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~ = Gießener Anztlger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Montags.

Expedition: Canzleiberg

Vit. B. Nr. 1.

Unzeige- und Mmtsötatt für den Kreis Kielen.

Ne. 178.Dienstag den

12. December.

Die französische Republik, nachdem sie sich ohne Kampf und Mühe ÜN den Platz gesetzt, welchen das Kaiserthum geräumt hatte, stellte sich die Auf' gäbe, den von Napoleon mit offenkundiger Zustimmung Frankreichs unternomme- nen, aber beispiellos unglücklich geführten Krieg bis zur Vertreibung der deutschen Heere vom französischen Boden fvrtzusetzen. Den Gedanken, den Frieden mit einer Landabtretung zu erkaufen, verwarf sie mit aller Entschiedenheit; das Aeußerste, wozu sie sich verstehen wollte, war eine Gelventschävigung; eine Verletzung des Dogmas von der einen und unfheilbaren Republik wurde dagegen für eine Un­möglichkeit, für eine DegraE^on. Frankreichs zu einer Macht zweiten Ranges er­klärt, ja gradezu der Vernichtung Mgukreichs gleichgestellt.

Die Republik ging an die Lösung der übernommenen schwierigen Aufgabe mit keckem Selbstvertrauen. Sie erkannte wohl die Gefahren der militärischen Lage; aber sie schöpfte ihren Trost aus der Erwägung, daß die Verantwortung für alles Unheil allein den Kaiser und dessen unfähige und unwürdige Werkzeuge, sowie die kaiserlichen Institutionen belaste. Bis jetzt sei nur das kaiserthum be- siegt, die kaiserlichen Heere unter der Führung verderbter und unbrauchbarer Gene­rale; Frankreich selbst mit seinen unerschöpflichen Hilfsquellen und seiner kriege- rischen, kampflustigen, patriotischen Bevölkerung stehe noch aufrecht. Die Kräfte zum energischsten Widerstande seien noch vollauf vorhanden; es komme nur darauf an, sie rasch zu sammeln und militärisch zu organisiren, was bei den kriegerischen Neigungen und der Gewandtheit der Bevölkerung und dem anerkannten franzö­sischen Organisationstalent keine allzu schwierige Aufgabe schien.

GambettaS energischer Terrorismus imponirte den Massen, seine Befehle fanden im Allgemeinen Gehorsam, weil man sich selbst nicht zu helfen wußte und daher das B'bürfniß empfand, einem kräftigen und selbstbewußten Willen zu ge­horchen. Auch die Prahlereien und himmelstürmenden Phrasen des Diktators blieben nicht ohne Wirkung. Das republikanische Frankreich stellte in Paris und in den Provinzen eine Anzahl von Heeren auf, die, was ihre numerische Stärke betrifft, den beim Beginne des Krieges von Napoleon ins Feld geschickten Truppen wahrscheinlich nicht unbedeutend überlegen sind, und denen die Ueberreste der alten Armee auch einen gewissen militärischen Halt gaben.

Nach einigen Monaten angestrengtester Vorbereitung konnten die republika­nischen Heere sich zu einem großen concentrischen Massenangriff in Bewegung setzen, um im Zusammenwirken mit den in Paris eingeschloffenen Truppen den entscheiden­den lange geplanten Schlag gegen die deutschen Armeen auszuführen.

Dies Unternehmen ist jetzt völlig gescheitert: die Nordarmee ist bei Amiens gesprengt, die Westarmee bei Dreux zurückgeworfen; die massenhaften Ausfälle der Pariser Truppen, die offenbar in engstem Zusammenhänge mit den großen Er­wartungen von siegreichen Erfolgen der Loire-Armee standen, sind wiederholt zurück- geschlagen worden; die Loire-Armee aber und das ist das große entscheidende Ereigniß der letzten Tage ist in dreitägigem heißen Kampfe völlig geschlagen und, wie die neuesten Nachrichten immer klarer ergeben, mit außerordentlich großen Verlusten an Mannschaften und Geschützen in einen Zustand vollständiger Auf­lösung und Zerrüttung versetzt worden. Daß die energische Verfolgung seitens der Armee des Prinzen Friedrich Karl diese Resultate noch vervollständigen wird, läßt sich erwarten.

So hat denn vor Orleans, an dessen leichte Besitznahme vor wenigen Wochen die bochfliegende Phantasie der Franzosen die kühnsten Hoffnungen knüpfte, die französiiche Republik ihr Sedan gefunden. Der Eindruck wird nur um so er- schlitternder sein, als Gambetta noch vor wenigen Tagen durch unsinnige Prahle­reien und Lügen die Hoffnungen auf die Loire-Armee auf's Höchste gespannt hatte. Wie schnell ist das luftige Lügengebäude zusammengestürzt, und welch' ein Abstand zwischen den hochtönenden Proclamationen vom 1. December und der Mittheilnng von der nicht zu verheimlichenden Wiederbesetzung Orleans durch die Deutschen!

Nach den Ereignissen vor Orleans erscheint die Hoffnung auf eine baldige Capitulation von Paris gerechtfertigt, weil die Voraussetzung, auf welche hin man sich zu der Vertheidigung der Hauptstadt entschlossen hatte, hinfällig geworden ist Ein Entsatz von Paris ist jetzt eine Unmöglichkeit geworden; denn es existirl gegenwärtig keine französische Armee, die im Stande wäre, das Feld zu halten, geschweige denn irgend eine aggressive Unternehmung auszuführen. Paris ist sich selbst überlassen, und wird sich der furchtbarsten Katastrophe nur durch Ergebung entziehen können.

Dann aber, so scheint es, wird die Republik ihre Rolle ausgespielt haben. Denn sie hat eben nicht geleistet, wozu sie sich anheischig gemacht hat. An An­strengungen hat sie es nicht fehlen lassen; aber alle Anstrengungen sind vergeblich gewesen. Ihr militärischer Bankerott ist so vollständig, wie der des KaiserthumS, und die materiellen Opfer, die sie dem Lande auferlkgt hat, die Zerrüttung, wel­cher sie die französische Gesellschaft preisgegeben hat, übersteigen bet Weitem das Maß dessen, womit das Kaiserthum Frankreich belastet hat.

Die Republik wird sehr bald auf dem Punkte angekommen sein, wo sie sich zu dem Geständn ß bequemen muß, daß sie nicht im Stande sei, den Krieg weiter fortzusühren. Werden die Franzosen ihr das Unheil verzeihen, welches sie über das Land gebracht hat? Wir bezweifeln es. Man hat daher alle Ursache, mit Spannung aus die weitere Entwickelung der Dinge in Frankreich zu blicken, namentlich alD Symptome einer neuen Parteibildung und Parteigruppirung, die bald genug hervortreten werten, mit der größten Aufmerksamkeit zu verfolgen.

Damit die Pocken - Epidemie sich unter den französischen Kriegsgefangenen nicht verbreite und das Contagium von ihnen nicht weiter getragen werde, ist an-

13. December 187G.

geordnet worden, daß die Kriegsgefangenen insgesammt geimpft oder wieder ge­impft werden. Dem Kriegs-Ministerium ist es im Interesse statistischer Ermit- telung wünschenSwerth erschienen, Feststellungen darüber zu gewinnen, wie viele der französischen Kriegsgefangenen lesen und schreiben können. Das Ergebniß der Ermittelungen soll in einfachen Zahlenangaben dem allgemeinen KriegSdepartement des Ministeriums zugehen. Die Finanzen der Stadt Berlin werden für näch­stes Jahr nicht eben günstig abschließen, vielmehr eine Million Deficit ergeben, so daß die städtische Einkommensteuer im Jahre voll und ganz wird erhoben werden müssen. Es ist ein nicht sehr ausreichender Trost, daß bei einer anderen Wendung des Krieges größere Opfer zu onngen gewesen wären. Die in Frankreich erbeuteten wichtigeren Gegenstände werden, so weit sie sich dazu eignen, in Berlin aufbcwahrt werden. Von den durch die Friedensschlüsse des Jahres 1866 für Preußen von Bayern u. s. w. in Anspruch genommenen Kunstwerken bat bis jetzt auch noch nichts verlautet, obschon anzunehmen ist, daß die wichtige Angelegenheit nicht in Vergessenheit kommen wird.

Durch die bei der Landwehr gegenwärtiig zur Ausführung gebrachte Ver­stärkung der Regimenter ist der Armee abermals ein neues Truppencontingent von 25,000 Mann zur Reserve gestellt worden.

Das österreichische Handelsministerium hat sich an das bayerische Handels­ministerium mit der Bitte gewendet, daß das letztere für die schleunigste Zurück­sendung der österreichischen Eisenbahnwagen Sorge tragen möchte. Das bayerische Handelsministerium erwiderte, daß die ganze Angelegenheit zu den Agenden der Kriegsverwaltung gehöre und das Kriegsbedürfniß leider diesen unangenehmen Zustand veranlaßt habe.

Kriegsnachrichten.

lieber die Bedeutung der Einnahme von NoUtN schreibt der Staats-An­zeiger: ..Rouen, die über 100,000 Einwohner zählende Hauptstadt des Departe­ments Seine-Införieure, ist am 6. December vom rheinischen Corps unter General o. Goeben besetzt worden. Abgesehen von der Bedeutung dieser Provincial- Hauptstadt überhaupt, liegt in diesem weiteren Vorgehen deutscher Heerestheile bis in die Nähe der Seinemündung, des Kriegshafens le Havre und des Atlan­tischen Oceans ein neuer moralischer Erfolg, der sich über die ganzen nördlichen Departements Frankreichs erstreckt und diese, nunmehr völlig von den übrigen Theilen des Landes isolirt. In militärischer Beziehung wird die Reorganisation Der geschlagenen Nordarmee durch die Besetzung der Hauptstadt jener Distrikte nahezu unmöglich, die weitere Aufbietung geordneter Streitkräfte in diesen Gegen- Den unausführbar gemacht. Strategisch fällt in Rouen der fast wichtigste Punct Des Nordens in die Hand dcr Deutschen, der Knotenpunct zweier Bahnen, die zur See nach le Havre und Dieppe und einer, die nach dem Innern, nach Paris, führen, so daß durch die Besetzung dieses Vorortes der Normandie Die weitere Zufuhr von Hülfsmitteln zur Fortsetzung des Krieges von der See aus von dieser Seite wohl als zur Zeit vereitelt anzusehen sein dürfte; endlich ist auch die Seine-Schifffahrt vorläufig als unterbrochen zu betrachten. Rouen liegt auf dem rechten Ufer der Seine, welcher hier die Aubette und der Robec zufließen, am Fuße von 4500 Fuß hohen Hügeln. Von Paris etwa 19 Mei­len nordwestlich und 12 Meilen östlich le Havre gelegen, ist Rouen Sitz eines ErzbischofcS, dem die Bischöfe zu Bayeux, Evreuz, S6ez und Coutances unter­stellt sind; die Stadt enthält die obersten Civil-, Gerichts- und Militärbehörden, -ine große Zahl von WohlthätigkeitS-Anstalten, höheren Schulen, wissenschaftlichen und Kunstanstalten, unter denen die Bibliothek mit 111,000 Bänden und 2960 Handschriften, die Museen für Kunst und Alterthümer und der botanische Garten nennenswerth sind. Die Stadt war bisher Sitz ter 2. Militär-Division (für die Departements Seine - Ins^rieure, Orne, Calvados, Eure) des ersten Armeecorps (Paris), der 3. Legion der Gendarmerie, 4 solcher Brigaden zu Fuß und deren 2 zu Pferde; außerdem aber ist es in maritimer Beziehung Hauptquartier des SouS-ArrondissementS Havre. Als Handelsstadt war Rouen von je von wesent­licher Bedeutung, was dadurch genügend bewiesen wird, daß fast alle europäischen und viele Staaten selbst anderer Weltthcile durch Consuln daselbst vertreten sind. Rouen ist der Mittelpunct der französischen Baumwollenproduction: 1,800,000 Spindeln arbeiten in der Stadt und Deren nächster Umgebung, und vor der gro­ßen Baumwollenkrisis wurden jährlich 30 Millionen Kilogramms in Umsatz gebracht, die 150200,000 Menschen, größtentheilS vom platten Lande, beschäf­tigten. Der Hafen von Rouen hat den bemerkenSwerthen Vorzug, daß die Flut in demselben höher steigt und länger währt wie in vielen anderen Hafenorten, ein Resultat, das mit der Anlage des Seine-ConalS in direkter Verbindung steht; jährlich verkehren im Hafen zu Rouen etwa 3000 Fahrzeuge mit 600,000 Tonnen Gehalt, von denen durchschnittlich 230,000 Tonnen auf den Handel mit Eng­land kommen. In früherer Zeit wurde Rouen dieStadt der alten Straßen" genannt; heute ist der Charakter derselben schon ein wesentlich veränderter, nichts desto weniger ist es noch reich an alten Bauwerken. Der Ueberblick über die Stadt mit den sie umgebenden Villa's, dem Seineflusse, den Quais, ihren weit ausgedehnten Vorstädten und doch engen Straßen ist selbst heute noch ein immer­hin charakteristischer. Bis zum Jahre 1789 besaß Rouen 37 Kirchen, von Denen zur Zeit noch 14 Dem Cultus geweiht sind: Die nennenswcrtheste derselben ist die Notre-Dame, 1200 zerstört, 1477 wieder vollendet. Von den übrigen Hauptgebäuden der Stadt sind der erzbischöfliche Pallast, das Rathhaus, das Palais De Iustice, sowie mehrere Hospitäler zu erwähnen. Rouen ist reich an