Nach einigen weiteren Bemerkungen des Freiherrn von Rabenau, des Herrn Provinzialvereins-Präsidenten und des Vorsitzenden beschließt die Versammlung:
Dem Großh. KreiSveterinärarzt Dr. Winkler zu dem in Rebe stehenden Zweck aus DezirkSvereinSmitteln 50—70 st. zur Disposition zu stellen, den Provinzialverein aber zu ersuchen, eine gleiche Unterstützung einem anderen Veterinärarzt zuzuwenden und bei der Regierung auf Rückersatz hinzuwirken.
II. Der Vorsitzende eröffnete hierauf die DiScussion über
die Bedeutung der Schafhaltung für die Landwirthfchast der hiesigen Gegend.
ES bemerken:
Herr Pfarrer Müller aus Watzenborn: Die vorliegende Frage fei von eminenter Wichtigkeit. Obwohl die Vortheile, welche die Schafhaltung Einzelnen bringe, weit überwogen würben durch die mancherlei damit verbundenen Nachtheile für die Gesammtheit, obwohl auch der Preis für Fleisch und Wolle durch die von Australien her stattfindende Concurrenz sehr gedrückt worden sei, so habe doch die Schafhaltung in einem Maße an Umsang gewonnen, welches mit den Interessen der Landwirthschaft schlechterdings nicht vereinbarlich sei. Es bestehe bei uns ein wahrer Unfug mit der Schafhaltung; bei Gemarkungen von 1 bis 2000 Morgen würden oft nicht weniger als 3 Heerden gehalten und die durch Statuten oder sonstige Bestimmungen gestattete Zahl von Schafen werde gar häufig mit Hülfe eines geringen Trinkgeldes an die Schäfer von Vielen namhaft überschritten. Die Folgen lägen klar zu Tage. Das zur Weide bestimmte und erlaubte Gelände reiche zur (5p nährung einer so großen Anzahl von Schafe nicht aus, die Schäfer würden zu Weidefreveln veranlaßt, der Wiesenschluß werde nicht einge- halten, die Schäfer hüteten oft bis Mitte Mai und selbst unmittelbar nach und mit der Heuerndtc würden die Schafe in Vie Wiesen einge- trieben. Alle Bemühungen des Kreisamts diesen Mißständen zu steuern führten nicht zum Ziel, weil dasselbe in der Handhabung der gesetzlichen Vorschriften von der Bürgermeistern häufig nicht genügend unterstützt werde. Es sei unbedingt erforderlich, die Zahl der Schafe im Verhält- niß zu dem Flächengehalt der Triften und veS Brachfeldes zu reduciren und Vie Aufgabe des Bezirksvereins sei cs, - sein Möglichstes zu thun, um richtigen Anschauungen in dieser Hinsicht Eingang zu verschaffen. Die Statuten der Schäferei-Gesellschaften würden häufig geändert, je nachdem es dem Interesse der an der Spitze Stehenden entspreche und es sei einleuchtenv, wie hiermit geradezu die Unsittlichkeit gefördert werde. Redner führt hierfür einige Beispiele an und schließt mit dem Hinweis darauf, daß ohne Beschränkung der Schafhaltung eine Vermehrung des Futterbaues, die so dringens nothwendig, nicht möglich sei.
Der Herr Präsident des Provinzialvereins, Graf zu Solms Laubach, Erlaucht:
Die vorliegende Frage lasse sich nicht generalisiren; in vielen Gemarkungen würde es ein Fehler sein, die Schafhaltung aufzugeben, in anderen aber sei allerdings der Schaden größer, als der Nutzen. Das Gesetz vom 7. Mat 1849 habe seinen Hauptzweck verfehlt, indem, wo die Schäfereigerechtigkeiten abgelöst worden, sich Gesellschafts-Schäfereien gebildet hätten. Dem Tadel des Vorredners könne er nicht so allgemein beistimmen. Es komme wesentlich auf die Statuten an, und wenn in solchen bestimmt sei, daß Jeder wenigstens ein Schaf halten dürfe, mehr aber nur nach Verhältniß seines Grundeigenthums, und wenn diese Bestimmung auch gehandhabt werde, so lasse sich dagegen Nicht- einwenden. An vielen Orten beständen freilich gar keine Statuten und hier herrsche dann die größte Willkür. Die Negierung möge daher darauf sehen, daß überall Statuten errichtet würden.
Herr Bürgermeister Vogt von Gießen
referirt über die dortigen Schäferei-Verhältnisse und spricht sich wohl für Beschränkung, aber gegen gänzliches Aufgeben der Schafhaltung, namentlich aus dem Grunde aus, weil das Unkraut in diesem Falle zu sehr überhand nehmen weroe.
Die letztere Behauptung widerlegt Herr Pfarrer Müller von Watzenborn. Herr Lehrer Schlapp von Rödgen:
Der Vorwurf, der den Bürgermeistern gemacht worden, sei wohl hier und da, aber doch nicht überall begründet; die Bürgermeister seien nicht immer die Begütertsten und sie hätten an den meisten Orten, wo Gesell- schaftS-Schäfereien beständen, mit der Schwierigkeit zu kämpfen, daß die Leute glaubten, sie hätten eine Schäferei g e r e ch t i g k e i t; dieser Glaube sei zu bekämpfen. Bei der fast allerwärts zu großen Zahl der Schafe fehle es vorzugsweise an ordentlichen Statuten. Redner macht aufmerksam auf die Nachtheile der zu langen Behütung der Wiesen und wünscht, daß das Verbot der Behütung nach eingetretenem Wiesenschluß strenger gehandhabt werde. Der Vortheil der Schafhaltung werde vielfach überschätzt, der wirkliche Ertrag sei gering und bestehe der Hauptsache nach nur in Pferch unv in der Verwerthung des Unkrautes.
FreiherrvonRabenau:
Die Nachtbeile der übermäßigen Schafhaltung seien allgemein anerkannt. Die Entwerfung von Statuten und die Beseitigung des Uebels durch solche habe aber ihre großen Schwierigkeiten, weil Niemand gezwungen werden könne, sich diesen Statuten zu unterwerfen. Redner findet einen Mangel unseres Gesetzes darin, daß wenn eine ganze Heerde auf unerlaubtem Grundstück weide, der Richter nicht unter eine Strafe von 30 fl. herabgehen könne. Eine solche Strafe könne kein Schäfer bezahlen unv es werde deshalb in der Praxis (von ihm selbst sei das schon geschehen), wenn auch in Zuwiderhandlung gegen die Dienstpflicht Seitens der Feld- schützen, von etner Anzeige meistens abgesehen. Es sei deshalb wünschens- werth, daß dem Richter gesetzlich die Möglichkeit gewährt werde, auf ein Strafminimum von etwa 5 fl. hcrabzugehen.
Gegen letztere Ansicht erklären sich der Bürgermeister Lang von Wieseck und der Vorsitzende, welcher Letztere darauf aufmerksam macht, daß nach bestehen- der feldstrafgesetzlicher Bestimmung im Falle des Unvermögens des Schäfers dessen Dienstherrschaft, also die Schäferei-Gesellschast, die Strafe be- zahlen müsse.
Herr Lehrer Leithäuser von Groß-Linden erwähnt de- Mißstandes, daß den Schäferei-Gesellschaften viel zu viel Gemeinveeigenthum ohne,
oder wenigsten- gegen geringe Entschädigung zum Nachtheil der gering Begüterten überlassen werde.
Herr Lehrer Schlapp:
Auch da- sei durch Statuten zu regeln. Er finde es zweckmäßig, die Gesellschafts-Schäfereien in Gemeinde-Schäfereien zu verwandeln, so daß alle Einnahmen in Vie Gemeinvekasse flößen unv der Pferch versteigert werde.
Herr Oeconomierath Dr. Krämer bemerkt, daß er eine Abhandlung über die vorliegende Frage für die landwirthschaftliche Zeitung vorbereitet habe und bedauert, daß solche noch nicht habe zum Abdruck gelangen können. Redner weist durch statistische Notizen aus verschiedenen LandeS- theilen nach, daß die Zahl der Schafe falle im Verhältniß der zunehmenden Zahl der Menschen auf einer gewissen Fläche landwirthschaftlich benutzten Bodens. In stark bevölkerten Staaten fei es die Aufgabe, dem Boden die größtmöglichsten Erfolge abzugcwinnen, man müsse deshalb auf diejenige Production sich werfen, welche der uneingeschränktesten Ausdehnung fähig fei. Redner wirst dem gegenüber die Frage aus: warum hat sich die Schafhaltung bei uns nicht in dem Maße verringert, wie in Nachbarländern? und findet die Gründe hiefür 1) in den hier noch vorfindlichen Spuren der früheren Feldgemeinschaft (Weidedienstbarkeiten, wechselseitige Behütung der Grundstücke), 2) in der Zerstückelung und der verworrenen Lage der Grundstücke (man sanctionirte den Flurzwang, weil man größere weidbare Flächen haben mußte), 3) in der Übertriebenen Vorstellung von dem Abnutzen der Schäferei, dargestellt in dem Pferch. Der Pferchdünger sei unbedingt zu theuer, er sei nur eine kostspielige Consequenz der bestehenden Uebelstände. Durch Haltung anderer HauSthiere könne der Dünger auf viel vortheilhaftere und wohlfeilere Weise producirt werden.
Herr Landrath von Hellvorf von Wetzlar, welcher inzwischen als Gast in der Versammlung erschienen war, macht Mittheilungen über die Schafhaltung in seiner Heimath, der preußischen Provinz Sachsen. Dort sei die Con- solidation beinahe vollständig durchgesührt und damit die Privatschafhaltung verschwunden. Sie würde von Niemanden zurückersehnt und habe der Rindvieh- und Schweinezucht Platz gemacht. Das Uebermaß der Schafhaltung, wie es auch im Kreise Wetzlar bestanden habe, führe zur Ungerechtigkeit der größeren Grundbesitzer gegen die kleineren, zur Verschleuderung des Gemeindevermögens, zur Erschwerung des Wiesen- und des Futterbaues überhaupt.
Der Vorsitzende resumirt die Ergebnisse der heutigen Verhandlungen dahin: Die Landwirthschaft hiesiger Gegend könne die Schafhaltung nicht ganz entbehren, aber eine Verminderung derselben und die Beseitigung der bestehenden Mißbräuche sei wüuschenSwerth. Die Entwerfung von Statuten sei allerdings zweckmäßig, aber es sei sehr schwierig festzustellen, in wie weit dadurch die Freiheit der einzelnen Grund- und Viehbesitzer beschränkt werben könne. Es dürfte wohl angemessen sein, seitens des Provinzialvereins eine Commission zu bilden, welche mit einer näheren Erörterung der Frage zu betrauen wäre.
Der Herr Präsident des Provinzialvereins erklärt sich bereit, den Gegenstand für die nächste Provinzialvereins-Sitzung auf die Tagesordnung zu setzen.
Herr Pfarrer Müller von Watzenborn hebt noch bezüglich des Nutzendes Pferchs hervor, wie bei den Gesellschafts-Schäfereien der Berechtigte den Pferch oft gerade dann bekomme, wenn er ihn nicht brauchen könne, so daß er ihm eher Nachthcil, als Vortheil bringe, während bei Gemeinde-Schäfereien Jeder den Pferch, je nachdem er ihn wolle, nehmen oder nicht nehmen könne.
Auf Antrag des Freiherrn von Rabenau wird schließlich von der Versammlung beschlossen:
Eine Commission aus den Bezirksvereinsmitgliedern mit der Entwerfung von Schäferei-Statuten zu beauftragen. Die Ernennung der Commis- sionSmitglieder soll dem Vorsitzenden überlassen bleiben.
Zur Beglaubigung. Dr. Goldmann.
Börsennachrichten.
7. December 1870.
Actien.
Oest. Creditact. 238%
50/o östr. F. St. E. B. 368 Lombard. Bahn 172% Ludwigsh.-Bexbach 162 Maxbahn 108
Bayer. Ostbahn 124% Hess. Ludwigsb.-Act. 135 Alsenzbahn-Actien 86 Oberhessen „ 67
Prioritäten.
3% öster. Stsb.-Prior. 55% 3°/0 öst. s. Lombard 46% 30/0 Livorneser 31 %
50/0 Toscaner 49%
5% Elisabeth.-Prior. 77
do. II. Emiss. 75%
Anieliensloose.
Kurh. 40 Thlr. Loose 64% Nassau 25 fl. 38%
4% bayr. Präm.-Anl. 106% Ansbacher 7 fl. 11% 40/0 badische Loose 105% Badische fl. 35 Loose — Oestr. fl. 250 v. 1839 — 1858r Prioritätsloose 159 1860r Loose 75% 1864r „ 111%
Braunschweiger 16% Stadt Madrid 21,%6
Wechsel.
Amsterdam k. S. 100%
Augsburg k. S. 99%
Berlin k. S. 104%
Bremen k. S. 96%
Cöln k. S. 104%
Hamburg k. S. 88%
Leipzig k. S. 104 *%6
London k. S. 119%6
Lyon k. S. —
Paris k. S. —
Wien k. S. 96%g
ditto m. S. —
ditto 1. 8. —
Discont» 4°/i) G.
Geidsorten.
Pr. Cassen-Sch. 1 44%-45% Sachs. „ —
Div. Cassen-A.
Pr. Friedrdor 9 58%—59%
Pistolen . . 9 47—49
„ doppelte 9 48 — 50 Holl. fl. lOSt. 9 54 — 56 Ducaten . . 5 37—39 20 Frankens!. 9 33 — 34 Engi. Sover. 11 56 — 12. Russ. Imper. 9 48 — 50 Dollar in Gold 2 27—28
Preuss. 41/2 0,0 Oblig. 91 % Frankf. 3% % Obi. 78% Nass. 4% 0 0 Obi. 91% Kurhess. 4% „ 83 Gr. Hess. 5% Obi. — » n 4% „ 92% n » 31/2% „ -
Bayer. 5% „ 95%
» 4%v/o 1jährige 91% n 4O/o % jährige 85%
Wiirtemb. 4 % % Obi. 90% Baden 41/2% Obi. c. E. L. 91 Oesterr. Silberrente 54 „ Papierrente 46% „ 5% M. steuerf. —
Amerik. Bonds 1881r 96% „ _ 1882r 94%
» „ 1885r 93%
» 1887r 93%
Spanier, neuest. 3% 30 %
Aetien.
Frankf. Bank 131%
Frankf. Vereins-Kasse 101%
Darmst. Bankact. 321
Wien Bankactien 701
Galizien 233 * 4
Frachtbriefe für die Main-Weser-, Eö!n-Mindeuer und Oberhessische Eisenbahn, sowie fämmtliche joNamtlichen Formulare, und zu haben bei W. Klee, am Markt.


