öffentlichen Promenaden: die Stadt hat 6 Boulevards, 431 Straßen, 36 Plätze und 3 Brücken, von denen Vie eine steinern, die zweite eine Hängebrücke, die dritte soeben erst vollendet ist. Besonders reich ist die Stadt an Springbrunnen, deren sie 36 zählt, nicht minder an Denkmälern, unter denen die Kaiser Napoleon'ö I., Corneille's und Boieldieu's zu nennen sind, und das Standbild der Ieanne d'Arc, welche 1431 zu Rouen verbrannt wurde."
Ein drolliges Ende französischer Kaperlust beschreibt der Steuermann C. Klein in einem Briefe an seine in Stralsund wohnenden Eltern folgender Weise: Fayal auf den Azoren (Ende October), an Bord der preußischen Bark „Rosa Boettcher, Capitän H. Schultz. Vor etwa 14 Tagen kam die Bremer Bark „Schiller" von der Westküste Amerika'» vor dem Hafen an der Quarantaine an, um Pro- viant einzunehmen. Sie wußte vom Kriege nichts, hatte ein Boot ausgesetzt und fuhr zu der im hiesigen Hafen liegenden preußischen KriegScorvette „Arcona". Der Commandant setzte sie von dem Kriege in Kenntniß und wies sie an, so schnell wie möglich umzudrehen und die Bark dicht am Lande zu halten. Er wollte dann die Bark anmclden und sie in den Hafen einholen. Aber im Hafen lag eine französische Fregatte, die von der Bark „Schiller" Wind bekommen halte. Ehe die „Arcona" auslaufen konnte, hatte der Franzose sich schon aufgemacht und die Bark gekapert. Jedoch unrecht Gut gedeihet nicht! Uns traten dieThränen in die Augen, als Deutschlands Flagge an Bord der Bark niederging. Wir knirschten mit den Zähnen und ballten die Fäuste, aber was sollten wir thun? Da kam es plötzlich anders. Der Franzose hatte die Gesetze der Neutralität verletzt und Vie Bark innerhalb Vrei Seemeilen vom Lanve genommen. Darum mußte er sie wiever frei geben und bald wehte unsere liebe Flagge wieder vom -Maste. Damit aber noch nicht genug. Der „Schiller" kam aus fieberkranken Häfen und mußte Quarantaine für 10 Tage halten. Das Zeichen dafür ist eine gelbe Flagge am Vortopp. Weil nun der Franzose auf dem „Schiller" gewesen war, durfte auch er in gleicher Frist nicht wieder an Land. Hurrah, hurrah! schrie es auf allen deutschen Schiffen, als die gelbe Flagge auch an Bord des Franzosen sichtbar wurde, hurrah, hurrah, Deutschland, das liebe, theure Vaterland hoch und tausendmal hoch!
Darmstadt, 9. December. Den Verträgen über den Eintritt Hessens in den Deutschen Bund ist ein Separatprotocoll vom 15. Nov. 1870 beigefügt, durch welches eine vorläufige Vereinbarung bezüglich der Militärverhaltnisse des Groß- herzogtbums getroffen wird. Dasselbe lautet:
„Nachdem durch das heut unterzeichnete Protokoll über die Feststellung Der Verfassung des Deutschen Bundes vereinbart worden ist, daß die Gemeinschaft der Ausgaben für das Landheer erst mit dem 1. Jan. 1872 beginnen soll, ist von dem unterzeichneten Bevollmächtigten des Norddeutschen Bundes und Hessens anerkannt worden, daß die Mllitärverhältniffe des Großherzogthums während des JabreS 1871 in dem gegenwärtigen, durch die Militärconvention vom 7. April 1867 begründeten Zustande zu verbleiben haben. Vom 1. Januar 1872 ab tritt das gesammte hessische Contingent in den Etat und in die Verwaltung des Bundes- Heeres, und es werden zur Vereinbarung der hierdurch bedingten Anänderungen ver gedachten Convention im Laufe des Jahres 1871 Verhandlungen stattfinden, H welchen der Gesichtspunkt leitend sein wird, daß die hessische Division als ein geschlossener Truppenkörper zu erhalten, ihre Formation aber den für das Bundesheer geltenden allgemeinen Normen anzupassen ist. Was insbesondere die Festung Mainz anlangt, so war man darin einverstanden, daß die Rechte und Pflichten Preußens aus ver Bestimmung unter Nr. 8 VeS Schlußprotocolls zu dem Friedens- vertrag vom 3. Sept. 1866 auf den Bund übergehen."
Darmstadt, io. December. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Sich gnädigst bewogen gefunden, unterm 25. August l. I. in Allerhöchster Anerkennung der opferwilligen Hingebung, welche sich bei der Pflege und dem Transporte verwundeter und kranker Krieger im Verlaufe des gegenwärtigen Kriegs überall im Großherzogthum in so rühmlicher Weise bewährt, einen Orden mit der Benennung Militär-Sanitäts-Kreuz zu stiften.
Dieser Orden, von nur einer Classe, besteht aus einem zwölfspitzigen Kreuze von vergoldeter Bronce, dessen vier Felder auf der Vorderseite die Worte „Für Pflege der Soldaten 1870" auf der Rückseite die Jahreszahl und den Tag Der Stiftung „den 25. August 1870", auf dem Mittelschild ein L mit der Krone in erhabener gotbischer Schrift enthalten. Er wird an einem ponceaurothen Bande mit schmaler silberner Einfassung auf der linken Brust getragen und solchen Personen jeden Standes und Geschlechts verliehen, welche sich durch verdienstliche Leistungen im Sanitätswesen überhaupt, insbesondere aber bei der Pflege und dem Transporte verwundeter und kranker Krieger ausgezeichnet haben.
Weiter haben Seine Königliche Hoheit der Großherzog geruht, um Aller- höchst Ihrer Armee - Division für die auch im gegenwärtigen Kriege bewiesene Tapferkeit und Ausdauer Die Allerhöchste Anerkennung zu bethätigen, unterm 12. September l. I. einen neuen Orden zu stiften, welcher aus einer Classe besteht und den Namen Militär-Verdienst-Kreuz führt. Dieser Orden, zur Belohnung derjenigen M-litärpersonen bestimmt, welche sich vor dem Feinde durch besondere Einsicht, Tapferkeit und Geistesgegenwart ausgezeichnet haben, besteht aus einem Kreuze von vergoldeter Bronce. Die Vorderseite Der vier Durch einen Lorbeerkranz verbundenen Felder enthält Die Worte „Gott, Ehre, Vaterland", die Rückseite Die Jahreszahl UND Den Tag Der Stiftung „Den 12. September 1870". Auf dem Mittelschilde beider Seiten befindet sich ein L mit der Krone.
Das Kreuz wird an einem hellblauen Bande mit ponceaurother Einfassung auf Der linken Brust getragen.
Berlin, 7. Dec. Der Musketier Philipp Scherer von Der 6. Compagnie des 1. Hessischen Jnfanterie-Regiments Nr. 81 gehört zu Den beDauernswürDlgsten Opfern des gegenwärtigen Krieges, Da ihm ein Schuß durch beide Augenhöhlen Die Sehkraft geraubt hat. Der vollständig Erblindete wurde gestern in entsprechender Begleitung nach seiner Heimath Marburg in Hessen befördert.
Berlin, 10. Dec. Reichstag. Abendsitzung. Das Gesetz, betreffend Die Verfassungsänderungen durch Einfügung Der Worte „Reich unD Kaiser" wird in dritter Lesung mit 188 gegen 6 Stimmen angenommen. (Dagegen Fritzsche, Hasenclever, Liebknecht, Mende, Schweitzer, Bebel.) Darauf wird Lasker's Adresse an den König angenommen. (Dagegen die Socialdemokraten.) Zur Ueber- reichung der Adresse wird eine Deputation von 30 Mitgliedern erloost, darunter auch Rothschild und Rabenau (Oberhessen). Minister Delbrück verkündet darauf Die Schließung des Reichstags.
Berlin. In die stark angewachsene Collection wortbrüchiger französischer Offiziere haben wird heut eine neue Nummer einzufügen. Von Dm in Neuwied internsten kriegsgefangenen Offizieren ist Der Capitän Changer heimlich entflohen.
Er hat seinen Koffer mitgenommen, dagegen sein gegebenes Ehrenwort und seinen Knebelbart zurückgelassen. Der hinter dem Ehrenmanne erlassene Steckbrief giebt schlaffe Körperhaltung und bleiche Gesichtsfarbe als Erkennungsmerkmale an.
Dhorn, 5. Dec. In Der Stadt circulirt seit ein paar Tagen ein auf die diesigen französischen Gefangenen bezügliches Gerücht, das Beachtung verdient. Das Thatsächiiche ist, so weit die „Danz. Ztg." dasselbe hat in Erfahrung brin- gen können, Folgendes: Der Achtsamkeit der betreffenden Militärbehörde ist eS gelungen, einer Verabredung der Besagten auf die Spur zu kommen, welche auf einen Durchbruch aus einem hiesigen Fort und eine Flucht über Die Grenze nach Polen abzielte. In Folge dieser Entdeckung sind Die Ueberwachungsmaßnahmen für Die Gefangenen verschärft worden.
Kaiserslautern, 5. Dec. Um Der Durch Die KriegSereigniffe schwer heim- gesuchten Pfalz unter Die Arme zu greifen, steuerten NorDDeutschlanDS Städte aus dem GemeinDebeutel zusammen. Es wurde eine ziemlich bedeutende Summe zusammengebracht, über Deren Vertheilung heute ein Comite berieth. Die Theil- nähme des RegicrungSpräsiDenten Der Pfalz stanD bei Der Sitzung in Aussicht, Der Erwartete erschien jedoch nicht. Trotzdem wurde die Vertheilung vorgenommen. Man erkannte 41 Gemeinden als hülfsbedürftig an und bewilligte für dieselben im Ganzen 26,000 fl., welcher Betrag vorzugsweise zum Frühjahr bei der Bestellung der Felder, zum Theil auch sofort gezahlt werden soll, je nachdem sich dazu ein Bedürfniß einstellen wird. — In der Pfalz sind, nachdem kaum die Rinderpest überwunden ist, Die Blattern ausgebrochen.
Wien, 6. Dec. Eine Säbclaffaire in groteskem Style hat Sonntag Abend in der Josefstävter Reiterkaserne gespielt zwischen den dort logirenden Mannschaften der beiden Regimenter, dS seit lange wie zwei feindliche Brüder auf Leben und Tod sich bassen — das 7. Ulanen- und Vas Vitto Husarenregiment. Unter Ven vielfachen früheren Excessen, welche diese Todfeindschaft provocirt hat, w-rd man sich noch des blutigen Scharmützels erinnern, Das vor zwei Jahren in der Cantine der Kaserne vorkam. Das Gefecht vom Sonntag scheint noch viel bedrohlicher gewesen zu sein. An diesem Tage befand sich — wie Die „Presse" Den Hergang erzählt — eine größere Zahl von jedem Regiments in Der Cantine Der Kaserne und zechte daselbst. Balv kam es zu gegenseitigen Sticheleien und schließlich Tätlichkeiten, welchen aber durch eine eiligst herbeigeholte Patrouille des ebenfalls in Der Reiterkaserne liegenden Artillerieregiments ein baldiges Ende gemacht wurde. Kurz darauf, etwa um */29 Uhr, verließen sowohl die Ulanen als auch die Husaren das Wirthshaus und begaben sich anscheinend ruhig nach ihren betreffenden Gebäudetracten. Wenige Minuten später erscholl in beiden Kasernenflügeln ein wüstes Hurrahgeschrei, und als Die Artillenewache, Dadurch allarmirt, aus Der Wachtstube eilte, sah sie, wie vom Husarcntracte sowohl als von Dem Der Ulanen Die SolDaten, beiläufig zwei Escadronen stark, mit blanken Lanzen unD Säbeln in den Hof unD aufeinanDer zustürzten, unD ehe nur an ein Einschreiten zu Denken war, sich in ein erbittertes Gefecht verwickelten. NiemanD konnte sich an Die KämpfenDen heranwagen; schon lagen mehrere derselben ver- wunDet auf Dem BoDen und noch war kein Ende des Kampfes abzusehen. Da faßte der commandirende Artillerieoffizier einen glücklichen Entschluß: Er ließ fofort Das Allarmsignal zum Bespannen und Auffahren der Kanonen geben, und dies wirkte. Ehe Der Befehl noch ausgeführt war, stoben die Kämpfenden nach allen Seiten auseinander. Dabei pafsirte es, daß ein verwundeter Ulane stürzte, und dieser wurde von einem ihm folgenden Hujarcn mit Dem Säbel geraDezu zerstückelt. Im Ganzen blieben zwei Ulanen toDt auf Dem Platze, vier Ulanen unD vier Husaren mußten schwer, zum Theile sogar töDtlich verwunDet, ins Spital geschafft werden. Die Zahl Der Leichtverletzten konnte noch nicht eruirt tverDen, weil Jeder seine Verwundung sorgfältig zu verbergen bemüht ist.
Brüssel, 8. Decbr.. Der Ccknstitutionell vom 4. Dec. veröffentlicht folgendes Telegramm: Marseille, 2. Dec. Nachrichten des Büreau Havas aus Japan d. d. 15. Oct. besagen, Die preußische unD französische EscaDre in Den dortigen Gewässern habe im September Die Vereinbarung getroffen, daß kein aus einem japanischen Hafen auslaufenDeS Kriegsschiff vor 24 Stunden verfolgt werden dürfe. Als aber der Steamer „Rhein" auslief, wurde er von Der französischen Eorvette „Linois" verfolgt, worauf ersterer in Den Hafen zurückkehrte und sich beschwerte. Der preußische Minister begab sich darauf nach IeDdo, bedrohte die Stadt mit einem Bombardement und verlangte, daß die vorher erwähnte Sep- tember-Vereinbarung auch auf Handelsschiffe ausgedehnt werden solle. Dagegen protestirte der Admiral Duperrs und rieth es darauf ankommen zu lassen, ob Der preußische MinisterresiDent seine Drohungen auszuführen in Der Lage sein würde. Das diplomatische Corps soll Die Action des deutschen Geschäftsträgers miß- billigt haben.
Turin, 8. Dec. Der König von Spanien und Die spanische Deputation sind hier eingetroffen; letztere ward von Der Königin Maria Viktoria empfangen. König Amedeo bleibt EhrenaDmiral Der italienischen Flotte. (Allg. Z.)
Florenz, 8. Dec. Der König empfing Den Cortespräsidenten Ruiz Zorilla in Privataudienz, er constatirte Den lebhaften Antheil des GesanDten Montemar an Den Unterhandlungen über Die Krone unD empfahl mit tiefer Rührung seinen Sohn Dem noblen und ritterlichen Gefühle Der spanischen Nation. Zorilla antwortete: sie werde Vas ihr anvertraute Pfand eifersüchtig hüten. König Amedeo will bis Weihnachten in Madrid eintreffen. (Allg. Z.)
Madrid, 7. Decbr. Die „Opinion nationale" enthält gerücht-weise die Nachricht, daß Morel beabsichtige, eine zwanzigmonatliche Suspension Der Zinsen Der „Delle Interieure“ im Einvernehmen mit Den Rentenbesitzern Der vornehmsten Elasse unD Der Zinsen Der Tabakshypotheksanleihe, sowie schließlich eine Reduktion des Budgets Der Geistlichkeit um ein Viertel zu beantragen.
Telegraphische Depeschen.
+ Berlin, 9. Dec. Im weiteren Verlaufe Der heutigen Sitzung Des Reichstages wurDe Die auf Der TageSorDnung befinDliche Dritte Lesung Der Bundesver- träge vorgenommen. Die Vertrage mit BaDen unD Hessen werDen mit allen gegen Die Stimmen Der SocialDemokraten und Die WieganD's angenommen. Der Ver- trag mit Württemberg wirD ebenfalls angenommen. Der Vertrag mit Bayern unD Das Schlußprotocoll werden einzeln und hierauf in namentlicher Abstimmung im Ganzen mit 195 Stimmen angenommen. Dagegen stimmten etwa 40 Abgeordnete, zumeist der Fortschrittspartei unD Den Social-Demokraten angchörend.
△ London, 11. Dec. Die „Times" enthalten eine Depesche aus Versailles vom 8. Dec., wonach General Moltke Der Pariser Regierung brieflich freistellte, einen Generalstabsoffizier zur thatsächlichen Kenntnißnahme Der Ereignisse an Der Loire herauSzusende>. General Trochu lehnte das Anerbieten ab.


