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Gießener
Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Ausnahme Montags.
Expedition: Eanzleib erg Vit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. 132 Samstag den 12. November 1S7O.
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11. November.
Die Nachricht, daß die Verhandlungen mit Thiers definitiv abgebrochen find, liefert von Neuem einen Beweis, daß vor der Einnahme von Paris kein Waffenstillstand gelingen könnie, selbst wenn ihn beide Theile ernsthaft verlangten; gelange er aber, so wäre doch die Wahl einer vollständigen Constituante damit noch nicht gesichert, ja nicht einmal eine allgemeine Abstimmung und Zustimmung der Mehrheit für die gegenwärtige Regierung; gelänge aber auch gegen allen Calcül die Wahl einer Constituante, so wäre damit für den Frieden nichts gewonnen, denn eine solche Versammlung könnte wegen der Elemente ihrer Zusammensetzung nicht zum geringsten Entschluß über die Form ihrer Regierung und nicht zu klarer Einsicht über die Nothwendigkeit und die Bedingungen des Friedens kommen.
Es mag vortrefflich und geboten gewesen sein, als Zeichen der eigenen deutschen Mäßigung und Friedensliebe, sowie gegenüber dem neutralen Europa, daß die Verbündeten dem leisesten Wunsch der Verständigung die Hand reichten, und mit jedem Schatten von französischem Gouvernement zu unterhandeln bereit waren. Solche Unterhandlungen werden uns bei aller Welt nützlich sein, nicht nur bei den Franzosen, welche jetzt regieren; es bleibt uns doch die Nothwendigkeit nicht erspart, Paris zu demülhigen, um dann entweder mit andern als den heute herrschenden Elementen der zerrütteten Nation zu unterhandeln — was für uns mehr Gefahr als Nutzen haben möchte — oder aber gar nicht zu unterhandeln, sondern unsere Bedingungen allein zu formuliren, sie in den Tuilenen auf den Tisch zu schreiben, ein großes Gebiet von Frankreich, wie es als Unterpfand und zur Ernährung unserer Armee ausreichend scheint, zu besetzen und an unsere deutsche Grenze angelehnt, abzuwarten, dis eine geordnete französische Regierung sich einst gebildet und das hilfreiche Europa die Garantien übernommen bat, welche Frankreich jetzt nicht selbst bieten kann.
Die Möglichkeit und Nothwendigkeit des letzteren Falles liegt sehr viel näher, als Manche glauben. Der Kampf zwischen den beiden größten Nationen hat längst einen europäischen Charakter angenommen; ja er hatte einen solchen von Anfang an, als die gedankenlosen Nachbeter der napoleonischen Phrasen roch lange von „Localisiren" des Krieges sprachen, als ob ein Kampf, der in dem äußersten Winkel der Welt als Entscheidungskampf gefühlt wird, noch local heißen könnte. Die Phrase ist freilich Deutschland zu Gute gekommen, welches unbeirrt von Anderen Zeit hatte, die Hauptsache an der Riesenarbeit zu vollbringen. Europa hatte keine Zeit, sich einzumischen; diese Rückhaltung würde sich aber, weil ganz Europa unter dem Kriege leidet, als unmöglich erweisen, wenn der Krieg noch lange fortdauerte.
Nun steht aber außer dem Kampfe mit uns ein Jahre lang unentschiedener Bürgerkrieg in Frankreich in Aussicht, und jeder Tag, welchen sich Paris länger hält, kräftigt in den aufgeregten Gemüthern die Hoffnung, mit uns fertig zu werden; jeder Tag, welchen Paris länger cernirt ist, befördert den Zersetzungs- proceß und stärkt die verschiedenen Elemente zum Bürgerkrieg. Im Norden und Westen treiben drei monarchische Prätendenten, die sich unter einander hassen und ausschließen, ein entsetzliches Spiel; der Süden und Osten freuen sich, daß die Allmacht von Paris gebrochen ist und steuern auf tyrannische Communen los, welche aber doch noch ein gemeinsames Band in den Ideen Der socialen Republik haben.
In einen solchen Bürgerkrieg können wir uns nicht mischen; wir haben alle diese Elemente nur zu bekriegen, wo sie Den Stachel wider uns wenden; wir haben aber auch keines dieser Elemente zu unterstützen, weil sich die Hoffnung, dadurch ein festes Gouvernement und einen geordneten Frieden zu erreichen, als trügerisch erweisen würde, da kein einziges dieser Elemente, — auch nicht durch unsere Unterstützung — jetzt so kräftig wäre oder gemacht werden könnte, um die andern Elemente zu beherrschen. Ein solches sich Nichteinmischen ist Der allgemeine Ruf in Deutschland und Graf Bismarck scheint diese Linie einhalten zu wollen, wenn er auch die Fiction aufrecht erhalten muß, daß der Gefangene von Sedan als Kaiser von Frankreich gefangen sei, wenn er auch Den Ehrgeiz Bazaines und fer.fcr „Armee Der Ordnung" benutzt haben mag, bis Metz ausgehungert war.
Der Stachel aber, welchen alle diese Elemente noch wider uns wenden, würde ausgerissen sein in der Stunde, wo die Einnahme von Paris als vollendete Thatsache wirkt und an dem Tage, wo Die Republikaner zwischen Besannen und Lyon Die blutige Lehre erhalten haben, daß das Wort „Republik" ohne Inhalt kein magisches ist und daß die internationale Liga von unruhigen und unflann Köpfen zerstäuben muß, wo sie mit geordneten Zuständen zusammenstößt. Beides nicht dlos ein Gewinn für Deutschland, sondern für Europa.
Ist Paris gefallen und die Armee von Lyon mitsammt allen italienischen Landsknechten der Revolution mit deutscher Gründlichkeit rücksichtslos belehrt, Dann kann Der faktische FrieDen beginnen, und dauern, bis Der geordnete möglich
ist. Dies wäre freilich kein Frieden, wie ihn Deutschland wünscht; es wäre aber zugleich das Vermeiden eines europäischen ConflictS, welcher unvermeidlich scheint, wenn wir einen Frieden, wie wir ihn wünschen, zu lange abwarten, oder mit unrichtigen Mitteln und Sympathien zu erreichen suchen.
Man fühlt Dies allenthalben in Deutschland und hat deßhalb Die jüngsten Waffenstillstands-Verhandlungen mit einem gewissen Bangen abgewartet; um so lauter tönt jetzt Der Ruf: „Paris muß fallen!" und zwar nicht durch Hunger allein, sondern durch unser Schwert; sonst würden die Pariser niemals glauben, besiegt zu fein.
Das Paris der Nationalgarde hat durch Abbruch der Unterhandlungen sich selbst ausgegebcn und mag nun leiden aus Eitelkeit und Großmannsucht; es gilt jetzt, dem Paris Der Rocheforts unD Flourens, Dem Heerd unD Horst aller Unordnung unD Revolution m Der Welt. Das Paris Der NationalgarDe konnte auf eie Sympathien aller Welt rechnen, auch auf Milde und Schonung Derer, welche Den Geschützen Schweigen oder Donner gebieten; Das Paris der internationalen socialistischen Liga wird schwerlich darauf rechnen können.
Der „K. Z." wird aus Berlin vom 8. geschrieben: Die sistirten Ordres zur NachsenDung von Geschützen u. s. w. sind aufgehoben, die befohlenen Sen- Düngen bereits in der Ausführung begriffen, auch Ersatzmannschaft ist von allen Seiten nach Dem Kriegsschauplatz beordert. In erfreulicher Weise ist zu berichten, daß Hunderte von wieder geheilten VerwunDeten in das Feld zurückkehren und hier in den letzten Tagen durchgckommen sind. Viele waren bereits mit Dem Eifernen Kreuze geschmückt. Alle brennen vor Kampfbegier, Dem Feinde wieder entgegen geführt zu werden. — Ich sprach heute einen Mann, der vom Kriegsschauplätze zurückgekehrt war, um seinen bei Le Bourget verwundeten Schn vom Regiment Der Königin Elisabeth zu holen. Nach übereinstimmenden Berichten, Die er aus Dem MunDe vieler Mitkämpfer empfing, war Diese Schlacht eine Der furchtbarsten unD blutigsten Des Krieges. Das Regiment „Königin Elisabeth" war bereits in's Wanken gekommen, als Der greise General BuDritzki Die Fahne ergriff unD mit einem „Vorwärts, KinDer !" eine Barrikade erstürmte, nach Deren Einnahme auch das Dorf Le Bourget sich nicht halten konnte. Vielfach soll sich in dieser Schlacht Die Tapferkeit geraDe Des einzelnen Mannes bewunDernswerth gezeigt haben.
Wie Der Correspondcnt Der Times in Tours mittbeilt, hat E. Arago Den verschieDenen Maires von Paris Die Weisung gegeben, Das Eigenthum Der aus Paris vertriebenen Deutschen als steuerpflichtig anzusehen. Wenn Diese Steuer nicht gezahlt werDe, soll Daß Mobiliar mit Beschlag belegt werden. Man kann, so fügt der erwähnte Berichterstatter hinzu, Die Billigkeit dieser Maßregel füglich in Frage stellen, zumal wenn man bedenkt, Daß es Die Behörden von Paris selber waren, welche Die Deutschen austrieben, unD daß viele von Den letzteren Durch Diese Ausweisung große Verluste erlitten, Die sie gern vermieden haben würden.
Von einem ihrer Corresondenten im Gefolge Gariba 1 di'S bringen „Daily News Briefe bis zum 1. Nov., welche zunächst über Die Scharmützel bei Be- sanyon und Auxonne berichten. Bei Auronne ließen 7000 Mobilgarden unter dem Befehl des berühmten Lavalle ihre Waffen im Stich und liefen fort, so daß die Preußen, ohne einen Schuß gethan zu haben, in Dijon einzogen. Cambriels soll sich einen Extrazug bestellt haben unD per Eisenbahn entflohen sein. Von Dem vielgerühmten Enthusiasmus Der Bevölkerung ist in Den Departements Cüte d'Or unD Jura Nichts zu merken. Man glaubt nicht an Den Sieg, fürchtet die Rache Der Preußen unD hält es für unnütz unD hart, daß, trotz dieser Aussichten, ihnen so schwere Bürden zur Bekämpfung des Feindes auferlegt werden. TrabuSco, Der Helfershelfer Grcco's, die sich Beide als Retter ihres Vaterlandes auSgaben, während sie in dem vorgeblichen Complott zur Ermordung des Kaisers bezahlte Spione im Dienste der französischen Polizei waren, kamen Beide hierher, spielten sich g oß und jener erwartete nichts weniger als einen Generalsposten. Man wollte ihn aber nicht einmal als Corporal haben, sondern ordnete seine Verhaftung an. Der Ehrenmann scheint indessen von diesem wohlwollenden Vorhaben rechtzeitig Wind bekommen zu haben; man sand ibn wenigstens „nicht zu Hause." Wie es um die Ausrüstung der Garibaldianer bestellt ist, zeigt folgende Episode, die Der genannte CorresponDent erzählt. Am 31. Oktober saß er mit den Offizieren des Stabes zu Tisch, als im Gespräch erwähnt wurde, baß das erste, von Major Azzi befehligte Bataillon sich geweigert hatte, die für dasselbe ausgege» denen Flinten mit Feuersteinschlössern zu nehmen. Kurz darauf trat der Major selbst in's Zimmer und wandte sich an Den Oberst mit Den Worten: „Die Leute weigern sich nicht, zu kämpfen, sie sind bereit, unbewaffnet auf Vorposten zu ziehen, aber sie verweigern Die Annahme dieser catenacci, da sie sehen, daß die Mobilen, die vor den Preußen fliehen, sämmtlich mit ChassepotS bewaffnet find." Der


