und das wird nur Wenigen bekannt sein — ist von dem früheren Kriegsminister, Marschall Niel, ein rein militärischer Character verliehen worden. Veranlassung dazu gaben die Vogesen-Freischützen, die damals, als die Luxemburger Frage auf der Tagesordnung stand, der Regierung ihre Dienste zur Landesvertheidigung anboten. In einem der neuesten Organisations-Reglements für die Mobilgarde beigegebenen besonderen Abschnitte heißt es: „Eine gemisst Anzahl von Gesellschaften, aus Bürgern zusammengesetzt, die ihr Patriotismus und ihre Vorliebe für die Waffen unter den jüngst vergangenen Umständen zusammengeführt hat, hat darum nachgesucht, sich in Freischützen-Gesellschaften organisiren zu dürfen, um in mehreren Gränz-Departements bei der Vertheidigung des vaterländischen Bodens mitzuwirken. Nach dem Gesetz darf außerhalb der sedentären oder mobilen Nationalgarde kein Corps bewaffneter Bürger bestehen. Indessen in Erwägung der nicht genug zu ehrenden Gefühle, welche bei der Bildung der Freischützen-Gesellschaften vorgeherrscht haben, sowie der Wünsche, welche ihr ausgedrückt worden sind, ist die Regierung geneigt, die Organisation dieser Gesellschaften zu reguliren und sie in nachstehender Weise der mobilen Nationalgarde anzuschließen." Nach den dann folgenden Bestimmungen sollen Com- pagnies de Franctireurs volontaires gebildet werden. Dieselben sind ebenso zu organisiren, wie die mobile Nationalgarde, jedoch mit dem Unterschiede, daß die jährlichen Uebungen nicht stattfinden, vielmehr nach wie vor die Privat- Schießplätze zu den festgesetzten Zeiten behufs Schießübungen zu besuchen sind. Selbstverständlich soll der Eintritt in diese Compagnien ein freiwilliger sein und entbindet von dem Eintritt in die mobile Nationalgarde. Marschall Niel hat wenig Glück mit diesem Project gehabt. Nur in wenigen Orten, wie z. B. Ranzig, Frouard, sind Freischützencompagnien mit militärischem Charakter gebildet worden. Die übliche Tracht ist: schwarze wollene Blouse, schwarze weite Beinkleider von demselben Stoff, blaue Schärpe um den Leib, graue Gamaschen und geschnürte Halbstiefel."
Die Conflicte zwischen den französischen Generalen und Civilbehorden dauern fort. Zwar hat der Präsect von Lyon, Challamel-Lacour, den General Ma zu re wieder in Freiheit gesetzt, dagegen wurde der Ober-Commandant von Auxerre, General Kersalann, am 5. October von einigen Nrtionalgarden verhaftet. Seine Freunde wollten ihn vertheidigen, er litt es aber nicht. Der General Reyan, der angebliche Sieger bei Toury, ist mit der Regierung ebenfalls in Conflict gerathen und hat seine Demission eingereicht. Derselbe will sich nämlich nicht die Oberherrlichkeit des ehemaligen Deputirtrn Cochery gefallen lassen, den man zum Oberdirector der Vertheidigung in der Beauce ernannt hat. Einige Correspondenzen aus Tours jubeln, daß man den Generalen endlich an den Kragen geht. Ein solches Verfahren, wodurch man die Generale entfremdet, könnte aber doch seine schlimmen Folgen haben, da in dem jetzigen kritischen Augenblicke die schlechten französischen Generale noch immer besser sind, als gar keine. Der außerordentliche Commissär der pariser Regierung, Lutz, welcher in Besan^on verhaftet wurde, ist wieder in Freiheit gesetzt worden.
Die Leichtgläubigkeit der Pariser und ihre Liebe für Bombasterei — schreibt der Par ser Correspondent der „Daily News" — ist fast zu einer Krankheit ge- worden. Ein Herr O. Sullivan veröffentlichte jüngst in dem „Electeur Libre" einen Bericht über seine Expedition in das preußische Hauptquartier. Weil er sagte, daß die Preußen sich in den von ihnen besetzten Dörfern gut benähmen, wurde der Redacteur des Blatter mit schriftlichen Schmähungen wegen der Veröffentlichung solcher unverschämten Lügen überschüttet. Den t« den Zeitungen veröffentlichten Angaben eines „intelligenten jungen Manner", wonach in Versailles bereits 700 Mädchen von den Preußen geschändet worden sein sollen, glauben indeß Neunzehntel der Pariser Bevölkerung. Die Pariser, sagt der Correspondent, glauben nur, was sie glauben wollen.
Aus allen Theilen Frankreichs laufen fortwährend Klagen über die von den französischen Truppen an den Tag gelegte Insubordination ein. In Grenoble mußte General Mounet dasselbe Schicksal wie General Ambert in Paris und General Mazure tu Lyon erfahren; er wurde von seinen eigenen Leuten eingesperrt. Eine Anzahl Bürger, welche glaubte, daß seine Autorität ihren Plänen hindernd in den Weg treten würde, machten eine Kundgebung vor der Präfecrur und brachen schließlich in bas Gebäude ein. Der General ließ die Truppen ausrücken, aber die Bürger bemächtigten sich des Präfccten und veranlaßten ihn durch Drohungen, dem General zu befehlen, seine Truppen zurückzuziehen. Sie mar- schirten dann en mässe nach seinem Hotel, nöthigten ihn seinen Abschied zu nehmen, und zwangen den Präfecten, seine Verhaftung anzuordnen; der alte General mußte wie ein gewöhnlicher Missethäter die Nacht im Gefängnisse zubringen.
Louis Blanc an bas englische Volk. Louis Blanc hat einen Brief „An das englische Volk" gerichtet. Er sagt in demselben, die Belagerung von Paris sei em monströses Phänomen, das der Scanoal der Geschichte sein werde. Die Civilisation werde jetzt gefangen gehalten in Paris, der gastfreundlichsten der Städte. Der König von Preußen sei der Attila des 19. Jahrhunderts. Louis Blanc appellirt an das englische Volk, nicht um Mitleiden; denn das republikanische Frankreich besitze ein Recht auf die Sympathien Aller. Er schildert dann den Krieg, der, wie er sagt, toll gewordener Pan-GermaniSmuS sei. Der König von Preußen hätte dem Krieg nach der Schlacht bei Sedan, als das Kaiserreich zertrümmert und die Republik proclamirt wurde, ein Ende machen sollen. Der König sei ein verzweifelter Spieler; aber das blutige Schlachtenspiel werde sich gegen ihn wenden. Louis Blanc schließt seinen fulminanten Erguß mit folgenden Worten: „Wenn das englische Volk versteht, daß unsere Sache die der ganzen Welt ist, d. h. der Gerechtigkeit, so ist es Zeit, zu handeln und die Folgen zu erwägen, die daraus entsiehen, wenn man das Eroberungsrecht zügellos lasse. Eine Nation, welche durch ihre Gleichgültigkeit die Saturnalien der Gewalt sanctionirt, verdient, durch Gewalt gezüchtigt zu werden. Aber es ist Sache des englischen Volkes, danach zu sehen; unsere ist, der Welt zu beweisen, daß unsere Sache gerecht ist, und wenn so, für das Recht, das nie stirbt, zu sterben oder mit ihm unterzugehen."
Petrucelli della Gattina, ein bekannter republikanischer italienischer Publicist und Abgeoronetcr, der sich seit Jahren in Paris aufhält, hat unlängst in der „Gazetta d'Jtalia" seine Anschauungen über die Lage Frankreichs veröffentlicht. Herr della Gattina sagt darin: Die Ueberbleibsel des französischen Heeres sind gänzlich zerrüttet. Ehrgefühl, Muth, DiSciplin, Selbstvertrauen, Vertrauen zur Führung, Hoffnung auf einen guten Ausgang, Kampflust — Alles liegt in Trümmern. Es ist das Heer des Lerxes. Das französische Heer repräsentirte nicht das Volk; der Soldat bildete einen Stand für sich und betrieb sein Ge- schäft handwerksmäßig. Er hatte hinter sich die Tradition der verschiedenen siegreichen Kriege des zweiten Kaiserreichs. Diesmal ober standen ihm in dem deutschen Volksheere Krieger gegenüber von unverhältnißmäßig höherer Intelligenz,
dabei geschult, begeistert, an Strapazen gewöhnt und bereit, Alles für's Vaterland zu tragen und zu wagen, geführt außerdem von den besten Generalen unserer Zeit — da war es unvermeidlich, daß die Deutschen siegen mußten, und sie werden wieder siegen bis zu Ende, auch wenn das französische Volk den Krieg zum Volkskriege macht. Als die Verbündeten im Jahre 1814 im KriegSrath zu Vitry beschlossen, direkt auf Paris zu marschiren, und Napoleon gegenüber nur den General Wintzingerode mit einiger Cavallerie und Artillerie zurückließen, war ihre Lage ungleich schwieriger als Vie der jetzigen Angreifer. Damals operirte Augereau mit einer Armee bei Lyon im Rücken des österreichischen Corps Bubna; die Verbindung mit Deutschland war schwierig, fast unmöglich, denn ganz Frank- reich war im Ausstande und die Bevölkerung von Paris zur Vertheidigung bereit. Heute stützt sich das Heer, das gegen Paris marschirt, auf zwei andere ungeheuere Heere; mit Deutschland bleiben dieselben in Verbindung durch eine Eisenbahnlinie, zu der bald noch eine zweite und dritte kommen werden. Daß Land bleibt verhältnißmäßig ruhig, wozu die gewaltigen deutschen Cavalleriemassen das Ihrige beitragen, und im Felde steht kein französisches Heer mehr, wohin man auch das Auge wendet; denn die ganze Lebenskraft ist zur Vertheidigung der Hauptstadt concentrirt. Dort aber steht eine neue Regierung isolirt den Departements gegenüber, in welchen die Anhänger des früheren Regiments sich zu den neuen Zu- ständen feindlich oder wenigstens theilnahmlos stellen. Vielleicht durfte man hoffen, daß nach dem Falle Napoleons von König Wilhelm Die ersten versöhnlichen Schritte kommen würden. Aber freilich, es ist schwer, einer Regierung friedliche Eröffnungen zu machen, die sich nicht Regierung des Friedens, sondern der Na- tionalvertheidigung nennt, die erklärt, keinen Zoll breit Erde, keinen Stein hergeben zu wollen. Nicht nachgeben, sehr schön! Aber bleibt denn noch irgend welche Hoffnung, das wieder zu bekommen, was schon genommen ist? Oder nur zu verhindern, daß noch mehr genommen werde? — Paris glaubt Ja, Europa denkt Nein.
In einem Briefe, den die „Jndcpendance Belge" von der Insel Jersey, 30. September, erhalten hat, heißt eS: „Herr Bar och e wohnt jetzt in einem der komfortabelsten Häuser von St. H6lier Sein College Rouher wohnt nicht so fern; er hält sich zu Saint Aubin, zehn Kilometer von der Stadt entfernt, in einem kleinen Landhause auf, das in gar nichts an das Palais Luxembourg erinnert. Er sagt, er sei arm, und führt ein düsteres, zurückgezogenes Leben. Aber er correspondirt fleißig, und man kann, ohne ein großer Hexenmeister zu sein, errathen, daß er der Mittelpunkt einer großen in London ausgesponnenen Jntrigue ist und sich, um deren Fäden besser zusammenhalten und leiten zu können, nach Jersey, zwischen England und dem Continent, begeben hat E n wahrlich recht armer und interessanter Mann ist Herr Drouyn de Lhuys. Er gab seinen Namen erst einige Tage nach seiner Ankunft kund, als seine berühmten Kisten angekommen waren, die jetzt in der Banque Merkantile deponirt sind. Berühmte Kisten wahrlich, 5 an der Zahl, und an jeder hatten 5 Männer zu schleppen. Es hat Niemand hineingeschaut, allein sie enthalten über 3 Mill. Fr. Werth au Gold, Juwelen und Silbergeschirr und unermeßliche Werthpapiere obendrein. Herr Drouyn De Lhuys ist dennoch ein unglücklicher Mann; er kann nicht genug darüber klagen, wie die Preußen in der Seine et Marne seine Besitzungen verwüstet haben. Endlich war auch Marschall Le Boeuf in eigener Person hier. Er traf auf seiner Flucht aus Frankreich in einem offenen Schiffe vor Drei Wochen auf der Insel Chansey ein, wohin er verschlagen worden war. Nach einer schrecklichen Sturmnacht setzte ihn ein Schiffsmann nach Jersey über. Er hatte kein Gepäck, aber noch ein Portefeuille, kein ministerielles, sondern eines, woraus er sofort zwei Tausend-Francs-Noten in englisches Geld umwechseln ließ Zwei Tage Rast hielt er im „Royal-Iacht-Hotel" und reiste dann weiter. Ueberhaupt ist hier das Stelldichein für Bonapartisten Der Hautevolee. Zu keiner Zeit hat man in Jersey so viel Gold und Silber gesehen. Aus ;edem Schiffe, das ankommt, werden ganze Berge von Kisten und Kasten ausgeladen, und man muß das Auf- flackern Der Freude in all' diesen geängstigten, verdächtigen Gesichtern sehen, wenn Die theure Last glücklich auf fremden Boden geborgen ist. Mit Recht kann man sagen: „Frankreich ist verloren, allein die Bagage ist gereitet." Bereits haben die Banken von Jersey sieben Millionen französischen Goldes nach London geschickt, die von kaum 30 Würdenträgern des Kaiserreiches, welche die Republik an den Bettelstab gebracht hat- deponirt wordrn sind."
Cardinal Antonelli trachtet, das gute Einvernehmen mit Preußen zu stören; er soll angeblich dem Gesandten in Rom viele, Italien compromittirende Details mitgetheilt haben, die sich auf Verhandlungen mit dem französischen Gesandten Malaret und dem Prinzen Napoleon beziehen. Der Papst hat ein Circular an sämmtliche katholische Mächte gerichtet. Die letzteren werden zu äußerster Resistenz aufgefordert. Die Nuntiaturen wurden ferner in einer neuen Note aufgefordert, Alles aufzubieten, um die Mächte zur Restauration des Papstthums zu bestimmen. Beide Dokumente sollen vorläufig nicht publicirt werden. (N. fr. Pr.)
Bei Empfang Der Deputation, welche das Abstimmungsresultat aus Rom und Den Provinzen des Kirchenstaates überbrachte, hielt Der König eine Ansprache, in welcher er hervorhob, daß nunmehr das Vaterland endlich geeinigt sei. Er constatirte, daß sich die römischen Provinzen nahezu einstimmig für den Anschluß an das gemeinsame Vaterland ausgesprochen haben; im ganzen Königreiche herrschte hierüber die höchste Freude. Wir verdanken, sagte der König ferner, nur wenig dem Glücke, viel dagegen der Gerechtigkeit unserer Sache. Es ist klar, daß Die Freiheit, welche wir erstreben, aus jedem bejahenden Votum ein aufrichtiges und offenes Versprechen der Anhänglichkeit macht. Gerechtigkeit und Freiheit waren die Machte, welche Italien geschaffen haben. Nunmehr sind die Italiener Herren ihrer Bestimmung. Wenn sie nach Jahrhunderte langer Spaltung ihre Vereinigung in jener Stadt, welche einst Die Hauptstadt Der Welt hieß, wieder finden, werden ohne Zweifel die Reste der einstigen Größe für sie die Auspizien für die eigene neue Größe bilden; sie werden zugleich die schuldige Ehrfurcht jenem Sitze der geistlichen Gewalt zu bezeugen wissen, welche ihre friedlichen Abzeichen in einer Höhe aufgerichtet hat, welche einstens die Adler des Heidenthums nicht zu erreichen vermochten. , Als König und als Katholik habe ich," so schloß der König seine Rede, „die feste Absicht, indem ich die Einheit Italiens proclamire, zu gleicher Zeit die Freiheit der Kirche und die Unabhängigkeit des Papstes zu sichern. Mit dieser Erklärung nehme ich au» Ihren Händen das Resultat der Abstimmung Roms entgegen und werde es Italien übergeben."
Kriegsnachrichten.
Der Berichterstatter des „Daily Telegraph" giebt eine ausführlichere Schilderung Der Preußen-Panique in Orleans und Der Flucht des Generals Polhes, Commandanten der dortigen Division. In der Nacht vom 26. auf den 27.


