Ausgabe 
16.6.1870
 
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13. Juni.

Die BerlinerBorsenztg." schreibt: In Anbetracht der außerordentlichen Wichtigkeit der Militärsrage, die alle Kreise schon jetzt lebhaft beschäftigt und die in noch höherem Grade die Gemüthcr in Anspruch neh­men wird, je näher wir den Reichstagswahlen korn- men, verlohnt cs sich, auf einige Erörterungen zurück- zugreifcn, die im constituirenden Reichstag bei den das Bundeskriegswesen umfassenden Artikeln des Der- faffungSentwurfs stattfanden. Als die Kriegskosten, beiträge in Rede kamen, beantragte Fürst Solms 225 Thaler für den Kopf der Armee auf 7 Jahre, Forckenbeck die gleiche Summe bis zum 31. Decem- ber 1871, Moltke die Forterhebung dieses Betrages und Beibehaltung des Procentsatzes bis zum Erlaß eines abändernden Gesetzes. Der Kriegsminister v. Roon erklärte am 6. April 1867:Wenn die Summe von 225 Thaler nicht ausreicht, und die Regierung mit vermehrten Ansprüchen vor den Reichstag tritt, so erwarte ich keine verbitterte Aufnahme. So lange unsere Verwaltung sich mit Recht des Rufes der Sparsamkeit erfreut, werden Sie mir den guten Ruf nicht schmälern wollen. Ich sehe die 225 Thlr. nicht als ein Pauschquantum, sondern als eine Minimal- sorderung an, welche die Existenz des wichtigsten In­stituts des neuen Bundes sicher stellen soll. Wir streben dahin, daß festgestellt wird in Paragraphen, was Rechtens ist. Wenn es der Regierung ansteht, wird sie von weiterer Freigebigkeit Gebrauch machen. Wenn ein Zeitraum von zehn Jahren auch nur oben- hin gegriffen ist, so sind vier Jahre doch zu wenig, um die Organisation zum Abschluß zu bringen. Dazu bedürfen wir sieben Jahre, schon in Rücksicht auf das mit den Regierungen wegen der ehemaligen Reserve- Jnfanterie-Division geschlossenen Abkommens, bas für uns keine Prärogative bringt. Deßhalb bin ich mit dem Amendement des Fürsten Solms einverstanden. Auch das Amendement Moltke beseitigt die Gefahr, in's Freie zu fallen. Ich bin sehr zu Eompromissen geneigt, nur will ich dabei nicht die Interessen des Vater­landes compromittiren." Bei der Abstimmung fielen die Amendements von Solms und Moltke und das Forckenbeck'sche wurde angenommen."

Die Krakauer Blätter bringen ausführliche Berichte über die nationale Reunion, welche Polen aus allen LandcStheilen in den Pfingstfeiertagen in Krakau feierten. Die Zahl der auf Einladung des Krakauer HantwerkervcreinS eingetroffenen Gäste belief sich auf etwa 750; davon waren 400 aus Lemberg und an­deren Städten Galiziens, 300 aus Oesterreichisch- und Preußisch-Schlesien und nur 50 aus dem König- reich Polen, dem Großherzogthum Posen und West­preußen gekommen. Die polnische Aristokratie und der wohlhabendere Bürgerstand hielten sich von der Empfangsfeierlichkeit und den zu Ehren der Gäste veranstalteten Festlichkeiten fern, weil sie in der ganzen Veranstaltung eine den polnischen Interessen wenig förderliche politische Demonstration erblickten. Die Festvcrsammlungen, an denen sich außer einigen Lite- raten nur die unteren Classen betheiligten, hatten einen ausgeprägt polnisch-nationalen und ziemlich stürmischen Charakter. Bei dem Festmahle, an dem etwa 800 Personen Theil nahmen, wurden mit Be­geisterung aufgenommene Toaste auf die Wiedererste- hung Polens, die Emigration, die polnische Demo­kratie 2C. ausgebracht. Ein schlesischer Bauer hielt eine längere Rede, deren Inhalt den Geist und den Zweck der Versammlung am besten kennzeichnete. Der bäuerliche Redner sagte u. A.:Unser schlesischer Landestheil ist längst vom gemeinsamen Vaterlande losgerissen; unser Adel ist germanisirt und steht uns in den Kämpfen um unsere Nationalität nicht zur Seite. Dennoch ist tief in unseren Herzen die Liebe zu Polen und das Bewußtsein, daß w,r Polen sind, zurückgeblieben. Das ist unsere Rettung und wird uns zur Rettung führen. Wir sind zur Hauptstadt der Piasten und Jagiellonen gekommen, um uns an Eurem Bruderherzen zu erwärmen und neue Kraft zur Fortsetzung des schweren Kampfes um unsere Sprache und Nationalität zu gewinnen. Wir sind uns bewußt, daß wir Polen sind und lieben unser Vaterland ebenso innig, wie ihr, denn ob Schlesier oder Lltthauer, Congreßpolen oder Reußen, Galizier oder Großpolcn, es gibt nur das eine große Polen der Jagiellonen; ob Herr, Bürger oder Bauer, ob Katholik oder Lutheraner, ob Jude oder unirter Grieche, wir sind alle Polen, Brüder und Söhne eines Vaterlandes. Hoch lebe Polen!" Die Rede wurde mit jubelndem Beifall ausgenommen.

Der junge Joseph Nathan, ter sich durch die mißglückte Expedition am Ufer des Comersees einen ^Qniin lCmacht hat, gilt (wie Erdan dem Pariser TempS" schreibt) allgemein |ür einen Sohn Mazzini's.

Rcdaction, Druck

itifche Runds

Er muß um das Jahr 1850 geboren sein. Der junge Nathan und seine Mutter bringen seit lange die Sommer bei Lugano zu in einem reizenden Landhause auf den Höhen von Castagnola. Hier hat Mazzini seinen regelmäßigen Aufenthalt, wenn er im Canton Tessin weilt. Seit Jahren war hier der junge Nathan Zeuge der unermüdlichen Verschwörungsversuche seines Vaters; er nahm selbst Theil an der unablässigen Verschwörungsarbeit, und schon im vorigen April wurde er in Mailand mit anderen Verschwornen fest­genommen.

Die Jndianer-Conferenz in Washington hat bereits begonnen. Die Häuptlinge Spotted Tail, Fast Bear, Swift Bear, Iellow Bear sind schon dort angekom- men und der gefürchtete Red Cloud ist unterwegs. Im vollen kriegerischen Schmuck durchwandeln sie, der gastfreundlichen Obhut ihres rothen Bruders, Oberst Parker, übergeben, die Straßen, hüten sich wohl, ihr Erstaunen über irgend Etwas zu erkennen zu geben, und betrachten die Bleichgesichter mit dem gründlichsten Mißtrauen, während es ihnen zur Be- friebigung gereicht, daß der Ruf ihrer blutigen Thaten ihnen vorausgegangen ist. Es wird großen Taktes bedürfen, um bei diesen geborenen Diplomaten dauernd den gewünschten Eindruck hervorzubringen.

14. Juni.

Herr Dr. Johann Jacobi hat als Programm der Volkspartei folgenden Antrag aufgestellt: Die hier versammelten Urwähler erwarten von ihren Abgeord­neten, daß sie mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln cintreten: 1) für tatsächliche Durchführung des gleichen Rechtes für Alle; 2) für volkstümliche Reform des Heerwesens, insbesondere für wesentliche Herabsetzung Der Dienstzeit und Verminderung der Militärlast; 3) für Trennung des Staates von der Kirche und Befreiung der Schule von jedem kirch­lichen Einfluß. Sie erwarten ferner, daß die Ab­geordneten dem Etatsgesetze nicht eher ihre Zusttm- mung ertheilen, als bis die hier bezeichneten Reformen dem Volke zugesichert worden sind.

Der Finanzausschuß der bayerischen Kammer der Abgeordneten hat in der dritten Sitzung die Bera- thung des Militärbudgets beendet. Die Anträge des Referenten Abgeordneten Kolb, gegen welche sich der Kriegsminister mit größter Entschiedenheit erklärte, gelangten, mit Ausnahme einiger nicht wesentlichen Punkte, zur Annahme, zum Theil mit Einstimmig­keit, zum Theil gegen eine oder zwei Stimmen. Es hat sich der Ausschuß insbesondere für die Herab- Minderung der Präsenzzeit der Infanterie auf acht Monate, Auflösung von vier Cavallerie-Regimentern, Abschaffung der Regimentsverbände und damit sämmt- licher Obersten- und OberstlieutenantSstellen rc. erklärt. In einer in den nächsten Tagen stattfindenden Sitzung wird Der Ausschuß seine Beschlüsse einer zweiten Le­sung unterziehen und dann wird der Bericht desselben gedruckt werden.

z DasSiecle" ergeht sich heute in Den stärksten Ausfällen über Das Kaiserthum, das nichts gethan und Alles in Verwirrung gesetzt habe:Ein Mann bemächtigt sich am 2. December 1851 Der Diktatur, zuerst denkt er an sich selbst, das ist sehr einfach, er ist Präsident einer Scheinrepublik, er will mehr oder weniger sein, er wird Kaiser mit einem Hofe, mit Kammerherren, Stallmeistern. Sehr gut! An 20 Jahre vergehen, dieser Mann, der Alles konnte, hat nichts gethan. Alle geistigen und materiellen Inter­essen liegen darnieder, das Elend ist groß, Die Un­wissenheit noch größer; 1869 erwacht Frankreich, es sagt sich, daß man mit der Hälfte der Millionen, die thöricht durch die Expedition nach Mexiko verschlungen wurden, in jeder Gemeinde eine Schule hätte gründen können, es fordert die ihm entrissenen Freiheiten zurück, es proteftirt gegen ein persönliches Regiment, das sein Werk ist. Die PlebiScitsfrage wird gestellt und 7,300,000 Stimmen geben Dem Kaiserthum eine WicDergeburt. Ist dieses Votum, Das Durch die Mittel, Die man kennt, erlangt wurde, ein Anreiz geworden, geht das Kaiserthum aus dieser neuen Lage so hervor, Daß es Die verlorene Zeit einholt? . . . . Nein! Ob sie durch Ollivier oder durch Rouhcr vertreten ist, Die persönliche Gewalt bleibt stabil . . Diese Ausfälle sind aber bloß die Ein­leitung zu folgender Anklage:In der auswärtigen Politik ballen sich Die drohendsten Fragen auf. Das EinverstänDn-ß Preußens und Italiens für Den Bau der Gotthardbahn schafft Schwierigkeiten, die unsere Nationalehre und unsere Handeleinteressen ausiö Spiel setzen. Ueber diesen Gegenstand interpeüirt, hätte das Ministerium unverzüglich die Aufschlüsse geben können, die Frankreich mit Ungeduld erwartet, und Der Mi­nister d<6 Auswärtigen verlangt zehn Tage Bedenkzeit. An dieseFrage Der Nationalehre und der Handels-

ifr Verlag der Brüül'schen Univ.-Druckerei (Fr. Ehr. Pi

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Interessen Frankreichs" reiht dasSiöcle" dann noch den Orient, woder Horizont sich schwärzt, während Olllvrer die französischen Unterthanen in der Frage wegen der Kapitulationenmit gebundenen Händen und Füßen Der muselmännischen Justiz überliefert", wahrenD seine Eigenschaft als ehemaliger Beamter des Khedive mit 30,000 Fr. Jahrgeld ihm eine größere Reserve auferfrgte." Dann kommt Rom, dessen Concil selber das ConcorDat zerreißt." Kurz, wohin sich die Blicke wenden, im Innern und im Auslande, Alles ist düster und die Regierung zieht uns ohne Compaß, ohne Idee, ohne ein anderes System als das Der Unterdrückung und der Furcht, auf einem stürmischen Meere hinter sich her." Zum Schluß wird die Frage an dieWähler gestellt, ob sie sich bei den Generalrathswahlen wieder lenken lassen wollen, wie sie sich bei dem Plebiscite lenken ließen?"

Hessen. Darmstadt, 12. Juni. Der Kaiser von Ruß- lano kam um 53/4 Uhr von Bad Ems hier an und setzte nach kurzer Begrüßung durch den Prinzen und die Prinzessin Karl sowie den Prinzen Ludwig, die Reise nach Jugenheim fort'. Der Großherzog erwartet den Kaiser in Bickenbach.

Preußen. Berlin, 11. Juni. Nach ärztlichem Rath gedenkt Graf BlSmarck auf den Gebrauch des Karlsbader Mineralwassers und nachdem er hier der Enthüllung des Denk­mals König Wilhelm'S des Dritten beigewohnt haben wird den Besuch eines Seebades folgen zu lassen. Wie dieRat.- Ztg." hört, ist eS wahrscheinlich, daß die Wahl auf ein englisches Seebad fallen wird.

Im hiesigen Cadettencorps ist die Typhus-Epidemie auSge- brochen, in Folge dessen der Unterricht sofort geschloffen und den Eadetten Urlaub, zu ihren Angehörigen zu gehen, zunächst bis zum 1. August ertheilt worden ist. Die Krankheit brach vor einigen Wochen aus, nahm aber erst zu Anfang dieser Woche einen bedenklichen Umfang an. Se. Mas. der König sandte seinen Leibarzt vr. Lauer zu persönlicher Berichterstattung in das Institut, und es scheint, daß diese letztere den Schluß der Anstalt zur Folge hatte. Vierzig Eadetten sind von der Epidemie ergriffen (daS Corps zählt gegen 700 Mitglieder) wovon drei beute ihren Leiden erlegen sind. Die Telegramme' welche gestern an das Corps eintrafen, um die Zöglinge Heim­zurufen, zählen nach Hunderten. Die Frage wegen Verlegung der Anstalt und Vergrößerung ihres Umfanges ist durch diesen beklagenswerthen Zwischenfall wieder mehr in den Vordergrund getreten, und wirb man daher weniger den Bedenken, welche bisher gegen die Wahl vorgeschlagener BauterrainS geltend gemacht worden, Rechnung tragen.

Bayern. München, 11. Juni. Der Finanzausschuß der Abgeordnetenkammer hat beschlossen, die Präsenzzeit für die Infanterie auf 8 Monate herabznsetzen, beide Cürassierregi- meuter und zwei weitere Reiter-Regimenter aufzuheben, die Regimentsverbände abzuschaffen und damit zugleich sämmtliche Obersten - und OberstlieutenantSstellen einzuziehen.

Italien. Rom, 31. Mai. Am Schluss- der heutigen (62.) Generalcongregation wurde der Versammlung der Tod des Erzbischofs von New-OrleanS, Msgr. Odin, gemeldet. Er ist der sechszehnte der seit der Eröffnung deS ConcilS gestorbenen Prälaten, die andern sind die Cardinäle Pentini, Reisach und Gonella, die Bischöfe von Przemysl, Foggia, Panama, Vera, cruz, TarbeS, Lerida, HueSca, Albenqa, Evreur, Olinda und Southwark und der General Abt des Prämonstratenfer-Ordens.

Rom, 11. Juni. In der gestrigen Generalcongregation des ConcilS bekämpfte Bischof Dupanloup unter dem tiefen Schweigen der Versammlung das Bestreben, die Prärogative des Papstes in übertriebener Weise zu vergrößern. Man glaubt, die Diskussion über das Primat werde nächste Woche geschlossen werden. Gegen das Dogma der Unfehlbarkeit sind noch 72 Redner eingeschrieben.

Türkei. Constantinopel, 10. Juni. Die Angaben der Journale über die Zahl der bei dem Brande vom 5. d. Verunglückten variiren bedeutend. Außer den Leichnamen wurden noch viele menschliche (Scheine in den Friedhöfen der verfehle- denen Confessionen deponirt. Der Sultan, die Behörden und die türkische Bevölkerung haben die Abgebrannten reichlich mit Lebensmitteln, Decken und HauSgeräthen versehen. Die Türken haben den Christen ihre Wohnungen geöffnet und SubscnptionS- listen unter sich aufgelegt, auf welchen bedeutende Summen gezeichnet wurden. Die Religionö- Unterschiede sind vollständig vergessen.

Constantinopel, 11. Juni. Es ist festgestellt, daß mehrere tausend Gebäude, Häuser, Magazine und Kaffeeschänken abgebrannt sind. DaS Feuer brach in der TakSimstraße, neben dem Erercierplatze, aus. Wahrscheinlich wurde eS gelegt. Es ist eine strenge Untersuchung im Zuge; der Kaiser von Oester­reich sendete eine namhafte Unterstützung.

Vermischtes.

Ein Burschenschaftsdenkmal in Eisenach. Au- Leipzig ergeht von dem Geschäftöführenden Ausschuß zur Errich­tung eines DankeSdenkmals der Burschenschaft für die Stadt Eisenach ein Aufruf a n alle alten und jungenBurschen, sch öfter zur Einsendung ihrer Beisteuer (von einem Thaler an aufwärts) an den Kasfirer dcS Ausschusses, Dr. ph. Theo­dor Hoffmann (Leipzig, Sophieustr. 18. III). Dem Aufruf eine Darlegung beigefügt:warum der Stadt Eisenach ein solches Denkmal zu widmen und Luther als Currendschüler dazu gewählt worden sei", ferner eine Abbildung des lebensgroßen Modells der Lutherstatue und die Liste der bisherigen Beisteuerer, in welcher wir bereits Namen wie Karl Gutzkow, Hein­rich Laube, Arnold Rüge, Fritz Reuter und dergl. finden. Nähere Auskunft ertheilt der Vorsitzende deS Ausschusses, Dr. ph. Friedrich Hofmann (Lechz., Tbalstr. 13).

WormS, 9. Juni. In der Laubmeistcr'fchen Holchchneide« mühle zu Neuhausen gerietb gestern ein Arbeiter zwischen daS in völligem Gange befindliche Getriebe, und wurde gänzlich zermalt herauSgezogen. Der Verunglückte gab kurz darauf den Geist auf.

tsch) in Gießen.