Todten reiten. Ob England den Socialkrieg auch unterstützen wird, wie den Nationalkrieg? Ob der König, wie er als preußischer Kriegsherr gefordert wurde und als Herzog der Deutschen auszog, ahnen konnte, daß er nach drei Monaten als Bändiger der socialen Revolution und Friedensstifter der Welt angerufen werten würde? — Durch einen seltsamen Zufall stehen die ersten eroberten Kanonen im Schloßhof zu Berlin zu Füßen des heil. Georg, der den Drachen bändigt.
Die „Provinzial-Correspondenz" äußert sich über das Scheitern der Waffen- stillstandsverhandlungen folgendermaßen: „Unsere Regierung war bis zum Ende bereit, einen Waffenstillstand von 25 bis 28 Tagen unter Festhalten der gegen- wattigen militärischen Stellungen zu bewilligen; sie war bereit, für die freie Wahl einer französischen Volksvertretung auch in den von unseren Truppen besetzten Landestheilen jede mögliche Bürgschaft zu geben und selbst Elsaß und Deutsch. Lothringen unter gewissen Voraussetzungen an den Wahlen Tbeil nehmen zu lassen; — sie bot endlich an, auch ohne Zustandekommen des Waffenstillstandes die Vornahme der Wahlen überall zu gestatten und zu fordern; — aber all ihre Anerbietungen wurden schließlich von der Pariser Regierung zurückgewiesen und Thiers zum Abbruch der Verhandlungen veranlaßt. Es mag dahingestellt bleiben, inwieweit bei der Abweisung der preußischen Vorschläge die Furcht vor der rabi- calen Partei in Paris mitgewirkt hat. Eines aber hat sich aus den Verhandlungen klar ergeben, daß nämlich die Regierung Frankreichs auch jetzt noch nicht den ernsten Willen hat, vas Land selbst zur Entscheidung über seine ferneren Geschicke zu berufen. Unsere Regierung hat auch bei difser Gelegenheit bekundet, daß sie inmitten der reichsten Siege und Erfolge Mäßigung zu üben bereit ist; es wird nicht ihre Schuld sein, wenn das Verhängniß sich über Paris und über Frankreich erfüllen muß. Sie hat es an Mahnungen, Warnungen und an groß- müthigem Entgegenkommen nicht fehlen lassen; aber, sie hat bei den jetzigen Machthabern nur schroffe Zurückweisung gefunden. Eö wird auch der letzten schweren Erfahrungen für Frankreich bedürfen, um bas Bewußtsein der Friedensbedürftigkeit zur vollen Entwickelung zu bringen und den besseren Elementen endlich die Kraft zu gewähren, eine Umkehr von den jetzigen verhängnißvollen Wegen zu bewirken. Das Scheitern der WaffenstillstandSverhandlungen ist augenscheinlich in Deutschland eher mit Befriedigung, als mit Bedauern begrüßt worden. Man hat die Gesichtspunkte, von welchen die Regierung sich bei dem Eintreten in die Verhandlungen leiten ließ, gewiß richtig gewürdigt, und auch bei dieser Gelegenheit dec Politik der Regierung volles Vertrauen gewidmet; aber fast überall ist die Ueber- zcugung verbreitet, daß der jetzige Krieg vollauf ausgekämpft werden muß, wenn er uns eine Bürgschaft dauernden Friedens bringen soll, und daß vor Allem ein rechter Friedensschluß erst nach der Demüthigung von Paris und in Paris erfolgen kann. Der Verlauf und der Ausgang der jetzigen Verhandlungen hat nur dazu dienen können, diese Ueberzeugung zu bestätigen und zu bestärken, — und mit Zuversicht sieht Deutschland nunmehr der weiteren Entwickung der Dinge entgegen, durch welche Frankreich endlich zum vollen Bewußtsein seiner Niederlage und seines tiefen Falles gelangen muß."
Aus New-Aork wird unterm 28. October geschrieben: Wegen der Waffen- sendungen nach Frankreich ist der Präsident zur Rede gestellt worden, ohne daß sonderlich viel dabei heraus kam. Der Redacteur eines deutschen Blattes in Bal- llwore wendete sich an einen Herrn in Washington, welcher dem Präsidenten nahe steht. Dieser las ihm die Uebersetzung eines den Gegenstand betreffenden Artikels aus einer newyorker deutschen Zeitung vor, und erhielt darauf folgende Antwort: Mit Wissen der Regierung seien keine Waffen an französische Agenten, oder an Solche, die in ihrem Auftrage handelten, von ihr selbst verkauft worden, und sie habe auch keine Kenntniß davon, daß dies durch Andere geschehen. Vielmehr sei von ihr das Angebot eines Agenten der französischen Regierung zurückgewiesen worden. Periodisch würden von der Regierung Waffen, welche sie eben überflüssig habe, an den Meistbietenden versteigert. Auf solche Weise habe vor längerer Zeit die türkische Regierung mehrere hunderttausend Gewehre erstanden. Jetzt habe wiederum ein solcher Verkauf stattgefunden, aber derselbe sei nicht formt worden, sondern nach dem alten Usus, weil eben die Zeit wieder dagewesen, von Statten gegangen. Waffen auSzufübren, könne amerikanischen Bürgern nicht verwehrt werden. Wo sie in diesem Falle geblieben, sei der Regierung nicht bekannt und habe sie sich auch weiter nicht darum bekümmert. Die Neutralitätsgesetze lasse sie aufs Gewissenhafteste von Andern respectiren, und sei wahrlich weit davon entfernt, sie selbst zu verletzen. — Ferner vernimmt man Folgendes: Am 14. October wurde dem deutschen Gesandten, Baron Gerolt, von dem Generalkonsul Roesina mitgethcilt, daß hier 400,000 Gewehre verschifft werden sollten, und daß ihr Uebergang in französische Hände nur dadurch verhindert werden könne, daß durch Leute ohne französische Connerion auf die Waare geboten werde. Ein Attachö eines namhaften deutschen Hauses in New-York begab sich nach Washington und gab Sehnsucht nach dem Besitz der Waffen zu erkennen, bat aber um Aufschub der Verstelgerung, da er zu spät von der Chance gehört und seine Arrangements noch nicht getroffen habe, worauf die Vertagung vom 11. auf den 18. dieses Monats erfolgte.
KriegSnachrichten.
Versailles, 5. Nov. Zum ersten Mal seit mehreren Wochen haben in der letzten Nacht und heule Morgen die Kanonen der FortS geschwiegen und ist eine Ruhe cingctreten, die man nach dem heftigen Feuer der letzten Tage wenig, stens nicht erwartet hatte. Die 4. Division (General Hans v. Weyhern) ist bereits hier tn der Umgegend, die 3., beide vom 2. (pomm.) Armeecorps, war vorgestern bereits bei Chateau Thierry. Die Franzosen arbeiten mit angestreng- tem Fleiß an der Ausdehnung und selbst Vorschiebung ihrer VertheidigungSwerke und dte Geichoffe aus dem Mont Valerien und der Schanze bei Villejuif reichen zetz bedeutend weiter in unsere Stellung hinein als bisher, und es fand in den letzten Tagen allerlei Verlockung zu einer Aufnahme des Kampfes statt. Die ganze Elnschlleßungs-Armee verhält sich diesen Verlockungen gegenüber aber une,. schulterltch ruhig, bereitet Alles vor, übereilt jedoch nichts. Das Ziel ist unver- ruckoar dass lbe geblieben und wird es auch bleiben, darauf deuten alle Anzeichen hin. LS ist richtig, daß die VertheidigungSanstalten und Mittel der Pariser viel bedeutender sind, als man gewußt und vorauszusetzen berechtigt war; cs ist aber eben so richtig, daß eie Stadt fallen muß, wenn ihr nicht Hülfe von außen kommen darf, dafür sorgt eben die vor Metz frei geworbene Armee.
Versailles, 12. Nov. Im Gefechte des Generals v. d. Tann am 9. d. M wurden sammtliche Angriffe des Feindes mit großem Verluste für denselben zurück- Stwiesen und erst hierauf der Abmarsch angetreten. Am 10. d. Mittags verirrte
sich eine Abtheilung der bayerischen Munitionsreserve, bei welcher sich zwei Reservegeschütze befanden, und fiel in die Hände des Feindes. Am 12. sind keine Be- wegungen der Loire-Armee gemeldet worden. Auch vor Paris ist nichts vorqefallen v. Podbielsky.
Berlin, 11. Nov. Die „Kreuzzeilung" glaubt in Betreff des Bombarde. ments von Pons die bestimmte Ueberzeugung aussprechen zu dürfen, daß an maß. gebender Stelle keine fatsche Großmuth obwalte und das Bombardement in für- zester Zeit erfolgen werde.
Saarbrücken, 12. Nov. Das in Metz erbeutete Kriegsmaterial wird auf 80 Millionen Werth geschätzt; besonders groß sind die Vorräthc an Chassepot- gewehren, ohne diejenigen, welche 150,000 Gefangene ablieferten. — Nach Berichten aus Versailles vom 8. November ist General Annenkoff dort ein- getroffen.
Privatnachrichten zufolge war das Hauptquartier des 9. ArmeecorpS am □. d. in St. Dizier, am 7. war Rast und wurde alsdann, in Vereinigung mit der Cavallerie-Divifion Hartmann, der Marsch nach Troyes fortgesetzt, das bereits erreicht sein dürste.
Tours, 11. Nov. Eine Depesche des Generals AurelleS de Paladine an die Regierung meldet die Besetzung Orleans'. Ein Tagesbefehl des Comman- danten dec Loire-Armee, Aurelles de Paladine, vom 10. November lautet- „Der gestrige Tag war unseren Waffen glücklich. Alle Positionen sind genommen der Feind ist auf dem Rückzug begriffen. Die Regierung beauftragt mich, Euch zu danken. Ich thue es mit Freuden. Inmitten des Unglückes hat Frankreich die Augen auf Euch gerichtet. Machen wir alle Anstrengungen, dessen Hoffnungen nicht zu täuschen."
Petersburg, 10. Nov. Gutem Vernehmen nach ist der Kronprinz von Preußen zum Feldmarschall in der russischen Armee ernannt worden. General Annenkoff aus Der Suite des Kaisers ist beauftragt, die Ernennung nach 93er- sailles zu bringen.
Hamburg, 11. Nov. Der „Börsenhalle" zufolge hat der General-Gou- verneuc die Schifffahrt sowohl neutraler als deutscher Schiffe auf eigene Gefahr wieder freigegeben.
Frankfurt, 12. Nov. Wie man vernimmt, sollen fünf hier befindliche, theils diesige, theils auswärtige Banquiers, welche auf das neue französische An- lehcn in London gezeichnet, verhaftet worden sein.
Köln, 8. Nov. Das Kölner Central-Comit^ zur Unterstützung der im Felde verwundeten oder erkrankten Soldaten hat bis jetzt eine Einnahme von 150,000 Thlr. erzielt und davon bereit- 110000 Thlr. verausgabt, so daß man gegenwärtig zu einer zweiten Sammlung übergehen muß, da das Ende des Kriege- zur Zeit noch nicht abzusehen ist und im Winter sich die Ausgaben steigern wer- den. Die Einrichtung und Ausrüstung des Zelt - Lazarethes auf dem Mumm'- schen Gut, wo 334 Bettstellen aufgestellt werden (200 davon und 20 englische Zelte sind ein Geschenk des deutschen Vereins in London) hat 9076 (pro Bett 27 Vs Thlr.) absorbirt; die Betriebskosten belaufen sich bis dahin auf 4663 Thlr. Leider verpflegt man daselbst gegenwärtig nur 111 Verwundete, weil man sich bis jetzt nicht geneigt zeigte, auch Kranke aufzunehmen. Im Allgemeinen klagt man darüber, daß man nicht gerne Kranke in Privat-Lazarethen aufnehme. Ob die Aerzte lieber Studien an den Wunden machen, oder ob ein anderer Grund vorwaltet, lassen wir unerörtert, sprechen aber dringend den Wunsch aus, es möge in dieser Beziehung eine Aenderung eintreten; denn im anderen Falle werden die Militär-Lazarethe zu sehr in Anspruch genommen, und das ist in dichtbevöl- kerten Städte zu vermeiden, sowohl im Interesse der Bürgerschaft, wie auch in Dem der Kranken. Das Militär - Lazareth reicht bei dem großen Andrange hier nicht mehr aus, weßhalb der Gasthof „zum königlichen Hof" rcquirirt werden mußte. Das wäre schwerlich nöthig gewesen, wenn man in den fünf Lazarethen vor der Stadt auch Kranke in Pflege nähme. Wir wollen hoffen, daß man sich bald dazu bequemen wird. — Der Transport der in Metz gefangenen Franzosen hat dadurch einen Aufschub erlitten, daß diese einen The-l des WegeS durch die Eifel bis Gerolstein marschiren mußten; nunmehr aber, vom 5. bis 12. d- M., erfolgt der Transport durch die Eisenbahn von Gerolstein über Düren und Köln regelmäßig, so daß täglich fünf Züge, ä 2000 Mann, passiren, über- Haupt in dieser Zeit 80,000 Gefangene. — Gestern berührte der französische General Boyer auf der Reise von Wilhelmshöhe unsere Stadt und fuhr über Brüssel weiter.
Berlin, 11. Nov. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt anläßlich der That- fache, daß das französische Schiff „Desaix" die norddeutsche Barke „Charlotte" in den Grund gebohrt hat, ohne die völkerrechtliche Norm, welche die Einleitung eines prisengerichtlichen Verfahren- fordert, zu beobachten: Die französische Flotte schlägt ein Verfahren ein, wie solches dem unter civilisirten Nationen bisher geltenden Rechte geradezu widerspricht.
Offenburg, 8. Nov. Unter Bedeckung preußischer Landwehr kamen gestern AbeaD eine Anzahl französischer Gefangener, von Neubreisach kommend, hier durch. Dte Meisten zeigten sich zufrieden und waren froh, so leichten Kaufes davon gekommen zu sein. Die Offiziere sahen jedoch trübe vor sich hin und entzogen sich so viel als möglich der Oeffentlichkeit. Ihre Degen hatten sie, in schwarze Leinwand eingewickelt, nebenbei liegen. — Zeuge einer komischen Scene foar ich kürzlich in Straßburg. In der sogenannten „Gewerbslaube" machten mehrere stramme Badenserinnen ihre Einkäufe und bezahlten in stolzem Selbstbe- wußlsein mit deutschem Geld. Bekanntlich wurde aber früher in Straßburg selten deutsches Kleingeld angenommen, und jetzt noch sehen die Verkäufer mit mißtrauischen Augen Darauf. „O! ihr Ditschen mit cuern Blechknöpfen", seufzte Die Händlerin. Dies verstanden aber unsere Landsleute falsch und drangen mit Den 'Lotten: „Wie, Blechköpfe sind wir Deutsche?" wüthend auf Die Verblüffte ein und bearbeiteten sie auf verständliche Weise, bis eine Wache beide Theile ziemlich unsanft zufrieden stellte. (F. I.)
London, 10. Nov. Bei dem Citybanket betonten Der Schatzkanzler und Gladstone die bisherige Redlichkeit Englands im Einhalten der Neutralität. Beide hoffen auf DeutschlanDs vollständige Einigung. Gladstone sagt, er hoffe nicht nur auf einen baldigen Frieden, sondern auch auf einen gerechten und befriedigenden für das zuerst angegriffene siegreiche Deutschland, und einen doch nicht allzu Demüthigenden für Frankreich. Granville bemerkte, England konnte den Krieg nicht hindern, aber »s strebte dessen Localisirung an und vermittelte die Zusammen- kunft des Grafen Bismarck mit IuleS Favre und Thiers, schlug jedoch keinerlei Bedingungen für Den Waffenstillstand oder den Frieden vor, weil die neutralen Mächte solches für unersprießlich erachteten. Die Unterhandlungen waren leider vergebens. Die Regierung empfing über Deren Verlauf und Abbruch keine amt-


