Feuilleton
D ss Doppelhaus.
Von der Verfasserin von „John Halifax, Gentleman" rc. Deutsch, mit Bewilligung der Verfasserin, von Marie Morgenstern.
„DaS Haus ist vermiethet, Jacob."
„Welches ?" fragte Mr. Rivers, ohne von feinem Teller aufzublicken, denn er wußte, daß ein Dutzend Patienten, die zum Thetl meilenweit gekommen, auf die Beendigung seines Mahle- warteten.
„Nun, das Haus — das Doppelhaus. Dasselbe, das, wie man allgemein glaubte, niemals einen Miether finden könnte. Nun hat es einen."
„Wen?"
„Einen Dr. Merchiston, einen Arzt, zum Glück für uns aber keinen prac- ticirenden. Er ist sehr reich."
.Derheirathet? — Kinder?" —
„Das weiß ich wirklich nicht, glaube es aber nicht, denn ein Familienvater würde sicherlich ein so unbequemes Haus nicht miethen. Am besten würde e- für einen excentrischen Junggesellen paffen, der für sich allein in der einen Halste Hausen, die andere Halste seinen Domestiken überweisen, und die VerbindungSthür zwischen beiden, — da jede Hälfte ihren besonderen Eingang hat — nach Belieben verschlossen halten konnte. Wo aber eine Hausfrau, die Mutter einer Familie ist, — nein, da paßt das Haus nun einmal nicht; da wäre es dasselbe, in zwei verschiedenen Häu em zu wohnen. Denn das Rufen der Kinder in der Nacht könnte die in der andern Hälfte des Gebäudes schlafende Mutter sicher nicht hören; die sich unbeaufsichtigt wissenden Mägde könnten thun und lassen, was sie wollten, und —"
Ich sah mich um und entdeckte zu meinem Erstaunen, daß ich vor leeren Wänden geredet hatte. Mein Gatte war verschwunden. ES war ein vergebliches Bemühen, ihm für das Doppelhaus, oder für die Leute, welche dasselbe zu beziehen gedachten, Interesse einzuflößen
Ander- verhielt es sich bei den Dorfbewohnern. Alle zerbrachen sich den Kopf mit Vermuthungen, Beurtheilungen und Ansichten über die zu erwartenden Ankömmlinge. Zuerst hatten sie zu bedenken, warum ein so ernster, würdiger Herr, wie Dr. Merchiston, ein Herr, der ein so gesetztes, ruhiges Wesen hatte, und in mittleren Lebensjahren war, ein so unbequemes, sonderliches Haus zur Wohnung wählen konnte. Mit der Sendung der Möbeln erhob sich die zweite, noch verwundertere Frage, denn es zeigte sich bald, daß dieselben für zwei unterschiedliche Einrichtungen berechnet waren; — für zwei Wohn-, zwei Speisezimmer, zwei Küchen rc. Und als dann der Doctor in Begleitung einer ältlichen Person — der Dienerin Mrs. Merchiston — anlangte, und somit der Zweifel über die Existenz einer MrS. Merchiston gehoben war, als er zwei verschiedene Dienerschaften, zwei Köchinnen, zwei Hausmädchen rc. in Dienst nahm, tza war das Ganze zu einem vollkommenen Wunder geworden, das über Vermuthungen hinauSging.
Und nun warteten alle auf die Ankunft des Herrn und der Dame, welche, wie wir in Erfahrung gebracht, eine weite Reise von London ab mit der Post zu machen hatten: — denn was ich erzählen will, ereignete sich vor mehr als 40 Jahren, als ich eine junge, eben verheiratete Frau war. Meine Hände waren nicht allzusehr beschäftigt, und mein Kops vermuthlich auch nicht, denn ich erinnere mich noch sehr wohl, wie ich den ganzen Tag über in lässigem NichtSthun am Fenster saß und die Ankunft meiner neuen Nachbarn erwartete, und ich will es sogar nicht verhehlen, daß ich es nicht verschmähte, die Gardinen ein wenig zur Seite zu schieben und verstohlen durch das Fenster zu blicken, als die mit vier Pferden bespannte Postchaise vorüberraffelte.
Die ältliche Dienerin nahm den Vordersitz ein. Außer ihr bemerkte ich nur noch eine Dame, die ganz zurückgelehnt saß. Dr. Merchiston suchte ich vergeblich, — er war nicht da.
Etwa eine halbe Stunde später, bei einbrechcnder Dämmerung, galoppirte er vorüber, schwang sich vor seinem Hause vom Pferde, und die Thüre schloß sich hinter ihm so schnell, wie sie sich hinter den Vorherangekommenen ge- schloffen hatte.
„Sie sind da", sagte ich tiefaufathmend zu Jacob, als ich an demselben Abend neben ihm saß.
„Wer?" fragte er so arglos, daß ich mich säst ärgerte.
„Merchiston- — wer sonst? Und Niemand weiß auch nur ein wenig mehr, als vorher."
Mein Gatte zeigte sein schlauestes Lächeln, — (er war ein spaßhafter Mann, Euer Großvater, Kinder!) — „Beruhige Dich — der Sonntag kommt!" sagte er.
Meine Hoffnungen hoben sich. Es war ein langweiliges Leben, das ich führte, während ich allein war. Jacob war so oft fort. Sehnsüchtig hatte ich mir eine Nachbarin gewünscht, eine angenehme Nachbarin, eine wirklich gebildete Frau. Ja, das konnte nicht fehlen, wir mußten sie Sonntags in der Kirche sehen. Ein großer Kirchenstuhl war für sie gemiethet worden, und der Doctor hatte das Ansehen eines achtbaren Herrn, dessen Ktrchenbesuch zu hoffen stand.
Und wirklich, als der Sonntag da war und der Gottesdienst begann, erhob sich in dem ncugepolsterten und mit Matten belegten Kirchenstuhl, Angesichts der versammelten Gemeinde, die hohe Gestalt des DoctorS.
Er war in seinen besten Jahren, obgleich man von seinem Haar das sa- gen konnte, was man von den Baumblättern im September zu sagen pflegt: — sie waren in der UebergangSperiode. Er hatte ein hübsches, wohlgesormteS Haupt. Eine auffallende Breite zeigte sich auf dem Wirbel, gerade an der Stelle, wo, wie mein Großsohn mir erklärt, die Gewissenhaftigkeit ihren Sitz hat- — aber in jenen Tagen, meine Kinder, fiel es Niemanden ein, an solche Torheit wie Phrenologie zu denken. Der GesichtSzüge kann ich mich freilich nicht deutlich erinnern, aber ich weiß, daß sie im Ganzen durchaus den Aus- druck einer Willensstärke machten, die außerordentlicher Selbstbeherrschung und Selbstverleugnung fähig war. Die großen ehrlichen Augen hatten zu Zeiten viel Unruhe in ihrem Blick, verschwand dieselbe aber einmal und sie zeigten sich ruhig und stetig, dann waren es die schwermüthigsten, die ich je gesehen. Krank- liche Bläffe bedeckte sein Gesicht, doch röthete es sich einigemale, wenn er das allgemeine Anstarren gewahrte, mit dem er beehrt wurde; — em Anstarren, yas noch verwunderter wurde, als er sich laut und vernehmlich und andächtig
an dem liturgischen Theil des Gottesdienstes betheiligte, in welchem die Gemeinde die ihr zufallenden Antworten gemeiniglich dem Küster und den Chorknaben allein anvertraut.
Sonst konnten wir in der Erscheinung und dem Benehmen de- Doctor- nichts Auffallendes entdecken. Er saß allein in dem Kirchenstuhle und verließ denselben, wie er ihn betreten, geräuschlos, ruhig und allein. In dem Abschlag hinter demselben saßen zwei Diener und die Kammerfrau von MrS. Merchiston. Die Dame selbst kam an diesem Sonntage nicht zur Kirche.
Es war eigentlich ganz ärgerlich, — denn zufolge der Etikette, die in Azedale herrschte, konnte Niemand die Dame besuchen, bevor sie nicht in der Kirche erschienen war. Aber während der Woche hörten wir, daß der Prediger den Doctor besucht habe.W
Ich that mein Bestes, meinen Gatten zu veranlassen, dasselbe zu thun — eß erschien mir nur gütig und nachbarlich! — Nachdem ich ihn dem Anschein nach ohne Erfolg eine halbe Stunde lang umschmeichelt hatte, sagte er plötzlich ganz kurz:
„Ich war schon bei ihm, Gretchen."
„Du warst schon bei ihm? O, Jacob, erzähle mir Alle- von Anfang an. An welche Hausthür klopftest Du? An die, welche das Mefstngfchild mit feinem Namen trägt?"
„Ja."
",Und Du sahst ihn? Wurdest Du in das Gesellschaftszimmer geführt, oder in die Bibliothek? Sage mir wohin?"
„Bibliothek."
„War er allein? War er fröhlich und angenehm? Sahst Du seine Gattin?"
Zwei Kopfschütteln und ein Nicken waren die Antworten aus diese drei Fragen.
„Du mein Himmel — wie wunderlich! — Hoffentlich erkundigtest Du Dich nach ihr? Wie, sagte ihr Gatte, baß sie sich befinde?"
„Sehr gut."
„Weiter nichts?"
„Weiter nichts."
„Nun — Du bist ein entsetzlicher Mann, von dem man nichts erfahren kann." „Und Du, mein liebes Gretchen, bist eine von jenen vorzüglichen Frauen, die niemals müde werden, Alles nur mögliche aufzubieten, um einem Manne da- zu entlocken, was er absolut nicht weiß."
Ich lachte, — welchen Nutzen würde mir ein Streit gebracht haben? Und dann — hatte ich nicht all' die kleinen Eigenheiten meines lieben Jacobs gekannt, bevor ich ihn geheirathct?
„Nur noch eine Frage, mein Lieber: — haben sie Kinder?"
„Ich fragte nicht."
So stand die ganze Sachlage in Bezug auf die neuen Bewohner genau, wie zuvor — bis zum nächsten Sonntage. Al- ich in die Nachmittagskirche ging, sah ich eine Dame geräuschlos aus der linken Thür des Doppelhauses treten — nicht aus der, welche da- Messtngschild trug! — und langsam und allein der Kirche zuschreiten.
Auf dem Wege, der Über den Kirchhof führte, blieb sie einen Augenblick stehen. Er nahm sich so schön aus in der Nachmittagsbeleuchtung des wonnigen Mai's, die ihren bunten Wechsel von Licht und Schatten durch die großen Bäume warf, deren Wipfel sich oben berührten, und aus den stillen Pfad, der bis zur Kirchthür führte. Sie sah sich um, al- ob sie die Scene mit ihren malerischen Gruppen von zwei oder dreien bewundere und sich an ihr erfreue — diese Gruppen von Vätern und Müttern, von Ehegatten und Kindern, die langsam zurückblieben und sich leise besprachen, bis die Kirchenglocken ein feierliches Schweigen geboten. Mit offenbarem Interesse blickte sie auf Alle, bis sie gewahr wurde, daß man neugierig auf sie blickte. Dann ließ sie den Schleier fallen und trat eilig in die Kirche.
Ich hörte sie leise fragen, welcher Kirchenstuhl dem Dr. Merchiston zu- komme. Ihre Stimme schien einer noch jungen Frau zu gehören.
Konnte diese Dame MrS. Merchiston fein?
Ich übertreibe wahrhaftig nicht, wenn ich sage, daß ich am Montag Morgen, der diesem Sonntag folgte, mehr als sechs Visiten hatte. Zu meiner großen Belästigung, denn ich war bei der Bereitung meines Schlüffelblumen- weines — mein erster Versuch dieses beliebten Liqueurs! — und das alleinige Thema der Unterhaltung war — MrS. Merchiston.
„Welch' ein zierliches Frauchen!"
„Wie einfach gekleidet, mit einer fast unmodernen Pelerine!"
„Man sagt, sie sei jung!"
„Er scheint nicht über vierzig zu sein!'
„Wie sonderbar, daß er sie allein zur Kirche gehen ließ zum ersten- male noch dazu!"
DaS waren die Bemerkungen, die mit einigen glücklich erhaschten That- sachen untermischt, mir über meine Nachbarn zugeflüstert wurden.
„Sonderbare Leute — ein ganz außerordentliches wunderliches Benehmen. Man sollte sich nach ihnen erkundigen," das war die Quintessenz, die aus jenen Bemerkungen hervorquoll.
Das ganze Dorf hielt cs für feine Pflicht, die merkwürdige Angelegenheit zu erörtern. DaS Doppelhaus, die zwiefache Einrichtung, die auffallende Thatsache, daß Dr. Merchiston seit seiner Ankunft sich täglich außerhalb deS Hauses sehen ließ, seine Gattin niemals, daß er in die Kirche gekommen, sie aber zu Hause geblieben war, bot Stoff die Hülle und Fülle.
Das Resultat war der einmütige Entschluß der vorsichtigen Damen von Azedale, die gewohnten Anstandsvisiten zu verschieben, bis die Achtbarkeit der Fremden festgestellt sein werde. Ich war selbst erst neu dazwischen gekommen. Klatschsucht, Lästerung und Tadelsucht waren mir äußerst zuwider, und die Warmherzigkeit und Ungläubigkeit meiner Jugend bewog mich zu dem innern Entschluß, den nächsten Tag zu MrS. Merchiston zu gehen.
Natürlich besprach ich die Sache zuvor mit meinem Gatten und wagte nach der erhaltenen Erlaubniß von ihm noch eine oder zwei Fragen, da Jacob in Folge seines Berufes und langen Aufenthaltes in der Gegend Menschen und Verhältnisse kannte.
(Fortsetzung folgt.)


