mit Allem, woran es am meisten Mangel leidet. Gleichzeitig sollen aber die Preußen nicht requiriren dürfen. Wie schlau Herr Thiers een Spieß umdreht! Die Pariser sollen zu leben haben, die Preußen sollen ausgehungert werden!
Wohlausgesonnen, Pater Lamormaire!
Herr Haußmann, der frühere Seine-Pra'fect, welcher bekanntlich in Nizza verhaftet wurde, ist wieder in Freiheit gesetzt worden. Er begab sich sofort nach Italien.
Eine Depesche aus Marseille vom 14. meldet: „Die Gemeinderathswahlen haben heute Statt gefunden. Die republikanische Liste hat triumphirt. Die bis jetzt bekannten Resultate ergeben 21,000 Stimmen sür die republikanische Liste und 7000 für die revolutionäre. Esquiros hat seine Stelle definitiv niedergelegt und die Oberleitung des Journals „Egalit^" übernommen.
In LyonS-la-Foret wurde am letzten Mittwoch ein Militär standrechtlich erschossen. Dieser Militär, Sergeant bei den Franctireurs von Lille, war wegen eines Insubordinations-Vergehens zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurtheilt worden. Als das Kriegsgericht ihm das Urtheil bekannt machte, gerieth er in furchtbare Wuth und insultirte die Richter, worauf diese ihn sofort zum Tode ver- urthcilten und alsbald erschießen ließen.
Die ganze republicanische Weisheit der Franzosen scheint, nach den Ernennungen zu schließen, in den Advocaten und Journalisten verkörpert zu sein. Auch dieser Zug der dritten Republik bietet eine pikante Parellele zu den Mißbräuchen der zweiten. Die Mitglieder der Regierung, Trochu nicht ausgeschlossen, gehören fast sämmtlich diesen beiden Richtungen an, in den Präfecturen ist es ebenso bestellt, in den militärischen Stellen geht es nicht viel besser; jetzt kommen auch Stellen wie die des Directors des Arresthauses von Sainte-P6lagie an die Reihe, wozu der frühere Redacteur des „Progros de Rouen", Gallois, befördert wurde. Ein Thei! der nicht untergebrachten Journalisten geht mit der Regierung aus Patriotismus durch Dick und Dünn, ein anderer aus Furcht, da Gambetta keinen Widerstand verträgt; der Rest hüllt sich in Schweigen, wie Louis Blanc, oder macht den unverwüstlichen Rathgeber, wie Emile de Giraroin, der von Zeit zu Zeit mit offenen Briefen in der „Liberte" auftritt, bisher aber nur seine tragi- komische Kassandra-Rolle, die er unter dem Empire gespielt, fortsetzt. In seinem jüngsten Schreiben an Gambetta beginnt er mit der Klage: „Obgleich keiner meiner zeitgemäßen Rathschläge, deren Richtigkeit stets durch die Ereignisse bestä- tigt wurde, in Betracht gezogen wurde, nach wie vor dem 4. September, so erachte ich cs dennoch für eine Pflicht gegen mtin Vaterland, beständig die unheilvolle Verblendung Derjenigen zu bekämpfen, die dasselbe zum Abgrunve führen. Einsicht verpflichtet." Girardin weist sodann darauf hin, daß er sofort nach dem Unfälle von Sedan bei der Regierung der Nationalvertheidigung gezeigt habe, daß der einzige grade, kürzeste und sicherste Weg die Wiederherstellung der Ver- sassung vom 4. November 1848 sei, kraft welcher dann unverzüglich zur Wahl eines Präsidenten der Republik und am nächstfolgenden Sonntag zur Wahl einer gesctzgebenden Versammlung zu schreiten sei. Am 8. September habe er, Girardin, diesen Rath bei Trochu und am 9. bei Gambetta in Paris, am 3. October in Tours wiederholt, sei jedoch abgewiesen worden; die Lage sei aber immer schlimmer geworden, we-l vom 16. September bis 9. November Paris bereits fünfzig Tage von seinen Vorräthen an Lebensrnitteln zehre. Was bleibe jetzt zu thun? Girardin's Antwort lautet: Die Regierung in Tours möge eins der Mitglieder der Diplomatie, welche die September-Regierung anerkannt haben, er- suchen, sich von seiner Regierung Vollmacht ertheilen zu lassen, ins preußische Hauptquartier zu gehen und den Stein des Anstoßes zu einem Waffenstillstände, die Verproviantirung von Paris während der fünfundzwanzig Tage, dadurch zu beseitigen, daß die französische Regierung auf die Verproviantirung verzichte und zugestehe, daß eine einfache Waffenruhe von vier Tagen eintrete, während wel- cher Frist Frankreich die Verfaffung vom 4. November 1848 und das Wahlgesetz vom 15. März 1849 Herstellen und einen Präsidenten der Republik wählen werde; während dieser vier Tage sei Paris und den Departements alle Freiheit der Correfpondenz auf telegraphischem und brieflichem Wege zu gestatten. Es stehe zu hoffen, daß König Wilhelm auf diesen Vorschlag eingehen werde: als- dann habe Frankreich, war es jetzt nicht besitze, eine regelmäßig gewählte und regelmäßig vollziehende Executivgewalt, welche folglich befähigt fei, Verträge zu schließen; die Wahl, welche Frankreich treffe, werde eine Andeutung seiner Meinung über den Krieg aufs Aeußerste oder über Vertagung der Wiedervergeltung sein.
Siocle verspottet die neutralen Mächte wegen ihrer nutzlosen Friedensvorschläge: „Was wollen diese Neutralen? Unsere Zeit durch diplomatische Unter- redungen verderben? Wir können einen Friedensvorschlag nicht annehmen, so lange die Preußen in Frankreich sind. Wenn die Neutralen dieses Krieges überdrüssig sind, so mögen sie eine wirkliche Coalition bilden. Aber ihre winselnde und täppische Intervention flößt uns keine Dankbarkeit ein." Dieser Hohnruf schließt mit den Worten: „Wir haben die Gerechtigkeit und das Recht für uns, wir können nicht untergehen; Paris wird nicht fallen."
Aus Dijon meldet man: Der General, welcher in der Stadt befehligt, ist Prinz Karl, Neffe des Königs von Preußen. Er wohnt bei Herrn de Saint- Seine, Rue Verrerie. Die Erziehungsanstalten wurden von den Preußen nicht beunruhigt. Die Pensionate für junge Mädchen erhielten keine Einquartierungen. Die Preußen refpectirten übrigens in allen Städten die Schulen, welche sie als Asyle betrachteten. Die größte Ruhe herrscht in unserer Stadt. Die Läden der Stadt sind fortwährend geschlossen, und die Preußen scheinen nicht die Absicht zu haben, dieselben offnen zu lassen.
Die „Correfpondenz Warrens" schreibt: die Erklärung des russischen Cabi- nets, wodurch dasselbe wichtige Bestimmungen des pariser Vertrages aus eigener Machtvollkommenheit aufhebt, hat eine principielle Tragweite außerordentlichster Art. Der Wunsch der russischen Regierung bezüglich der das schwarze Meer be- treffenden Stipulationen hätte auf dem Wege diplomatischer Verhandlungen mit den übrigen Vertragsmächten zu einem Resultate führen können. Der von Ruß- land betretene Weg der Selbsthilfe aber führt zur Verletzung von Vertragsrechten und zur tiefsten Erschütterung des Rechtszustandes, auf welchem der Friede im Oriente beruht. Durch die Note des Fürsten Gortschakoff vom 31. October wurde eine sehr ernste Situation geschaffen, die für alle Mächte, welche den pariser Vertrag unterzeichnet haben, die Mahnung erstehen läßt, mit Festigkeit und Entschiedenheit für das bedrohte öffentliche Recht einzutreten. Es handelt sich hier um eine die eigensten Interessen Oesterreichs berührende Angelegenheit. Die pariser Vertragsmächte haben alle Ursache, eine gemeinsame Abwehr eintreten zu lassen. — Die „Correspondenz Warrens" meldet ferner, daß der russische Geschäftsträger am 15. November die Note der russischen Regierung betreffend die Lossagung von den auf das schwarze Meer bezüglichen Stipulationen des pariser Vertrages der Pforte übergeben habe.
Kriegsnachrichten.
lieber das Gefecht v. d. Tann's am 9. November mit der französischen Loire-Armee gehen der K. Z. zuverlässige Mittheilungen zur Ergänzung eines früheren Berichts zu. Nachdem v. d. Tann am 8. Abends mit feinem nur aus Drei Brigaden bestehenden, zwischen 17- und 18,000 Mann starken Corps Orleans verlassen, waren nur noch Proviant- und Munitions-Colonnen unter dem Schutze von 2 Bataillonen Infanterie in der Stadt zurückgeblieben. Letztere hatten Weisung, sich gleichfalls am folgenden Tage Mittags aus der Stadt herauszu- ziehen. Dies geschah auch pünktlich. Leider ist es jedoch vorgekommen, daß einige der bei solchen Gelegenheiten unvermeidlichen Nachzügler, welche zu spät am Sammelplatz erschienen waren oder sich sonstwie verirrt hatten, am Nachmittag desselben Tages vom Pöbel von Orleans erschlagen worden sind. Fstx diese Unthat wartet natürlich der Stadt die härteste Strafe. Inzwischen war v. d. Tann mit seinem Häuflein der französischen Armee muthig entgegen gezogen. Die letztere unter dem Generäl Paladine, einem jüngeren Offizier, fand er, als er bei CoulmierS angelangt, sich gegenüber stehen. Sie bestand aus 9 französischen Linicn-Brigaden, vielen Mobilgarden, 7 Reiter-Regimentern und besaß an Artillerie 120 Feldgeschütze. Es mögen also im Ganzen 70- bis 80,000 Mann gewesen fein. Man erkannte bald, daß die Führung dieser Truppen eine bessere und umsichtigere sei, als Vie irgend eines französischen Corps in diesem Kriege. Der General Paladine hatte bereits unsere Taktik angenommen, ließ auf den Flanken Eclaireurs ausschwärmen und bildete Seitencolonnen, um vor jeder Ueber- raschung sicher zu sein. Der linke Flügel der Bayern unter General Orff, Der für einen der tüchtigsten Offiziere der bayerischen Armee gilt, warf den linken Flügel Der Loire-Armee in größter Unordnung auf das Centrum zurück. Auf diesem linken Flügel war die französische Cavallerie postirt gewesen, die auf Den ersten Anprall Der bayerischen Reiterei linkSum Kehrt gemacht und in wilder Flucht hinter Die Aufstellung des französischen Centrums retirirte. Auf Der anDeren Seite ging es indeß nicht so gut. Die Bayern, obwohl in so erheblicher MinDerzahl, hielten sieben Mal hinter einander Stürme auf ihre Stellung aus und schlugen dieselben sieben Mal nach einander zurück. So Dauerte das Gefecht von 7 Uhr Morgens, wo es mit heftiger Kanonade begonnen hatte, bis 5 Uhr Abends. Da ließ v. d. Tann einfach feine Regimenter abschwenken und bewirkte so seinen Rückzug nach Toury, ohne vom Feinde im Mindesten behelligt zu werden, ja, ohne daß dieser auch nur Fühlung mit ihm behalten hätte. Wie schon früher erwähnt, ist er auch während des ganzen folgenden Tages, dem 10. November, in keiner W.'«fe von der Loire-Armee beunruhigt worden. Preußische Offiziere, die anwesend waren und nun ins Hauptquartier zurückgekehrt sind, können nicht genug von Der Bravour Der Bayern und Der Ordnung erzählen, mit welcher voy ihnen die Rückzugsbewegung ausgeführt wurde. Die französischen Depeschen Über diesen Kampf lassen auch Die Enttäuschung deutlich erkennen, Die man bei Dem tapferen Widerstande der Bayern empfunden, Da man ersichtlich Darauf gerechnet, das kleine Häuflein einfach erdrücken zu können. Die französischen Depeschen gestehen selbst einen Verlust von 2000 Mann ein. Der Verlust an Bayern besteht nach authentischen Berichten in 677 Mann und 42 Offizieren an Todten und Verwundeten. Die Franzosen haben sich bei dieser Gelegenheit vortrefflich geschlagen, obwohl ihnen die Werdergewehre der Bayern (es waren 3 Bataillone mit dieser vorzüglichen Hinterladerwaffe versehen) großen Respect einflößten. Heute kann cs nun möglicher Weise zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Toury und Artenay kommen.
Der Lommandant von Belfort hat Den Maire von Perouse verhaften lassen, weil er am 3. November zwei Ulanenosfiziere, anstatt sie einem benachbarten Posten zu Denunciren, bei sich bewirthet hatte. Er wird vor ein Kriegsgericht gestellt werden. — Briefe aus Lyon bestätigen, daß Garibaldi und General Michel die Absicht haben, Belfort zu Hülfe zu marfchiren. Andererfeits heißt es, daß die Franzosen einen Flankenmarsch ausgeführt haben und die Deutschen, welche tn Dijon sind, abschneiden wollen. Eine Schlacht scheine in Folge dessen sehr nahe bevorstehend. Als gewiß versichert man, daß alle Deutschen, welche an der Grenze des Jura und besonders in Delle standen, am 12. abmarschirt sind. — Aus Lyon ist am 13. die erste Marsch-Legion der mobilistrten Nationalgarde (4000 Mann mit Artillerie) abgegangen. Dieselbe hat ihren Weg nach Osten genommen. In Lyon sind 40,000 Franken angekommen, welche die londoner internationale Gesellschaft für die Unterstützung Der Kriegsopfer dort hingefandt hat. — Der bekannte Bildhauer Clesinger befindet sich in Besanoon, um dort ein Freicorps zu organisiren.
Zwischen Besan^on, Belfort, Döle und Mouchard ist seit dem 9. November Der Eifenbahndienst bloß für Truppen- und Militärtransporte tn Anspruch genommen.
Die „Correspondance de Tours" bringt unter ihren „officiellen Depeschen" folgende Mittheilung: „Eine Depesche aus Bordeaux meldet, daß die aus Oleron angelangten preußischen Gefangenen unrechtmäßige Inhaber von bedeutenden Werthen in französischem Gelde, goldenen Ketten und Frauenschmuck, dem Ergebnisse der Plünderung, sind." Diese Nachricht der „Correspondance de Tours" scheint wohl dieselbe Grundlage zu haben, wie das Folgende, was ein Correspondent Der „Daily News" aus Tours vom 13. Nov. meldet: „Eine große Menge Gefangener, man sagt, an tausend, kamen heute hier ein. General d'AurelleS telegraphirt, daß er im Ganzen 2500 gefangen hat. Es scheint, daß nach Dem Gefechte von Bacon eine Menge Deutscher bei CercotteS umringt unD gefangen wurDen. Der größere Theil Derjenigen, Die ich gesehen habe, sah gar nicht wie SolDaten aus, sondern wie Feldstreicher und Marodeurs. Die Mobilen, welche sie cscortirten, nöthigten sie, eine Menge von Schmucksachen, Uhren und Goldmünzen zur Schau zu tragen, welche sie wahrscheinlich als gute Beute betrachtet hatten, wofür sic aber jetzt, Da sie gefangen sind, als Diebe angesehen werden. Eine ziemliche Anzahl Der Gefangenen finD ÄinDer, selbst unter 10 Jahren, aus Dem Elsaß, welche, Da sie deutsch und französisch sprechen, als Spione dienstbar waren." [?]
London, 17. Nov. Man meldet aus Great Grimsby: „Die norddeutschen Lloyddampftr Hansa und Leipzig wurden gekapert. Hansa mit 78, Leipzig mit 20 Passagieren.
Darmstadt, 17. Nov. Wie verlautet, gedenken Seine Excellenz der Herr Ministerpräsident Frhr. v. Dalwigk unD Herr Geh. Legationsrath Hofmann heute Vormittag von Versailles abzureisen und am Samstag Nachmittag hier ein* zutrcffen.
\j ,HM^.a. H., 9. Nov. Der Bauer Charles Dutour aus Foutenay les Louvres, Departement Saone et Oise — wegen versuchten Giftmordes zu 12jäh*


