Ausgabe 
11.1.1870
 
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Feuilleton

em

Die Geheimnisse einer jungen Mamsell.

Die Ga ft Hof-Bewohner.

^b^Setzen wi/einS von Viesen Gerüchten hierher, so enthielt eS die Beschul- Weblind seiber war, oer , digung, daß er cor vielen Jahren einen gutherzigen aber leichtsinnigen lungeren Ranck.iminer seines Papas Bruder, der sich mehrere tolle Streiche halte zu schulden kommen lassen, bet

auf seinem eigenen seinem Vater so verläumdet und angeschwarzt, daß dieser dem leichtsinnigen

Sladttheater gegeben Jüngling sein Erbtheil entzogen und dem älteren Bruder das ganze Vermögen

wenigstens Vie Hohe von hunderttausend Psnnv erreichen,"T"

auch von der ganzen Dienerschaft des Hotels nurunser englischer Millw-

Mit dem Reichthum war aber auch Cer Geiz dieses jetzt glücklichen W tt- wers gestiegen. Es lebte nur das Eine Gefühl in feiner Brust, um leben Preis seine Schätze noch zu mehren und zu einer enormen pvhe zu Haufen. Da« beste Mittel hierzu schien ihm ein einirägliche« Wuchergeschäft zu jein. Zwar wollte er, um sich nicht die Verachtung seiner vornehmen Verwandten zuzuzie. hen, e« nicht, unter seiner Firma treiben.

v (Forts, folgt.)

Der ^jüngere Bruder hatte sich nach dem Zerwürfnisse mit Cent Vater von Hamburg entfernt unC nach Amerika eingeschifft. Dort war er, wie Herr Wiesel, Cer Aeltere, behauptete, verschollen; denn man hatte nie wieder von ihm gehört. Wahrscheinlich hatte er dort in Armuth und Elend, sich vor Gram verzehrend, ein frühes Grab gefunden. An den Vater geschrieben hatte er nie, ober seine Briese waren von dem verläumderischen Bruder unterfchlagen^und dem kränklichen Greise nicht übergeben worden. Einige Jahre nach dem.^ode des allen Herrn hatte Herr Wiesel eine häßliche, aber reiche, alte Jungfer g°- heirathet. Diese Ehe, die kinderlos blieb, hatte aber nicht lange gewahrt. -Wer Tod war so gefällig gewesen, den Ehemann, der mit seiner Frau m besiand,. gern Unfrieden lebte, von seiner widerwärtigen Hälfte zu befreien. Glücklich r weise hatte Herr Wiesel seine Frau in den Flitterwochen zu bereden gewußt, ihm den größten Theil ihres Vermögens zu vermachen, und so wurde er nocy

Die Gattin dieses Herrn, Mistreß Windforth, zeigte eine lange, dürre Leibesbeschaffenheit. Wenn es ihr einmal beliebte, mit ihrem Herrn Gemahl aus der Promenade spazieren zu gehen und sie einen raschen Gang annahm, mußte derselbe seine kurzen Beine ungewöhnlich anflrengen, um nicht eine Strecke hinter ihr zurückzubleiben. Ihr Anilitz trug den englischen Frautn-Typus Cer bekanntlich in bleichen schmalen Backen, stark gebogener Nase unb langen blon. den Hängelocken besteht. Junge englische Damen sehen ost mit dieser Gesichts- form sehr interessant au«, alte dagegen erhalten durch sie etwas Geierartiges, das in seinen Spuren Cie frühere Schönheit nicht mehr errathen laßt.

Die Ehe Cieses würdigen Paares war mit zwei Töchtern und einem

iu verabsäumen, eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen, ben obengenannten Verlust schien also Cem Erlöschen nahe zu sein und anderen heiteren Gefühlen Platz machen zu wollen. h,m

Die Gräfin LabinSky mußte sich sehr früh verheiraihet haben, denn dem Anscheine nach zählte sie nur wenige Jahre über zwanzig.

Man hätte diese junge Dame mit ben dunkeln feurigen Augen unb bett schwarzen glänzenben Locken schön nennen können, hatte ihre Gesichtsform nicht einen stark orientalischen Schnitt gehabt, so daß sie eher für eine hübsche Ju­din, als für eine ächte Polin gehalten werden konnte.

Eine Treppe höher nach hinten hinaus wohnte ein reicher Partikulier, der im Hause nur als der Abendgast bekannt war.

Diese Benennung kam daher, weil er am Tage auf seinem Zimmer blieb und dasselbe fest verschlossen hielt. Er war des Abends mit seinem Bedienten dort einaeroaen unv hatte seine, werthe Person niemals bet Sonnenlicht weder Dem Wirth noch den Kellnern präsentirt. WaS am Tage verhandelt werden mußte mit diesen Leuten, besorgte der Bediente des Partikuliers. Derselbe, ein aeborner Franzose, der das Deutsche nur kauderwälschte, nannte sich, wie die Mehrzahl der französischen Kammerdiener, Jean, war ein gewandter, gescherdter Mensch, der nicht blos seinen Herrn anzukleiden verstand, sondern auch das Ge­schäft des Barbierens und Frisirens bei ihm besorgte.

Herr Hantelmann, das war der Name dieses reichen Herrn, der, ein gevorner Hamburger, eine Reihe von Jahren in Paris gelebt und erst seit Kurzem nach seiner Vaterstadt zurückgekehrt war, pflegte, wie der KammerDiener erzählt^ erst Mor­gens um 10 Uhr das Bett zu verlassen und zu frühstücken. DaS MlttagSessen, das ihm nach oben gebracht wurde, nahm Jean vor der Thure m Empfang und trug es hinein, indem er die Thüre gleich hinter sich abfchloß, damit n cht l t-ie lauernden Blicke der neugierigen Kellner in's Zimmer hinemdringen konnten. I Qn Derselben Weise erhielt Herr Hantelmann auch seinen Mittagskaffee.

Wurde der Bediente zuweilen über diese sonderbare Lebensweise fernes Herrn befragt, so pflegte er in seinem schlechten Deutsch zu antworten:

9 Monsieur sein eine Sonderlink, mais er sei em bon maitre et cest pourquoi ick srakcn jamais, was ist die Uhrensack von ferne ^bbenSwelShert

Sobald die Nacht hereingebrochen und dre Lampen im Hotel angezundet waren, öffnete sich die Thür des Entree-Zimmers des Partikuliers.

Jean schloß zu und folgte dann seinem Herrn die Treppe hinunter biS zum Speisesaal unten. Dort blieb er vor der Thur stehen, wahrend ftw Herr hineinging, ein Glas Wein trank und die auf dem fische lregenven Zeitungv- und ^S-sblatter rchfl 9^n auf ihn richteten, sahen einen Mann m de dreißiger Jahren stehend, mit dunkelgelocktur Haaren, blühender Gesichtsfarbe, prächtigen Zähnen, in denen er oft zu stochern pflegte und wohlgebautem schlau- fern Körper, der in den modernsten, safhionablesten Kleidern steckte.

Dieser hübsche Sonderling verweilte wohl eine halbe Stunde im Speise

hio AnhP von hunderttausend Plund erreichen; darum wurde | lich in ten Stunden der Nacht trieb, war Niemandem im Hause, als

dem Kammerdiener, bekannt, der aber als gut bezahlter Diener die Lerschwre-

Daö älteste der Mädchen, das schon das zwanzigste Jahr überschritten, hieß Ellinor und war das vollkommene jugendliche Abbild der ziemlich häß­lichen Mutter, ebenso lang, ebenso mager und mit denselben Hängelocken versehen.

Die jüngere, Ethel, kaum neunzehn alt, hatte von dem Papa die kurze dicke Figur unb die grobe GestchtSform geerbt, von der Mutter das blonde Haar unb die waschblauen matten Augen. .

Von dem hoffnungsvollen männlichen Sprößlinge, der vierundzwanzig Jahre räblte, genügt in Kürze zu sagen, daß derselbe die Leibeslänge der Mutter und den dickrn Kopf des Vaters besaß, und der verzogene Liebling Beider war der seine Tageszeit damit ausfüllte, baß er sich in dem f bequem machte und die feinste Havanna dampfte, häustg aus seinem eigenen Vollblutpferde spazieren ritt und so oft ein Ballet im Siodtchpnter geaeben wurde, um die eilste Stunde mit zerklatschten Glacehandschuhen nach Hause kam.

Wir müssen jetzt von dieser honorablen Familie unsere Blicke abwcnden

Scheute man die Mühe nicht, zum dritten Stockwerk ^^ust«gen, f° konnte man, insofern er es erlaubte, die Bekanntschaft eines ältlichen Wittwers, NamenS^W ^hr einfach trug, wohnte schon mehrere Jahre in

diesem Hotel, und war, wiewohl er pünktlich zahlte, einer der unbeliebtesten

Die Ursache, ^daß er sich hauptsächlich das Mißfallen der dienstbaren Gei­ster dort zugezogen, war, daß er für jeden Dienst, der ihm geleistet wurde, ga feind, oder nur ein kärgliches Trinkgeld gab. Seme ganze Erscheinung, da magere, faltige Gesicht, die unruhig umherirrenden Augen, ^..gekrümmte G - statt, die langen, dürren Arme und die häßlichen, knochigen Hande, gaben em Bild ab, wie man die Geizigen auf der Buhne im Aeußern ^"stellen pflegt.

Ueber sein früheres Leben und seine Geschäfte waren Gerüchte im Umlauf, die ihm nicht zur Ehre dienten, aber Niemand wagte, sie^laut^.auszutprechen, weil Herr Wiesel großen Reichthum und einen harten, rachsüchtigen Eharakter besaß, und überdies mit den angesehensten Personen in der Stadt in naher

und uns weiter im Hause umsehen.

Auf demselben Korridor, doch ziemlich wert von^dem Zimmer des Cnfllan- ders entfernt, hatte sich eine junge polnische Gräfin emgemtetbet. ^^.sie selbst erzählte, war ihr Gatte cer Graf LabinSky, in den polnischen Revolution kne- gen im Kampfe gegen die Unterdrücker ihres armen Vaterlandes gefallen. Nachdem die demselben zugehörigen Güter von der russischen Regierung confis- cirt worden, war die trauernde Gattin aus Polen entflohen und batte ihren Aufenthalt in Hamburg genommen. Auffallend war es, daß sie das Deutsche vollkommen rein sprach, ohne irgend einen Ankiang fremdartigen Dlalekts. wußte aber triftige Gründe dafür anzugeben. Ihre verstorbene Mutter wa tine geborene Deutsche gewesen, und ihr unglücklicher Gemahl hatte Person'' kicher Vorliebe für Deutschland unsere Sprache mit seiner Gattin fast uever als seine eigene gesprochen. Daß diese Dame den Aufenthalt in einem theuren Hotel bestreiten, unv in mancher Hinsicht ein luxuriöses Leben fuhren konnte, dankte sie einer alten reichen in Warschau lebenden Verwandten, von der sie alljährlich mit großen Summen unterstützt wurve und deren vnbm |ie einst *etil Obwohl diese polnische ,Gräfin aus Trauer über den Verlust ihres Gatten und der Trennung von ihrer geliebten Heimath beständig in schwarzen Kleidern ztn der lable d'höte und auf der Promenade erschien, so hinderte sie das vocy

Einige Jahre zuvor, ehe- die gewaltige Feuersbrunst des Jahres 1842 den schönsten Stadttheil Hamburgs in Asche legte, befand sich unfern des reizenden Alsterbassins, das schon damals die Zierde und der Stolz der großen Handels­stadt genannt wurde, ein Gasthof von beträchtlicher Hohe und Breite, mit einer aroßen Anzahl von Zimmern und dem vamals gekannten Eomfort versehen. 9 K Df, es dem Erzähler frei steht, nach Belieben den Namen dieses Hotels zu nennen, so wollen wir esZum goldenen Stern" taufen, obgleich es m

HÜM wurde im Sommer und Herbst, wo die Fremden vorzugs­weise nach Hamburg zu kommen pflegen, sehr stark frequentirt.

Winter aber wurde es gewöhnlich von Privatpersonen, die fern Ver­gnügen daran finden, eine eigene Häuslichkeit zu besitzen, oder von Fremden bewohnt, die hier für längere Zeit ihren Aufenthaltsort gewählt hatten. ,

Wir müssen den Leser höflichst bitten, tm Geiste mit unS die vier hohen Treppen hinaufzusteigen und sich mit uns in den verschiedenen Raumen umzu- sehen, um die Bekanntschaft derjenigen Personen zu machen, die tn unserer U> -ählung zum Theil die Hauptfiguren bilden werden.

Gleich im ersten Stocke, nach der Alster hinaus, Haus te tm Monat October eine englische Familie, Namens Windforth.

Sie war einen Monat vorher in Hamburg eingetroffen und hatte die be- sttn Zimmer ves HÜtels für sechs Monate in- Beschlag genommen. Ob ein besonderer Zweck sie nach der Elb-ssadt geführt, oder ob sie den Aufenthalt nur aum Vergnügen gewählt, muß vor der Hand noch ein Geheimniß bleiben.

8 Master Windforth war in seiner äußeren Erscheinung em Engländer von Wirbel bis zur Sohle, aber durchaus nicht gentleman-hke.

Seine Gestalt, die in der Höhe nicht viel über vier Fuß maß, war plump und vierschrötig. Auf kurzem^ dickem Halse trug er einen Kops, der für einen Mann von sieben Fuß Länge noch zu kolossal gewesen wäre.

Seine Gesichtsbildung erinnerte lebhaft an die einer achten Bulldogge und die Worte, die er langsam und gemessen, wenn er Den Kellnern Befehle erteilte, feinem breiten Munde entströmen ließ, tönten rauh unv widerwärtig und wur­den ost von den spottsüchtigen Burschen mit dem Grunzen des Thieres ver- alichen, das Moses dem Volke Gottes zu verspeisen verboten hat.

Kurz, man hätte Den Master Windforth entweder für einen Dumm- köpf oder Narren halten können, wäre sein rothes, plumpes Gesicht nicht von einem Paar kleiner grauer Augen belebt gewesen, Die so listig funfelten unD blinken, und so viel Schlauheit verriethen, daß sie mit seinen Zugen rn Wider- fvruch traten. Diese Augen sagten dem Menschenkenner, daß dem Manne mit Dem anscheinend stupiden Gesichte ebenso wenig zu trauen sei, als demjenigen, dem die Natur die Physiognomie eines Fuchses verliehen habe.

Nach Der Lebensweise, die der Engländer führte, wie nach seiner Kleidung

nicht, Dem Sohne des dicken Engländers, mit dem sie täglich an Der WirthS- tafel zusammentraf, ganz eigentümliche Blicke zuzuwersen und keine Gelegenheit verabsäumen, eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Der Schmerz um