Ausgabe 
18.11.1870
 
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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit >»S- nahme Montagt.

Expedition: Lanzleider, Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kießen.

Nr. 1S7, Freitag den 18. November 1870.

hon fttto&onot* werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, Canzleiberg B. 1, als auch

2OC|tCUlingVll Ullf Wljnytl bei aU-n Post-Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.

Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Erpedition abholen lassen, n halten denselben für die Monate November und December 1870 zu 40 kr.

Amtlicher Theil.

Gießen, am 14. November 1870 Setreffend: DaS Kreisersatzgeschäft für 1871.

Das Großhermögliche Kreisamt Gießen

an die Pfarrämter des Kreises als Cioilstandöbehorden.

Da das Kreisersatzgeschäst für 1871 frühzeitig im künftigen Jahre stattfinden soll und die Großherzoglichen Bürgermeistereien ange- wiesen sind, die Stammrollen am 16. December d. I an uns einzusenden, ersuchen wir Sie, höherer Anordnung gemäß, die GeburtS- listen der Großherzogllchen Bürgermeistereien längstens bis znm 1. December d. I. mittheilen zu wollen.

I. V.:

K e k u l e, Kreis - Assessor.

Politischer Theil.

17. November.

Während Herr JuleS Favre wieder einmal den Cabineten den halb trotzigen, halb elegisch gefärbten Ausdruck seiner gekränkten Gefühle zum Besten giebt, den deutschen Ehrgeiz aller irgend denkbaren Ungeheuerlichkeiten anklagt, unter anreren daraus, daß Deutschland Paris der Hungersnoth preisgebe, den Schluß zieht, daß es nicht nur die französische Armee, sondern auch die französische Nation ver­nichten wolle; während er das Verlangen Deutschlands nach zwei Provinzen für einen bloßen Vorwand erklärt, hinter dem der schwarze, schon wiederholt vor dem apathischen Europa denuncirte Plan, Frankreich zu vernichten, sich verstecke, legt Graf Bismarck in seinem Circular vom 8. November in gewohnter, scharfer und klarer Weise den Verlauf der Verhandlungen und die Ursachen dar, wegen deren dieselben nothwendig scheitern mußten, ohne jede Phrase, alle Declamationen durch die einfache Darstellung deS Thatbestandes entkräftend. Ohne Zweifel wird die öffentliche Meinung der ganzen civilisirten Welt der bündigen Beweisführung des deutschen Staatsmannes den Vorzug geben vor den abgeschmackten und puerilen Lamentationen des Pariser Advocaten, und auch die Cabinete werden nicht umhin können, die Abweisung der lächerlichen französischen Prätensionen vollkommen ge­rechtfertigt zu finden; sie werden einsehen muffen, daß ihre auf Wiederherstellung des Friedens gerichteten Wünsche wiederum ausschließlich an der hartnäckigen Verblendung und dem Uebelwollen der französischen Machthaber gescheitert sind, nicht an dem Widerstreben der deutschen Diplomatie, die dem Feinde bis an die äußerste Grenze des militärisch Zulässigen entgegengekommen ist, ja, die sich, um ihre Friedtnswünsche zu bezeugen, sogar bereitwillig gezeigt hat, dem Gegner Zu­geständnisse zu machen, die vom militärischen Standpunkte aus angesehen, noch über diese Grenze hinausgingen.

Verschleppung des Krieges bis in den Winter hinein, Verproviantirung von Paris, Zeitgewinn für die Bildung neuer HeereSkörper, und Alles das ohne jedes Zugesiändmß eines militärischen Aequivalents! Sind jemals an den Sieger von dem Besiegten mit gleicher Naivetät gleich unverschämte Forderungen gestellt wo», den! Ja, wenn eine sichere Aussicht vorhanden wäre, daß die Constituante auf die von uns zu stellenden billigen Bedingungen hin sich zum Abschluß des Friedens bereit erklären würden, dann hätte es all rdingS in Frage kommen können, ob es sich nicht empfehle, den militärischen Gesichtspunkt völlig dem politischen unter­zuordnen. Aber war denn diese Aussicht vorhanden. Favre erklärt ja unum­wunden, daß die provisorische Regierung von der Weigerung, zwei Provinzen ab- zutreten, weder abgehen könne noch wolle; und natürlich würde sie ihren ganzen Einfluß ausbieten, um nur solche Leute in die Constituante zu bringen, die in dieser Bez ehung mit ihr auf ganz gleichem Standpunkte stehen. Sie würde den Waffenstillstand militärisch zur Vervollständigung ihrer Rüstungen benutzt haben, und bei den Wahlen würde sie einen Terrorismus haben walten lassen, der den besonneneren Elementen des Landes jede Möglichkeit, ihre Ansicht zur Geltung zu bringen, abgeschnitten haben würde.

Deutschland würde, wenn cs unter diesen Umständen auf die französischen Forderungen eingegangen wäre, sich vor ganz Europa lächerlich gemacht haben, und wenn eS in Folge seiner Nachgiebigkeit militärisch in Nachtheil gekommen wäre, so würde Niemand darin, daß es die Früchte seiner Siege freiwillig preis- gegeben, einen Beweis von Hochherzigkeit gesehen haben, sondern von allen Seiten würde es den Ruf vernommen haben: Tu las voulu! Und wenn wir die Wahl zwischen der Alternative haben, uns vor allen zurechnungsfähigen Leuten lächerlich zu machen, oder uns von Herrn Favre der Inhumanität oder der Verletzung des allgemeinen Rechtes" (weil wir die Verproviantirung von Paris nicht zugestehen wollen!) beschuldigen zu lassen, so mögen wir denn doch lieber in den Augen ter französischen Machihaber als Barbaren, als vor dem Richterstuhl der ge- sunden Vernunft für Thoren gelten.

Graf Bismarck hat denn auch, indem er den Verlauf der Verhandlungen kurz, aber, in vollem Gegensätze zu dem breiten, zusammenhangSlosen Geschwätz in der Favre'schen Depesche, mit durchsichtiger Klarheit resümirt, die französischen Prätensionen nach Gebühr abgesertigt. Mit Recht erklärt er die Zumuthung, eine Verproviantirung zu gestatten ohne militärisches Acquivalent, für ausschwei­fend. Treffend schildert er die Situation und characterisirt er die französischen Absichten mit den Worten:Die unglaubliche Forderung, daß wir die Frucht aller seit zwei Monaten gemachten Anstrengungen und errungenen Vortheile auf­geben und die Verhältnisse auf den Punkt zurückgeführt werden sollten, auf wel­chem sie beim Beginn der Einschließung von Paris gewesen waren, konnte nur von Neuem den Beweis liefern, daß man in Paris nach Vorwänden, der Nation die Wahlen zu versagen, suchte, aber nicht nach einer Gelegenheit, dieselben ohne Störung zu vollziehen."

Wenn Graf Bismarck ferner sagt, daß es eben so wenig in der Absicht der Franzosen gelegen, einen Waffenstillstand zu Stande zu bringen, sondern, daß sie eine Bedingung, von deren Unannehmbarkeit sie überzeugt sein mußten, nur darum gestellt haben, um den neutralen Mächten, auf deren Unterstützung sie hoffen, nicht eine abweisende Antwort zu geben, so ist das insofern gewiß voll­kommen richtig, als die Pariser Machthaber einen Waffenstillstand auf vernünftige Bedingungen hin absolut perborreSciren. Indessen ist es Herrn Favre, der jedes Verständnisses für die Wirklichkeit der Dinge entbehrt, allenfalls wohl zuzutrauen, daß er auf die Annahme seiner unvernünftigen Bedingungen gehofft hat. Offen­bar haben die weisen Pariser Herren so calculirt: Ein Waffenstillstand unter Bedingungen, welche die Deutschen vom militärischen Standpunkte aus accepliren können, ist vom Ucbel, stellen wir also möglichst tolle Bedingungen; lehnen die Deutschen diese Bedingungen ab, so verklagen wir sie bei den Neutralen; nehmen sie sie aus politischen Rücksichten an, auch gut. Dann beuten wir ihre Nach­giebigkeit nach Kräften zur Vervollständigung unserer Rüstungen aus, und nehmen bann auch die Mahlen in den Kauf, die unser Gambetta inter strepitum armorum schon nach unseren Wünschen zu lenken wissen wird.

Aber die Weisheit der französischen Diplomatie hat sich bei ihrem schlauen Plane dennoch verrechnet. Die Absurdität der vorgeschlagenen Bedingungen war so handgreiflich, baß Deutschland sie ablehnen konnte', ohne seine diplomatische Stellung im mindesten zu compromittiren. Ganz Europa wird erkennen^ daß Deutschland bis an die äußerste Grenze des Möglichen dem Feinde entgegenge- kommen ist, baß uns fortan Niemand zumuthen kann, andere, als die rein mili­tärischen Rücksichten walten zu lassen, und daß für alles Unheil, welches in Folge dessen Frankreich und namentlich Paris voraussichtlich betreffen wird, nur die Männer die Verantwortung zu tragen haben werben, welche in kecker Selbst­überhebung die Zügel der Regierung ergriffen haben, um ihr Land zu Grunde zu richten.

Die jüngsten Nachrichten in Betreff des Verlaufs der diplomatischen Ver­handlungen über die politische Einigung DeutschlanbS lauten sehr ungünstig. Die Auffassung der jüngstenPrvv.-Corresp.", welche den Vertragsabschluß mit Würt­temberg als schon gesichert betrachtete, hat sich jetzt als viel zu optimistisch erwiesen. Genaueres über die einzelnen Puncte, über welche eine Einigung nicht erzielt werden konnte, verlautet hier noch nichts. Der Eindruck der Nachricht kann vor­läufig nur ein niederschlagender sein; jndeß halten wir noch immer an der Hoff­nung fest, daß schließlich dennoch ebensowohl die dankbare und patriotische Ge- I {Innung der Fürsten, wie die mächtig gewachsene politische Bildung und Entschlos- , srnheit des deutschen BürgerstandcS eine Wiederholung der Elendigkuten und iTreubrüchigkeiten der Jahre nach 1813 verhindert werden! (K. Z.)

Ein vom Fürsten Gortschakoff unterm 19./31.Oct. erlassene Circulardepesche