Ausgabe 
18.11.1870
 
Einzelbild herunterladen

bespricht zunächst die verschiedenen Veränderungen, denen die Transaktionen, welche man als Grundlage de- europäischen Gleichgewicht- betrachet habe, und unter ihnen namentlich der Vertrag von 1856 unterlegen haben, md fährt dann fort: Der Kaiser konnte eS nicht als ein begründete- Recht aierkennen, daß die Verträge, welche in s» vielen wesentlichen Punkten durchbrochen waren, gerade da, wo sie die Interessen de- russischen Reiche- berühren, obligitorisch bleiben sollen; daß die Sicherheit Rußland- von einer Fiction abhängig gemacht werde, welche den Prüfungen der Zeit nicht gewachsen war, und daß Rußland durch seine Achtung vor Verpflichtungen, welche andererseits nicht in vckler Integrität beobachtet waren, gefährdet wäre. Im Vertrauen auf die Billigkit der Mächte ertheilt der Kaiser Ew... hiermit den Befehl, die Erklärung abzu;eben, daß er nicht in der Lage ist, sich länger als durch die Verpflichtungen :es Vcrtragc- von 1856 gebunden anzusehen, insoweit diese Verträge seine Soureränetätsrechte im schwarzen Meere beschränken. Der Kaiser hält e- für sein Recht wie für seine Pflicht, dem Sultan die Additionalconvention aufzukündigen welche dem genannten Vertrage beigcfügt ist, und die Anzahl und Größe dei Kriegsschiffe, welche die betreffenden Mächte im schwarzen Meere unterhalten dürfen, feststellt. Die Mächte werden in loyaler Weise hiervon benachrichtigt, und es wird dem Sultan in dieser Beziehung die ganze Fülle seiner Rechte in derselben Weise wiedergegeben, wie sie der Kaiser für sich in Anspruch nimmt. Rue die Sicher­heit und Würde de- Reiches hat der Kaiser hierbei im Auge. Oer Gedanke, die orientalische Frage wieder aufzuwerfen, liegt ihm fern. Hicr wie überall hegt der Kaiser keinen andern Wunsch, al- den, den Frieden zu wahren und zu befestigen. Er hält durchaus fest an den übrigen Hauptbestimmuncen des Ver­trage- von 1856, welcher die Stellung der Türkei im europäischen Concerte fixirt. Der Kaiser ist bereit, mit den übrigen Mächten, welche den Vertrag un­terzeichneten, in Verhandlungen einzutreten, sei e-, um die allgemeinen Bestim­mungen des Vertrages zu kräftigen, sei e-, um dieselben neu zu gestalten, oder durch ein andere- billige- Arrangement zu ersetzen, welche- geeignet ist, die Ruhe des Orients und da- europäische Gleichgewicht zu sichern. Der Kaiser ist über­zeugt, daß sowohl der Friede, wie das Gleichgewicht Europa's eine weitere Ga> rantie empfangen werden, wenn sie auf gerechteren und festeren Grundlagen be­ruhen, al- cs diejenigen waren, welche au- einem Verhaltniß dervorgegangen sind, wie es keine Großmacht al- die Bedingung normaler Existenz zu acceptiren im Stande ist.

DemDreöd. Journal" wird aus Warschau vom 8. Rovbr. geschrieben: Seit einigen Monaten werden die Reservisten der russischen Armee in aller Stille eingezogen. Ihre Einberufung hat nicht auf dem gewöhnlichen öffentlichen Wege, sondern durch geheime Befehle an die Kreischef- Statt gefunden. Diese hatten die Reservisten zu sich zu bescheiden !md ihnen zu eröffnen, daß sie sich zu ihren Regimentern zu begeben haben,um da- neue Gewehr und dessen Handhabung kennen zu lernen". Daß aber die Einberufenen nicht so bald entlassen werden dürften, geht schon daraus hervor, daß die ausgeschriebenen Licitationen auf Mehl- Lieferung für 1871 beinahe doppelt so groß sind, al- in den vergangenen Jahren. Ferner ist zu bemerken, daß die Thätigkeit in den Waffenfabriken und Geschütz­gießereien mit ununterbrochener Energie betrieben wird. Die St. Petersburger und Moskauer Zeitungen melden fortwährend von neuen russischen Erfindungen auf diesem Gebiete und wird ganz besonders eine Kanone neuer Construction, als deren Erfinder man den General Pesticz bezeichnet, außerordentlich belobt. Die Flottenmannschaft wird in Kronstadt in Handhabung der neuen Waffen eifrig einexercirt und wird zu diesem Behufe den verschiedenen Abtheilungen abwechselnd auf je zwei bi- drei Wochen jede andere Thätigkeit erlassen."

Man schreibt derK. Z." aus Rom, 10. Nov. Für die gründliche Um­gestaltung der römischen Justiz darf der Statthalter auf den Dank der ehrlichen Leute rechnen. Mit der Errichtung des Appellation-gerichtshofe- kam es gestern zu einem Acte, der deßhalb bemerkt zu werden verdient, weil die bedeutendsten unserer Advocaten, besonders auch die bisher in der Sagra Rota arbeiteten, der neuen Regierung den Pflichteid leisteten. Doch ist die Zahl der Beamten über­haupt, die mit dem alten Regime stehen oder fallen wollen, größer als man glaubt oder glauben macht. Aber da gilt es denn auch, von der gewohnten luxuriösen Bequemlichkeit, dem warmen Unterbau des Lebens, sofort schmerzlichen Abschied zu nehmen. Mittlerweile ist eine stille Reformation aufgelebt, deren Mandatare für ein Contre-Plebi-cit bei den wohlbekannten Gesinnungsgenossen Propaganda zu machen bemüht sind. Darauf sind verschiedene Vereine von nicht wenigen im Rufe der Frömmigkeit stehenden Frauen mit dem Gelübde zusammengetreten, bi- zu dem Tage der Wiedereinsetzung des heiligen Stuhles Trauerkleider anzulegen. Rach der Versicherung Unparteiischer wären es ohne Ausnahme Besucherinnen der Kirche del Gesu. Vor einigen Tagen empfing der Papst eine aus ihrer Mitte entsandte Deputation, die sehr huldvoll ausgenommen wurde. In dem römischen Collegium werden die Jesuiten künftig nicht mehr die Herren sein, doch will man sie in einem abgelegenen Theile de- großen, einer kaiserlichen Residenz gleichenden Palastes dulden. Heute wurde ihr Wappen durch Maurer vom Portal beseitigt. Der Chef-Redacteur der Civitta Cattolica, Pater Curci, hat sich durch seine Schrift über den Fall Roms und dessen Ursachen die Ungnade Sr. Heiligkeit im vollsten Maße zugezogen. Das ist. begreiflich, denn er behauptet u. A., daß es um die weltliche Herrschaft des heiligen Stuhles ein- für allemal geschehen sei.

Kriegsnachrichten.

Berlin, 15. Nov. Diplomatischen Gerüchten zufolge, die der Bestätigung bedürfen, will England, von Paris und Tour- veranlaßt, die Verhandlungen wegen des Waffenstillstandes wieder aufnehmeu, um zum Congreffe zu gelangen. Der Erfolg wird bezweifelt.

DasEcho de Lille" meldet:Wir wissen nicht, wo die feindlichen Truppen sich gegenwärtig befinden, aber wir können mittheilen, daß der Marsch der Preußen nach dem Norden hin nicht mehr angezweifelt werden kann. Am letzten Donnerstag nahmen mehrere französische Offiziere, die sich verkleidet hatten, ihren Weg mitten durch ein deutsches Corps, welches nach dem Norden marschirte und dessen Stärke sie auf 6080,000 Mann schätzten. Unsere Landsleute gebrauchten drei Tage, um durch dasselbe hindurch zu kommen. Es scheint, daß es die Armee war, welche zwischen Rouen und Amiens operiren soll. Das für Lille bestimmte Corps, welches Metz erst letzten Montag hat verlassen sollen, kann es nicht gut sein."

Nach Berichten aus Lyon vom 13. Nov. hatten die Deutschen Darenges mit 2000 Mann besetzt und marschirten aus Beffay. In Düle, wo bisher Gari­baldi sein Hauptquartier hatte, sind sie ebenfalls eingerückt.

Ein Journal von Besanyon meldet:Ein deutsches Corps von 40,000 Mann steht in Vesoul und den umliegenden Dörfern. Dieses Corps soll unter dem Ober-!

befehle de- General- v. Werder nach Lyon marschiren. Ulanen find bi- nach dem Walde von Dampierre, bi- auf einige Stunden von der Grenze de- Doubl* Departements, vorgegangen."

DerStaat-anzeiger" bemerkt zu der Nachricht, daß bei Orleans den Gayern 2 Kanonen genommen seien:Es find dir- die ersten Kanonen, welche im Lauf de- ganzen Feldzüge- den Franzosen in die Hände gefallen sind.-

Nach t'ner von derNat.-Ztg." gegebenen Zusammenstellung der in den Besitz der deutschen Heere gekommenen Sicge-trophäen beträgt die Zahl der Adler und Standarten schon gegen 100. An Geschützen sind bisher in offener Schlacht, wie durch die beiden Capitulationen von Sedan und Metz nach den osficiellen Berichten 1003 Kanonen und 155 Mitrailleusen erbeutet worden, wobei indeß 2510 au- den verschiedenen Festungen übergebene Festungs- und Belagerungs­geschütze noch nicht mit inbegriffen sind. Die Gesammtzahl der erbeuteten Gewehre dürste sich auf mehr als 500,000 belaufen.

A Rach Briefen aus TourS, vom 11. Nov., hat die Affaire bei Orleans, welche man in der provisorischen Hauptstadt Frankreichs für einen Sieg ausgeben wird, große Begeisterung erregt. Die Einzelheiten, welche man bi- jetzt in Tours über diese Affaire hat, sind folgende: Die französische Armee bildete eine Linie, die sich von Vendome nach Beaugency erstreckte; eine erste Affaire fand im Walde von Marchenoi'r Statt. Ein von Bacon kommende- deutsche- Corps griff die französischen Stellungen bei St. Laurent-deS-Boi- an, wurde aber zurückgeworfen. Am folgenden Tage ergriffen die Franzosen die Offensive. Der General Aurelle- de Paladine hatte die Absicht, Orleans auf beiden Seiten zu umgehen, um v. d. Tann in dieser Stadt zu isoliren. Die Armee von Beaugency sollte direkt auf Orleans marschiren, während der rechte Flügel in der Nähe von Orme- Halt machen sollte, und da- Centrum und der linke Flügel, nach recht- marschi- rend, die Instruction hatten, über St. Peravy, Boulay und Briey zu dem Ca- valleriecorps zu stoßen, welches der General Martin de Palliere-, der einige Stunden oberhalb Orleans btt St. Benoit an der Loire stand, nach Cercotte- sühren sollte. Der Kampf begann am Morgen und endete des Abends. Bacon und CoulmierS wurden der Reihe nach von unseren Truppen besetzt. Der Gene­ral Chagny marschirte schnell auf Gcrminy, wo er aus ernsten Widerstand stieß; während er diese Stellung angriff, marschirte der General Royan, der sich auf der äußersten Linken befand, auf St. Peravy-la-Colombe, so die Umgehungs-Be­wegung andeutend, welche der Zweck der ganzen Operation war. Der General o. d. Tann, zur rechten Zeit benachrichtigt und die Gefahr, in der er sich befand, schnell begreifend, gab Befehl, Orleans zu räumen, und zog sich mit allen seinen Streitkräften auf den Landstraßen von Artenay und Patay zurück. Zu gleicher Zeit hielten starke feindliche Abtheilungen, welche aus der Beauce herangerückt kamen, den General Royan auf. Vergeblich bemühte sich derselbe, die Stellung bei Saint Peravy zu nehmen und engagirte mit den Deutschen einen Kampf, wobei seine Artillerie einige Verluste erlitt. Mit Recht fürchtend, von einer Ueberwacht angegriffen zu werden, zog sich derselbe zurück. Der General Chagny sah sich in Folge dessen genothigt, den Angriff gegen Germiny aufzugeben und ebenfalls zurückzugehen. Wenn die Operation des Generals d'Aurelles nicht voll­ständig gelang, so hatte sie doch die Räumung von Orleans zur Folge. Seiner­seits war der General Martin Du Paktiere- vorgegangen; nach den letzten Nach­richten erreichte er zwischen Cercottes und Chevilly einen Theil der Arrieregarde v. v. Tann'-, der er eine Niederlage bereitete und eine ziemlich große Anzahl von Gefangenen abnahm. Der Abzug der Deutschen aus Orlean« erfolgte am 9. am Mittag. Ihr Rückzug wurde in bester Ordnung ausgeführt. Das letzte Bataillon, welches abzog, war in der Iacobiner-Caferne logirt. Anstatt rasch den Boulevard d'Etampes zu gewinnen, zog es unter Trommelschlag durch die Rue Ieanne d'Arc und die Rue Bannier, gerade als ob eS eine militärische Promenade machen wollte.

Die Franzosen stehen bereits auf dem Kopf vor Jubel über Orleans; daß sie die Bayern geschlagen haben, da- geht just über ihren Verstand. Aus Tours, 11. Nov., wird derIndep." Folgendes geschrieben:Endlich, wir haben einen Sieg! einen ächten, wahren! dießmal ist'- Ernst und es ist der erste, der erste! seit dem Beginn des Kriegs. Die Nachrichten aus London sind ebenfalls gut. Die Rede Lord Granville's beim Lordmayor-Banket, die neue Sprache derTi­mes" lassen eine ganz andere Haltung Englands voraussehen. So erscheinen denn auch alle Gesichter heute wieder aufgehellt; die Hoffnung lebt wieder auf. Ach, wie wenig bedürfte es: noch ein Sieg, ein einziger, um uns wieder Kraft zu geben, um den Muth der Verzweiflung in Frankreich durch den Muth der Hoffnung zu ersetzen. 60 preußische Gefangene sind diesen Morgen auf dem Platz des Iustizpalastes defilirt. 1000 sind durch den Bahnhof per Eisenbahn passirt. Man hat zu bemerken geglaubt, beiläufig, daß die Bayern und Badenser [nun sollen diese auch in Orleans gewesen fein!] fast zufrieden waren; sie haben genug vom Krieg und scheuen sich nicht, es zu sagen." (Fr. I.)

München, 13. Nov. Die Nachricht von dem Rückzug des v. b. Tann'schen Corps von Orleans nach Toury hat hier die Erinnerungen an die berühmten Rückwärtsconcentrationen der bayerischen Armee im Jahre 1866 wachgerufen. Doch ist der Vergleich keineswegs begründet. Allerdings scheint es, daß Der Vorpostendienst von dem bayerischen Armeecorps nicht mit derselben unvergleich­lichen Virtuosität gehandhabt worden ist, als wie man dieses von Den Preußen gewohnt ist; die Loirearmee erschien bei Orleans zwar nicht völlig unangemeldet, aber doch war man im bayerischen Hauptquartier nicht sonderlich über die Stel- tung des Feindes und über die Stärke feiner Truppen unterrichtet. Daß sich v. d. Tann von Orleans zurückgezogen hat, geschah jedoch einzig und allein aus dem Grunde, weil er vom großen Generalstab dazu den Auftrag hatte. Kämpfend sollte er sich nach Toury zurückziehen und so einen doppelten Zweck erreichen: erstens die Feinde zu veranlassen, ihre Truppenzahl zu entwickeln, um so ihre Stärke genau kennen zu lernen, zweitens die Feinde von Orleans weg zu locken und so dem General Wittich, unter dessen Befehl vierzehn preußische Bataillone stehen, wie Dem Großherzog von Mecklenburg, Der achtunDzwanzig Bataillone mit sich führt, Gelegenheit zu geben, im Bogen die Loirearmee zu umspannen und einzuschließen. Die dreizehn Bataillone de- Generals v. D. Tann hatten somit ihre längst schon gestellte Aufgabe erfüllt, als sie fechtend nach Toury zurückgingen. Die Loirearmee scheint übrigens die Falle gemerkt zu haben, die ihr gestellt wor­den, und hat deßhalb Den Vormarsch über Orleans hinaus eingestellt. Es reicht twar auch Das schon hin, die Absicht Des Deutschen Hauptquartiers zur Durch- ührung gelangen zu lassen, unD wir Dürfen un- gefaßt machen, Daß Die nächsten Tagen schon wieder Berichte über neue Schlachten bringen. UebrigenS soll DaS erste bayerische Infanterie. Regiment bei Der Ausführung Der ihm gegebenen OrDre stark gelitten haben; Der Artilleriehauptmann Laßberg soll gefallen fein.

Hagenau, 14. Nov. Mit Spott haben seiner Zeit mehrere Deutsche