Ausgabe 
27.11.1870
 
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Expedition: Canzleiberg Lit. B. Nr. 1.

Mnzeige- und Mmtsölatt für den Kreis Kielen.

Nr. Sonntag den 27. November 1870.

26. November.

In der öffentlichen Meinung Frankreichs scheint, nachdem man Vie Bedeutungslosigkeit des Erfolges Der toirearmce erkannt hat, das 23er langen nach Beendigung des Krieges an Boden zu gewinnen. Pariser Blätter wögen, die Regierung zu tadeln, daß sie nicht Asics aufgeboten habe, um einen Waffenstillstand herbeizuiührcn. Der Ruf nach Wahlen unv nach dem schleunigen Zusammentritt einer Nationalversammlung erhebt sich täglich lauter. Man fängt an, der Prahlcreien und der donnernden Reden Gambetta's überdrüssig zu wer­den. Die Männer, welche das Ruder des Staats in einem verhängnißvollen Augenblick an sich gerissrn haben, besitzen nicht bas Vertrauen des Landes, ja sie haben sogar das Vertrauen derer verloren, die ihnen Anfangs zugejauchzt und sie als die berufenen Retter des Vaterlandes begrüßt haben. Der Glauben an ihre Kraft und Fähigkeit ist geschwunden. Man suhlt, daß sie die Last der auf ihnen ruhenden Vcrantwortlichkeit'Mchf-'tragen können, daß ihre Stellung viel zu schwach ist, um die KricgSmission, die sie erdalten und für deren Durchführung sie sich verpflichtet haben, in eine Friedensmission zu verwandeln. Immer ein­dringlicher flieht sich daher das Verlangen kund, daß Frankreich sein Geschick selbst in die Hand nehme, daß die Vornahme ter Wahlen unter allen Umständen, selbst bei Fortdauer des Kriegszustandes, angeordnet, daß endlich eine Staatsge­walt hergestellt werde, die man als wahre Vertreterin des Landes ansehen kann, unv vie als solche Vie Vollmacht besitzt, auch unter solchen Bevingungen Frieden zu schließen, für welche die gegenwärtigen tumultarisch ernannten und jedes RechtStitels entbehrenden Regenten die Verantwortung nicht auf sich nehmen könnten.

Zu diesen Bedingungen zählt man aber bereits und VaS ist ein beson­ders beachtenswerthes Symptom der rasch fortschreitenden Umstimmung die Abtretung ves Elsaß unv Deutsch-LoihringenS. Edmonv About imSoir" er­klärt jeden weiteren Widerstand für eine Unmöglichkeit; er findet die Forderung, Paris während des Waffenstillstandes zu verproviantiren, ganz lächerlich, unv Vankt Herrn v. Bismarck, vaß er die Pariser nicht in die Lage versetzt habe, ihren unnützen Widerstand ein oder zwei Monate werter forlsetzen zu können. Es sei sofort die Wahl einer constituirenden Versammlung vorzunehmen, die tn 24 Stunden den Frieden zu unterschreiben habe, wenn sie nicht wolle, vaß 2 Mil­lionen Menschen den Hungertod sterben. Favre freilich könne, ohne eines Mein» eives sich schuldig zu machen, nicht einen Friedensvertrag unterzeichnen, der noth- wenviger Weise die Abtretung des Elsaß und Lothringens in sich schließen muffe; man muffe ihn deshalb ersetzen.

Daß ein Chauvinist wie About die Abtretung zweier Provinzen als unver­meidlich ansieht, ist bezeichnend für die Ernüchterung der Stimmung, die ihrer- seitö die natürliche Folge ves Dranges der Umstände ist. Zu diesen zwingenden Umständen gehört unter anderen die fortschreitenve innere Zersetzung des Landes, Vie Frankreich mit völligem Zerfall, mit der politischen Vernichtung bedroht. Es muß doch auch dem eigensinnigsten Fanatismus einleuchten, vaß es besser ist, zwei Provinzen aufzuopfern, als das Land dem Untergänge Preis zu geben. Frank­reich bleibt auch nach dem Verluste dieser Provinzen stark und mächtig, wenn es ihm gelingt, rasch der inneren Schwierigkeiten Herr zu werden, die sich aus dcm Kriege ergeben. Sollte vagegen an den äußern Krieg eine Periode der Bürger- kriege und ter intiern Zersetzung sich anschließen, so würde Frankreich ohne Zwei­fel auf lange Zeit hin das Loos M einst weltgebietenden Spaniens theilen; es würde aus der Reihe der Mächte ersten Ranges vcrschwiNden und seine Kräfte in vem Kampfe wider Vie staatsfeindlichen Mächte in feinem Innern abnutzen.

Aber von größerer Einwirkung auf die Gemüther als die Erwägung dieser Eventualität ist offenbar der gegenwärtig jedem Einzelnen fühlbare Druck der militärischen Lage gewesen. So lange Paris mit Lebensmitteln versorgt war, hielt man die Stadt für uneinnehmbar, zumal da man an einem Ent,atz Vei> selben von Außen nicht zweifelte. Jetzt gehen die Lebensrnittel zu Ende, und jetzt sieht man auch ein, daß der Hunger ein unwiderstehlicher Feind ist. Man ist auf einen P rnct anzelangt, wo man nicht mehr Wochen lang auf Entsatz warten kann. Die Rettung muß augenblicklich kommen, oder sie kommt zu spät. Die Nkttung wurde von der Loirearmee gehofft, aber die Loireacmee bleibt aus, ihr tüchtiger Führer hat alle Wachsamkeit und Energie aufzubieten, um sich einer Umzingelung durch Vie von allen Seiten anrückenden deutschen Heeresmassen zu entziehen; cie Hoffnung, den Parisern rasch zu,Hilfe zu kommen, ist ihm, das läßt sich wohl mit Sicherheit annehmen, völlig abgcschnitten. Und vor Allem die pariser Bevölkerung selbst glaubt nicht mehr an eine Hülfe von Außen. Sie erwartet ihre Rettung nur von dem schleunigen Abschluß eines Friedens.

Ob auch Trochu bereits alle Hoffnung auf einen Entsatz durch AurelleS Paladine aufgegcben bat, ist zweifelhaft; unv ebenso ungewiß ist eS, ob er sich noch für sta.k genug hält, um eine Diversion der Loirearmee durch einen Maffen- auSfall zu unterstützen. Bei seiner Zähigkeit läßt sich indessen erwarten, daß er an der Hoffnung so lange festhaltcn wird, als Vie Loirearmee im Stande ist, vaS Feld zu halten. Hierin liegt Die große, entscheidende Bedeutung der gegenwärtig im Süden und Westen von Puris sich abspielenden kriegerischen Ereignisse. Die Nachricht von einer Niederlage der Loirearmee, von einem Abzug derselben aus der Umgebung der Hauptitadt würde ohne Zweifel sofort den letzten Widerstands- gedanken in den Parisern ersticken unv Vie Eapitulation von Paris zur unmittel­baren Folge haben.

Daher ist denn auch die außerordentliche Spannung, mit der ganz Deutsch­land toeuerai Nachrichten von Dem Kriegstheater zwischen Loire unD Seine ent-

gegensteht, vollkommen gerechtfertigt. Denn auf diesem Schauplatz wird um Den Besitz von Paris gekämpft, und Die Besitznahme von Paris ist bei der seit Kur­zem in Frankreich herrschenden Stimmung der Friede.

Die deutsche Bundesarmee wird nach dem Zutritt der süddeutschen Staa­ten demnächst aus 15 Armeekorps und eimm Gardecoips bestehen. Die 12 ersten Armeecorps sind aus den Truppen der bisherigen norddeutschen Bundes- staaten und Hessens gebildet. Die Nummern 97, 98 und 99, welche bei der bisherigen Numeriruug der norddeutschen Armee ausgefallen waren, werden nunmehr durch die hessischen Regimenter ausgesüllt, die jetzt in drei Linicn-Re- gimenter, ä drei Bataillone, zusammengeschmolzen werden, während die hessische Division bisher aus 4 Regimentern ä 2 Bataillonen bestand. Die Nummern von 109 bis 124 erhalten Die bayerischen Regimenter, die Nummern von 125 bis 136 sind durch die badischen und würtembergischen Truppen auSgefüllt. Die deutsche Armee zählt somit j-tzt 136 Linien-Infantcrie.Regimenter und 9 Garde- Infanterie Regimenter. (Bei Antritt der Regierung des Prinz-Regenten zählte die preußische Armee nur 45 Infanterie-Regimenter.) Das 13. und 14. Armee- corps wird aus den beiden bayerischen Armeecorps gebildet, das 15. aus der badischen und würtembergischen Division. Die badische Division bleibt unverän­dert, die würtcmbergische Division, die bisher 8 Linien-Infanterie-Regimeuter ä 2 Bataillone und 3 Iägerbataillone zählte, wird künftig 6 Linien-Jnfanterie- Regimenter ä 3 Bataillone und 4 Iägerbataillone zählen, so daß dann 30 Iäger­bataillone vorhanden sind, von denen Norddeutschland 16, Bayern 10 und Wür- temberg 4 stellen. - Im Ganzen zählt danach das deutsche Heer in Zukunft: 465 Linienbataillone, 145 Ersatzbataillon^ 216 norddeutsche, 32 bayerische, 6 würtembergische und 4 badische Landwehrbataillone, zusammen also 862 Ba­taillone Infanterie, ausschließlich derjenigen Streitkräfte, die später aus Den waffenfähigen Mannschaften des Elsaß unv Lothringens gebildet werden.

Von beiden Seiten schemen alle Kräfte um Paris zusammengefaßt werden zu sollen. Nach französischen Nachrichten wird sogar VaS 14. deutsche ArmeecorpS des Generals v. Werder als von Dijon in der Richtung nach Paris aufgebrochen bezeichnet. Gewiß ist, daß im Umkreise der französischen Hauptstadt von Orleans über Dreux bis St. Denis sich jetzt außer Der eigentlichen deutschen Belagerungs­armee noch das dieser unmittelbar einverleibte 2. preußische Armeecorps, die Garde- und 2. Landwehrdivision, der Haupttheil der früheren ersten deutschen Armee und dir von Dem Prinzen Friedrich Karl herangeführten Corps massirt befinden. Wider das bestimmte diesseits gehegte Erwarten ist es französischerseits gelungen, nicht nur noch eine wirkliche und jedenfalls nicht unbeträchtliche Armee ins Feld zu stellen, sondern auch aus den in Paris eingeschlossenen Streitkräften die für den Feldkampf geeigneten Elemente in der sogenannten zweiten Pariser Armee zu vereinen, und so einen Durchbruchsversuch derselben vorzubereiten, oder doch we­nigstens als möglich hinzustellen. Es liegen sowohl für die Starke und Zusam­mensetzung dieser Armee von Paris, wie auch für Die der neuen Loirearmee fran- zösische Mittheilungen vor, von Denen Die über die erste Armee, welche in den Pariser Zeitungen von General. Trochu veröffentlicht worden sind, als officiell gelten können, während die anderen mindestens für die Stärke, welche die fran­zösische Regierung ihrer eigentlichen Feldarmee noch geben zu können meint, einen ungefähren Anhalt gewähren. Die zweite Armee von Paris würde demnach in 8 Infanteriedivisionen unv einer Cavalleriedivision aus etwa 70,000 bis 80,000 Mann bestehen, zu welcher nach einer neueren Bestimmung als eine neunte In­fanteriedivision die bisher Der dritten nicht mobilen Armee von Paris zugetheilten Marinetruppen jetzt noch hinzugetreten sind. Die eigentliche Armee der Loire wird hingegen als aus dem 15. und 16. französischen Armeccorps bestehend an­gegeben, deren Stärke sich bei einer Zusammensetzung aus 5 Infanterie- unv einer Cavalleriedivision, resp. 9 InfantcrD» und 3 Cavalleriebrigaven, die mittleren Etatzahlen dabei zu Grunde gelegt, auf 60,000 Mann und zwar 52,000 Mann Infanterie, 5400 Reiter und 3000 Mann Artillerie berechnen würde. Anderer­seits wird diese Armee jedoch zu 80,000 und selbst zu 100,000 und 120,000 Mann geschätzt, welcher Unterschied durch die Zutheilung von Mobilgarden und Franktireurs bedingt erscheinen möchte. Noch sollen nach den französischen An­gaben aber zu dieser Armee das 17. Corps des Grafen Keratry und das 18. Corps des General Bourbaki stoßen, welche zusammen zu 15 Infanterie- und 2 Cavalleriebrrgaden, also zu Vcr Stärke von etwa 90,000 Mann angegeben werden. Wie weit diese letzten Corps sich schon formirt befinden, und ob ihre Vereinigung glücken wird, muß allerdings abgcwartet werden Alles scheint dem­nach auf einen letzten entscheidenden Schlag hinzudrängen, ob dieser Schlag aber noch vor oder erst nach dem Falle von Paris erfolgen wird, das ist die Frage. Im letzteren Falle darf damit wohl die Niederlage auch dieser französischen Feld­armee als nahezu gewiß vorausgesetzt, und eben auf Die Erzielung dieses Vor- theils zweifelsohne das vorläufige abwartende Verhalten der Deutschen Armee zu- rückgeführt werden. Gewiß erscheint andererseits aber, daß dieser große franzö­sische Entsatzversuch Den Fall von Paris noch bis zum Aeußersten verzögern wird, doch sind jetzt von Seiten Der Franzosen sowohl für Den Durchbruchsversuch aus Paris, wie für Die Fortsetzung Der am 9. und 10. d. M. angetretenen Offensiv­operation bereits weitere 14 Tage verloren worden, und eS bleibt deshalb abzu­warten, ob für Paris dieser äußerste Termin nicht bereits eingetreten, oder doch ganz nahe bevorstehend ist.

DieProvinzial-Correspondenz" begrüßt Die bevorstehenDe außerorDentliche ReichStagssession mit nachstehender Betrachtung: