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Brüssel, 14. Nov. Ein aus London am Sonnabend an ein Brüsseler Bankhaus eingetroffenes Telegramm lautet: Granville ist nach Versailles entweder bereits abgereist, ober im Begriff, abzureisen.

A Brüssel, 14. Nov. DieInvep." enthält ein Privat-Telegramm aus Berlin, welches meldet: Rußland hat unzählige Male confidentiell die Unhaltbar­keit der Neutralität des schwarzen MeereS betont, aber niemals die Revision des Vertrages von 1856 verlangt. Man telegraphirt aus London, daß Odo Russell und nicht Lord Granville im Auftrage der Regierung nach Versailles reisen werde. Thionville wird seit gestern bombardirt und brennt. DerTours-Moniteur" signalisirt für December die Ankunft einer chinesischen Special-Gesandtschaft, welche die Aufgabe habe, Genugthuung für die Iuni-MassacreS zu geben.

Florenz, 13. November.Independenzia italia" dementirt auf das Ent­schiedenste die von derTimes" gemeldete Nachricht, Thiers habe ein Schreiben an den Papst gerichtet, in welchem er demselben von gewissen zu seinen Gunsten gemachten Schritten in Kenntmß setzt.

Vermischtes.

Siebenalt. Als hier per Telegraph die Nachricht von der Uebergabe von Metz eintraf, erbot sich der Kaufmann Ritscker, für ein Freudengeläute mit der Kirchenglocke das übliche Ho­norar von einem Thaler an die Läuter zu bezahlen, und wurde unter Zustimmung des Küsters Steinfurth mit einer Glocke geläutet. Der Kirchenvorstand war allerdings dabet nicht gefragt, da derfefbe kurz zuvor bei der Nachricht von dem Siege bei Sedan, wiewohl Prediger und Bürgermeister Hierselbst es wünschten, ein Geläute nicht hatte erlauben wollen. Kaum war die Glocke in Bewegung, so kamen nach einander die Kirchenvorsteher und andere Bürger und holten, da sie die Kirchthurmthür verschlossen fanden, zunächst einen Schlosser herbei, um dieselbe zu offnen. Als dies nicht gelingen wollte und ununterbrochen fortgeläutet wurde, ließen die Vorsteher die be­treffende Thür mit der Art von einem Zimmermann zerschlagen, während inzwischen das Geläute aufgehört hatte.

Noch immer schauen wir vergeblich nach den von Straßburg erwarteten Cern'rungs- oder Belagerungsmannschaften aus; bis heute ist keine Seele einge­troffen , und dar Verhältniß zwischen den Belagerten und dem schwachen bayeri­schen BeobachtungScorpS ist dar friedfertigste von der Welt. Die Bitfcher haben mit Hilfe der Garnison ihre zerschossenen Häuser wieder in ziemlich bewohnbaren Zustand gebracht, Handel und Wandel ist von neuem erwacht und die gutmü­tigen Bayern sind für die zahlreichen Proviantwagen, welche alltäglich nach der Festung ziehen, stockblind. Vielleicht ist das bürgerliche Mitleid erwacht, jedenfalls ist da« Verhältniß einzig in seiner Art. Franzosen und Bayern verkehren höchst einträchtig miteinander, als ob sie seit Jahren die besten Freunde gewesen. Vor­aussichtlich wird diese kriegerische Einigkeit auch nicht wieder gestört werden." Nun, das könnte doch anders werden.

München, 10. Nov. Die Königin-Mutter begab sich heute in den großen Odeonsaal und empfing daselbst die hier anwesende preußische Militär-Escorte von etwa 150 Mann mit 4 Osficieren und 10 Unterofficieren. Ihre Majestät unter­hielt sich nicht blos mit den Osficieren, sondern auch mit jedem Einzelnen von der Mannschaft sehr leutselig und überreichte eigenhändig einem jeden derselben ein Geschenk, bestehend in Leibwäsche, Cigarren, Tabak, Cigarrenspitzen und Tabaks­pfeifen. Von dem Centralcomitö des Landeshilfsvereins erhielt jeder Soldat 1 Einthalerstück, jeder Unterofficier 1 Zweithalerstück zum Andenken an die Stadt München. Bei ihrem Weggange wurde die Königin-Mutter von der im Portale ausgestellten Mannschaft mit den lebhaftesten Hochrufen begrüßt.

München, 11. Nov. In der heutigen Sitzung des Magistrats der Stadt München wurde eine Regierungsentschließung bekannt gegeben, wonach gegenüber dem eigenmächtigen Vorgehen des erzbischöflichen Ordinariats bei Besetzung der Religionslehrerstelle an der höheren städtischen Töchterschule dem Magistrat aus» schließlich das Recht der Besetzung dieser Stelle zuerkannt wird. Mit der Auf­gabe, die Professoren der Theologie an der hiesigen Universität bis zur Unterschrift des Unsehlbarkeits-Rerverfes zu bekehren, soll Prof. Dr. Raitmayer, geheimer Kämmerer de« Papstes, betraut gewesen sein. In einer gestern abgehaltenen Sitzung der theologischen Facultät wurde über diese Angelegenheit Beschluß gefaßt.

Wien, 12. Nov. Das Correfpondenzbureau versendet nachstehendes Tele­gramm:Wie versichert wird, sollen die diplomatischen Vertreter Rußlands in Konstantinopel, Wien und London osficiell angezeigt haben, daß Rußland sich an die Verträge von 1856 nicht länger mehr gebunden erachte." Diese Nachricht des CorrespondenzbureauS bedarf jedenfalls noch der Bestätigung und müßte even­tuell eine solche bald stattfinden, da die behauptete Erklärung Rußlands auch in London und Konstantinopel erfolgt sein soll.

Rom, 10. Nov. Der loyale Verein überreichte Lamarmora eine Ergeben- heitS- und Dankadresse an den König al« Gründer der Einheit und Freiheit Italiens. Nicodemo Bianchi, Vorstand des Nationalconvict-CollegiumS in Turin, wurde zum Rector des im Collegium Romanum zu errichtenden Lyceums ernannt. Antonelli hatte die Monatsrente des Papstes mit 50,000 Scudi fundirt, und erfolgte die Auszahlung auf Grund eines Mandats der apostolischen Kammer. Die neue Regierung macht sie von einem Regierungszahlbefehl abhängig; auf dies hin verzichtete die Curie auf die Erhebung des Geldes. (Allg. Z.)

Florenz, H. Nov. Wie man versichert, hat Cardinal Antonelli an das diplomatische Corps in Rom einen Protest gegen die Besetzung des Quirinals gerichtet. Minghetti kehrt heute von Wien hierher zurück.

Telegraphische Depeschen.

Saarbrücken, 13. November. Aus Versailles vom 10. d. wird gemeldet: Erzbischof Ledochowski, welcher während seiner hiesigen Anwesenheit mehrfach mit dem Grafen Bismarck conferirte, hat gestern seine Abschiedsaudienz bei Sr. Majestät dem König gehabt und begiebt sich nach Posen zurück. Seit gestern Abend, nach acht schönen Tagen, sehr schlechtes Schlackenregenwetter und Schneeflocken.

Luxemburg, 13. November, Abends. Der Staatsrath richtete eine Adresse an den Prinzen Heinrich, in welcher er seinen Dank ausspricht für die Bemüh­ungen, welche der Prinz angewendet habe, das Land in der jüngst verflossenen Zeit vor dem Kriege zu bewahren. Die Adresse betont wiederholt den Wunsch des Landes, seine Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten.

A Brüssel, 12. Nov. DieFrance" vom Donnerstag bringt eine Schil­derung der Reiseerlebnisse Thier«' und seiner Suite vom 28. October ab, dem Tage seiner Abreise aus Tours bis zum 8. November Abends, als er wieder in Tours eintraf. Die Schlußstellen lauten:Wir sind glücklich, constatiren zu können, daß sich dem Schmerze Thiers' über feine fruchtlose Reise, das wachsende Vertrauen in unsere Fähigkeit beigesellt, den Feind zurückwerfen und unsere Nieder­lagen wieder gutmachen zu können. Aus der Vergleichung, welche er zwischen unseren jungen Armeen und den preußischen Truppen anstellen konnte, gewann er die Ueberzeugung, daß, als nationale Macht, der Vortheil auf unserer Seite ist, und daß unsere Besieger ihr Uebergewicht hauptsächlich ihrer Organisation ver- danken, welche eine wichtige und geschickte Hand ihnen zu geben wußte. Orga- nistren wir uns nach unserer Art, richten wir unsere vereinte Willenskraft auf die Ausführung eines einzigen Plans! Das Glück der Schlachten erwartet dies nur, um sich uns wieder zuzuwenden."

A Brüssel, 14. Nov. Das Filialbureau von Reuter zeigt an, daß ihr Communicationsarrangement es ihr gestatte, Brieftaubendepeschen auf Kosten und Risico ihrer betreffenden Auftraggeber in das belagerte Paris zu befördern. Eine Correspondenz derIndependance" aus Tours vom 12. führt nur 60 deutsche Gefangene an. Die Regierung denkt jetzt nicht an Domicilsänderung und beab­sichtigt dir Staatsanleihe auf dem günstiger gestimmten New-Jorker Platze auf-, zunehmen.

Local-Notizen.»,

Gießen. Durch den Aufenthalt französischer Offiziere in Deutschland ist Vielen die Ge- lcqenheit so nahe gelegt, die Würde unserer Nation zu vergessen, die unter den jetzigen Verhält­nissen diesen Leuten gegenüber unter allen Umständen gewahrt werden muß. Wie hinlänglich be­kannt, hat der größere Theil derselben wenig Ansprüche auf gediegene Bildung zu erheben und verkennt dabei vollständig die Lage, in der er sich im Augenblicke uns gegenüber befindet; mit einer, dieser Nation eigenthümlichen Arroganz, wenn auch in höfliche Formen gekleidet, stellt er seine Ansprüche in französischer Sprache, und setzt dabei voraus, daß man sich befleißigen wird, ihn darin zu verstehen. Leider findet er auch nur zu oft seine Erwartungen bestätigt, und Viele, die glücklich sind, einmal ihre paar französischen Brocken an den Mann zu bringen, lassen sich auch noch zu Schritten devotester Unterwürfigkeit weiter verleiten und vergessen zugleich, daß sie Feinde unserer Nation zu behandeln haben, daß sie Leute vor sich haben, die unfern Söhnen und Brüdern im Kampfe auf Leben und Tod gegenübergestanden, und noch stehen würden, wenn die treffliche Führung und todesmuthige Tapferkeit unserer braven Truppen sie nicht schon unschädlich gemacht hätte, Leute, die unsere Nation mit angeborener Leidenschaft glühend hassen, die unsere Gut- müthigkeit für Schwäche und unfern Großmuth für Furcht auslegen, Leute, welche unsere besseren Charaktereigenschaften gar nickt zu würdigen wissen und welche ganz sicher in gegentheiliger Lage ihren Leidenschaften keinen Zwang auferlegen würden, wofür die Vertreibung der Deutschen auS Frankreich und die jetzige Art der Kriegführung hinreichenden Beweis liefert, und endlich Leute, welche sogar kein Hehl daraus machen, in kürzester Frist für die empfangenen Niederlagen bei Sedan und Metz die glänzendste Revanche holen zu wollen. Unsere Aufgabe muß eS jedoch sein, vor Allem den Franzosen, die das Geschick nach Deutschland geführt, eine bessere Meinung von der deutschen Nation mit aus den Weg zu geben, als wie sie dieselbe mitgebracht haben; und wir erreichen dieses durch höfliches aber kaltes und würdevolles Benehmen, nicht aber, daß wir sie hätscheln und peschen und wohl gar den Zutritt zu unseren Familien gestatten, daß wir sie im Handel und Wandel nicht Übervortheilen oder auS ihrer Lage einen übermäßigen Nutzen ziehen wollen.

Alle diejenigen, welche dagegen verstoßen, sündigen an unserer Nation, und eS ist Pflicht eines Jeden, diese Sünder zu nennen, daß sie ihre gerechte Strafe die Verachtung ihrer Mit­bürger dafür erhalten.

Börsennachrichten.

14. November 1870.

Actien.

Oest. Creditact. 2291/4 5O/o östr. F. St. E. B. 354i/2 Lombard. Bahn 164 Ludwigsh.-Bexbach Maxbahn

Bayer. Ostbalm 121

Hess. Ludwigsb.-Act. Alsenzbahn-Actien Oberhessen 663/4

Wechsel.

Amsterdam k. S. 1003/8

Augsburg k. S. 100

Berlin k. S. 1043/4

Bremen k. S. 97

Cöln k. S. 1047/8

Hamburg k. S. 88

Leipzig k. S.

London k. S. 119

Lyon k. S.

Paris k. S.

Wien k. 8. 951/4

ditto m. S.

ditto 1. S.

Disconto 4% G.

Preuss. 41/2 v g Oblig. 913/4

Frankf. 3V8% Obi. 79V2

Näss. 4,/2° o Obi. 91

Kurhess. 4% 823/4

Gr. Hess. 50/0 Obi. 1011/8

40/0 n 927/g

31/2% n -

Bayer. 5% 95V<

4'/2O/o 1jährige 9N/g

40/g 1/4 jährige 913/4

Würtemb. 41/2% Obi. 903/4

Baden 4V2% Oblic. E. L. 91 i/4

Oesterr. Silberrente 527/s Papierrente 50/0 M. steuerf.

Amerik. Bonds 1881r 94i/2

1882r 931/2

n 1885r 923/4

r 1887r 92'/g

Spanier, neuest. 3% 28%

Prioritäten.

3O/o öster. Stsb.-Prior. 553/4

3% öst. s. Lombard 451/2

3O/o Livorneser 301/4

50,0 Toscaner

50/0 Elisabeth.-Prior.

do. II. Emiss.

>eld§orten.

Pr. Cassen-Sch. 1 447/g-45*/8

Sachs.

Div. Cassen-A.

Pr. Friedrdor 9 58i/259y2

Pistolen . . 9 4546

T doppelte 9 45 46

Holl. fl. lOSt. 9 55

Ducaten . . 5 3537

20 Frankenst. 9 33

Engi. Sover. 11 5759

Russ. Imper. 9 4648

Dollar in Gold 2 26i/2271/2

Anlehensloose.

Kurh. 40 Thlr. Loose Nassau 25 st.

40/0 bayr. Präm.-Anl. 1053/4 Ansbacher 7 ü.

40/g badische Loose 106 Badische st. 35 Loose Oestr. ü. 250 v. 1839 1858r Prioritätsloose 1860r Loose 74 1864r

Braunschweiger Stadt Madrid 21

Actien.

Frankf. Bank 132

Frankf. Vereins-Kasse 1011/4

Darmst. Bankact. 315

Wien Bankactien 690

Galizien 221

Frankfurt, 14. Nov. (Börsenbericht.) Das russische Noteninteimezzo gab die Veran­lassung zu Anstrenguugen, welche die Conrse erheblich zum Rückgang brachten. Erst im Abend­verkehr geboten die inzwischen eingetroffenen beruhigenden Depeschen aus Berlin, Brüssel und ooudo» dem wachsenden Pessimismus unserer Speculanten einigen Halt. Zahlreiche Rückkauf- rrdres ließen eine festere Haltung Platz greifen und das Geschäft gestaltete sich ziemlich umsang- Leich. Spanier haben ca. 3/490. Clisabethbabn Actien 1983/4 5% Würtemberger 963/ .__

Ungar -östr. Prior. 7O>/2. South. Missouri 653/4. Eentral-Pacisic. 76i/o. Böhmische West­bahn-Actien 200.

Allgemeiner Anzeiger.

Besondere- Bekanntlnnchnngen.

DaS vierte Ziel Communalsteuer pro 1870 kann in den nächstfolgenden drei Zahltagen /Samstags, Dienstags und Donnerstags" ohne Kosten zur Stadtkaffe bezahlt werden.

Gießen, den 10. November 1870. Der Stadt- Rentmeister:

(4821) Enders.