dem österreichisch-ungarischen Nachbarstaate zu pflegen, wie solche in den gemeinsamen Interessen und in der Wechselwirkung ihres geistigen und Derkehrslebens begründet sind. Das deutsche Volk darf sich der Hoffnung hin- geben, baß vie Festigkeit und Sicherheit seiner nationalen Gestaltung von ganz Europa und besonders von den Nachbarländern nicht bloß ohne Besorgniß, son- dern mit Genugthuung begrüßt und baß inSbesontere auch Deutschlanb und Oester- reich-Ungarn sich zur Förderung der Wohlfahrt und des Gedeihens beider Länder die Hand reichen werden. Unsere Regierung wirb nicht anstehin, ber österreichisch- ungarischen Regierung gegenüber Vieser Zuversicht offen unb vertrauensvoll Aus druck zu geben." Es soll eine Mittheilung im angebeuteten Sinne bereits nach Wien ergangen sein.

Der Weser-Ztg. wirdaus der Rheinprovinz," 18. Dec., geschrieben: Das auswärtige Amt des Norbdeutschen Bundes hat mittels Schreiben vom 7. d. M. dem Herrn Finanz - Minister mitgetheilt, daß in Solingen durch Ver­mittlung eines englischen Waffenfabrikanten für Frankreich Bayonette angekauft werben sollcn. In Folge dessen sind durch den Finanz-Minister alle Zollbehör den und Zollbeamten, so wie die betreffenden KreiS-Landräthe und Orts-Polizei- behörden mit Instruction versehen worden. Der Engländer, wacher Vie Lieferung vermitteln will, ist der Sohn des großen Waffen-Fubrikanten Webley in Bir­mingham, welcher sich bereits am 2. v. M. nach Solingen begeben Hat, um da­selbst Bayonette zu kaufen, wovon in Birmingham nicht g.nug für die an Frankreich zu liefernden Gewehre zu beschaffen sind. Bereits sind Seitens ber preußischen Zollbeamten Wahrnehmungen gemacht, wonach der Verdacht obwaltet, daß unter den veisch'erensten Formen versucht wirb, Waffen nach Belgien unv Holland zum bemnachstigen Weitertransport nach Frankreich auszuführen, und haben andere Beobachtungen schon in so weit ein Resultat gehabt, als be- reits ein Fall, in welchem die betreffenden Waffen in der Rheinprovinz als Pas- sagiergut Veclarirt waren, zur gerichtlichen Untersuchung gediehen ist."

Die au- ber Schweiz so gut wie olficiell gemeldete Thatsache, daß Frank- reich schon eine geraume Zeit vor dem verhängnißvollen Juli-Monat Haferbestellungen gemacht hatte, stimmt mit ähnlichen Enthüllungen der in St. Eloud gefundenen Papiere bekanntlich überein. Auch ist nicht vergessen, daß derselbe Herr Rauher, der jetzt Broschüren schreibt oder schreiben läßt, um den Kaiser von jeder Kriegs- schulv sreizusprechen, Napoleon HI. feierlich beglückwünscht hatte, daß er seit vier

Jahren den Krieg vorbereitet habe. Damals allerdings glaubte Herr Rouher, baß der Kaiser siegen werde. Er hat sich darin getäuscht unb seine wie der Bona- partisten Darstellung der historischen Ereignisse ist demgemäß eine andere geworden.

Aus Antwerpen wird von ein'm neuen Fluchtversuch von in den dortigen Forts internirten französischen Soldaten gemeldet. In dem Fort Nr. 3 zu BorS- beck hatten dort eingeperrte TurcoS versucht, aus der Casematte einen Minengang zu graben, um dadurch zu entwischen. Da die Forts aber mit Wassergräben umgeben sind und das Wasser stieg, so drang eS in die Casematte unv die TurcoS geriethen in Angst, zu ersaufen, machten einen ungeheuren Lärm, zer­schlugen Thüren und Verschlüge, und als die Wache kam, gab es ein fürchter­liches Gedränge an der AuSgongSthür. Die Osficiere batten die größte Mühe, Die TurcoS in Ordnung zu halten, und im Gewühl sind 13 davon entwischt, vie noch nicht wieder gesuncen sind. Die Uebrigen sind in ein anveres Fort abgefübrt worden.

Aus Konstantinopel, 20. December, telegraphirt man der wienerPresse": Der Czaar hat durch den Botschafter General Ignatiew dem Sultan ein eigen­händiges Schreiben überreichen lassen. Ein großer Tbeil der Flotte geht in das Rothe Meer; die Jntriguen Aegyptens in Arabien sind erwiesen; der Ausstand gewinnt an Umfang. Hobart Pascha soll Commandant der Flotte werden."

Kriegönachrichterr.

Ueber die Gründe der Verzögerung des Bombardements von Paris schreibt ein Mitglied der Reichstagsveputation aus Versailles vom 17. December: Man hat in Deutschland so viel über die Gründe gefabelt, warum das Bombardement von Paris bis jetzt nicht begonnen hat, daß es Ihre Leser interessiren wird, zu hören, daß nur rein militärische Gründe unv Erwägungen hierzu die Veran­lassung waren und noch sind. Das Bombardement wird beginnen, eS wird be­ginne», sobald man in den deutschen Batterien vor Paris genug Munition bereit hat, daß das Resultat außer allem Zweifel steht; denn auf das Sptel so weit oas im Kriege überhaupt in der Hand der leitenden Personen steht wird man nichts setzen. Die Wege von der Endstation ber Eisenbahn sinv mit MunitionS- wagen-Colonnen noch Paris förmlich überfüllt. Auf jebem dieser zweispännigen Wagen befinden sich je nach der Beschaffenheit der Pferde und deS Wagens circa 8 bis 10 Kisten, gefüllt mit 24 Pfünder Granaten. Jede dieser Kisten enthält aber nur zwei Stück Vieser Granaten, Ver Wagen also 16 bis 20 solcher Granaten. Nimmt man nun an, vaß, sobald das Bombarvement beginnt, auf deutscher Seite per Minute 1000 Schuß fallen, so gehören, um die Munition für den Bedarf auch nur einer Minute heran zu schaffen, nicht weniger als sünfzig Wagen und zwar zur Hin- und Rückfahrt nach Lagny auf minde­stens vie Dauer von zwei Tagen. Hiernach kann also ein Jeder, der nur irgend etwas vom Metier versteht, selbst berechnen, welche Quantitäten von Material herbeigeschafft werden müssen, um ein Bombardement nur während 14 Tagen mit Erfolg durchführen zu können. Außerdem aber bestehen weitere rein militärische Erwägungen, die daS Bombardement zur Zeit noch nicht für angezeigt erscheinen lassen. Welches diese Erwägungen sind, darüber schweigen wir, bemerken indessen, baß diese wahrscheinlich bald in Wegfall kommen dürften.

Vor Paris, 16. Dec. Von unbedingt glaubwürdiger Seite wird mir fol­gende Erzählung aus dem Munde eines preußischen Offiziers mitgetheilt. Der- lelbe befand sich, zur Escorte eines Gefangenen-Transports commandirt, mit 38 französischen gefangenen Offizieren in Lagny, als der Befehl ankam, 4 französische Offiziere gegen uns von Paris ausgelieferten deutschen zurückzusenben. Eine Auf- rorcerung an die Gefangenen, 4 aus ihrer Mitt zu diesem Zweck zu bestimmen, blieb ohne Erfolg, d. nicht Einer Lust zur Auswechslung zeigte. Von dem preu­ßischen Offizier auf das Sondeibare ihres Benehmens aufmerksam gemacht, erklärten sich endlich 2 jüngere französische Offiziere zur Auswechslung bereit, allein nur unter der Bedingung, daß ihnen zuvor das Ehrenwort abgenommen würde, nicht mehr in diesem Kriege gegen Deutfchland zu kämpfen. Selbstverständlich konnte auf diese Bedingung nicht eingegangen werden, und ber den Gefangenentransport füdrenve Offizier sah sich genöthigt, 4 Gefangene förmlich zur Auswechslung zu commanbiren. Daß Derartiges bei gefangenen Offizieren im Angesicht Vcs Feindes