Ausgabe 
27.8.1870
 
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zu sein, scheint einen furchtbaren Eindruck auf sie gemacht zu haben, so daß die letzten Momente des Kampfes den Charakter der Verzweiflung ihrerseits, deutscher- ftltS aber den der rücksichtslosesten Aufopferung und Hingebung Irugn. Aus der Erzählung der aus's Aeußerste erschöpften Eoloaken konnte man die rußerordent- licke Heftigkeit des Kampfes erkennen, in welchem die Franzosen zun ersten Male seit Beginn der Campagne ihre frühere Energie wiedergesunden zu hchcn scheinen und was die Erzählung der Truppen schon Großes und Glorreiches berichtet, das wurde durch den Anblick der zahllosen Leichen und langen Züze von Ver­wundeten bestätigt. Die Verluste stehen leider im Äerhältn'ß zur Größe des Erfolges. Die letzte Attaque der 3. Division (General v. Hartmann) des 2. ArmeecorpS, unter persönlicher Ansübrung des Generals v. Fransecly gegen die Höhen hinter Gravelotte, auf deren Abhängen sich die Franzosen in drei Etagen Schützengräben übereinander eingeschnitten und die über die Höhen hinlausende Chaussee dahinter mit vieler Artillerie besetzt hatten, soll das Furchtbarste gewesen sein, was die Kriegsgeschichte der Neuzeit seit Verbesserung der Feuervaffen kennt, und doch war sie siegreich, so Daß sich beute Metz mit seinem verschanzten Lager vollständig umschlossen findet. Auf der östlichen, deutschen oder rechten Userseite der Mosel steht das ganze 1. Corps (v Manteuffel), auf der westliyen, Pariser oder linken Moseluferseite nördlich das 12. Corps (Die königl. sächi Truppen), deren Cavallerie bereits die Eisenbahn, welche von Metz noch Thicnville führt, an zwei Stellen zerstört, also auch hier die Flucht versperrt bat; sückich daneben das Garde-Corps, südlich daneben das 9., dann ganz im Süden auidem eigent­lichen Schlachtfelde das 11., 8. und 7. Corps. In Reserve auf der Pariser Straße das 3. und 10. Corps und auf besonderem Ehrenplätze zunächst am Feinte, auf den von ihm erstürmten Höhen, das 2. Corps. Das 4. Corps scheint zu einer besonderen Bestimmung abcommandirt zu sein, und gewiß wird man sehr bald von demselben hören. Je deutlicher sich die jetzt gewonnene Stellung übersieht, je größer erscheint der Erfolg des kühnen Manövers. Auch diesmal gericth der König wieder persönlich in Gefahr, und zwar lei den An- griffen des 7., 8. und endlich des 2. Corps aus Gravelotte, so daßmanes dem Kriegsminister v. Roon nicht genug danken kann, daß er den Köniz bestürmte, diese gefährliche Stelle zu verlassen. Am 19. blieb der König noch den ganzen Vormittag auf dem eroberten Schlachtfelde, Berichte von allen Seiten 'mpfangend. Die cinschlicßenden Truppen schneiden sich jetzt ihrerseits gegen die Franzosen ein, so daß bald eine CircumvatlationSlinie gegen die Festung gebildet sein wird. Erst Mittags, nachdem der König den ganzen Erfolg des schwenn Kampfes übersehen hatte, kehrte er über Goree und Pagny nach Pont A Morsson zurück, und sind für die Truppen einige Ruhetage besohlen worden.

Die Nachricht von der Kapitulation Pfalzburgs ist unbestätigt geblieben. Dieselbe ging dem Kriegsministerium durch eine in Saarburg aufgegebene De­pesche eines Postdirectors zu, und derWürttemb. Staatsanz." sagt, es sei ihm bis zur Stunde" eine osficielle Bestätigung der Capitulation noch nicht zuge­kommen.

DemTempS" wird von Rheims 22. Aug. geschrieben: Gestern Abend verbreitete sich hier daS Gerücht, das Lager von ChalonS werde aufgehoben. Heute finde ich diese Nachricht durch die Thatsachen vollständig bestätigt. Trom­petenklang und Trommelwirbel verkünden von allen Seiten den Anmarsch unserer Regimenter. Zunächst begegnen mir am Marne-Canal die Hundert-Garden, deren Anwesenheit die baldige Hierherkunft des Kaisers verkündet. Gleichzeitig rückt eine unabsehbare Colonne auf der Straße von Laon heran. Marine-In­fanterie und ein großer Artilleriepark bilden das erste Contingent. Einige Li- nienregimenter folgen. Die Umgegend der Stadt soll ebenfalls schon besetzt sein. Ich sehe unter den einrückenden Truppen die Nummern aller Armeecorps. Es sind dies die Reserven, welche Metz nicht mehr erreichen konnten. Vielleicht sind auch sogenannte Marschregimenter darunter. So nennt man nämlich die Regi­menter, welche aus verschiedenen weiteren Bataillonen zusammengestellt sind. Achtzehn Züge sind seit Mittag im Bahnhofe von Rheims angekommen, fünfzig sind für diese Nacht angezeigt. In vier Tagen kann die ganze Armee mit allem Material hierher translocirt sein. Nachschrift: Mac Ma hon hat sein Hauptquartier in CourcelleS, eine halbe Stunde nordwestlich von Rheims auf- geschlagen. Der Kaiser und der kaiserliche Prinz befinden sich ebendaselbst. Sie wohnen bei der W ttwe Senard. Das Lager, welches aufgeschlagcn wird, stützt sich auf die lange Hügelreihe, welche man Rheimser Berg nennt. Auch Rouher ist hier anwesend.

Darmstadt. DieMain-Zeitung" ist angeblich ermächtigt, die Ver­lustliste der Großherzoglichen Division dahin zu vervollständigen: Bei dem 3. Jnf.-Regiment kommt zu den Gebliebenen: Vicefeldwebel Seemann. Bei den Verwundeten kommin zu: 2. Jnfanterie-Regimcnt die Lieutenants Hof, Haupt, Schorch und Korn, Vicefeldwebel Schäg und Vogt. 3. Infanterie- Regiment Obcrlieutenant Sartorius, die Lieutknants Lauckhardt, Zeißberg, Westhofen, Zitz, Rickerich, Klump und Schott. 4. Infanterie - Regiment Lieu­tenant Mittler. 1. Jäger-Bataillon Reserve - Lieutenant von Kopp.

Unter den dem Vorstande unseres Hülssvereinö für verwundere und er­krankte Sulfaten so reichlich zuflicßcndcn Gaben befindet sich auch eine solche des Großherzoglch Hessischen Generalconsuls H. Günzburg zu St. PeterS- bürg im Betrage von 3500 fl. für kranke und verwundete Hessische Krieger und hinterlassene Wittwen und Waisen.

Darmstadt, 24. August. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben die Errichtung eines Lehrstuhle für das Lehrfach der Landwirthschoft an der Landes-Universität zu genehmigen und den außerordentlichen Professor an der Landes-Universität zu Berlin, Dr. Albrecht Thaer, zum ordentlichen Pro­fessor in der philosophischen Facullät der Landes-Universität insbesondere für VaS Lehrfach der Landwirthschaft zu ernennen geruht.

Berlin, 25. August. DerStaatsanzeiger" kommt nochmals in einem Artikel auf die absolute Mißachtung der Genfer Convention Seitens der Fran­zosen zurück, sowie auf deren völkerrechtswidriges Verhalten gegen Parlamentäre. Der Artikel schließt mit den Worten:Um der Ehre der deutschen Heere, um des deutschen Volkes Willen rufn wir Europa zum Zeugen dieser barbarischen Kriegesührung auf. Unseren Feinden ist in Algerien, China und Mexiko die Kennlniß und Beachtung ter Forderungen gesitteter Völker abhanden gekommen."

Paris, 24. August. Gesetzgebender Körper. Die Regierung bringt einen Gesetzentwurf ein, wonach alle ehemaligen Soldaten zwischen dem 25. und 35. Jahre, verdeirathrt oder nicht, ferner alle ehemaligen O'siziere bis zum 60, alle tauglichen Generale bis zum 70. Jahre einberufen werden. Die Dringlichkeit

wird angenommen. Die Jnitiativ-Commission schlägt die Verwerfung des An­trags Ferry, betreffs Aufhebung des Waffengesetzes, vor. Palikao kündigt an, daß die Regierung gestern 40,000 Gewehre i n England angekauft habe. Ab- lieferungstermin in drei und acht Tagen. Pelletan schlägt vor, aus allen mit Jagdscheinen versehenen Jägern Freicorpö zu bilden. Der Minister des Inneren erklärt, die Bildung von Freicorps sei gestattet. Die mit Erlaubnißscheincn des Kriegsministers versehenen Freicorps seien als Soldaten zu behandeln. Thiers schlägt Namens der Commission vor, den Antrag Keratrys zu verwerfen, da ein Einvcrständniß mit der Regierung nicht zu erzielen fei. Der Kricgsminister er­härt, um seine Versöhnlichkeit zu beweisen, wolle er drei Deputirte zu Mitgliedern des VertheivigungScomites ernennen und der Kammer hierdurch einen Beweis seines Vertrauens geben.

Paris, 24. August. Gesetzgebender Körper. Keratry vertheidigt seinen Antrag. Duvernois antwortet. Jules Favre sagt daraus: die Unglücksiälle Des Landes rühren von der verhängnißvollen Leitung her, welcher es unterworfen war. Die Kammer muß sich darüber aussprechen, ob das Land für die Aufrechterhaltung der Dynastie kämpfen soll (Widerspruch, Tumult). Buffet sagt, es gäbe jetzt nur eine Frage, um die es sich handele, nämlich die, den Fremden zu verjagen. (Beifall.) Der Schluß der Discussion wird hierauf mit 210 gegen 55 Stimmen beschlossen. Der Antrag Keratry wird mit 206 gegen 41 Stimmen verworfen. Gambetta verlangt Nachrichten über den Kampf am 18. d., sowie über die Po­sition und die Streitkräfte der Preußen. Der Minister des Innern, Cheoreau, erwidert: Bazaine sei zu sehr beschäftigt, er habe noch keinen Bericht geschickt. Der Minister fügt hinzu, daß kein Telegramm vorliege, welches heute irgend ein Engagement signalisire. D>r Minister erklärt weiter: preuß. Plänkler sind wirk- lick) in den Depart. Marne und Aube signalisirt, doch könne er in dieser Einsicht keine nähere Mittheilung machen. Der Minister bemerkt schließlich, daß, wenn Die französischen Truppen ChalonS verlassen sollten, dies zu dem Zwecke geschehen würde, die allgemeine Vertheidigung des Landes zu sichern. Die Sitzung wird hierauf aufgehoben.

Paris, 25. August. DasJournal officicll kündigt an, daß die An­leihe im Betrage von 750 Millionen gedeckt und die Subscription deshalb ge­schlossen fei.

Konstantinopel, 22. August. Fürst Kutusoff-Smolensky ist, wie man glaubt, in einer politischen Mission hier angekommen. (Presse.)

New-Jork, 5. Aug.Wahrhaft erhebend ist der Inhalt der Briefe", schreibt die N.-J. H. -Z.,welche hiesige Firmen mit den letzten Posten von ihren Geschäftsfreunden in Deutschland erhalten haben. Trotz der furchtbaren Verluste, die der deutsche Handelsstand bereits erlitten, gibt sich von dieser Seite eine bewundernswerthe Opseewilligkeit kund. Männer, die sich ihr Lebenlang nur mit Zahlen beschäftigt haben, sprechen sich mit Begeisterung für die gute Sache aus und sind bereit, Hab und Gut auf den Altar des Vaterlandes zu legen. Wahrlich, bedurfte es hier noch einer Anregung, um die Begeisterung und Opferfreudigkeit zu entflammen, durch solche Kundgebungen von drüben würde sie geboten werden. Eins im Glauben an das Vaterland, Eins im Hoffen, Eins in Der Liebe, Eins im Opfermuth! Nie stund Deutschland so herrlich da wie jetzt. Es ist der Anfang seiner Erhebung^ an die Spitze der Nationen. Wir thun, was in unseren Kräften liegt. Die Sorge für die Hin­terbliebenen und Die VerwunDeten betrachten wir als unsere Aufgabe. Wir organisiren uns durch das ganze Land. Wir bilden eine compacte Phalanx für Schutz und Trutz. Wir bieten allen unfern Einfluß auf, um die Politik dieses Landes so zu regeln, daß sie Den Interessen Deutschlands günstig ist. Dies haben wir bereits erreicht. Was Deutschland für Die Freiheit Des Handels auf Dem Meere thut, es wird darin offen und ohne Rückhalt von America unter­stützt. Schranken ziehen unserer Tätigkeit nur die Neutralitätsgesetze, welche uns heilig sind und Deren Respectirung und Pflicht ist. Wir können Dem Vater- lanDe keine geworbenen Streiter zusenden. Wir können nicht bewirken, Daß Deutschland zu Ungunsten Frankreichs bevorzugt wird. Für Eins aber dessen halte man sich überzeugt werden wir sorgen. Sollten die Vereinigten Staaten berufen fein, in irgend einer Weise cinzugreifen, so wird dies nur zu Gunsten Deutschlands geschehen, und was möglich ist, um Deutschlands Handel zu be­günstigen, America wird es thun." (^- Ztg.)

Von der marokkanisch-algerischen Grenze, 17. August. Die Berichte französischer Blätter, welche melden, Abd-el-Kader habe dem Kaiser Napoleon seine Dienste angeboten, sind vollkommen erfunden. Und Jeder, der nur einigermaßen mit der Schreibweise der Araber vertraut ist, wird wohl her- ausgefunden haben, daß der angeblich von Aob-el-Kader herrührende Brief von einem Franzosen verfaßt worden ist. Jedenfalls bereiten sich in Algerien, na­mentlich in den halb abhängigen Distrikten des Südens ernste Dinge vor. Die Nachricht Der Siege der Preußen ist, wenn auch auf Umwegen, jedoch telegra­phisch bis an die Grenze Algeriens gedrungen, und hat sich von dort mit Blitzes­schnelle und vergrößernd unter die nomadisirenden Triben Der kleinen Sahara und des Tels verbreitet. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß nach diesen Nach­richten und bei Der Entblößung Algeriens von Truppen, die Araber eine neue allgemeine Erhebung versuchen werden, um das französische Joch abzuschütteln.

(K. Ztg.)

Vermischtes.

Gießen, 25. August. Herr Oberst KrauS vom II. Infanterie-Regiment hat ein Schreiben an hiesigen Gemeinderath gerichtet und geb.ten, daß der von ihm gesandte Corpora! Homberger bei dem Ankauf von Gegenständen von Seiten der Stadt unter.lützt werden möge. Cs sind in Folge dessen:

84,500 Stück Cigarren,

12 Ohm Brandwein,

4 Wein,

100 Pfs. Zucker,

80 Cbocolade,

100 Lichter, Pfeffer, Essig, Oel und Zwiebeln hier aiigtfar.fi worden und gehen diese Gegenstände morgen von hier an das Regiment ab. Die Stadt garantirt den Lieferanten für Zahlung

In Berlin haben, wie dieNat.-Ztg." meldet, die öffentlichen Äußerungen de- Un­willens über das Tragen von ChignonS und ähnlichem Plunder den erfreulichen Erfolg gehabt,

daß die anständige Damenwelt diese Unzier abgelegt hat; man sieh! dieselbe nur noch an de»

Köpfen der Demi monde. r . A

DieSchwäb. Volfsckg-" fragt: Wenn gefangene Franzosen in unferm rrtten Hotel einquartiert, in unfern Delikatessenhandlungen mit Frühstück, auf einer Vergnügungsfahrt nach Cannstadt irr. ersten Hotel daselbst mit Champagner regalirt werden, in welcher Weise den» man dann unsere heimkehrenden Soldaten zu empfangen?

Rebaction, Druck und Verlag ber Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.