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Gießener Anzeiger
Erscheint täglich, mit Ausnahme Montags.
Grpedition: Canzletberg Lit. B. Nr. 1.
'Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. 177,
Sonntag den 11. December
187&.
10. December.
In allen Kreisen wird die Frage besprochen, wer eintretenden Falls im Namen Frankreichs den Frieden mit Deutschlands Regierungen abzuschließen habe. Wenn zwei deutsche Zeitungen, deren Mittheilungen man einiges Gewicht beizu- legen Ursache hat, die Behauptung aufstellen, der Kaiser Napoleon sei immer noch der einzige Regent in Frankreich, mit welchem ein gültiger Friedensvertrag abgeschlossen werden könne, so mutz man dem mit allem Ernst entgegen treten. Als Napoleon in den Krieg zog, setzte er die Kaiserin Eugenie zwar zur Regentin ein, beschränkte ihre Regierungsgewalt aber doch so, daß er immer noch in wich- tiöen Dingen die entscheidende Stimme behielt. Die Regcntfu,^ war remrvwrgv berechtigt, die wichtigste Handlung in jetziger Zeit, den Friedensschluß, vorzunehmen. Nach der Schlacht bei Sedan hat Napoleon des ihm zustehenden Rechts, über Krieg und Frieden zu beschließen, ausdrücklich wie auch durch die Art seiner Ca- pitulation sich begeben. Denn er hat den Grafen Bismarck geradezu an die Regentschaft gewiesen und seinem Lande den Rucken gekehrt, indem er sich, ohne vorher Frieden zu schließen, in Kriegsgefangenschaft begab. Damit hat er auf. gehört, thatsächlich und rechtlich Regent des Landes zu sein. Die Kaiserin ist mit Palikao und den Ministern vor einer Emeute außer Landes gegangen und hat somit ebenfalls ihre Rechte aufgegeben. Es besteht hiernach rechtlich gar keine Regierung in Frankreich- Die provisorische Regierung des Herrn Jules Favre und Conf. macht selbst keinen Anspruch auf die dem Regenten eines Landes zu- stehende Gewalt, Krieg und Frieden zu beschließen, und sie hat auch hierzu kein Mandat. Zn Frankreich, soweit es nicht als verlornes Land zu betrachten, soweit es also nicht von deutschen Heeren besetzt ist, kann man nur die Gefammtheit des Volkes als den rechten Souverän ansehen, im französischen Volk ruht also die Macht, das Staatsrecht zu wahren. Deßhalb ist c- auch nur correct, daß die Vertreter des Volkes zusammen berufen werden, damit sie den Willen der Nation aussprechcn und die Regierungsgewalt in diejenigen Hände nieterlegen, die ihnen geeignet scheinen, die Zügel zu halten. Zur Berufung der Volks- Vertretung ist die provisorische Regierung, wie jeder andere Franzose, berechtigt, und wenn das Volk seine Vertreter sendet, so ist das Verhalten Vieser provi,o- rischen Regierung legalisirt. Will die constituirende Versammlung den Napoleon wieder einsetzen, ist er ihr gut genug, nun dann mag es geschehen, niemals aber darf diese Einsetzung eine gewaltsame durch deutsche Macht werden. DaS hieße der deutschen Nation Hohn sprechen, die recht gut ihre Feinde kennt und unter diesen vor allen den ränkevollen tückischen Mann weiß, dem man mit allzu großer Liberalität einen Wohnsitz eingeräumt hat, wie ihn kein abgedankter Fürst schöner sich wünschen kann. Die Pflicht unserer Regierungen dürfte es sein, diesen Feind der deutschen Nation, Viesen Unterdrücker und Ververber Frankreichs, diesen Herrn der TurcoS, Spahis, Mitrailleufen, Viesen Brecher ver Genfer Convention unv des Völkerrechts, der und Vie Rheinprovinzen nehmen unv uns in Berlin de- müthigen wollte, mit aller ihnen gewährten Macht von Frankreichs Regierung so lang als möglich auszuschließen. DaS Einzige, was uns von Seiten Frankrnchs einen dauernden Frieden verbürgen kann, ist neben unserer eigenen Kraft und Ein- beit getrogen von der freien Selbstbestimmung ver Nation, ein freier Staat jenseits der Vogesen, das Gefährlichste ist für uns stets ein despotischer Wille, der die Macht hat, die französischen Legionen auf uns zu Hetzen.
Der „K. Z." wird aus Berlin, 7. Dec., geschrieben: In Versailles sind die zustimmenden Antworten der sämmtlichen veutschen Fürsten unv der freien Städte auf den Antrag des Königs von Bayern, vem Könige Wilhelm Vie Kaiser, kröne anzutragen, eingegangcn, unv es wird morgen dem Reichstage darüber eine Mittheilung zugehes, die vermuthlich zuvor in irgend welcher Form an den Bun- desrath gelangen wird, obschon eine Sitzung bis zum Abend nicht anberaumt toar. Die PontuSfrage, von welcher auch im Bundesrathe bisher weiter nicht die Rede war, scheint nun nicht mehr an den Reichstag gelangen zu sollen; man wird sich wohl mit der Vorlage der betreffenven Actenstücke begnügen. Inzwischen schwankte die Frage über die alsbaldige Einberufung des Landtages noch hin und her' vorübergehend hatte die Regierung daran gedacht, Vie Berufung für den 12. d. M. auch in dem Falle festhalten zu wollen, daß der Reichstag bis zum letzten Tage dieser Woche sein Pensum nicht würde beenden können. In diesem Falle sollten am nächsten Montag und Dienstag Landtag und Reichstag neben einander arbeiten, und es gab Stimmen genug, welche behaupteten, man konnte den Landtag noch im December los werden, wenn man vom 12. bis 20. täglich etwa mit Hinzunahme der Abende Sitzung hielte. Wie ich mit Bestimmtheit erfahre, hat das Staatsministerium heute in mehrstündiger Sitzung beschlossen, den Landtag zum 14. d. M. zu berufen.
Im Norv-Departement von Frankreich ist jetzt die Censur der fremden Blatter, so wie sie unter dem Kaiserreich bestand, wieder eingesührt worden. Alle ausländischen Blätter werden genau durchgesehen und erst 24 Stunden nach ihrer Ankunft aus- gegeben. Der brüsseler Gaulois und das in dieser Stadt erscheinende Drapeau sind gänzlich unterdrückt worden. Gegen ersteres Blatt wurde die Maßregel ergriffen, weil es sich herausnimmt, Gambetta anzugreifen, welches jetzt das Haupt- verbrechen ist, das man in Frankreich begehen kann. Im Nord - Departement herrscht übrigens 'eine große Begeisterung für die Fortsetzung des Krieges. Viele junge Leute haben sich durch die Flucht nach Belgien dem Militärdienste entzogen. Sie sagen, sie wollten sich nicht umsonst todtschießen lassen. Unter den Moblots des Nord-Departements, die nur dienen, weil sie vazu gezwungen werden, herrscht auch keine sehr große Begeisterung. Ein ganze- Bataillon machte bei Amiens,
mit seinem Commandanten an der Spitze, Kehrt um und lüf davon. Der Kommandant wurde verhaftet und soll erschossen werten. Daß General Faitherbe, der neue Ober - Commandant der französischen Nord-Armee, mit aller Strenge vorgehen will, beweist folgende amtliche Mittheilung, die am 5. in Lille erschien:
„Die Militärbehörde hat vor Allem im Auge, in der Nord-Armee eine scharfe Disciplin aufrecht zu erhalten, und in ihrer ganzen Strenge die Vorschriften gegen die Subordination zu beobachten. Schon unter dem Commanvo de- Generals Bourbaki wurden von den Kriegsgerichten Todesurthkile ausgesprochen und sofort vollstes Tf "if en scheinen aber nicht die genügende Oeffentlich- retr erhalten zu haben. Der Befehl, Vie Kriegsgerichte zu constituiren, um auf die schnellste Weise vorzugehen, wurde in Amiens gegeben. Er ist erneuert worden. Da dem Wortlaut des-Gesetzes gemäß die Kriegsgerichte nur in den Marsch-Colonnen functioniren können, so wird man sie, so oft sich Zeichen der Insubordination kunvgeben, in Marsch setzen, um Vie legale Existenz dieser raschen Justiz darzuthun."
Die Proclamation, welche General Ducrot beim Beginn der Ausfälle der Pariser Garnison erließ, lautet wörtlich wie folgt: „Der Augenblick ist gekommen, um Ven eisernen Ring zu durchbrechen, welcher uns seit zu langer Zeit umschließt und der uns in einem langen und schmerzhaften Todeskampf zu ersticken sucht. Euch ist Vte Ehre geworden, dieses große Unternehmen zu versuchen. Ihr werdet Euch dessen würdig zeigen. Ich habe die Gewißheit. Ohne Zweifel werden unsere Anfänge schwierig sein: wir werden ernstliche Hindernisse zu überwinden haben; man muß sie mit Ruhe und Entschlossenheit ins Auge fassen, ohne Ueber- treibung und ohne Schwäche. Die Wahrheit! Hier ist sie: Bei unseren ersten Schritten auf die Vorposten stoßend, werden wir.unerbittliche Feinde finden, welche durch zahlreiche Siege kühn unv vertrauensvoll geworden sind. Eine kräftige Anstrengung muß also dort gemacht werden, aber sie ist nicht über Eure Kräfte; um Eure Action vorzubereiten, hat die Vorsicht desjenigen, welcher den Oberbefehl über Euch führt, über 400 Kanonen angehäuft, von denen zwei Drittel zum wenigsten starken Kalibers sind; fein materielles Hinderniß wirb ihnen widerstehen können, unv um Euch in die Orffnung zu stürzen, werdet Ihr mehr als 150,000 fein, alle wohl bewaffnet, gut equipirt, reichlich mit Munition versehen, und ich hoffe es, beseelt von einem unwiderstehlichen Eifer. Sieger in dieser ersten Periode des Kampfes, ist Euer Erfolg gesichert, denn der Feind hat an die Ufer der Loire seine besten Truppen gesandt; die heroischen und glücklichen Anstrengungen unserer Brüder halten sie dort zurück. Muth also und Vertrauen. Bedenkt, daß in diesem letzten Kampf wir für unsere Ehre, unsere Freiheit, für da- Heil unsere- theuren und unglücklichen Vaterlandes kämpfen, und wenn diese Beweggründe nicht au-reichen, um Eure Herzen zu entflammen, so denkt an Eure verwüsteten Felder, an Eure ruinirten Familien, an Eure trostlosen Schwestern, Frauen und Mütter. Möge dieser Gedanke Euch den Durst nach Rache, die geheime Wuth mittheilen, welche mich beseelen und mir die Verachtung der Gefahr einflößen. Was mich anb^langt, so bin ich entschlossen, und ich schwöre es vor Euch und ver ganzen Nation, entweder todt oder als Sieger nach Paris zurückzukehren; Ihr könnt sehen, daß ich falle, aber nicht, baß ich zurückweiche; aber wenn ich falle, so haltet Euch nicht auf, aber rächt mich. Vorwärts also! Vorwärts! Und möge uns Gott beschützen! Der Obergeneral der zweiten Armee von Paris, A. Ducot. Paris, 28. November."
Der Wortlaut ver Proclamation, welche Trochu an diesem Tage erließ, lautet: „Bürger von Paris, Solvaten der Nationalgarde und der Armee! Die Politik des Einfalles und der Eroberung will ihr Werk vollbringen. Sie führt in Europa das Recht der Gewalt ein und will es in Frankreich begründen. Europa mag diese Beschimpfung stillschweigend erdulden, aber Frankreich will kämpfen, und unsere Brüver rufen uns nach Außen für den letzten Kamps! Nach so vielem vergossenem Blut wird vaS Blut von Neuem vergossen werden. Möge die Verantwortlichkeit auf die zurückfallen, deren verabscheuungswürdiger Ehrgeiz die Gesetze ver modernen Civilisation und der Gerechtigkeit mit Füßen tritt. Laßt uns unser Vertrauen in Gott setzen, laßt uns für das Vaterland vorwärts mar- fchiren! Der Gouverneur von Paris, Trochu.
Zu dem Besuche der Kaiserin Eugenie in Windsor ist noch nachzutragen, daß deiselbe in der strengsten Förmlichkeit vor sich ging. Mittels Extrazugebegaben sich die Besucher — denn der kaiserliche Prinz war auch mit von der sportie — von Chiselhurst nach Windsor, wo sie an der Station von Lord Charles Fitzroy und der Hon. Miss Phipps als dienstthuendem Kammerherrn unv Hofdame im Auftrage der Königin erwartet wurden. Es hatte sich trotz ver sehr unfreundlichen, feuchtkalten Witterung ein zahlreiches Publicum einge- funden, und als die Kaiserin mit ihrem Sohne vem Wagen entstiegen, wurde sie mit lauten Zurufen begrüßt. Das Gefolge bestand aus den Herzoginnen von Gallisteo und Montoro, der Gräfin Clary, der Baronin Breton-Bourbaki und Frl. Larminade, so wie dem Grafen Clary und dem Baron Duperrö. Was in letzter Zeit vielfach über das gute Aussehen der Kaiserin von Besuchern in Chi- selhurst berichtet wurde, erhielt allgemein die Bestätigung der Zuschauer, welche die ganze Gesellschaft in die bereitstehenden königlichen Hoswagen einsteigen sahen und Gelegenheit hatten, die in Schwarz gekleivete Kaiserin in nächster Nähe zu beobachten. Im Schlosse angekommen, wurden Vie hohen Gäste von der Königin und den anwesenden Mitgliedern der königlichen Familie — Prinzessin Christian war auch zu diesem Zwecke herüber gekommen — begrüßt und bewillkommt. Es wurde ein kleines Gabelfrühstück eingenommen, und nachvem man sich etwa- Über eine Stunde im Ganzen aufgehalten, fuhr die Kaiserin mit ihrem Sohne und Gefolge wieder nach Chiselhurst zurück. Bis zur Station in Windsor gab ihnen


