Ausgabe 
27.1.1870
 
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24. Januar.

Die Pforte hat den bei ihr beglaubigten Vertre­tern der Mächte die ausdrückliche Mittheilung zu- gehen lassen, daß sich alle in Umlauf gesetzten Ge­rüchte von einer bevorstehenden oder schon versuchten Schilderhebung in Bulgarien als vollständig grund­los herausgeflellt; sie messe vereinzelten Wühlereien um so weniger irgend eine Bedeutung bei, als die Regierungen sowohl Serbiens als der Donaufürsten- thümer in loyalster Spontaneität sich bereit erklärt, jeder etwa von ihrem Gebiet aus in Scene zu fetzenden Agitation mit allen Mitteln entgegenzu­treten. 25. Januar.

Die Unterhandlung zwischen dem Norddeutschen Bunde und dem Großherzogthum Baden wegen wechselseitiger Gewährung von Rcchtshülfe hat zum Abschlüsse eines Vertrages geführt, welcher am 14. d. MtS. unterzeichnet worden ist und dessen Ratifi­cationen in den nächsten Tagen ausgetauscht werden. Nach den getroffenen Stipulationen soll der Betrag bereits am 1. Mai d. I. in Kraft treten.

DasMrmorial Diplomatique" berichtigt die An­gaben der WienerN. Fr. Pr." bezüglich einer vom Grafen von Beust an den Grafen Daru gerichteten Note in folgender Weife:Den Tag nach seiner Ernennung machte Graf Daru seine erste osficiellc Visite beim Fürsten Metternich, dem er seinen leb' hasten Wunsch aussprach, mit dem Wiener Cabinet in eben so freundschaftlicher Beziehung zu bleiben, wie das unter der geschickten Leitung der Geschäfte Seitens des Fürsten von Latour d'Auvergne der Fall gewesen war. Der österreichische Gesandte beeilte sich, seiner Negierung darüber Bericht zu erstatten, und darauf geschah es denn, daß der Graf v. Beust eine Depesche an den Fürsten v. Metternich abgehen ließ, worin er die Befriedigung aussprach, mit welcher die Regierung Sr. apostolischen Majestät die Gesinnun­gen und die freundschaftlichen Versicherungen des neuen Ministers des Auswärtigen von Frankreich ent- gegengenommen habe; er fügte hinzu, daß Oester­reich seinerseits eine jede Gelegenheit suchen würde, das herzliche Einverständniß mit der französischen Regierung fester zu knüpfen. Herr v. Metternich ist ermächtigt worden, diese Depesche dem Grafen Daru mitzutheilen."

Die Lage der Dinge in Frankreich, welcher sich Ollivier gegenüber befindet, wird vonDaily News" solgenvermaßen gckennzeichnet:Nichts erscheint für den ruhigen Beobachter der Verhältnisse in der Ferne klarer, als daß die große Mehrzahl des französischen Volkes nicht von den wenigen unversöhnlichen Abge­ordneten oder einigen unversöhnlichen Blättern ver­treten wird. Diese Abgeordneten vertreten ehrlich, wenn schon fanatisch, eine Sache und eine Ueberlie- ferung, die in sich selbst edel, allein unglücklicher Weise durch manche Thorheiten und Mißerfolge ent­stellt und auch nicht rein von dem Makel des Ver­brechens ist. Alle vertreten die unvergeßliche und unversöhnliche Rachsucht der Ueberlebenden und der Nachfolger jener 1200 Opfer des Gemktzels und jener 40,000 Opfer der Proscription, welche die December- Ereigniffe ^fordert. Was sie indessen nicht vertreten, ist die allmähliche friedliche Umformung eines demo­kratischen Despotismus, ter auf einem mißbrauchten Stimmrechte ruhte, in eine verfassungsmäßige und parlamentarische Regierung des Landes durch das Land selbst, das heißt durch seine freigewählten Ver­treter. Es ist weniger die Abschaffung eines verab- scheuungöwcrthen und gefährlichen SystemeS, welche sie erlangen, als Rache gegen einen einzelnen Mann. Das ist in der That die Politik, wenn man über­haupt hierbei von Politik reden kann, welche Roche­fort und seine Freunde bekennen, und sie erlangt aus natürlichen Gründen eine augenblickliche und schein­bare Wichtigkeit durch unvorhergesehene und uner­wartete Ereignisse wie den Vorgang in Auteuil. Allein niemals kann sie die Politik einer ganzen Nation werden, niemals die Politik der Gebildeten, der Btsitzrnden, der gelehrten und der arbeitenden Klassen, denen eine jährliche Revolution und der je» deSmalige Neubau der Gesellschaft zu theuer zu stehen käme. Auf diese Mehrheit beruft sich Ollivier nebst seinen College» mit gerechtem Vertrauen, und wir glauben, daßdas Land ihrem Rufe Gehör schenken wird." .

lieber die Zustände am Red River sind hier toeu' tere Nachrichten eingetroffen, denen zufolge die Misch­linge sich durch den Pater Thibault und den Obersten Desalaberry haben bewegen lassen, eine Abgesandt- schast nach Ottawa zu schicken, um eine friedliche Beilegung des Streites herbeizusühren.

26. Januar.

Die österreichische Ministerkrise wird jetzt, wo sie zu einem Schlußpunkte gekommen ist, von hervorra­

genden Londoner Blattern eingehend besprochen. Die Times" zunächst stellt sich unbedingt auf die Seite des deutschen Elementes; zunächst müsse bemerkt wer­den, daß die Deutschen, selbst abgesehen von ihrer höheren Civilisation, auch numerisch jeden Einzelnen der anderen Stämme überwiegen, und darum wür­den sie auch bei Erörterung der Geschäfte im Reichs­rath stets in der Majorität sein, falls nicht in ihrer Mitte selbst Spaltungen einrissen. Es sei in der That schwer, sich eine Veränderung in der Consti­tution oder im Wahlgesetz zu denken, durch die man die Czechen und Polen von den kleineren Stäm­men ganz zu schweigen befriedigen könnte, es sei denn, man setzte sie auf gleichen Fuß mit den Ma­gyaren. Die Erhebung Böhmens zum unabhängigen Staate wie Ungarn hieße aber mit anderen Worten die Deutschen im Lande aufopsern. DieTimes" entwirft ein Bild der unheilvollen Folgen, die im Kaiserstaate nicht ausbleiben würden, wollte man das Princip der Nationalitäten auf die äußerste Spitze treiben, und schließt ihren eingehend gehaltenen Ar­tikel mit folgendem Passus:Die Alternative liegt indessen zwischen der Erhaltung eines Staates, der seine Mission in Europa hat und die Möglichkeit vor sich sieht, sie wacker zu erfüllen, und einem abstrakten Nationalitätsprincip, bei dem gar kein Ende abzu- schen ist und unmöglich gesagt werden kann, was schließlich die Folge sein wird."

Vierzig Bischöfe, darunter Monsignor Dupanloup, hatten vor einigen Tagen Audienz beim Papste, in der sie ihn beschworen, die JnfallibilitätS- Erklärung zu verhindern und zu veranlassen, daß dem Postulat der vierhundert Bischöfe keine Folge gegeben werde. Der Papst erwiederte, daß er vierzigen zu Liebe die Freiheit von vier- bis fünfhundert Bischöfen" nicht beschränken könne. Die Unfehlbarkeit wird also, wie wir schon so oft vorhergesagt, wirklich Dogma wer­den. Nach derGazette du Midi" hätte Bischof Dupanloup die Absicht gehabt, auch seine und seiner G'.sinnungsgenossen Denkschrift gegen die Jnfallibili- tät zu veröffentlichen ; aber die päpstliche Polizei hin­derte ihn daran. Das ist der Dank der römischen Curie für die unermüdliche Vertheidigung der welt­lichen Herrschaft des Papstes Seitens desselben Bischofs Dupanloup.

DasUnivers" veröffentlicht das Rundschreiben, womit eine Anzahl von Bischöfen die übrigen Väter des Concils aufgefordert haben, die Petition wegen der Definition der Unfehlbarkeit des Papstes zu un­terschreiben. Die Frage wird darin, wie in der Pe­tition selbst, dahin präcisirt,daß die Autorität des römischen Papstes als die höchste und deßhalb dem Jrrthum nicht unterworfen (ab errore immunem) fei, wenn er in Sachen des Glaubens und der Sitten ollen Gläubigen Lehre ertheilt." Da es von der höchsten Wichtigkeit sei, daß die größtmögliche An­zahl von Vätern des Concils diese Petition unter­schreibe, so wird ter Empfänger des Circulars ge­beten, seine Unterschrift zu geben und auch andere ehrwürdige Väter dazu aufzufordern.

Preußen. Berlin, 24. Jan. Am verwichenen Sonn­abend ist das Statut der neuenDeutschen Bank" mit einem Grundkapital von 20 Millionen Thaler vollzogen. Aus allen Theilen Deutschlands sind Betheiligunqen dazu ergangen. Tie Fusionsangelegenheit der Berlin-Gorlitzer, der Märkisch- Posener und der Hallc-Sorau-Gubener Eisenbahngesellschaften, resp. die Bildung derMitteldeutschen EentrallEisenbahmGe- sellschaft" ist von dem Handelsministerium nicht genehmigt worden.

Limburg. In einem hiesigen öffentlichen Locale hat jüngst ein altpreußischer Actuar des hiesigen Kreisgerichts die Aeußerung fallen lassen, daß viele der früheren nassauischen Beamten Schusterjungen- und derBestechlichkeit" zugängig gewesen seien. Personen, die zugegen waren, als der Actuar diese Aeu­ßerung that, find bereits als Zeugen vor das hiesige Amtsge­richt geladen. Man ist auf den AuSgang der Untersuchung ge­spannt.

Nußland. Petersburg, 21. Jan. Der Kaiser hat am 15. Januar dem dänischen Kosalenheer, welches an diesem Tage sein ZOOjährjgeS Bestehen feierte, die Georgenfahne mit dem Aleranderbande und den Aufschriften:Zum Andenken an daS dreihundertjährige Bestehen deS donifchen KosakenheereS" um die Fahne, und:15701870" unter dem Adler, über­sendet.

/ Spanien. In der Bucht von Vigo find Taucher be­schäftigt. um die 14 Schiffe zu heben, welche im Jahre 1702 auf Befehl des spanischen Admirals Angesichts der englischen Flotte versenkt worden find. Nach dem Jmparcial find schon zwei oder drei Rümpfe aufgesunden. Natürlich gelten die Ar­beiten nicht diesen alten zerfressenen Holzkasten, sondern einem Schatze von 1500 Millionen Realen, den die Schiffe, wie man glaubt, aus Amerika mitgebracht hatten. Der größte Theil des etwaigen Fundeö ist dec Gesellschaft zugesagt, welche die Tauchversuche unternehmen läßt; doch sollten noch immer 43i/2 Procent der Regierung zufließen. Wird das Unternehmen von Erfolg gekrönt, so kann der Staatsschatz in seinem gegenwär­tigen verzweifelten Zustande von unverhofftem Glücke sagen.

Vermischtes.

Mainz, 24. Jan. Gestern Mittag um 1 Uhr brach in einem Hause auf dem Kästrich, zunächst der Brey'schen Actien- brauerei, Feuer aus, welches alsbald auch die Brauerei ergriff und in Asche legte. Erft Abends 6 Uhr war der Brand ge­löscht.

Kassel, 20. Jan. Die von Juni bis September dahier stattfindende allgemeine Industrie-Ausstellung findet imge- sammten Deutschland einen so erfreulichen Anklang, daß sich heute schon sagen läßt, die Kasseler Ausstellung wird unter den Ausstellungen, welche in den letzten 10 Jahren ftattgefunden, eine hervorragende Stelle einnehmen. Von asten Seiten, von deutschen Handelsministerien, Handelskammern, wie von hervor­ragenden Industriellen, sind beim .Vorstande Zuschriften einge­gangen, welche es als eine besonders glückliche Wahl bezeichnen, daß das Hauswesen, dessen Förderung während der letzten Jahre so außerordentliche Fortschritte aufzuweisen hat, zum Ge­genstände eines industriellcn Wettkampfes gemacht wurde. Unter andern hat daS königlich bayerische Handelsministerium dem Vorstande durch Schreiben vom 15. Januar angezeigt, daß die hervorragenderen gewerblichen und landwirthschaftlichen Ver­einigungen auf dieses Unternehmen besonders aufmerksam ge­macht seien, eS hat dabei jedoch den Wunsch ausgesprochen, den Anmeldungstermin noch etwas hinauSzuschieben, welchem Wunsche auch alsbald entsprochen wurde durch Verlängerung der Anmeldungsfrist bis zum 1. März d. £ji., selbstverständ­lich ohne Verbindlichkeit für den sehr wahrscheinlichen Fall, daß über die Ausstellungsräume bereits früher verfügt würde. Eine SpecialauSstellungScommiffion für Bayern ist vom Handels­minister in München ausdrücklich in Aussicht gestellt. DaS k. f. Ackerbauminifterium in Wien hat den Prof. Ern er da­selbst zum Delegirten während der Dauer der Ausstellung er­nannt. Daß von der sächsischen, badischen und einigen anderen Regierungen ebenfalls anerkennende Zuschriften eingingen, wurde bereits gemeldet. Als Beweis, daß größere Industrielle eine gleich günstige Meinung von dem Unternehmen haben, kann angeführt werden, daß ein Mitglied der AuSstellungscommisfion in Altona von letztgenannter Stadt hier eingetroffen ist, um beim hiesigen Vorstande persönlich wegen Uebcrlaffung eines ganzen Flügels der Ausstellungsräumlichkeiten zu unterhandeln. Während solchergestalt eine durchaus befriedigende Betheiligung gesichert erscheint , schreitet der Bau der' AuSstellungSgebäudk rüstig vorwärts; selbst durch die heute eingetretene Kälte ist die Thätigkeit der zahlreichen Arbeiter nicht unterbrochen wor­den. Die Ausstellungsgebäude werden in Verbindung mit dem Orangerieschloß und eingerahmt durch zwei prachtvolle Alleen inmitten des herrlichen AueparkS für den Aussteller wie Be­sucher eine außerordentliche Anziehungskraft entfalten. DaS Orangeriefchloß selbst ist dem Vorstande in diesen Tagen von der Fideicommißverwaltung überliefert worden; überhaupt muß rühmend anerkannt werden, daß die diesseitigen Behörden daS Unternehmen in jeder Weise fördern. Heute wird in dem Schlosse schon fleißig gearbeitet, um eS für seinen Zweck ange­messen herzurichten. Der nach der Stadt zu liegende Theil, sowie der Mittelbau desselben, welcher einen überraschend schönen Blick auf den Bowlengreen, sowie die drei Parallellaufenden Alleen gewährt, wird für Concerte eingerichtet, und dürfte wohl 1500 Personen ausnehmen können. Der andere Theil ist für AuSftellungSzwecke bestimmt und zeichnet sich nach dem Urtheil Sachverständiger durch eine sehr günstige Beleuchtung vor ähn­lichen Räumen vortheilhaft auS. Eine vortreffliche Kapelle, welche während der ganzen Ausstellungszeit hier täglich 5 Stun­den spielt, ist bereits engagirt; außerdem werden die Theater- kapelle, sowie die hiesigen Militärkapellen wie bisher auch in diesem Jahre daS musikalische Publikum erfreuen. Damit aber der Fremde, wenn er Mittags die WilhelmShohe mit den welt­berühmten Wasserwerken oder einen anderen der vielen schonen Punkte unserer Umgebung besucht hat, auch am Abende noch einen Genuß findet, ist die Renz'sche Kunstreitergesellschaft gewonnen, welche während der ganzen AusstelluugSzeit hier spielen wird.

Coblenz, 17. Jan. Verflossene Nacht gegen halb 2 Uhr verspürte man hier ein starkes Erdbeben. Dasselbe bewegte fich in der Richtung von Norden nach Süden und war von einem donnerähnlichen Getose begleitet.

Wie diePreßb. Ztg." mittheilt, war NadaS (Preßburger Comitat) in der Nacht vom 4. auf den 5. d. M. schon zum dritten Male seit einem Monat durch ein solch heftiges Erd­beben heimgesucht worden, daß die Rauchfänge einftürzten, die Mauern gewaltige Risse erhielten und die Glocken zu läuten begannen. Panischer Schrecken jagte die Bewohner mitten in der Nacht in'S Freie, denn sie fürchteten den Zusammensturz der Häuser. Die Erschütterung erstreckte sich auf Virnocz, Jablontz, Szomolany.

Düren, 19. Jan. Ein schreckliches Unglück hat sich, wie der Dürener Anzeiger meldet, in der Nacht vom 16. bis 17. Januar in dem zur Bürgermeisterei Stcckheim gehörenden Dörfchen Bogheim ereignet. Gegen zwei Uhr entstand in dem Hause dcS Hüttenarbeiters litten Brand, welcher die Bewohner in den Betten überraschte, so daß daS Ehepaar kaum halb an­gekleidet den Hausflur erreichen konnte Während die Frau NachbarShülfe herbeirief, versuchte der Mann seine im Neben­zimmer schlafenden Kinder, vier Mädchen von 21, 17, 14 und 7 Jahren und einen Knaben von 11 Jahren, zu retten, wurde aber mit den Kindern ein Opfer deS furchtbaren Elements. Am anderen Tage fand man unter den Trümmerhaufen nur noch die Leicke eines Mädchens ziemlich erhalten, die fünf anderen waren zu Asche verbrannt. Die Nachbarn hatten die trostlose Frau mit Gewalt von der UnglückSftätte entfernt.

London, 18. Jan. (Lebendiges Heizmaterial.) Nachdem in voriger, Woche die grausame Behandlung des Viehs auf den Schiffen von Rotterdam nach London, welche.vor einiger Zeit viel von sich reden machte, durch einen Vorfall auf einem der von Waterford kommenden Dampfer, dessen Capitän wegen Mangels an Heizmaterial 300 Stück Schweine unter dem Dampfkessel verbrennen ließ, noch übertroffen worden ist, hört derGlobe" von schrecklichen Quälereien, denen die Viehtrans« Porte von Hamburg nach London auSgejetzt seien. Mehr als einmal so wird dem genannten Blatt aus glaubwürdiger Quelle mitgetheilt sei lebendes Vieh auf diesen Transport­schiffen als Heizmaterial verwendet worden.

Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Unio.-Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.