Ausgabe 
25.11.1870
 
Einzelbild herunterladen

Preis vierteljährig 1 fl. 12 ft. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl. 27 kr.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Montags.

Expedition: Canzleiberg Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kichen.

Nr. 163» Freitag den 25. November 1870.

24. November.

Unter der überwältigenden Masse von Interessen, welche sich in Versailles zusammendrängen, um sich dort in Geheimniß zu hüllen; zwischen Ereignissen, welche von Schwert und Magen allein entschieden werden, kann es leicht kommen, daß eine Forderung, welche sich mehr auf geistige oder religiöse Interessen zu be* ziehen scheint, in ihrer Originalität oder Tragweite übersehen wird.

Dahin gehört jedenfalls die originelle, durch persönliche Einwirkung des Erzbischofs Grasen Ledcchoweki und durch noch naivere Agitationen allenthalben in Deutschland unterstützte ^Bittschrift, daß sich König Wilhelm des Rechtes der ganzrn katholischen Welt an Rom annehmen solle, obwohl sich ein solches Recht historisch gar nicht nachweisen läßt.

Die Bittschrift des Erzbischofs ganz mit Unrecht alsAdresse" bezeich­net betont aber keineswegs das Recht der preußischen Katholiken, welche sich ihrem paritätischen StaatSoberhaupk^PsS' in voller Zuversicht nahen und Schutz für ihre gesetzliche Freiheit verlangen können, wenn ihnen tie Veränderungen, welche mit dem Papstthum durch gewaltsame Beraubung der weltlichen Macht vorgegangen sind, auch für die katholische Kirche gefährlich erscheinen. Dies wäre vollständig in der Ordnung und mußte von dem Gouvernement vorher­gesehen sein.

Die Bittschrift geht aber offenbar von einer anderen, viel weiteren Basis aus. Sie sieht in dem Kirchenstaat das Eigenthum der ganzen katholischen Welt und verlangte Schutz und zwar Schutz durch Gewalt und Waffen, von König Wilhelm, nicht als König von Preußen, sondern als dem jetzt mächtigsten Fürsten in Europa. Die Kirche verlangt Schutz von dem Cäsar gegen den meuterischen Guelfen Victor Emanuel.

Diese scheinbar ideologische Bittschrift könnte kaum wagen, sich offen an den König heranzudrängen, hätte sie nicht einen reelleren Rückhalt an der hohen römischen und französischen Geistlichkeit; bedeutete sie nicht eine neue Wendung in der verschleierten Politik der europäisch-katholischen Partei; und wir wissen nicht, ob wir es bloS kühn oder vermessen nennen sollen, wenn der Erzbischof dem König solche kirchlich-politische Anmuthung in demselben Augenblick stellt, wo ein Priester dieser Kirch'e nach dem andern gemaßregelt werden muß, weil der unwissende Pöbel von der niederen französischen Geistlichkeit zum Meuchelmord an preußischen Soldaten angeführt wird.

Doch haben diese Lockungen und Versuchungen nicht der Katholiken, aber der europäisch-katholischen Partei, welche das Volk heute erst recht unter dem SammelnamenJesuiten" bezeichnet, und welche auch von dem ehrgeizigen Bischof von Orleans unterstützt zu werden scheinen, außer den bedenklichen Sei­ten, auch recht erfreuliche. Denn nichts bewiese den Umschwung der Ideen in Europa deutlicher, als daß sich Vertreter der katholischen Kirche an eine Macht als Retter wenden, welche ihre Größe der paritätischen Politik, aber den Anfang dieser .Größe doch nur dem Protestantismus verdankt, welche vor hundert Jahren noch keinen Gesandten in Rom halten konnte und ihren GesandtschafiSpalast auf dem Capitol heute noch nicht als Eigenthum besitzt.

Auch brwiese . nichts so deutlich, daß Frankreich total überwältigt ist, als eine solche neue polü Z;e Wendung der feinorganisirten, nur von Erfahrung und ganr reellen Inter"'" bestimmten europäisch-katholischen Partei. Denn ursprüng-

(der fr ,ch" Krieg mit der Infallibilitä't und der dadurch neuzube- ,t Herr^afj Suiten aufs innigste zusammen; die Partei war vor KrKzem noch ganz auf Jn Frankreichs, welches auf seinem Raubzug zugleich die Propaganda für dies. üeukatholischen Ideen machen sollte. Wenn sie also heute ein neues Programm nimmt und dem gemäß die untere Geistlichkeit in Frankreich anders instruirt . wozu die Taktlosigkeit Garibaldi's so bequemen Vorwand giebt so ivöre großes Hinderniß des Friedens weggeräumt und wir verdenken es dem Grafen' Bismarck nicht, wenn er die Herren Ledochowöki und sogar auch die Dupanloup's besonders freundlich aufnimmt, da seine früheren öffentlichen Auslassungen über bie Ultramontanen uns anderseits vergewissern, daß er nicht in die Hinterhalte fallen und die paritätische Politik Preußens ebenso kühn bel?auT'tet wird, als die deutsche.

Der Cäsc nsmus ist liebste Kind der Ultramontanen; die europäisch­

katholische Partei kann, auty -nn sie gelegentlich mit der von den Ealvinisten und Jesuiten erfundenen Th "e der VolkSsouveränetät coquettirt, sich doch den Bestand der Kirche nicht ohr^'einen Cäsar denken und scheut darum, wenn der fränkische Cäsar manquirt, eiiti totale Frontveränderung nicht, um den deutschen Cäsar zu erwerben, bevor derselbe noch aus dem Kyffhäuser gestiegen ist und Zeit gehabt bat, der erstaunten Welt zu zeigen, wie ganz anders das heutige deutsche Kaiserthum zu verstehen wäre, und daß es dem Naturgesetze, welches früh'- das deutsche Kaiserthum immer nach Italien trieb, nicht länger unterwor- fei. *h würde, weil es seine eigenste Natur verändert hat und die paritätische PolW auf seine Fahne schreibt.

Die paritätische Politik eines heutigen deutschen Kaisers könnte gerecht sein, gegen Rom, aber sich mit ihm weder um den Einfluß streiten, noch sich mit ihm in den-Einfluß theilen oder sich, wie man das nennt, zum gegenseitigen Schutz von Thron und Altar verbinden. Die europäisch-katholische Partei könnte sich im deutschen Kaiser täuschen; denn wenn die civilisirte Welt einer neuen Ord- nung bedarf, so hat Italien und Rom nichts dabei zu schaffen, sondern nur das große deutsche paritätische Princip. Deutsches Blut kann in Italien nie wieder fließen, um das Papstthum zu retten, namentlich so langedie katholischen Mächte selbst", wie Oesterreich und Spanien, sich mit Victor Emanuel demRebellen"

verbünden, weil ihnen der Sieg und die Größe Deutschlands bedenklicher scheint, als der Untergang des Papstthums. Es wäre viel besser, wenn die europäisch, katholische Partei statt den König von Preußen anzugehen, dahin wirkte, Oester- reich-in ein richtiges und gesundes Verhältniß zu Deutschland zu bringen, damit Oesterreich die Hand gegen Italien frei hätte, um auf dem italischen Boden, wo die Verlotterung des europäischin Völkerrechts, unterstützt von der selbstsüchtigen Politik Napoleons und den kurzsichtigen englischen Staatsmänern zuerst begonnen hat, endlich einmal Ordnung zu schaffen. Das Verhalten der sardinischen Regie- rung gegen Neapel und die Gewaltthat der italienischen Regierung gegen den Papst, welche doch von England mitherbeigeführt und protegirt worden sind, ent­halten eine tausendmal größere Verletzung des Völkerrechts, als die jüngste rus­sische Kündigung von Verträgen, welche nur der Uebermuth Frankreichs und der Egoismus Englands 1856 erfinden konnte.

Diese russische Kündigung nenntder Standard" ein offenkundiges Atten­tat gegen Treu und Glauben in Europa, welches alles Vertrauen auf Verträge jede Achtung vor den Satzungen des Völkerrecht erschüttereund die Existenz eines englischen Ministeriums wäre keine Woche sicher, wenn es nicht wagte, auf so unverschämte Herausforderung die rechte Antwort zu geben." Wie täuscht sich derStandard"! Die viel flagrantere Verletzung des Völkerrechts in Italien durch die Eroberung Neapels und der Mittelstaaten, durch Annexion Savoyens und Nizza seitens Napoleons und durch die Beraubung des Papstes sind, zum größten Theil, unter Förderung und Beifall desselben Lord Granville vor sich gegangen, der heute noch England auf der schiefen Ebene weiter führt! Die englische Politik steht eben noch tiefer als die der europäisch-katholischen Partei!

Wie die nationalgesinnte Partei in Bayern den gegenwärtigen folgenschweren Augenblick für das Land auffaßt, beweist am besten der so eben erschienene Artikel der Erlanger Correspondenz der Fortschrittspartei, welcherBayern am Scheide­wege" betitele und in welchem cs heißt:

Am Scheidewege! Jeder deutschfühlende Mann in unserem engeren Heimath- lande weiß , was dieses Wort bedeutet. In den allernächsten Tagen, vielleicht schon in dieser Stunde fällt die Entscheidung darüber, ob die deutschen Stämme, welche vom Fichtelgebirge und dem Thüringerlande bis an die Alpen wohnen, von der deutschen Staatsgemeinschaft durch den Willen der bayerischen Regierung ausgeschlossen und um ihr nationales Erbtheil, das große deutsche Vaterland, ge­bracht werden sollen. Und wenn unsere Regierung so verblendet wäre, in dem größten, herrlichsten Wendepunkte der deutschen Geschichte so klein und so undeutsch zu handeln, dann steht das bayerische Volk selber am Scheidewege, ob es einem solchen Unterfangen, das vor Bayern und vor Deutschland gleich unverantwortlich ist, geduldig und mit verschränkten Armen zusehen will oder nicht. Es würde dies nicht thun! Eingedenk des Dichterwortes:Nichtswürdig ist das Volk, das nicht fein Alles setzt an seine Ehre!" würden Franken und Pfälzer, Schwaben und in unseren altbayerischen Provinzen alles, was nicht in mittelalterlichen Geistes- banden liegt, nicht ruhen und rasten, bis die Ehre des deutschen Namens und der deutschen Stammesangehörigkeil auch bei uns wieder hergestellt ist und der deutsche Staatsbau sich über Bayern das Land schützend gegen äußere und innere Feinde, wölbt. ... 3m Augenblicke ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, und die Hoffnung eines jeden guten Bayern geht dahin, daß das Trennungswort nicht gesprochen werde. Noch ist die deutsche Entscheidung möglich, und wenn wir einer so eben aus München gekommenen Nachricht trauen dürfen, wahrscheinlich. Herr v. Braun, der Minister des Innern, soll dem ersten Bürgermeister von München erklärt haben,daß die Gerüchte über einen Abbruch der Verhandlungen mit Bayern gänzlich unbegründet, daß die letzteren vielmehr im besten Fluffe, daß eine Einigung erzielt sei und schon in der allernächsten Zeit auch der formelle Abschluß erfolgen werde". Von welcher Natur die erzielte Einigung sein wird, muß, wenn jene Mittheilung die Erklärng des Ministers richtig wiedergiebt, die allernächste Zukunft lehren. Für das deutschgesinnte Volk in Bayern wird sich die Frage, ob eine deutsche Entscheidung gefallen ist, ob wir fortan mit den übrigen 35 Mil­lionen deutscher Brüder vorwärts oder allein in Noth und Verderben, in die po­litische und volkswirthschaftliche Verkommenheit gehen sollen, danach entscheiden, ob Bayern im deutschen Reichstage vertreten ist. Seit mehr als zwanzig Jahren hat sich die Sehnsucht unserer Nation und in ihr der besten Söhne unseres enge­ren Heimathlandcs nach einem freiheitlich geeinigten mächtigen und geehrten Vater­lande zusammengefaßt in dem Rufe und Streben nach dem deutschen Parlament. Was Die Weisheit oder Kurzsichtigkeit unserer amtlichen Staatslenker sonst auch in Versailles durchgesetzt haben mag, hoffentlich ist uns die nationale Gemeinschaft >m Reichstage gesichert. Mit ihr kann Alles gut werden, ohne sie wäre der Auf­enthalt der Herren Minister die Reisekosten nicht werth. In diesem Zeichen wird eint wahrt bayerische Politik siegen, aber auch nur in diesem allein!

Die volkswirthschaftliche Gesellschaft in Berlin beschäftigte sich in ihrer Sitzung am Samstag mit der Frage, ob es nicht möglich sei, die Kriegsentschädi­gung, welche Frankreich zu zahlen haben wird, als Gelegenheit zur Einführung der Goldwährung zu ergreifen. Der Vorsitzende, Herr Prince-Smith ging zunächst auf die früher in dieser Gesellschaft Statt gehabten Debatten über die Währungs- frage ein. Man habe sich damals mit ziemlicher Einigkeit für die Doppelwährung ausgesprochen und einer günstigen Gelegenheit für die praktische Einführung der­selben entgegen gesehen. Diese günstige Gelegenheit sei nun gekommen; denn