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Feuilleton.

Aus blutiger Zeit.

Historische Novelle von Hermann Hirsch selb.

(Fortsetzung.) c f

Jetzt drang ein lautes Geschrei zum Louvre herüber. Schüsse fielen, em Haufen blutender Männer, Weiber und Kinder stürzte von Verfolgern gejagt, zum Louvre, Schutz bei der höchsten Majestät zu suchen, die Liebe und Gerech­tigkeit des höchsten der Richter auf Erden verkörpern soll. Alles, alles ward mir jetzt klar. Tod den Hugenotten, brüllten die wüthenden Haufen und jetzt legten die Wachen ihre Gewehre an, jetzt wählten sie kaltblütig die Brust der Wehrlosen zum Ziel, ein entsetzlicher Schrei getäuschter Hoffnung und des Schmer­zes und blutig färbte sich der Boden, purpurn rann ee, em kostbarer Teppich vor der Wohnung der Königin. Immer wilder ward das Getümmel, immer dumpfer heulten die Glocken ihren Klagegesang, blutig färbte sich der Himmel, die Mörder zündeten die Häufen ihrer Opfer als Leuchtfeuer ihrer Schandthaten an und dazwischen tausendfaches Stöhnen der Gemordeten, schändlich Mißhandelten.

Wie ein Nebel schwamm es vor meinen Sinnen, fuhr der Mönch fort, aber jetzt, jetzt sah ich sie die Fenster des Gemaches öffnen, die auf den großen Balkon des Schlosses führten und heraus trat an der Seite der Königin-Mutter der Monarch des edelsten Volkes, trat Karl IX., umgeben von den Gliedern seiner Familie und dem glänzenden Gefolge seines Hofes und unter dem Hohn­lachen und Beifallsrufen seiner erlauchten Umgebung richtete er, o, o, daß ich es aussprrchen muß, richtete er das Mordgewehr auf die Brust seiner wehrlosen Unterthanen, die nichts verbrochen hatten wider ihn, als daß sie anders den gemeinschaftlichen Gott verehrten, als ihr König, und schoß, und mit jedem Knall brach unter Jauchzen der Menge ein neues Opfer blutend und mit einem letzten Fluch auf den zuckenden Lippen zusammen. Das' war die Bartholomäus­nacht Frankreichs. ,

Der Mönch hielt tief erschüttert inne, und ließ, wie von der Erinnerung erschüttert, sein Haupt in beide Hände sinken. Nach einer Pause fuhr er fort:

Mein Blut erstarrte, ich glaubte mich in die Hölle versetzt und fast verwunderte ich mich, lebend und unverletzt zu sein; eine Nische der Mauer hatte mich geschützt und die Wachen hatten meiner, als Katholiken, geschont. Jetzt aber fuhr ich empor aus meiner Betäubung, ein Wort von einem der Soldaten gab mir die Besinnung wieder, der auf die Bemerkung eines seiner Kameraden, der unter der königlichen Familie den Herzog Heinrich von Anjou vermißte, erwiederte: Wenn Heinrich hier fehlt, ruht er wahrscheinlich in den Armen der Liebe, der Kammerdiener vertraute mir ein Wörtchen von einem neuen Fang. Ich hörte nichts weiter, ein fürchterlicher Gedanke durchblitzte mein Hirn, wild stürzte ich durch die Wachen, es gelang mir, die Mord- gier hatte die Soldaten blind gemacht. Ich trat ins Louvre, ohne Ziel, ohne Pfad durcheilte ich die Gänge, Keiner hinderte mich, kein Lakai, keine Wache vertrat mir den Weg, denn Alles betheiligte sich, wenn auch nur mit den Au­gen, an der furchtbaren Scene der Nacht. Mein Fuß betritt den zweiten Stock des unermeßlichen Hauses, ein Seufzer dringt zu meinem Ohre, eine wohlbe» kannte Stimme ruft mit dem Ausdruck der Angst meinen Namen, eine Stimme, die mich erglühen ließ, wie im Fieber. Ich stürzte zur Thür, was kümmerte mich, ob sie verriegelt war, ein kräftiger Fußtritt sprengte sie, ich erblickte meine Braut, die Geliebte meines Herzens, die ich verehrte wie eine Heilige, die kaum der reinste der Blicke zu streifen wagte, ich erblickte sie in der Gewalt des Her­zogs von Anjou, im Kampfe mit dem fürstlichen Räuber.

Mit einem Schrei des Entzückens flog sie in meine Arme, während der Prinz nach feinem Schwerte griff. Aber ein einziger Hieb schleuderte den Stahl aus seiner feigen Hand.

Verflucht! rief ich, seist Du, verflucht das elende Geschlecht der Valois, Räuber und Mörder der Wchrlosen, Tyrannen der Unterdrückten. Wohl Dir, daß Gott meinen Fuß zur rechten Zeit in diesen Raum setzte. Die Hand des Vertheidigers der Unschuld macht Dich nur wehrlos, die Hand des Rächers hätte Dich vernichtet.

Todtendleich, wuthentflammt stand der Prinz da, ich achtete^seiner nicht mehr, meine Evmee in meinen Armen verließ ich das königliche schloß, das jctzt zu einer Räuber-, einer Mörderhöhle gesunken war, denn selbst bis in die Vorzimmer des Höchsten flüchteten sich die Opfer, um dort von der Hand des Höchsten dahin gestreckt zu weiden.

Jetzt, da ich mir die Geliebte errungen hatte, dachte ich an die theuren Eltern derselben, an meine Verwandten, die der Wuth und dem Grimme erbar- mungsloier Feinde preisgegeben waren; zu ihrem Hause eilten wir, die Kugeln der Katholiken umsausten uns, obwohl auch jetzt, da ich wußte, für wen ich mich schützte, mein Arm mit einer weißen Binde umwickelt war. Wir erreichten die Stelle, aber großer Gott fast ohnmächtig sank Edm6e in meine Arme, mir selber drohten die Sinne zu vergehen, denn ein Aschenhausen bezeichnete die Stätte, wo einst das kleine Haus gestanden, das so viel stillen, friedlichen Glückes unter seinem Dache barg, die Mörder hatten es geplündert und ange- zündet; nahe dem Schutte ihrer Habe lagen blutig und entstellt die Leichen ihrer Besitzer, auch die Eltern meiner Eom6e waren als Märtyrer ihres Glau­bens emporgestiegen zu dem Lichtquell der ewigen Klarheit.

N cht lange duriten wir an dieser Stelle des Jammers weilen, man kannte Edwöe als Hugenottin und ein daherströmender, wilder Trupp verlangte stür­misch die Auslieferung der Ketzerin. Vergebens beschwor ich sie, auch ihren Arm mit der Binde zu umknüpfen; mit Festigkeit erklärte sie mir, in demselben Glauben st.rben zu wollen, dem die Schrecklichen ihre Eltern, ihr Eigenthum geopfert. Mir blieb nur ein Rettungsweg, so unwahrscheinlich er schien, ein einziges, brünstiges Gebet zu Gott, und in meine Arme faßte ich die Schutz­lose, und mein Schwert schwingend entfloh ich mit der so theuren Last. Aber hinter mir waren die Verfolger dicht auf meinen Fersen und Kugel um Kugel sauste an unfern'upten vorbei. Rechts und links lagen Haufen Gemordeter. W hklagen hier und dort, von allen Seiten das Röcheln des Todes. Ich sah, ich hörte nichts mehr, mein Geist war schon abgestumpft gegen die Schrecken jener Nacht. Immer näher drang das Jubelgeschrei der Verfolger an mein Ohr, das aus den Tiefen der Hölle zu dröhnen schien, schon fühlte ich meine Kräfte schwinden, da erblickte ich das geöffnete Thor eines Palastes. Hinein stürzte ich mich durch die geöffneten Flügel und mit Riesenkraft die eisernen

Stäbe hinter mir zuschleudernd, bildeten sie eine Schranke zwischen uns und dem heulenden Volke. ' AthcmloS hielt ich an; fast gebrochen vor Angst und Erschöpfung. Zu meinen Ohren klang es wie ein fröhliches Jauchzen, wie Vie schallenden Klänge einer Musik, ich blickte empor, bas in Stein gehauene Wap­pen gab mir Kunde von dem Orte, wo ich mich- befand; es war der Palast der Guisen und die hell erleuchteten Fenster verkündeten rin lustiges Fest. Man tanzte, man jubelte, während das Blut dcr Mitbürger in Strömen floß

Aber wir waren noch nicht geborgen, schon machten die Verwegensten aus der Rotte unserer V-rfolger Anstalt, das Thor zu übersteigen, andere versuchten, die Stäbe zu durchbrechen und ich floh vorwärts, die halbtodte Geliebte mit beiden Armen umschlingend. Ich eilte in den Palast durch die Mitte der erstaunten balbtrunkenen Lakaien die Stiegen hinan. Eine Dame kam uns ent­gegen, icfy hörte das Rauschen des brokatenen Gewandes, aber ich sah nicht in ihr Antlitz, was küwmerte mich dieses, da ich Schutz für die Geliebte suchte. Wir warfen uns zu ihren Füßen, in fliegender Hast verkündete ich das schauer­liche Geschick Edmee's.

Die Dame hörte mir ruhig zu, von Hoffnung beseelt, richtete ich mein Auge empor, es war Eugenie, Herzogin von Montpensier, zu deren Füßen

h&oty war sie schön, dieses Weib, und mitten in der Qual der Verzweif­lung durchdrang mich ihr Blick, der brennend auf mir ruhte, wie der Strahl des Blitzes. Sie schien mein Antlitz lange zu prüfen, ein Lächeln glitt über ihren Mund, als sie meine Gestalt überflog, aber es erstarrte, als sie bas Auge auf meine Begleiterin richtete.

Unten vor den Thoren begann jetzt aus'S Neue das Toben des Volkes, schon flogen Steine gegen die Scheiben des Palastes und die Lakaien flüsterten ängstlich unter einander, den Blick erwartungsvoll auf ihre Gebieterin gerichtet.

Die Herzogin zauderte, immer glühender ward ihr Blick, immer heftiger das Wogen ihres Busens, und endlich, endlich brach sie ihr Schweigen.

Raoul, mein Freund, helft mir den Wahnsinn verjagen, der mit den Er­innerungen grinsend aussteigt, hinter mir. Edmee, die zarte Blume, mußte das Opfer dieser Großen fein, aus meinen Armen rissen die seilen Sclaven sie nut* leivslos, trotz meiner verzweifelten Gegenwehr, und entgegen schleuderte man sie dem gierigen Volke, das hohnlachend feine Brüte empfing, ein Schrct, o, ich höre ihn noch, ein einziger Schrei drang zu meinen Ohren, dann vergin­gen mir die Sinne, bewußtlos sank ich auf die kalten Marmordielen zusammen, ich sah die Geliebte niemals, niemals mehr.

Raoul benutzte die Pause des Mönches, die Hand veS' schwer Geprüften zu drücken.

Als ich erwachte, war es Morgen; der junge Tag stahl sich vcrratye- risch durch die Falten ter schweren damastenen Vorhänge meines Lagers. Ich faßte an meine Stirn; fast glaubte ich an das Gefpinnst eines Traumes, aber nein ein einziger Blick in das reich auSgestattcte Gemach rief mir die schreck* lich/ Wirklichkeit zurück. Ich sprang auf, mein^Herz glühte, hastig warf ich mich in meine Kleider, hinaus trieb es mich, die Spur der Geliebten zu suchen, da klopfte es uno eine alte Kammerfrau berief mich zu ihrer Herrschaft.

Wo bin ich? fragte ich, in wessen Hause befinde ich mich?

Die Alte legte lachend den Finger an den Mund zum Zeichen des Schwei­gens, und säst wider Willen folgte ich ihr. Ueber versteckte Corritore und Gänge führte sie mich und endlich betrat ich ein Boudoir, von mattem Dämmerlicht, von schwellenden Düften erfüllt, und hingestreckt auf einem Lager von dunklem Sammet lag jenes Weib, das meine Edm6e dem entsetzlichen Tove überlieferte, und jenes Weib nennt sich Eugenie, Herzogin von Montpensier, und jenes Weib liebte mich. . e K

Thränen erstickten die Stimme des Mönches und sein Haupt sank aus den Rand des Tisches nieder.

Unglücklicher! stammelte der Jüngling, tief erschüttert, und Ihr

O, hättest Du sie gesehen, fuhr Clement fort, welche Teuselskünste meine Sinne umstrickten. Ich unterlag! fuhr er knirschend fort.

Allem die Reue kam nach, aufgelöst vor Schmerz und Scham verließ ich den herzoglichen Palast mit dem festen Schwure, nie wieder einen Fuß über feine Schwelle zu >etzen. Allein stand ich jetzt da, die Schuld der Großen Frankreichs hatte mir Alles geraubt, was meinem Herzen theuer war, selbst meine Ehre war dahin. Ich schritt durch die menschenleeren Straßen, überall blutige Leichname, überall die Spuren des Mordes, der Vernichtung. Da hob ich die geballte Faust empor zum Morgenhimmel, von dem lachend die Sonne herniederstrahlte auf die schuldigen Menschenhäupter, und schwur Rache dem Hause Guise

Ich verließ Paris, in dieses Kloster begrub ich mich, nur dem Gedanken der Vergeltung lebend; langsam reift die Blüthe, bis die Frucht gediehen ist, und purpurn wird sie sich färben.

Raoul sprang auf.

Großer Gott! rief er, aber nein, nein, sie darf nicht reifen, sogleich sende ich einen Boten nach Vaudemont, besser in der schlechtesten Hütte des Waldes, als

Der Eintritt seines Dieners, der ihm ein versiegeltes Schreiben überbrachte, unterbrach ihn. Hastig erbrach er das Siegel.

Von ihr! rief er, von Marguerite! und mit raschem Blick die wenigen Zeilen überfliegend, fuhr er fort: Zu spät, sie hat Vaudemont bereits ver­lassen. Aber nein, unterbrach er sich, ich muß sie einholen, ich will ihr nach, was frage ich nach meinem Leben, wo es die Ehre der Geliebten gilt.

Er wollte aus dem Zimmer stürmen, allein der kräftige Arm des Mönches hielt ihn zurück.

Vergeßt nicht, sagte Clement mit fast spöttischem Tone, man hat höheren Orts schonend Rücksicht auf Eure Gesundheit genommen, die vielleicht durch den allzuscharfen Ritt leiden könnte. Wie sonderbar das königliche Verbot veS Urlaubs mit der Reise Eures Liebchens in die Residenz zusammentrifft.

Ein Laut des tiefsten Schmerzes entwand sich der Brust des jungen Offi­ziers, vernichtet sank er auf einen Sessel nieder.

Clement trat dicht an ihn heran.

(Fortsetzung folgt.

(Hierzu eine Beilage.)

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