Ausgabe 
10.5.1870
 
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6. Mai.

Wie man in gewissen Kreisen Berlins dem Zoll­parlament gegenüber Position nimmt, geht aus fol- genden Zeilen derKrcuzzeitung" hervor:Wenn die nun zum dritten Male vorgeschlagenen Reformen abermals scheitern sollten, weil das Zollparlament sich sträubt, die durch diese Reformen entstehenden Ausfälle decken zu helfen, oder weil die Deckungs- mittel so beschneidet, daß sie kein genügendes Aegui- valent für dieselben sind, so wird die Lage der Re­gierungen kaum eine ungünstigere, als sie jetzt ist. Handel und Verkehr aber werden geschädigt werden und Hoffnungen, welche man an die Errichtung des Zollvarlaments geknüpft hat, sowohl in politischer als in wirtschaftlicher Beziehung man wird sie zwar nicht aufgeben, aber doch vertagen und die Wähler werden sich überlegen müssen, ob ihre Vertreter aus den Institutionen den Nutzen gezogen haben, den sie daraus zu ziehen die Pflicht hatten."

DiePetersburger deutsche Zeitung", erörtert die Stellung des Reiches zu den Baltischen Provinzen, sie erklärt, das Recht derselben sei nicht völkerrecht­licher Natur, sondern beruhe auf Gesetzen, welche widerrufbar seien. Der Nystädter Frieden Hobe, ähnlich wie der Prager Frieden, nur den PaciScenten, keineswegs aber den Provinzen ein Recht zu Recla- mationen eingcräumt. Das baltische Recht beruhe einzig und allein auf dem Provinzialkoder als einem Theile der Reichsgesetze.

Zur Erläuterung des bereits kurz gemeldeten Kir- giseN'Aufstandes berichtet der russischeInvalide", daß der Commandant des Postens Manquisschlak, Oberst Roukine, am 24. März mit 38 Kosaken in der Umgebung des Forts Alexander von einer Bande der Kirgisen-Agai überfallen und zu Gefangenen ge­macht wurden. Die Bande blvkirte hierauf bas nur von zwei Sotnien Kosaken zu Fuß vcrtheidigte Fort Alexander, welches durch fünf Tage tapferen Wider­stand leistete, bis von PetroSk Verstärkungen eintrafen und die Kirgisen, die ihre Gefangenen mit sich schleppten, ohne große Mühe wieder vertrieben. Zu Deren weiteren Verfolgung wurden zwei Compagnien des 21. Scharfschützen - Bataillons ausgcsendet.

Aus London wird derJnd. beige" geschrieben, daß der griechische Zwischenfall nicht den Ernst an- nehmen werde, wie man anfänglich besorgte; von einer Occupation Griechenlands sei nicht im Entfern' testen die Rede. Die britische Regierung werde sich darauf beschränken, von der griechischen Regierung Den Beweis zu erhalten, daß alle Briganten, welche an der Ermordung der drei Engländer Theil nahmen, gefangen und nach der Strenge der Gesetze bestraft werden. Die britische Regierung werde Kriegsschiffe zur Bewachung der Küste beistellen, um jede Ent­weichung der Mörder zu hindern. Hierauf und auf nicht mehr, werde sich die ganze Action des britischen Cabinets in diesem außerordentlichen Falle beschränken.

Die Aufständischen am Red River werden ihre Ansprüche um so weniger von Canada anerkannt sehen, als sie nicht nur ungewährbare politische Forderungen aufstellen, sondern auch noch die Abtretung eines großen Gebietes vom Assiniboin-Flusse bis zur Grenze der Vereinigten Staaten zu besonderen Niederlassungs­stätten für die französischen Ansiedler verlangen. Ferner wollen sie nicht zugeben, daß britische oder canadische Truppen nach dem Red River gesandt werden; son­dern schlagen die Bildung einer inländischen Miliz von 1000 Mann zur Aufrechthaltung der Ordnung vor, welche Mannschaft jedoch von der kanadischen Regierung ausgerüstet und bezahlt werden soll. Die Abgesandten Riel's in Ottawa dürfen sich nicht ein» bilden, baß diese Forderungen zugestanden werden. Vielmehr wird in Canada die Expedition nach dem aufrührerischen Gebiete, 600 Mann regulärer Trup­pen, 1400 Freiwillige 300 Mann Polizeisoldaten, schon ausgerüstet. Der Oberbefehl ist dem Obersten Wolseley zugedacht, welcher bisher General-Quar­tiermeister für Canada war, ein noch junger und thatkräftiger Offizier, welcher den Krimkrieg mitge­macht hat. Da es aus nahe liegenden Gründen unstatthaft war, die Truppen durch das Gebiet der Vereinigten Staaten zu befördern, so werden dieselben von Ottawa nach Collingwoob mit der Eisenbahn geschafft, dort auf Dampfern eingeschifft und nach Thunder Bay an der nordwestlichen Küste des Oberen See's befördert. Da der Huronensee mit dem Oberen See durch den kleinen amerikanischen Canal bei Sault de St. Marie verbunden ist, so müssen Die Truppen in der Nähe dieses Kanals an's Land gehen und an Der kanadischen Seite um denselben herum mar- schiren, was übrigens nur etwa 2030 Meilen erfordert, dann sich wieder einschiffen und bei Fort William, einem alten Posten Der Hudsonsbai-Gcsell»

schäft, landen. Von dort bis Fort Carry ist noch eine Strecke von 450 Meilen, Die zum Theile strom­aufwärts in leichten Booten, deren etwa 100 mit­genommen werben, zurückzulegen sinb. ?

DieZeidl. Corr." schreibt:Wie wir hören, soll allerdings eine Anzahl von Mitgliedern des Reichs» tages, welche bei der zweiten Lesung des Strafgesetz­buches gegen die Todesstrafe gestimmt haben, bereit sein, bei der dritten Lesung ihr Votum für die Bei- behaltung abzugeben, falls die verbündeten Regie- rungen die Gegenconcession machten, Die Todesstrafe auf die Fälle des eigentlichen Mordes zu beschränken und dieselbe, namentlich für den Hochverrath fallen zu lassen. Nach unseren Informationen möchten wir nicht annehmen, daß ein derartiges Compromiß Aus­sicht auf Annahme habe."

Aus Wien wird DenHamb. Nackr." gemeldet: Eine in Nom überreichte preußische Note zur Unter­stützung Der französischen Vorstellungen betont den Eindruck, welchen die in Aussicht genommenen Concils- beschlüsse in Der ganzen civilisirten Welt machen würden." Die Bestätigung ist wohl, namentlich was die Form der Vorstellung betrifft, noch abzu­warten.

Dem Wiener telegraphischen Correspondenzbureau wird als authentisch versichert, daß der päpstliche Nuntius dem Grafen Beust letzter Tage eine Note des römischen Staatssekretärs Cardinal Antonelli vorgelesen und dem Reichskanzler auf De (feil Wunsch eine Abschrift der Note übergeben hat. Diese Note ist eine Antwort der Kurie auf die österreichische Note vom 10. Febr. D. I. die erste in Angelegenheiten des Concils welche unabhängig von anderen Schritten fremder Kabinete zu einer Zeit nach Rom gerichtet wurde, als daselbst Die canones de ecclesia zur Diskussion gelangen sollten. Die nunmehr hier abschriftlich übergebene Note Antonelli'S hält Den römischen Standpunkt fest und macht sich durch eine gewisse Gereiztheit des Tones bemerklich, die wahr­scheinlich ihren Grund in der Erkenntniß Der Con- scquenzen hat, welche die österreichische Note vom 10. Febr. nach sich zog, nämlich alle späteren diplo­matischen Schritte anderer Mächte.

In Der Jahressitzung Der Pariser Socistd Histo- rique hielt Fürst Czartoryski einen Vortrag, in wel­chem er Das Programm der Polen entwickelte. Oester­reich , sagte er, welches für Europas Freiheit, Civi- lisation und Gleichgewicht unentbehrlich ist, welches von Preußen und den moskowitischen Barbaren be­droht wird, Oesterreich, Polens letztes Asyl, muß mit allem Krästen-Aufgebot unterstützt werden; Oester­reich anerkennt jetzt auch den Werth Der Polenfreund­schaft. Die Polen streben, schloß er, nach einer Conföderations - Monarchie vom baltischen bis zum Schwarzen Meere.

Ein Friedensrichter Der Grafschaft Cork hat einen Brief von einem amerikanischen Fenier erhalten, das in Der Nachbarschaft von Skibvereen eine große Menge Feuerwaffen und Piken verborgen und ein bestimmter Tag für eine allgemeine Schilderhebung angesetzt sei. Er bietet Der englischen Regierung für 500 L. werth­volle Auskunft über alle Einzclnheiten an und fügt hinzu, Daß eine Anzahl Fenier von Amerika nach verschiedenen Plätzen in England abgereist seien. In Enniskillen wurde auf einen Herrn Henry d'Acry Irvine durch das Fenster seines Schlosses geschossen. Vor einiger Zeit war ihm in einem Drohbriefe der Tod angekündigt worden, falls er fortfahre, gericht­liche Aussetzungen unter seinen Pächtern vorzunehmen.

DerMonde" erzählt, ein amerikanischer Bischof habe ihm mitgetheilt, daß man in Den Vereinigten Staaten damit umgehe, eine nationale katholische Kirche unabhängig von Rom und dem Papste zu gründen. Ein Statut dieser neuen Kirche, welches bereits 49 katholische Priester unterzeichnet hätten, reproducirt derMonde" nach einem amerikanischen protestantischen BlatteThe Christian Advokate."

DerPhiladelphia Demokrat" schreibt: Das Ter- ritorium Neu-Mexiko klopft an die Pforte des Capi­tols und verlangt Aufnahme als Staat in die Union. Neu-Meriko gehört seit dem 2. Februar 1848 zur Union, wo es im Frieden von Guadalupe-Hidalgo von Mexiko nebst Obercalifornien an die Vereinigten Staaten abgetreten wurde. Es bildete damals mit Californien und einem Theile von Texas ein Terri­torium, Californien wurde dann zum Staate gemacht, 1854 kamen weitere Abtretungen von Mexiko hinzu, und am 24. Febr. 1863 wurde Der westliche Theil des Gebietes zum Territorium Arizona gestaltet. Die jetzige Einwohnerzahl von Neu - Mexiko wird auf 120,000 angegeben. Dieselbe besteht aus angesessenen Indianern, Mexikanern, Spaniern und Amerikanern.

Die spanische Sprache herrscht vor und wird in Der Territorialgesetzgebung gesprochen.

Preußen. Berlin, 5. Mai. In der heutigen Sitzung des Zollparlaments wurde der Handelsvertrag mit den Hawai'schen Inseln ohne Debatte ange ommen; eS folgt hierauf die DiS- cussion über den Antrag Bamberger wegen Ausdehnung der Münzrekorm auf die süddeutschen Staaten. Minister Delbrück erklärt die Bereitwilligkeit deS norddeutschen BundeSratheS, dem Antrag zu entsprechen. Becher spricht im Namen der süddeut­schen Fraktion gegen den Antrag, welcher die Kompetenz deS ZollparlamentS überschreite und die Landesvertretungen Präju- dicirc. Der Antrag wurde schließlich angenommen.

Württemberg. Stuttgart, 6. Mai. Der neue CultuSminister v. Geßler richtete in seiner Eigenschaft als bis­heriger Präsident der zweiten Kammer ein Schreiben an den ständischen Ausschuß, in welchem er die Niederlegung des Kam- merpräfidiumS anzeigt und Folgendes sagt: Ich hielt rmch bet der gegenwärtigen schwierigen Lage verpflichtet, dem Ruf deS Königs zu folgen. Die Wahrung der Selbstständigkeit Würt­tembergs, in Verbindung mit einem freundlichen Verhältniß zu den übrigen deutschen Staaten wird auch künftig für mich Richtschnur sein. Die Mitwirkung zur möglichsten Erleichterung der Opfer, welche Württemberg, gleich den anderen Staaten, wegen der in manchen Punkten nicht vollkommen festen Gestal­tung der politischen Verhältnisse zu tragen hat, wird mein be­sonderes Anliegen sein. Die Einigkeit von Regierung und Ständen ist bei der Lösung schwerer Aufgaben der mächtigste Schutz gegen äußere Gefahren, während eine Uneinigkeit die Bedeutung solcher namhaft erhöhen würde. Die Erreichung jener Einigkeit muß dcßhalb von Jedem, welchem das Wohl von König und Vaterland am Herzen liegt, angestrrbt werden.

Frankreich. Paris, 3. Mai. DerRappel" veröffent­licht folgenden Aufruf Garibaldi'S an die französische Armee: Soldaten! Ich habe die Ehre gehabt, einmal mit euch und zweimal gegen euch zu kämpfen, immer für die Sache der Ge­rechtigkeit. Wir sind also alte Bekannschaften und ich erlaube mir daher, mich in einer Frage, welche die ganze Welt in- teresfirt, an euch zu wenden. Gewiß, ich will nicht lügen und sagen, daß ich der Freund der Armee deS zweiten Kaiserreichs bin, dieses Kaiserreichs, welches sich eurer Tapferkeit zur Nie­derwerfung der Völker bedient hat, dieses Kaiserreichs, welches sich noch eurer imposanten und wackeren Masse bedient, um eine verlogene Tyrannei zu schützen, die ohne euch nur noch der Geschichte unseres Unglücks angehörte. Gleichviel! Freund oder Feind, ich wende mich an die ritterliche Armee, welche bei Fontenay vor dem Beginne der Schlacht rief:Meine Herren Engländer, schießen Sie zuerst!" Ein charakteristischer Zug einer Armee von Braven. Selbst als ich bereit war, in euch die Vernichtungswerkzcuqe eines Despoten zu bekämpfen, suchte ich das muß ich bekennen in meinem Herzen vergeben« etwaS, was dem Haß für die edlen Kinder Frankreichs nur ähnlich gesehen hätte, für jene Armee, die freudig zur Be­freiung meiner heimathlichen Erde auSzog und mit dem Blute ihrer Helden die Ebenen von Magenta und die Hügel von Solferino benetzte, deren EchoS noch heute das SiegeSlied deS französischen Soldaten wiederholen. Statt dec Soldaten von M.riko und Mentana möchte ich versteht mich recht! in euch nur noch die würdigen Abkömmlinge der Freiwilligen von FleuruS und IemmapeS sehen, nur die Söhne der Käm­pfer jtiicr vierzehn Armeen, welche die Welt durch Wunderwerke in Erstaunen setzten und die alten Monarchieen von Europa zur Raison brachten. Denn Marengo und Austerlitz, welche diese Monarchieen vernichteten, waren die Correlate von FleuruS, IemmapeS und Zürich. Dann würde ich, obgleich Invalide, eure stolze republikanische Fahne grüßend, wieder an eurer Seite ziehen und euch bitten, mich wieder den Posten zu eurer Linken rinnehmen zu lassen, welchen ich so glücklich war, im Jahre 1859 inne zu haben, als ihr der österreichischen Tyrannei mit den Braven unserer Armee über den Leib hinweg gingt. Eaprera, 22. April 1870. G. Garibaldi."

Italien. Palermo, 4. Mai. Der Gouverneur von Sicilien, General Medici, verlangte Truppenverstärkungen, um die Ruhe und Ordnung auf der Insel aufrecht erhalten zu können.

Türkei. Konstantinopel, 4. Mai. Der Patriarch erwiderte auf die Note des GroßvezierS, daß er auf der Zurück­weisung deS Fermans beharre und die Nothwendigkeit des öku­menischen Concilö nicht bestreiten lassen könne.

Vermischtes.

Berlin. Am 1. April 1870 befanden sich in Berlin woh- nungsloS 350 Familien mit 1604 Köpfen. Von diesen Fami­lien hatten in ihren letzten Wohnungen Miethe bezahlt bis 30 Thlr. 121 Familien; von 31 bis 60 Thlr. 17b; von 61 bis 100 Thlr. 36 und endlich über 100 Thlr. 18. Der WohnungS- mangel erstreckte sich somit zu bei Weitem größtem Theile (296 gegen 54) auf kleinere Wohnungen zu einem Miethvreise unter 60 Thaler. Don diesen 350 Familien wohnten 178 in Vor dergebänden; 102 in Hof, und Seitengebäuden und 70 in Kellerwohnungen. In Bezug auf Geschlecht und Beruf der Häupter der wohnungslosen Familien befanden sich unter den­selben 101 Frauenspersonen Wittwen, geschiedene und ehe­verlassene Frauen und unverehelichte Frauenspersonen mit Kin­dern 69 Arbeiter, 54 Bauhandwerker, Schmiede, Schlosser und Former, 31 Schuhmacher, 21 Schneider, 17 Maler, Tapezierer, Buchbinder, 16 Dienstmänner, Lohndiener und Kellner, 9 Handelsleute, 8 Weber, 6 Droschkenkutscher, 5 Müller, Bäcker und Schlächter, 4 Schreiber und Buchhalter, 4 Tuchmacher und Hutmacher, 3 Beamten und frühere Offiziere und endlich 1 Musiker und 1 Schauspieler. Die 1604 Personen sind zwar inzwischen unter Dach und Fach gekommen; dagegen sind die Fälle nicht vereinzelt, daß einzelne Stuben nunmehr von 3 verschiedenen Familien bewohnt werden und Räume, welche früher Zubehör selbst zu den kleinsten Wohnungen waren, jetzt als besondere Wohnungsräume vermiethet sind. Dem herrschenden WohnungSmangel gegenüber standen nach dem 15. April in Berlin überhaupt nur 133 Wohnungen leer, von denen nur 2 unter 30 Thlr., 12 zwischen 31 und 60 Thlr. und 7 zwischen 61 und 100 Tblr. Miethe kosteten, während für 41 Wohnungen über 100 Thlr. bis 300 Thlr. und für 71 Wohnungen über 300 Thlr. Miethe gefordert wurde.

Redactiou, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.