Preis vierteljährig 1 fl- 12 kr. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl. 27 kr.
Gießener Anzeiger. ^
Anzeige- und Amtsölatt für den Kreis Kietzen.
" Dienstag den 15. November 187°*
werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, Canzleiberg B. 1, als auch
auf ^eU (Siebener ’AUJttflvt bet allen Post-Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.
Abonnenten welche den Anzeiger bei der Erpedition abholen lassen, erhaltetdenselben für die Monate November und December 1870 zu 40 kr.
Am t l i ch er T h e i l.
Gießen, den 12. November 1870.
Betreffend: Das KreiSersatzgeschäft für 1871. ♦ ™ u n
Das Groß herzogliche Kreisaml Gießen
an hie Größtmöglichen Bürgermeistereien des Kreises.
'S «arSb±g»
für das Jahr 1871 auf Grund der , ^yren Y alsbald aufzustellen und sofort nach Ablauf der durch unsere Bekanntmachung vom 8. d. M- (Nr. 150 sonstigen Belegen, sowie den Stammrollen für die 3<^-’e ^70 12 Erwähnt en" Reglements und machen noch besonders darauf aufmerksam, daß in
Keknle, Kreisassessor. _____________________________________
Regierung der nationalen Vertheibigung.
Die Franzosen mußten Napoleon den Frieden schließen lassen; dann hatten sie eine Stunde nachher die Macht, ihm alle Garantien und staatlichen Formen, welche sie für ihre Freiheit nöthig erschien, aufzuzwingen, ohne dabei den gering- len Einspruch der Mächte, am wenigsten der deutschen, fürchten zu müssen. Statt dessen treten sie wie verblendet in das Erbe seines Kriegs, seiner Niederlage und der persönlichen Demüthigung ein, welche auch der mildeste Sieger dem Besiegten
14. November.
Dreierlei Krieg. Der Krieg mit Frankreich hat schon zweimal das Gesicht, ja seine ganze Grundlage gewechselt und ist im Begriff, das zum dritten
Male zu thun. v .
Ursprünglich das nothwendige Endresultat der Ueberspannung der mtlttart- i schen Kräfte in ganz Europa, war dieser Krieg von Napoleon anfänglich nur auf i einen Zweikampf der französischen Armee mit der preußischen angelegt; die, welche > den Krieg zum Mutier machen, sollten zeigen, was sie gelernt halten: Chasscpot contra Zündnadel, Mitrailleuse contra Granate, Moblots contra Landwehr. ’ Auch der König von Preußen faßte den Krieg in seiner ersten Proclamation noch so auf. Die französische Nation selbst, immer kriegslustig und zum Uebermuth geneigt, jauchzte mit der Armee; auch sie hatte den Maßstab ihrer Kraft so sehr ' verloren, daß sie an ein Geschlagenwerden oder gar Unterliegen ihrer Prätorianer 1 gar nicht dachte. Sie hielt sich für ganz gereckt, und nahm deshalb zu Anfang als Nation selbst nicht mehr Antheil am Kriege, als die Römer auf ihren sicheren Sitzbänken, wenn unten die Gladiatoren kämpften.
Anters stand freilich die Sache von Anfang an in Deutschland. Der militärische Spaziergang der französischen Armee kündigte sich allzu naiv als afrika- nischer Raubzug an und weckte das fast verschollene Andenken an frühere Pinnte- rung und der unerwartete Krieg bot zugleich eine rasch aufgefaßte Gelegenheit, die längst ersehnte deutsche Einheit zu gewinnen. In der Stunde, wo die Suc- deutschen ihre eitgenöisische Pflicht erfüllten, war der militärische Zweikampf deutscherseits bereits ein Nationalkrieg, und auch die preußischen Truppen traten, bereits von einem deutschnativnalen Geist getragen, gleich in der ersten großen Schlacht Mann an Mann neben den Süddeutschen in die Action ein.
Die französische Armee unterlag. Mit dem Ring um Metz und dem stra- tegischen und taktischen Sieg bei Sedan gab es keine französische Armee mehr. Der militärische Zweikampf war vorbei, und jedes Object für die Fortsetzung des Krieges schien zu fehlen. Auf dem Schlachtfelde von Sedan fielen sich unsere Soldaten um den Hals und jubelten nicht „Sieg!" sondern „Frieden, Frieden!"
Der Kr-eg aber sollte nur ein neues Gesicht und ein neues Object erhalten. Die Franzosen selbst, unter dem Vortritt von Paris, machten ihn zum Nationalkrieg.
Sie ließen Napoleon den Frieden nicht schließen, zu welchem er gezwungen war, weil er keine Armee mehr hatte und welcher damals Frankreich viel weniger Demüthigung und Verluste auferlegt hätte, als ihm in der Zeit vom 19. September bis 8. November allein vor Paris auferlegt sind. Statt auf dem Kaiser allein tie Schmach und auf der verwilderten Armee die gerechte Strafe für Uebermuth lasten zu lassen, begingen die zufälligen Staatsmänner des pariser Stadthauses den größten politischen Fehler des Jahrhunderts; sie setzten Napoleon in dem Augenblick, wo mit ihm das letzte Symbol der Ordnung zusammenbrach, ab und vergötterten die wegen ihrer eigenen Fehler vernichtete Armee; über die Hast, sich auf des Kaisers Stuhl zu setzen, vergaßen sie das beneficium inventan und merkten nicht, daß sie mit dem leichtsinnig angetrctenen Erbe die Schmac des Kaisers auf ihr eigenes Haupt luden, und die Demüthigung der Armee zu einer Demüthigung der französischen Nation machten. Nur bas fühlten sie, daß sie aus einem Militärkrieg einen Volkskrieg machten und darum nannten sie sich:
nicht ersparen kann. .
Doch war es auch noch nach diesem Capitalfehler möglich, die junge Republik zu retten. Die neue Regierung mußte den Tag nach der Absetzung frank und frei um den Frieden bitten, mit festen Garantien, daß derselbe ernstlich gemeint sei, mit sofortiger Berufung einer Nationalversammlung, mit einer klaren Erkenntniß, daß es nicht schimpflich ist, wenn ein neues Regiment Opfer bringt, welche durch die Fehler des vorangegangenen nöthig geworden sind. Hätte die französische Republik am 5. September um Frieden gebeten, dann konnte sie das Wort unseres Königs, daß er nur mit der französischen Armee Krieg führe — was Jules Favre so schwächlich und sophistisch angewendet hat — mit voller Wucht und vollem Resultat zu ihren Gunsten anrufen, und Deutschland hätte aus freiem Entschluß bestimmt die größte Mäßigung gezeigt oder Europa das Recht eingeräumt, uns zu mäßigen Bedingungen zu nöthigen.
Alle diese gesunden Ansichten haben sich Momente lang den Machthabern in Paris aufgevrängt, sind aber immer von den besessenen Geistern wieder abge- wiesen, welche darauf drangen, den ersten Fehler durch einen zweiten gut zu machen und den Krieg als Volkskrieg bis aufs Messer fortzufetzen.
Doch auch dieser Volkskrieg, der in wenig Wochen Frankreich noch mehr Schaden und Gefahr gebracht hat, als die Vernichtung seiner ganzen Armee und der Fall seiner Zwingburgen und AuSsallpsorten gegen die friedliche Welt, ist mit Abweisung der letzten WaffenstillstandS-Verhandlungen zu Ende gegangen; der Krieg hat vorn 6. November an abermals das Gesicht und das Object gewechselt.
Es ist der Unfähigkeit der Machthaber gelungen, in zwei Monaten den Bürgerkrieg in Frankreich einzuführen und aus dem nationalen Kampf der Franzosen mit den Deutschen, wobei es sich niemals um Staatsformen handelte, einen Krieg der europäischen Socialdemocratie gegen die europäische Monarchie heraus- zubilden, welcher von ter einen Seite als Kampf der Edelsten und Besten gegen ven Egoismus ter Welt und die Autocratie; von der andern als ein Kampf ter heimath- und ruhelosen Elemente, des Neides und des Staubes der ewigen Un- . ordnung gegen tie Ordnung angesehen wird und darum nie mit dem Frieden schließen kann. Cavour soll von seinem Freunde Garibaldi gesagt haben: „er , habe das Herz eines Löwen und den Kopf eines Ochsen." Die letzte Proclama- i tion Garibalti's an die Armee ter Vogesen beweist, wie sicher Cavour geurtheilt Hot. Aber so verworren auch diese garibaldische Sure sein mag, so wird sie doch ? von welthistorischer Bedeutung sein. Denn es ist die erste Proclamation der neuen dritten Form des französischen Krieges, bei welchem die Regierung der nationalen Dertheidigung bereits nicht mehr in Betracht kommt, weil sie die Majorität von Paris, die ihr noch einmal zu Hilfe kam, nicht dazu benützte, um Frieden zu schließen, sondern nur dazu, um in dem Gange sottzufahren, welchen allein die socialdemocratische Partei und Minorität mit einiger Kraft zu Ente fuhren kann.
Soldatenkrieg, Nationalkrieg, Bürgerkrieg und Socialkrieg! Wie rasch die


