Ausgabe 
23.11.1870
 
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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme MontagS.

Expedition: Canzleiber

Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kießen.

Nr. 161 Mittwoch den 23. November 187«.

Amtlicher Th eL k.

Nr. 46 des Bundes-Gesetzblattes des Norddeutschen Bundes, ausgegeben zu Berlin am 11. November 1870, enthält: (Nr. 585.) Bekanntmachung, betreffend die Ausgaben verzinslicher Schatzanweisungen im Betrage von 10,000,000 Thalern. Vom 7. November 1870. (Nr. 586 ) Die Ertheilung des Exequatur an den Schw edifch-Norwegifchen Vizekonsul zu Papenburg.

Nr. 47 des Bundes-Gesetzblattes des Norddeutschen Bundes, ausgegeben zu Berlin am 17. November 1870, enthält: (Nr. 587.) Verordnung, betreffend die Einberufung des Reichstages des Norddeutschen Bundes. Vom 12. November 1870- Gießen, den 19. November 1870. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. G o l d m a n n.

22. November.

Deutschland und die orientalische Frage. Die Kündigung

T h e L l.

des die Neutralisirung des Schwarzen Meeres betreffenden Vertrages von Seiten Rußlands ist, wenn sie auch, wie mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten steht, zunächst keine kriegerische Verwicklung im Orient zur Folge haben sollte, doch unter allen Umständen ein Ereigniß von großer Tragweite, das denn auch nicht verfehlt hat, die öffentliche Meinung und die europäischen Cabinete lebhaft auszuregen. Europa wird durch diesen Schritt Rußlands von Neuem daran erinnert, baß es eine orientalische Frage giebt, daß durch den Krimkrieg dieselbe keineswegs gelöst, die Lösung vielmehr nur vertagt ist. Dir Zustände des türkisches Reiches sind im Wesentlichen die alten geblieben; die Fähigkeit desselben, auf eigenen Füßen zu stehen, hat nicht zugenommen; die Machtmittel der Pforte haben sich nicht in dem gehofften Maße entwickelt; die oft pomphaft angckündigten civilisatorischen Bemühungen der türkischen Regierung, wenn sie überhaupt ernsthaft gemeint wa­ren, sind stets im Sande verlaufen; jeder Windstoß von Norden her verbreitet Schrecken am Bosporus, und in Wien und London fragt man sich bestürzt, ob der Augenblick der Katastrophe wirklich hereingebrochcn sei.

So tragisch liegen die Dinge nun wohl allerdings noch nicht, es sei denn, daß die übergroße Aengstlichkeit und Aufregung der Cabinete Rußland auf dem eingeschlagenen Wege weiter treibe, als es selbst zu gehen beabsichtigt. Rußland will offenbar nicht durch Herbeiführung einer Katastrophe einen Weltbrand ent­zünden; aber es will sich in eine Stellung bringen, die es befähigt, in dem Augenblick einer ohne sein Zuthun hereinbrechenden inneren Katastrophe des tür­kischen Reiches, seine Interessen wahrzunehmen und sich vorkommenden Falles .einen maßgebenden Einfluß auf die Neugestaltung der staatlichen Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel zu sichern. Rußland macht sich bereit für künftige Ereignisse, die es für unvermeidlich hält, aber es denkt nicht daran, den Eintritt derselben zu beschleunigen.

Durch den soeben gekündigten Vcrtrag war Rußland den Westmächten gegenüber in offenbaren Nachthcil gesetzt. Diese können jederzeit in den türkischen Gewässern die gewaltigsten Seestreitkräftc concentriren; sie können, etwa unter dem Vorwande, daß es zum Schutze der Türkei nöthig sei, in das neutrale Schwarze Meer einlaufen und Rußland an seinen verwundbarsten Stellen bedrohcn, ohne daß dieses die Macht hat, sich solchem Vorgehen zu widersetzen. Denn der drückende Vertrag hindert es ja, sich mit den dazu nothwcndigcn Machtmitteln im Voraus zu vcrsehcn, und Flotten und Flottenstationen lassen sich nicht im Augenblick der Gefahr improvisiren.

Sollte also der Zersctzungsproceß des türkischen Reiches in seinem weiteren Fortgänge plötzlich einen acuten Character annehmen, so wären die Westmächte im Stande, mit Hilfe Oesterreichs Rußland von jeder Theilnahme an der Regu- lirung dcr Erbschaft des kranken Mannes auszuschlicßen. Denn wer das Schwarze Meer unbedingt beherrscht, verfügt auch über das Schicksal der Meerengen, und vorausgesetzt, daß er zugleich auf eine starke Armee, die Oesterreich liefern würde, sich stützen könnte, über das Geschick ter ganzen Halbinsel.

Indem Rußland also den Vertrag kündigt, sucht es zunächst nur die Partie gleichzumachen, und sich in eine Lage zu bringen, die ihm für künftige Even­tualitäten eine Concurrenz mit den Westmächten ermöglicht. Der Schritt, den es gethan, mag man auch an der Form Vieles auszufetzen haben, war durch seine Lebensintereffen erheischt. Die Rußland auferlegte Beschränkung war uner- träglich, und das lonconer Cabinet hat keine Ursache, sich darüber zu wundern, daß die große nordische Macht die günstige Gelegenheit ergreift, um sich ihrer Fesseln zu entledigen.

Die orientalische Frage ist durch Rußlands Vorgehen, auch wenn dasselbe keineswegs an eine Beschleunigung der Krisis denkt, allerdings wieder auf die Tagesordnung der europäischen Politik gesetzt; sie ist wieder eine brennende Frage geworden, zu der jede der europäischen Mächte Stellung zu nehmen haben wird.

Auch Deutschland, wenngleich seine Interessen von der orientalischen Frage nicht unmittelbar berührt werden, kann der Gestaltung der Dinge auf der Balkan­halbinsel nicht gleichgilttg zuschauen. Welche Stellung es im Laufe der Zeit einnehmcn wird, das hängt, eben weil es nicht unmittelbar betheiligt ist, lediglich von seinem Verhältniß zu den unmittelbar betheiligten Mächten ab, und für jetzt steht nur so viel fest, daß es sich in dieser Frage nicht mit der Rolle des rein passiven Zuschauers begnügen wird. Es ist nothwendig, daß eine feste und ein­flußreiche deutsche Politik in der orientalischen Frage sich herausbilde.

Dazu bedarf es aber vor Allem einer streng einheitlichen Leitung dcr deut­

schen Politik. Ohne Einheit, keine Kraft, kein Einfluß! Wenn Bayern zwischen preußischen und österreichischen, vielleicht gar französischen Einflüssen unsicher hin und her schwankt, wie soll da Deutschland im Stande sein, in der europäischen Politik seine Interessen zur Geltung zu bringen, wie soll es im Stande sein, seine mit den ungeheuersten Opfern verknüpfte Macht zu Gunsten einer friedlichen Entwickelung der Dinge in die Wagschale zu werfen, was doch offenbar der hohe Beruf des verjüngten Deutschlands ist. Einheit der deutschen Politik, das ist das unbedingt Nothwendige, was die Nation als Frucht der deutschen Siege zu fordern hat.

Und Angesichts der Entwicklung, die sich, wenn auch vielleicht langsam, im Osten vorbereitet, werden die bayerischen Staatsmänner selbst erkennen müssen, daß eine mittelstaatliche Politik neben der Vundespolitik unhaltbar, daß sie un­möglich, baß sie ein Unding ist. Und wenn wir den in den letzten Tagen cinge- laufenen Nachrichten über eine günstige Wendung der Verhandlungen in Versail­les Glauben schenken dürfen, hat sich diese Erkenntniß bereits Bahn gebrochen. Der Ernst der europäischen Lage und die immer entschiedener sich kund gebende Stimmung des bayerischen Volkes scheinen den Sieg über einen den gegenwär­tigen Verhältnissen in keiner Weise entsprechenden Standpunkt davon getragen zu haben. Hoffen wir, daß die guten Nachrichten sich in vollem Maße bestätigen. Dann werden wir mit dem Gefühle der Sicherheit und der Ueberzeugung, daß Deutschland überall sein Recht finden und seine Interessen bei jeder Gelegenheit und unter allen Umständen kräftig wahren wird der Zukunft entgegenfehen können.

Man schreibt derK. Z." aus München, 17. Nov.: So scheint denn doch in der zwölften Stunde der gute Genius unseres Vaterlandes noch in das Ge­schick Bayerns die rechte Entscheidung gebracht zu haben. Der Minister des Innern, Herr v. Braun, ein Mann, gegen den Sie wohl nur den Vorwurf ge­hört Haben, daß er von seiner liberalen und deutschen Gesinnung andersstrebenden Collegen gegenüber nicht den vollen energischen Gebrauch macht, hat dem ersten Bürgermeister von München osficiel erklärt, daß eine Annäherung zwischen dem Norddeutschen Bunde und Bayern erzielt sei und in den nächsten Tagen die Publikation des Vertrages erfolgen werde. Ueber den Inhalt der Vereinbarung konnte der Minister natürlich noch tune Mittheilung machen und wir sind daher auf Conjccturen angewiesen. Ich wiederhole es, das bayerische Volk in seiner großen Mehrheit natürlich nicht diejenigen, welche den klerikalen Blättern nachbeten oder allerdings in winziger Zahl auf dem Standpunkte der Herren (

Kolb und Jacoby stehen wird keinen Abschluß für erträglich halten, der ihm nicht die Gemeinschaft des nationalen Parlaments bringt. Was sonst für Con- ccssionen oder Modifikationen erzielt sein mögen, um den Uebergang aus unseren bisherigen Verhältnissen in ein angestrengteres aber auch lebenskräftigeres Staats­dasein in Gemeinschaft mit ganz Deutschland zu vermitteln, wird noch von der nationalen Partei Bayerns selbst in seinen Nebenzugeständniffen hingenommen werden, weil in politischen Dingen auch der Schein und der Glaube respectirt werden muß. Aber die deutsche Nation im Reichstage vereinigt, ist das Alpha und Omcga des nationalen Programms, dem gottlob jetzt alles zustimmt, was nickt im Bann des Clerus liegt. Die Sache muß, nach manchen Anzeichen zu schließen, nicht oder nicht mehr so stehen, als es einige Tage den Anschein hatte. Ist wirklich, was wir bis auf Weiteres dahingestellt fein lassen, den Ministern oder Einzelnen unter ihnen mit dem Mißtrauen Unrecht geschehen, so haben die Be­treffenden sich diese Unannehmlichkeit selber zuzuschreiben. Wer sich von der Augsburger Postzeitung gelobt sieht und sich nicht unmittelbar wozu gibt cs denn Telegraphen? gegen eine solche Ehre feierlich verwahrt, hat es sich selber zuzuschreiben, wenn man sagt: Tel maitre tel valet, oder umgekehrt, da es dann schwerer ist, Herr und Knecht zu unterscheiden.

DieWiener Abendpost" dementirt in entschiedener Weise die Gerüchte von einem bevorstehenden Rücktritte des Grafen Beust und versichert,daß alle in Bezug auf diesen Riicktr'tt in Umlauf gesetzten Gerüchte, so wie alle daran ge­knüpften Umstände und Motive durchweg auf müßiger Erfindung beruhen."

Ein Brief des Generals Trochu an den Papst ist dem römischen Correspon- deuten derPall Mall Gazette"' zufolge in Rom eingetroffen. Derselbe wurde aus Paris durch Ballon und weiterhin durch Courier befördert. In diesem Schreiben spricht der General sein Mitgefühl für den heiligen Vater in den über ihn verhängten Drangsalen aus und beklagt, daß die gegenwärtige Lage Frank­reichs es unmöglich mache, ihm zu Hülse zu kommen, äußert jedoch die Ueber­zeugung, daß bald ein Umschwung der Dinge eintreten werde. Er selbst sei ent-