11. Mai.
lieber die zunächst bevorstehenden Verhandlungen des Reichstages, der sich augenblicklich mit der dritten Berathung des Bundeshaushalts beschäftigt, berichtet die „Prov.-Corr.": Der Reichstag wird im Laufe dieser Woche voraussichtlich noch die Vorlagen über die Urheberrechte und den Schutz der Photographien und demnächst den Gesetzentwurf über den Unterstützungswohnsitz berathen. Letzterer wird, abgesehen von der Wichtigkeit und Schwierigkeit des Gegenstandes an und für sich, voraussichtlich auch in der Beziehung zu eingeheneen und bedeutsamen Verhandlungen Anlaß geben, als Seitens der Commission der wichtige Vorschlag der Errichtung eines besonderen Bundesamts für das Heimathswesen gemacht ist. Die entscheidenden Berathungen über den Entwurf des Strafgesetzbuchs dürften demzufolge kaum vor der Mitte nächster Woche beginnen können.
lieber die General-Congregation des Concils vom 29. v. M. berichtet das „Regensb. Mgbl." : DaS wichtigste Vorkommniß war die Erklärung des Präsidenten , daß der nächste Gegenstand der Berathung die Vorlage über den Papst, einschließlich der Frage über die päpstliche Unfehlbarkeit, sein soll. Vielorts seien die Gemüther so erregt, und eS sei so viel geschehen , um auch wohlgesinnte Katholiken irre zu leiten, daß die Frage nicht länger verschoben werden könne und man einem von sehr vielen Bischöfen unterzeichneten Anträge Folge geben müsse, daß der Gegenstand alsbald in Berathung gezogen werden möge. Zu diesem Zwecke wird die Vorlage über die Lehre von der Kirche in drei dogmatische Constitutionen getheilt, deren erste die Lehre von dem Fundamente der Kirche (dem Papste), die zweite von dem Wesen und den Eigenschaften der Kirche, die dritte von dem Verhältnisse der Kirche zu der staatlichen Gesellschaft handeln wird. Zugleich wurde eine Zusammenstellung der Erinnerungen vertheilt, welche bezüglich Der Vorlage über die Lehre vom Papste (vom Primat) erhoben worden sind. Ihre Zahl beträgt 88 auf 104 Quartseiten. Am nächsten Tage wurde eine gleiche Zusammenstellung vertheilt, welche die Erinnerungen bezüglich der besonderen Vorlage über die Lehre von der amtlichen Unfehlbarkeit des Papstes umfaßt. Es sind deren 139 auf 242 Quartseiten.
Die Rede, welche Fürst Czartoryski bei dem 79jährigen Gedenktage der polnischen Verfassung vor seinen Landsleuten in Paris gehalten, hat Die Bedeutung eines Manifestes. Fürst Ladislaus Czarto- rhSki gilt, wie sein Vater, als das Haupt der polnischen Emigration und als der ideelle Chef der aristokratischen Parteien der Ration. Möglich, daß die Rede nicht von ihm herrührt, daß sie ihm aus Wien von einem seiner Landsleute, vielleicht selbst von Herrn Klaczko, zugescndet worden, immerhin verdient sie volle Aufmerksamkeit in einem Augenblicke, in welchem polnische Parteiführer mit dem Ministerium über die Ausgleichsfrage conferiren.
Die „Rarodni Listy" verwerfen das Programm des Fürsten Czartoryski — wie zu erwarten stand — vollständig. Sie begnügen sich nicht mit dem Maß von Autonomie, das er für die Polen verlangt, und wollen nicht, daß Böhmen eine „Provinz" sei. Sie wiederholen das alte Lied, daß die Czechen niemals in einen cisleithanischen Reichsrath gehen und in direkte Wahlen für einen solchen nie einwilligen werden. Sie lassen sich auch keine „Con- cessionen" machen — eö sei vielmehr an ihnen, solche zu bewilligen. Stolz will ich den Spanier! „Pokrok" spricht sich gleichfalls entschieden gegen das Programm Czartoryski'S aus.
Der „Allg. Ztg." wird aus Berlin geschrieben: Die neulich von der officiösen „Corr, de Berlin" angekündigte gemeinschaftliche Action der europäischen Mächte gegen die griechische Regierung wird schwerlich zu Stande kommen, da Rußland aus naheliegenden Gründen einem solchen Vorhaben entschieden widerstrebt, und in diesem Widerstreben auf die Unterstützung Preußens rechnen kann. Bezeichnend für die Geneigtheit Preußens, sich den Anschauungen Rußlands in dieser Frage anzuschließen, ist auch die Erscheinung, daß die „R. A. Z.", welche bei der ersten Nachricht von den bet Marathon verübten Mord- thaten schon aus Rücksicht für Die Sicherheit der zahlreichen in Griechenland verweilenden deutschen Gelehrten ein kräftiges Vorgehen der Mächte befürwortete, seit Kurzem eine ganz andere Tonart an- schtägt und die griechische Regierung nach Kräften zu entschuldigen sucht.
Im Laufe des Mai wird in Washington die Cou- ferenz der südamerikanischen Republiken stattfinden, an welcher auch Spanien sich zur Wiederherstellung des
Friedens mit Peru und Chili betheiligen wird. Die Vereinigten Staaten treten hierbei als republikanische Vormacht und Schiedsrichter auf. 12. Mai.
Die Commission des Reichstages zur Vorberathung des Gesetzentwurfs, betreffend den Schutz der Autorenrechte, hat nunmehr einen schriftlichen Bericht zur Begründung ihrer schon früher mitgetheilten Anträge erstattet. Diese selbst schließen sich, wie bekannt, in allem Wesentlichen der Vorlage der Bundesregierungen an. Die Commission hat in diesem Betracht also daraus verzichtet, die Vorlage und ihre Zustimmung noch nähcr zu motiviren. Die von ihr beschlossenen nicht blos redaktionellen Aenderungen sind folgende: 1) Für posthume Werke soll der Schutz 30 Jahre vom Tode des Autors ab, nicht (wie die Vorlage will) vom Erscheinen des Werkes an währen. 2) Für die Criminalstrafe des Nachdrucks wird die Streichung des Strasminimums (50 Thlr. Geldbuße) vorge- schlagen. 3) Während die Vorlage Die Aufführung gedruckt erschienener musikalischkr Werke freigeben will, schlägt Die Commission Die Beschränkung Dieser Be° sugniß auf Den Fall vor, „daß nicht Der Urheber auf dem Titelblatt oder an der Spitze Der ersten Ausgabe des Werkes sich das Recht Der öffentlichen Aufführung vorbehalten hat." 4) Der Schutz für anonym oder pseudonym erschienene Kunstwerke ist auf 30 Jahre vom Erscheinen festgesetzt.
Dem „Pesther Lloyd" berichtet man aus Wien vom 6. Mai: „Verschiedene in Den Blättern umlaufende Gerüchte über angebliche Absichten Preußens in und mit Deutschland sind dem Vernehmen nach für Den interimistischen Leiter des preußischen auswärtigen Ministeriums, Hrn. v. Thile, Die — wie es scheint, nicht unwillkommene — Veranlassung ge- wesen, Dem österreichischen Gesandten gegenüber die spontane, ebenso offene, als nachdrückliche Erklärung abzugebcn, daß Preußen nicht daran denke, den Status quo, wie er Durch Den Prager Frieden und seit Dem Prager Frieden geschaffen worden, zu alte- riren. Es Darf vermuthet werden, daß eine ähnliche Erklärung auch nach anderer Seite hin erfolgt ist."
Die halbamtliche „Prov.-Corr." enthält folgende Mittheilung: „Die Vorstellungen, welche die fran- zösische Regierung vor Kurzem bet Dem Papste erhoben hat, um womöglich Die Annahme von Beschlüssen Seitens des Concils zu verhüten, welche mit den bürgerlichen Gesetzen der europäischen Staaten im Widerspruche stehen würden, sind auch von Seiten deö Gesandten des norddeutschen Bundes bei Der päpstlichen Regierung unterstützt worden. Die Re- gierung unseres Königs hat, getreu Der von ihr bisher bewahrten Stellung, keine Note, auch keine zur Mittheilung bestimmte Depesche nach Nom gerichtet, sondern Den Gesandten beauftragt, Die französischen Vorstellungen auch seinerseits Dem römischen Hofe zur Berücksichtigung zu empfehlen. Der Ge- sanDte hat seine mündlichen Vorstellungen Demnächst in einem vertraulichen Schreiben an Den Kardinal Antonelli zusammengefaßt."
Ein Telegramm aus Madrid meldet, daß der pro- grefsistische Cirkel sich endgültig für die Throncandi- datur des Marschalls Espartero entschieden habe. Der leitende Ausschuß der Cortesmehrheit ist mit Berathungen zur Herbeiführung einer Lösung Der schwebenden Frage beschäftigt und wird angeblich in Den nächsten Tagen feine Vorschläge der Mehrheit zur Bestätigung vorlegen. Die Budgetberathung ist durch Die Erkrankung des früheren Ministers Ardanaz, der ein wichtiges Amendement gestellt hat, vorläufig unterbrochen worden.
Die Stadt Kaluszyn, im Gouvernement Warschau, war am 24. April der Schauplatz unerhörter Ge- waltthätigkeiten der Polizei gegen Die dortige jüdische Bevölkerung — einer Judenhetze, wie sie wohl seit den Zeiten des Mittelalters in einem civilisirten Staate Europas nicht mehr vorgekommen ist. Die Juden wurden von Polizeiorganen auf den Straßen und in ihren Wohnungen ohne allen Grund gewalt- sam ergriffen und nach dem Rathhause geschleppt, wo Der PolizeicommanDeur in Der Brutalität das Höchste leistete. Die ihm vorgeführten Juden wurden ohne Unterschied des Standes und Alters allen erdenklichen Mißhandlungen unterworfen: sie wurden von Polizeischergen mit Füßen gestoßen, am Barte gezaust, angespien, entblößt und blutig geschlagen. Diese schreckliche Execution wurde in Gegenwart des Magistrats vollzogen unD dauerte von 6 Uhr früh bis 1 Uhr Nachts. Schließlich wurde noch eine Anzahl Juden im Stadtgefängniß eingeschloffen. Die jüdische Bevölkerung hat eine Deputation an den Statthalter Grasen Berg abgesendet, welche Genugthuung für die an ihr verübten Gewaltthätigkeiten fordern soll.
Preußen. Berlin, 12. Mai. Es werden neue Instructionen, welche das FähndrichS- und Freiwilligen - Eramen betreffen, vorbereitet jedoch sollen sie noch nicht veröffentlicht werden, sondern nur als Richtschnur für die GraminationS- Commissionen dienen. Diese Instructionen bezwecken, daß später, d. h. spätestens in 2 Jahren. nur das Abiturienten-Eramen zum Eintritt als Ofsizier-Aspiraut berechtigen solt, so daß dann die Ober-Militatr-Eraminations-Commission nur noch die Offizier-Eramina abzuhalten haben wird; in diesen 2 Jahren sollen die FähndrichS Eramina progressiv immer schwerer werden. DaS Freiwilligen. Gramen dagegen soll, um die Altpreußen gegenüber den neuen Provinzen nicht zu benachtheiligen, für die nächste Zeit etwas leichter werden, dagegen haben aber gewisse Militairbehörden die Weisung erhalten, nur höchstens den 3. Theil der Einjährig-Freiwilligen zum Gramen als Reserve- Offizier zuzulassen.
Es wird diese Einrichtung gewiß alle die Eltern interesfiren, welche ihre Söhne nicht auf Gymnasien, sondern auf sogenannten FähndrichS - Pressen erziehen lassen, da diese Anstalten in nächster Zeit alle eingehen müssen, wenn sie nicht zugleich für daS Abiturienten - Gramen vorbereiten.
Frankreich. Paris, 10. Mai. Die officlelle Angabe der Abstimmung mit Ausnahme von drei Bezirken ergibt 6,887,272 Ja und 1,473,147 Nein. Die bis jetzt bekannten Abstimmungen der Armee ergeben 227,336 Ja und 39,364 Nein; der Marine 23,750 Ja und 5874 Nein. Im Ganzen also 7,138,358 Ja und 1,518,385 Nein. Die kaiserliche Garde hat 22,000 Ja und nur 400 Nein geliefert. GS kann nicht fehlen, daß der so unerwartet glänzende Ausfall des PlebiScits die Spannkraft und daS Vertrauen des Kaisers auf feinen Stern wieder bedeutend kräftigen wird. — Die Neubildung des Ka- binets wird sofort beginnen. Um das Portefeuille des Auswärtigen ringen Gramont und Laguerronni^re.
Parts, 9. Mai. In urterzeichneten Kreisen wird versichert, das „Journal officiel" werde morgen die Demission des GesammtcabinetS melden. Die Neubildung deS CabinetS würde unverzüglich erfolgen und Ollivier in feiner bisherigen Stellung verbleiben.
Paris, 10. Mai. Vor der Caserne deS Chateau d'Gau und im Faubourg du Temple ist eS gestern Abend zu unerheblichen Ruhestörungen gekommen. Drei Barrikaden wurden aus umgestürzten Omnibus errichtet, jedoch ohne Widerstand beseitigt. Die Truppen machten einen Bajonetteangriff vor der genannten Caserne, um den Platz zu säubern. Ein Soldat ging zu den Ruhestörern über, wurde jedoch von den Truppen wieder ergriffen.
Paris, 11. Mai. Die „Gazette de Tribunaur" berichtet von neuen Unruhen, welche gestern Abend in dem Faubourg du Temple stattgefunden haben; dieselben sollen einen ernsteren Charakter gehabt haben, als die Unruhen am Montag. Vier Barrikaden, welche in der Rue la Fontaine und Saint Maur gebaut waren, wurden von den Truppen genommen! Zwei der Aufruhrer wurden bet den Chargen der Cavallerie, welche den Platz des Chateau d'ean säuberten, schwer verwundet. Alle an den Faubourg du Temple angrenzenden Straßen sind abgesperrt. Einem Gerüchte zufolge hätten die Truppen auf die Aufrührer gefeuert. In allen anderen Stadttheilen von Paris herrscht vollständige Ruhe.
Italien. Der Wiener „Presse" geht auS München folgendes Telegramm zu: DaS JnfalltbilitätS-Schema verdammt: 1. Wer leugnet, der päpstliche Stuhl sei unfehlbar der Stuhl Petri. 2. Wer behauptet, außer ihm gebe eS noch eine unfehlbare Kirche. 3. Wer noch die Nothwendigkeit deS göttlichen Lehramts deS Stuhls Petri für alle Menschen leugnet. 4. Wer sagt, der erwählte Papst sei nicht auch hinsichtlich des unfehlbaren Lehramts der Nachfolger Petri. 5. Wer sagt, ein ökumenisches Concil stehe in Betreff der Unfehlbarkeit deS Lehramts über oder dem Papst gleich.
England. London, 10. Mai. Der Bürfenrath hat den Beschluß gefaßt, die Notirung der österreichischen Fonds wegen der rechtswidrigen Benachrichtigung (soll wohl heißen: Benach- theiligung! W. T.-C. B.) der englischen Staatsgläubiger durch die österreichische Regierung, aus dem offiziellen BörsencourS, blatt auszuschlteßen.
Rußland. Petersburg, 9. Mat. Wie das Journal de St. Petersbourg mittheilt, hat Chifchkow Geständnisse abgelegt. Danach wäre schon in der dem Morde vorangegangenen Naätt der Versuch, den Prinzen zu bestehlen, gemacht worden. Den Mord selbst hätte ein gewisser Grebmenikow verübt, Chisch- kow will bloß vor dem Hanse Wache gehalten haben. Grebmenikow wurde auf diese Aussage hin verhaftet und eS wurde die Uhr d s Prinzen Arenberg bei ihm vorgefunden. AuS dem ärztlichen Leichenbefunde geht hervor, daß der Tod des Prinzen durch Erdrosselung erfolgte; der Druck auf den HalS war so heftig, daß der Tod sofort erfolgt sein muß.
Der mischte s.
Darmstadt, 10. Mai. Die hiesigen Schuhmacher, gesellen, welche eine Lohnerhöhung von 25 pCt. begehren und diese von den Meistern nicht verwtlligt erhielten, haben gestern Nachmittag die Arbeit eingestellt. Auch von hiesigen Maschinenarbeitern feiert bereits ein Theil. Die Dachdecker-, Schreiner und Bäckergesellen haben erhöhte Lohnansprüche eventuell Strike« in Aussicht gestellt.
Groß-Gerau, 8. Mai. Die Erde hat sich noch nicht vollkommen beruhigt. Seit Gründonnerstag und Charfreitag am 14., 15. April, an welchen Tagen ich 3 Stöße notirte, habe ich keinen weitern Stoß verspürt, bis heute Morgen um 10 Uhr 20 M. ein Stoß erfolgte, der auch an andern Orten der Umgegend wahrgenommen wurde. Von andern Bewohnern unsrer Stadt wollen auch schon im Laufe der Woche leise Erderschütterungen bemerkt worden sein.
Frankfurt, 10. Mai. Gestern fand der feierliche Schluß der ersten Blumen- und Pflanzenausstellung in den Palmengärten statt. Der Besuch bleibt den Aktionären und Fremden noch fernerhin gestattet. In den vier Wochen der Ausstellung wurde dieselbe von 36,200 Personen frei. Actionären besucht und beziffern sich die Einnahmen auf über 15,000 fl.
Berlin, 6. Mai. Heute Vormittag wurde ein ensetzliche- Verbrechen entdeckt. Ein in der Sebastianstraße wohnender Pfandleiher Huth hat seine Frau und vier Kinder ermordet und sich dann erhängt. Bei sämmtlichen fünf Leichen (der älteste Sohn war 18 Jahre alt) fand man StrangulatiouSmale, und im Ofen deS Zimmers, das man heute früh öffnete, noch glimmende Kohlen. Die Motive der Unthat sind noch nicht klar.
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


