Feuilleton.
In der Verbannung.
Historisches Zeit- und Sittengemälde aus dem 18. Jahrhundert von Eduard Gottwald.
(Fortsetzung^und Schluß.)
Den Kapitain an sein Herz schließend, drückte der Graf den Kuß väterlicher Liebe auf die Stirn des in stummer Verwirrung ihn umarmenden Kapi- tainS, welcher im Kampfe mit sich selbst tief aufseufzenv ausrief:
„Ist es denn möglich! Darf ich eines solchen Glücks mich erfreuen?"
Da öffnete der Graf die Thür des Zimmers, in welchem Aim6 mit steigender Angst der geheimnißvollen Unterredung gewartet, und als sie den heiteren Ausdruck im Antlitz ihres Vaters sah, eilte sie freudig aufathmend in die Arme des überraschten Kapitains, welcher, sie herzlich umschlungen haltend, ausries:
„So wollt Ihr den Mann, der nichts bieten kann, als ein treues Herz, nicht verstoßen?"
„Also hat doch etwas Dich betroffen, was Dir Kummer bereitet?" fragte theilnahmsvoll Aim6.
„In Folge der königlichen Ungnade, welche mich betroffen," entgegnete der Graf, „hat Se. Majestät seinem Garde-Kapitain die Wahl gelassen, entweder eine Kapitainstelle bei der Lanvarmee in den Kolonien, oder seinen Abschied zu nehmen. Es blieb daher Deinem Verlobten nur bas Letztere übrig. Aber weißt Du wohl, zu was ihn die Verzweiflung treiben wollte?"
„Nun?" fragte forschend Aim6 und blickte in ängstlicher Besorgniß aus Trousier.
„Er wollte in einem andern Welttheile Dich wieder von Neuem erkämpfen."
„Wie Trousier?" ries Aim6 im Tone zärtlichen Vorwurfs. „Dw^hättest so weit von mir fortgehen können, und ich hätte Dich vielleicht nie wiebergesehen!"
„Konnte ich als Bettler um die reiche Grasentochter werben?" fragte dieser "und drückte Aimä's Hand an sein Herz.
„Schweig', Du böser, stolzer Mann!" flüsterte Aims, ihm mit einem Kusse den Mund verschließend.
„Der Baron Trousier, unser ritterlicher Retter, erhält auch nicht als Bettler die Hand der Tochter des Grafen von Croissy," antwortete ernst aber freundlich der Gras. „Du weißt, daß ich bedeutende Güler in der Schweiz besitze, deren Verwaltung meine Kräfte übersteigt; dorthin wollen wir ziehen und treu vereinigt unsers ungetrübten Glückes uns erfreuen. Obgleich ich Frankreich wie mein Herzblut liebe, so verlasse ich es dennoch, denn ich sehe schweren, bösen Zeiten entgegen, und fürchterlich wird sich der Frevel rächen, mit welchem man so frech allem Recht, aller Sitte hier Hohn spricht. Ich werde eo vielleicht nicht mehr erleben, aber Euch und Eure Nachkommen möchte ich geschützt sehen gegen die Schrecknisse, die aus der Auflösung aller Bande der Ordnung und der Gesetze hervorbrechen müssen. Dort in den stillen, friedlichen Thalern des herrlichen Waadtlandes sollst Du, mein Sohn, da- Erbe Aimv's verwalten und schützen, dort foU|t Du ihr Trost und Stütze sein, wenn ich nicht mehr unter Euch weile."
„Und unsere Liebe Dein Leben noch lange verschönern!" rief Aim6 und eilte mit Trousier in die Arme des Vaters, welcher Beide in freudiger Rührung an sein Herz drückte. ~ ,
.Nun denn" — rief Trousier nach einer kurzen Pause und ergriff tief bewegt des Grafen und Aimv's Hand — „so möge Gott mir helfen, durch treue Liebe des so reichen Glücks mich werth zu zeigen."
„O, dessen bin ich gewiß!" rief Aime, den freudestrahlenden Blick auf Trousier richtend.
Der Graf aber lächelte nnd sprach: ,
„Wohl noch nie hat eines Königs Ungnade drei Glückliche so innig als uns vereinigt.
Drei Wochen nach Trousier's Ankunft in Valbonne fand die Vermählung desselben mit Aim6 statt, und als die glückliche Braut einige Tage vor dem Hochzeitsfeste mit Felice im Schloßpark allein war, rief sie, dieselbe liebkosend umarmend: „„ v
Nun, Felice, da ich so unnennbar glücklich bin, nun darfst auch Du, treue Freundin, nicht länger in banger Sehnsucht harren; daher sprich: wie und wodurch wir Dein Glück herbeisühren können, gewiß, wir wollen Alles aufbieten, um auch Dich bald an der Seite des Mannes zu sehen, der Dein Herz schon seit Jahren besitzt." , , o.
„Nun," entgegnete Fel.ce schalkhaft lächelnd, „noch hat zwar der Liebes- aram mir die Heiterkeit des Gemüths nicht so arg verbrannt, baß ich mich nicht schon unendlich froh fühlen sollte beim Anblick des Glückes meiner schonen und so herzensguten Freundin; aber da mein Verhältniß zur Baronesse von Trousier doch wohl ein anderes wird, als zu meiner lieben Aimo, so yave ich auch an mich gedacht."
„Nun?" fragte Aimö gespannt.
„Nun, es liegt in Deiner Hand, auch mich glücklich zu machen.
„So sprich, auf welche Weise."
Mein Verlobter ist ein tüchtiger Verwalter," sprach Felice, „und wenn der Herr Graf ihm die Verwaltung Vieser Besitzung anvertraute, da er seinen alten Etienne, der hier residircn soll, doch nur ungern in seiner Nahe vermiet, so wäre uns geholsen, und Du varsst mir glauben, dich wir Euer Des tz- Itzum so sorgsam beaufsichtigen und bewilthschaften werben, als fee es unfer Etgenlhum nod) ^»le mein Bater Dir zustchern!" rief freudig Aimö.
Aber." fragte sie lachend, „wo hast Du denn Deinen Bräutigam?
„Er kommt morgen in La Grasse an und will Zeuge der Vermahlungsfeier unserer gütigen Gönnerin sein," entgegnete Felice.
„Dann begrüße ihn nur als Verwalter von Valbonne/ Jprad) lad)e n Aimö, uno die sieuvig überraschte Freundin verlassend, eilte sie ihrem Geliebten •’WÄtXÄ ... MM
das Herzensbündmß der Liebenden die kirchliche Weihe, und bald nachher um
schlossen voll seligen Entzückens die Neuvermählten des glücklichen Vaters Arme. Der alte Etienne wehrte den Thränen nicht, die beim Anblick dieser so Glücklichen über seine Wangen herabtropsten, während Felice mit freudig klopfendem Herzen an der Hand eines noch jungen Mannes dem Grasen und dem Brautpaar sich nahte, ihre herzlichsten Wünsche für dessen Wohl und Heil in den Armen Aimv's aussprach, ihr Verlobter aber voll edlen Anstands sich zu dem Grafen und Trousier wendete, und für die ihm übergebene Verwaltung Val- bonne's mit offener Herzlichkeit dankte, durch welche auch er und Felice bas Ziel ihrer Sehnsucht nach jahrelangem Hoffen und Harren so glücklich erreichten.
Noch bevor Graf Croissy mit bem jungen Ehepaare unv seinem alten Stallmeister abreiste, zog auch schon Armand de Rocroy als Verwalter in das gräfliche Schloß, und von der Hand Aim6's geschmückt, sah auch Felice als glückliche Braut sich für immer mit bem Manne ihrer Wahl verbunden.
In der herrlichsten Gegend deö Waadtlandes aber, unweit von Lausanne, verjüngte noch eine lange Reihe von Jahren das Glück seiner Kinder des Grafen früher so ernst bewegtes Leben, unv oft rief Aim6e freudig aus:
„Welch' Heil unv Segen ist aus jenem Räuberansall uns erblüht," woraus Trousier sie küssenv in seine Arme lchloß und lächelnd zufügte:
„Und aus der Ungnade bes Königs!"
Richten wir nach Schluß dieser Erzählung noch einmal aus König Ludwig XV. ven Blick, während dessen letzten Regierungsjahren die drohenven Anzeichen eines Ausbruchs der Volkswuth sich von allen Seiten kund gaben, und später unter dem unglücklichen Enkel desselben zu jener blutigen Revolution führten, deren Schreckensherrschaft Europa mit Entsetzen erfüllte. Hatte schon die Herzogin von Chateauroux den König zu Verschwendungen gedrängt, welche das Volk mit kaum erschwinglichen Steuern belastete, so wurden unter der Herrschaft einer Pompadour und Du Barry die Staatseinkünfte und die vom Volke erpreßten Gelder auf noch nichtswürdigere Art verschleudert. Mehr aber noch als diese Erpressungen, brachte Frankreich die Einmischung der Pompadour in die Politik an den Rand des Ververbens, welche zu einem Bündniß mit Oesterreich drängend, dessen große Kaiserin Maria Theresia sich nicht scheute, diese Buhlerin „ihre Freundin" und „Cousine" zu nennen, um durch das Bündniß mit Ludwig XV. sich von der Uebermacht ihrer Feinde zu retten, und dadurch Frankreich in einen Land- und Seekrieg verwickelte, der außer ven fürchterlichen Opfern an Menschen und Geld, auch noch Minorca, Kanada, fast den größten Theil der westindischen Inseln, die bedeutendsten Besitzungen in Ostindien, nebst allem eroberten Land in Westphalen unv Böhmen hinwegraffte. Unter ihrer Herr- schäft wurden zwar die Jesuiten aus Frankreich durch den Herzog von Choisel vertrieben *), dagegen war die Errichtung des berüchtigten Hirschparks ihr Werk; unzählige Unglückliche, die ihren Haß erweckt, verschwanden für immer in den unterirdischen Kerkern der Bastille, ünv indeß sie im Ueberfluß schwelgte, verhungerten Tausende in den Provinzen.
Nach ihrem Tove nahm Mademoiselle Lange als Gräfin Du Barry den Platz derselben ein und verbrauchte in fünf Jahren 180 Millionen Franken. Unter ihrer Herrschaft ging Vie französische Gesellschaft ihrer Auflösung entgegen : Herzöge und Grasen duldeten stundenlanges Warten in den Vorzimmern Vieser Maitresse, und der König theilte Vie Gunst derselben mit den nievrigsten ihrer Bedienten; auch gelang eS ihr, den Minister Choisel zu stürzen, dessen letztes Werk noch die Verbindung des Dauphins (Enkel Ludwigs XV.) mit der Herzogin Marie Antoinette von Oesterreich war. —
Die Parlamente Frankreichs, welche zu wiederholten Malen die Einregistri- rung der Steuern verweigert, und sich gegen die Willkürherrschaft dieser Mai- treffe offen erhoben, wurden zu gewöhnlichen Gerichtshöfen herabgesetzt, und diejenigen, welche, wie die Parlamente von Languedoc und Bretagne, gegen die demüthigenve Behandlung des Königs und der Gcneralgouverneure laute Klagen führten und ihre AmtSthätigkeit einstellten, wurden aufgelöst und die wiver- spenstigsten Mitglieder üach ven Kolonien verbannt.
Dreißig Jahre nach jenem Einzuge, wo Frankreich mit Jubel den dem Tode entrissenen König begrüßte, starb Ludwig XV. am 10. Mai 1774 im fünfundscchszigsten Jahre seines Lebens unter den gräßlichsten Schmerzen, an einer Krankheit, welche, durch die Blattern mit hervorgerufen, seinen Körper lebendig der Verwesung übergab. Alles flüchtete aus seiner Nähe nach Chotsy und nur drei seiner Töchter, die hochherzigen Prinzessinnen Adelaide, Victoria unv Sophie, welche unverheirathet geblieben, nebst seinem blinden Beichtvater, hielten an seinem Krankenlager aus und verrichteten die Dienste der Krankenwärter, da auch diese geflohen waren, und als Ludwig gestorben, fand man Niemand, als die Grubenmänner von Versailles, welche sich entschlossen, ven todten König in ven Sarg zu legen, der auf einen großen Jagdwagen geladen worden war und am 12. Mai nach St. Denis abgefuhrt wurve. Die Kutscher jagten mit demselben über Stock unv Stein, unv Vas französische Volk, welches ihm vor dreißig Jahren den Namen „des Vielgeliebten" gegeben, den er nie verdient, jauchzte jetzt in wilder Lust dessen Leiche nach unv tanzte auf öffentlichen Plätzen aus Freude über diesen Todesfall. Alle Wirthshäuser waren voll Betrunkener, und wo der Wagen vorbeifuhr, erschollen Spottlieder und Verwünschungen auf den todten König. Aber auch in ven höheren Kreisen gab viese Stimmung sich kund, unv als man dem Abt von Genevieve, welcher Die Reliquien der Heiligen ausgestellt, um die Rettung des Königs zu erflehen, Vorwürfe machte, daß diese nicht geholfen, entgegnete derselbe:
„Aber, meine Herren, was wollen Sie Denn, er ist ja todt; mehr können Sie doch nicht verlangen!"
Die Du Barry, welche man vor des Königs Tode entfernt, flüchtete beim Ausbruch der Revolution nach England; als sie aber 1793 sich wieder zurückwagte, um ihr Eigenthum, von mehreren Millionen an Werth, nicht confisciren zu lassen, nahm man sie als Hochverrätherin an Frankreich fest unv übergab sie der Guillotine.
*) der Vertreibung dieses Ordens wurde der König dadurch am meisten bewogen, weil der Mordversuch, welchen Damiens am 5. Januar 1757 gewagt, als ein Werk der Jesuiten betrachtet wurde.


