23. April.
Die „Flensb. Nordd. Ztg." meldet: „Wir vermögen aus bester Quelle mitzutheilen, daß von preußischer Seite in letzter Zeit in Betreff der Ausführung des §. 5 des Prager Friedens Vorschläge in Wien gemacht worden sind, welche die Absicht hegen, die nordschleswigsche Frage definitiv zu regeln, und zwar dergestalt, daß, wenn diese Propositionen nicht acceptirt werden, Preußen fortan eine Vereinbarung über die Ausführung des §. 5 als unmöglich betrauten wird." Die „Kreuzzlg." bemerkt dazu: Unwahrscheinlich ist diese Mitthcilung nicht, obgleich Näheres zur Sache noch nicht bekannt geworden. Eine Erledigung derselben wäre ja auch gewiß wün- schenswerth.
Die „Wiener Abendpost" erklärt gegenüber der Bemerkung eines Correspondenten der „Augsb. Allg. Ztg." über den angeblichen Wiederbeginn eines An- schwärzungSsystems, von Seiten Preußens gegen Oesterreich. Diese Erscheinung sei nicht auf die in den maßgebenden Berliner Kreisen herrschenden Stimmung zurückzuführen und stehe im Widerspruch mit der anerkennungswürdigen Haltung und dem Tone der notorischen Organe der preußischen Regierung.
Die „N. fr. Pr." schreibt: Der Orient tritt seit einigen Tagen wieder sehr bedenklich in den Vordergrund ; eine religiöse Frage von der größten Wichtigkeit droht der Pforte, die aus den Confl.cten gar nicht herauskommt, neue Verlegenheiten zu bereiten. Wir reden nicht von der armenischen Angelegenheit, nicht von dem Schisma, das im Schooße des morgenländischen Katholicismus langsam heranreift. Diese Frage, obwohl auch bedeutend genug, birgt keine Gefahr für den europäischen Frieden in sich, sie kann höchstens zum Bruche zwischen Papst und Muselman führen und das Zustandekommen eines türkischen Eon- cordates verhindern. Nicht so die andere, die bulgarische Kirchenfrage, die noch viel zu wenig gewürdigt worden ist. Hier hat Rußland die Hand im Spiele; denn es handelt sich um Bekenner der griechisch-orthodoxen, nicht der katholischen Religion, wie Manche glauben, weil vor einigen Jahren ein Häuflein Bulgaren Rom sich untergeordnet hat. Man unterscheidet jetzt wie unter den Griechen, so auch unter den Bulgaren, zwischen Unirten und Nicht- unirten, und die Kirchenfrage, die jetzt durch Lostrennung, durch Selbsiständigmachen der bulgarischen Kirche plötzlich aufgetaucht ist, bezieht sich auf die Letzteren, die nichtunirten Bulgaren, nicht auf die Ersteren. Rußlands Einfluß im Oriente mußte durch diese der Pforte höchst willkommene Losreißung natur- gemäß eine nicht unempfindliche Einbuße erleiden, daher die Anstrengungen Jgnatieff's, des russischen Gesandten in Konstantinopel, diese Maßregel wieder rückgängig zu machen. Ein Privat-Telegramm aus Konstantinopel signalisirt, daß der genannte Diplomat in den letzten Tagen häufige Unterredungen mit dem Großvezier hatte und den griechisch-orthodoxen Patriarchen in Konstantinopel, Gregorius, lebhaft unterstützt. Dieß mag auch wohl der Grund sein, daß dieser Kirchenfürst den Muth gewonnen, der Pforte so entschieden entgegenzutreten. Bekanntlich hatte der Sultan neulich in einem Ferman die einer Losreißung
von dem Patriarchat fast gleichkommende neue Or- ganisirung der bulgarischen nicht unirten Kirche sanc- tionirt, und zwar auf dringenden Wunsch der betref- senden Bevölkerung selber. Kommt nun der Patriarch » Gregorius und erläßt einen fulminanten Protest. In l demselben heißt es: „die Pforte habe durchaus nicht »das Recht, in religiöse Fragen ihrer Unterthanen sich leinzumengen. Wenn der in Rete stehende Ferman lblos rie kaiserliche Sanction eines Uebereinkommens mit dem Patriarchen wäre, so würde derselbe von ihm (Gregorius) respectirt und angenommen werden. Aber dem sei nicht so. Die Bestimmungen des Fer- hmans seien offenkundig anti-canonisch und im Wider-
Bruche mit den Immunitäten und Privilegien des
Patriarchats. Daher müffe das „Ultimatum" der )ttom,.Nischen Negierung von ihm zurückgewiesen wer- )en. Der Patriarch fordert schließlich die Einbern-
ung eines griechischen-ökumenischen Concils, welches »llein cempetent sei, die Frage zu lösen. Auf diese >on Rußland eingegebene Sprache ist ter Großvezier Halt Pascha rie Antwort nicht schuldig geblieben.
'5r gab durch Zuschrift vom 12. April dem Patriar- heN zu wissen, daß der Protest gegen den die bulgarische Kirche autonom machenden Ferman des Sul- ans von der Regierung nicht berücksichtigt werden könne. Die Pforte habe eine durchaus berechtigte, keine ursur»
'Urte Einmischung in die Angelegenheiten der Bulgaren sich zu Schuldeil kommen lassen, und sie werde darauf sehen, daß das kaiserliche Decret in Vollzug gebracht werde. Daß riese Abscrligung den Patriarchen
nicht befriedigte, kann man sich denken, und da Gregorius, von Jgnatieff aufgestachelt, in immer schärfere Opposition gegen den Divan hineingeräth, soll seine Absetzung von der Pforte ernstlich in's Auge gefaßt worden sein.
24. April.
In einem Artikel, der sich mit den National-Libe- ralen beschäftigt, sagt die „Kreuzztg.": „Es ist ein großer Jrrthum, wenn man die deutsche Politik Preußens von seiner inneren Politik zu scheiden meint. Was ist Deutschland ohne Preußen? und was ist Preußen ohne sein starkes Königthum und dessen stets kampfbereites Schwert? Hier liegt der Schwerpunkt der Sache. Wir gehen wahrscheinlich im Jahre 1871 einem deutschen Conflict entgegen, ganz ähnlich dem preußischen von 1866. Der Liberalismus wird versuchen, die Lücke der Bundesverfassung zu seinem Vortheil zu benutzen. Er wird die in §. 60 und 62 hinein amendirten Unklarheiten in seinem Sinne interpretiren und die Bewilligung entweder versagen oder an unerfüllbare Bedingungen knüpfen. Dann wird der Kriegsherr des Bundes wieder vor dem Dilemma stehen, entweder die Waffen an die Wand zu hängen oder die Verfassung nach seiner Ueber- zeugung auszulegen und dieser Auslegung durch die ihm anvertraute Macht Geltung zu verschaffen. Wir wissen gewiß, wie die Entscheidung aussallcn wird, wie wir es auch damals wußten. Man sage nicht, der Erfolg unserer Waffen habe damals aus dem Dilemma geholfen. Wohl war Königgrätz eine treffliche Probe auf das Exempel; aber auch ohne diese Probe wäre zwei mal zwei doch vier geblieben. Oder sind die National-Liberalen wirklich naiv genug, zu glauben, man würde, wenn Oesterreich uns nicht zum Kriege gezwungen hatte, die neu errichteten Regimenter aufgelöst und die alte Landwehr wiederhergestellt haben? Niemals — niemals."
Ein Pariser Correspondent der „Köln. Ztg." glaubt aus verläßlicher Quelle Folgendes über den Inhalt des kaiserlichen Schreibens an die Urwähler Frankreichs angeben zu können : Der Brief des Souverains ist in seiner Aufschrift nicht an bas französische Volk „gerichtet". Die Anrede, welche Napoleon III. am Anfänge gebraucht, lautet einfach,: „Fran^ais!" Der Kaiser greift in einfacher, aber würdevoller Sprache auf die beiden PlebiScite zurück, durch welche ihm in den Jahren 1851 und 1852 die Nation die höchste Gewalt verliehen. Er erinnert an die Umstände, unter welchen dies geschehen und zieht in knapper Weise das Facit seiner achtzehnjährigen Regierung, indem er aufzählt, was er Alles in dieser Zeit für die Größe und die Prosperität Frankreichs zuwege gebracht. Der Kaiser ist fern davon, seine Vergangenheit Preis zu geben. Auch für ihn ist die Eon- hnuität der kaiserlichen Ideen eine feststehende That- sachc. Deshalb verweilt er bei dem politischen Fortschritte der Nation, welchen das kaiserliche Regiment zunächst geschaffen und der ihm gestatte, jetzt die Reformen zur Ausführung zu bringen, auf welche sein ganzes RegicrungSsystem von Anfang an abgezielt. Der kaiserliche Briefsteller vermeidet indeß in seinen Ausführungen sorgfältig das Wort „parlamentarisches Kaiserthum", laßt aber durchblickcn, raß das gegenwärtige Plebiscit über die Umwandlungen des Regimes hauptsächlich dazu berufen sei, „dte Uebertra» gung der Herrschaft an den Sohn und Thronfolger zu erleichtern!" Hieraus legt der Kaiser den Hauptnachdruck, und wie auch schließlich immer die Fragestellung ausfalle, es ist sicher, daß diese Phrase die entscheidende fein wird, in welcher sich für die Masse der Bevölkerung die Wichtigkeit des AbstimmungS- octes concentrirt. Das Actenstück trägt in feiner Fassung deutlich den Stempel einer eigensten Schöpfung Napoleons III. an sich, und wenn ihm Eing'weihte besonders Klarheit und logisch scharfe Schlußfolge^ rung nachrühmen, so verhehlen sie auch nicht, daß es an einer gewissen Steifigkeit oder Kühle des Ausdrucks leide, welche der Kaiser so leicht nicht abzu- streisen vermag.
Prcusicn. Berlin, 19. April. Wie die „Ztg. f. Nordd." schreibt, batte der BundcSrath sich in feiner letzten Sitzung am Montag noch mit einer interessanten und kritischen Frage zu besckästigen, indem Schwarzburg - Rudolstadt anzeigte, daß eS sich vorläufig außer Stande sehe, seinen Matrikularbeitrag abzu- suhren. Der Landtag von SchwarzburgMudolsiadt hat unlängst die Steuern abgelehnt, welche die Regierung ihm vorschlug, weil nach seiner Ansicht der Zuschuß von den Domänen geringer bemessen war als das Land ein Recht hatte zu verlangen. Die Negierung hat es nun in ihrem Interesse gesunden, die Sache duich vorerwähnte Anzeige beim Bunde anhängig zu machen. Der Bund.Siath hat die Angeleaenheit zunächst seinem Justiz- aueschuß überwiesen, der nach Lastern Bericht erstatten soll.
Berlin, 21. Ap'il. Das Zollparlament ist soeben durch Staatsmin ster Delbrück eröffnet worden. Nachdem derselbe die I Rede zur Eröffnung des Zollpa,laments verlesen batte, brachte
der Alterspräsident Frhr. v. Frankenberg. Ludwigsdorf ein Hoch auf den König von Preußen aus. Anwesend waren etwa 120 Mitglieder, meist im Civilfrack, darunter etwa 6 Mitglieder der süddeutschen Fraktion, der Prinz Albrecht von Preußen, die Generale von Moltke und von Steinmetz und sonst nur Mitglieder der conservativen Fraktion.
Frankfurt, 22. April. Dem „Tageblatt" wird über daS Befinden deS Grasen Bismarck von Berlin geschrieben: GS bestätigt sich, daß Graf Bismarck bald nach seiner Ankunst auf Barzin von der Gelbsucht heimgcsucht worden ist. Vielleicht wird feine kräftige Natur auch diese Krankheit rasch überstehen; aber verhehlen darf ich doch nicht, daß man in wissenschaftlichen Kreisen dem Verlauf diese- UebelS mit einiger Besorgniß ent- gegensteht. Die Gefahr dieser Krankheit liegt nämlich in ihrer Verbindung mit dem keineswegs ganz gehobenen Nervenleiden deö Bundeskanzler-. Schon früher stellte sich öfter nach heftigen GemüthSaffectionen beim Grafen Bismarck ein Galle-Erbrechen ein, und eS wurde immer von den Aerzten der jetzt vorliegende Fall befürchtet, daß die Galle in das Blut übertreten würde. Wahrscheinlich hat man sich über den Charakter deS letzten Unwohlseins, daS den Bundeskanzler betroffen, doch getäuscht, da eS ebenfalls von einem heftigen Erbrechen begleitet war und dieses sich bald nach den aufregenden Scenen im Reichstag einstellte. Daß sein Zustand auch durchaus kein unbedenklicher ist, zeigt die telegraphische Berufung seines Arztes, des Sanitätsraths Dr. Struck nach Varzin, der sofort diesem Rufe Folge leistete. Jedenfalls ist vor der Hand an eine Rückkehr des Grafen Bismarck nach Berlin nicht zu denken, und, wie man hört, soll auch mit Rücksicht darauf gestern das Staatsministerium unter dem Vorsitz deS Kriegsministers von Roon zufammengelreten fein."
Hannover, 19. April. Sieben Reservisten, welche von der sogenannten Legion aus Frankreich vor Kurzem in ihre Heimath zurückgekehrt und auf heute vor das hiesige Landwehr- bezirkS-Commando geladen waren, sind nicht wieder entlassen, sondern verhaftet und in die MilitäruntersuchungShaft abgeführt worden.
Oesterreich. Wien, 18. April. Dem Vernehmen nach ist der hiesige französische Botschafter — und dasselbe wird ohne Zweifel bei den übrigen Vertretern Frankreichs im Auslande der Fall fein — in Bezug auf den Rücktritt deS Grafen Daru bereits angewiesen, bei sich darbietender Gelegenheit auf daS Bestimmteste zu erklären, daß der eingetretene Wechsel lediglich auf die Nothwendigkeit der Lage in Rom zurückzuführen sei. Im Uebrigen nähme die Regierung vollständig die Stellung ein, welche durch die Politik deS Grasen Daru geschaffen worden ; sie betrachte eS in Gemäßheit dieser Politik fortwährend als ihre nächste Aufgabe, dte so glücklich bestehenden freundlichen Beziehungen zu allen Mächten nach ihren besten Kräften zu pflegen.
Wien, 20. April. ES sind bezüglich der — allerdings mit Sicherheit zu erwartenden — Amnestie theilweise sehr hochgehende Erwartungen geweckt worden. Ich glaube versichern zu dürfen, daß der betreffende Act über eine freilich sehr umfassende Amnestie für Preßvergehen nicht hinausreichen wird und daß namentlich von der mehrfach angekündigten Einstellung deS gerichtlichen Verfahrens gegen die Arbeiterführer keine Rede ist.
Wien, 20. April. Die Königin Marie von Neapel ist (über Ancona) gestern in der Hofburg eingetroffen; der Kaiser und dic Kaiserin warteten ihrer schon am Bahnhofe. Der König Franz kommt (über Marseille) erst in einigen Tagen. — In der Kammercapelle der Burg hat am Ostermontag der Kronprinz Rudolph die erste Communion empfangen. — Morgen wird der Kaiser am sog. Gosenhügel, dort wo der Wafferlei- tungScanal in das Hauptreservoir einmünden soll, den ersten Spatenstich für die Wiener Hochquellen-Wafferleitung thun.
Vermischtes.
Marburg, 20. April. Heute Vormittag entstand in der Nähe deS Hansenhauscs ein Waldbrand, der binnen ganz kurzer Zeit einen großen Umfang annahm und erst an einer Schneiße und an der Chaussee seine Grenze fand. Der Verlust ist sehr bedeutend, eS sollen 40 Morgen Wald verbrannt sein. Außer einer Anzahl Bürger von Marburg und der Turnerfeuerwehr, welche beim Löschen tüchtig Hand anlegten, ist eS vorzugsweise dem umsichtigen und energischen Eingreifen deS Jägerba'taillonS zu danken, daß nickt ein weit größerer Schaden zu beklagen ist. — Fünf Rehe, welche nach einander aus dem brennenden Walde flohen, erregten durch ihr Erscheinen und ihre glückliche Rettung allgemeine Heiterkeit.
Mainz. Am 19. d. wurde über einen hiesigen Kohlenhändler auS Anlaß der Octroi-Unterschleife, nachdem dessen Bücher mit Beschlag belegt, Personalhaft verhängt.
— (Gelüste Preisaufgabe.) In der deutschen „Schützenztg." vom 6. October v. I. hatte Herr von Kornberg in Karlsruhe einen Preis von einem Dutzend Flaschen Markgräfler für die beste Lösung der Frage ausgesetzt: „Wie richtet man die Schießen, resp. die Einladungen dazu ein, um gegen daS Eindringen der GewerbS und Raubschüyen sicher zu fein ?" Dreizehn Einsendungen gingen dazu bei den ernannten Preisrichtern ein ; als die beste wurde die Lösung erklärt, welch« der hinterpommersche Schützenbnnd zu Colberg in launigen Versen aufgestellt hat. Sie schlägt vor:
„Macht zu hoch nicht die Gewinne!
Setzet lieber viele au-, Wen'ger Geld und mehr für's Haus! DaS wird nicht die Räuber locken, Weil'S zu einfach und zu trocken.
So auch kann man Jie entfernen, Daß wir besser schießen lernen Als sie selber; dann mit Hohn Zieh'n sie ab und ohne Lohn?" Als Einladungs-Formular aber wird beantragt: „Kommt zum Schießen, Kameraden! Ihr seid Alle eingeladen, Jeder, der nicht bloS vom Schuß Sich das Leben fristen muß rc.
In San Francisco ist am 2. April wieder eine starke Erderschütterung verspürt worden, welche 6 Secunden anhielt und bei senkrechtem Stoße eine Bewegung von Südost nach Nordwest hatte. Schaden richtete sie nickt an, verursachte jedoch großen Schrecken, besonders bei Tbieren. Es regnete zur Zeit; vor dem Ereignisse war daS Barometer sehr rasch gefallen. ,
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


