Ausgabe 
8.2.1870
 
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ibgehe*' Die Geheimnisse einer jungen Mamsell.

1 heilbare (Fortsetzung.)

Da bei dem alten Herr» eine Art von Interesse für seine von ihm ver- et; lassene Familie erwacht war, so richtete er in Betreff derselben verschiedene

Fragen an den Sohn, sich nach dem vergangenen Leben seiner Gattin er erkundigend.

Reicht Der junge Mann zögerte nicht, diese Fragen so beredt als möglich

Wandlung zu beantworten.

m dessen Er entwarf seinem Vater eine Schilderung der ganzen Vergangenheit fei-

jcbcnfAffd ner Familie, von der Zeit an, wo Sander sich frevelhaft von seiner Frau

|tiU0 getrennt hatte. Sein Mund floß über im Lob der theuren Mutter. Er

.zählte, wie diese ihr Schicksal mit der edelsten Resignation getragen und ihr

einziges Glück in ihren Kindern gefunden habe.

welche denAber mir hat sie wohl geflucht?" murmeite der Alte,und Euch mich Haffen gelehrt?"

Der Sohn verneinte.

Das Herz meiner Mutter, Ihrer Gattin, kennt keinen Haß gegen den Pater Ihrer Kinder," betheuerte er.Wohl aber habe ich sie oft leise beten .17 Sgr.)^n, Gott möge die Seele dessen, der sie so schwer betrübt, mit Reue erfüllen, Ng ante und ihn zu seiner Pflicht zurücksührcn."

Der alte Sander faßte rasch die Hand des jungen Mannes.

.*. . Seit gestern hat der Himmel ihr Gebet erhört," sagte er mit der Be-

' nutzen. wegung zitternder Stimme.Armes Weib, gute Kinder! Eure Leiden sollen

deren rin Ende nehmen Laß mir nur Zeit, mein Sohn, mich in die neue Lage der

Einigung, Dinge bineinzufinden und Du sollst mir keinen Vorwurf mehr zu machen haben. Aber glaube mir, es hält schwer, sich von dem loszumachen, woran man sich

;xt^ seit vielen Jahren gewöhnt hat, und gleichsam ein neues Leben zu gewinnen."

Vater und Sohn blieben eine ganze Stunde beisammen.

Als der junge Mann sich verabschiedete, sprach der Alte den Wunsch aus, ihn am Nachmittage wiederzusehen.

Und warum nicht- diesen Abend, mein Vater?" fragte der Jüngling. Die"Abendstunden sind so geeignet zum traulichen Gespräche."

Sander senior schüttelte den Kopf.

ES geht nicht," versetzte er.Ich habe durch die HauSmamsell den jun- gen Stiller zu mir bestellen lassen. Er darf mich nicht so, wie ich jetzt vor

6 Uhr, Dir stehe, sehen. Vor Dir aber möchte ich stets nur als Vater erscheinen, da

mir dann Dein Herz aufrichtig entgegenschlägt."

Der junge Mann drückte ihm die Hand.

rSie machen mich glücklich, mein Vater, durch diese Worte," sagte er.

iervirtuo|lltAber" dieses Glück würde den höchsten Gipfel erreichen, wenn Sie auch vor

ls. tzer Welt die falsche Maske ablegten und vor allen Dingen, wenn Sie nicht

n1a 9 (Khm, mehr spielten. Sie besitzen ja Vermögen genug." Der Alte streichelte ihm die Backen.

?in$'Wenn wir erst zusammen in Dresden sein werden, dann spiele ich

-------- nicht mehr."

.Wie, mein Vater, Sie wollen?"

In wenigen Tagen reisen wir zusammen."

lChVater, lieber Vater, Gott segne Sie für diesen Entschluß."

' :Es ist gut, mein Sohn, verlaß mich jetzt. Ich habe noch verschiedene

zt, Briefe zu schreiben. Auf heute Nachmittag."

O, ich werde nicht ausbleiben."

rwine der Mit selig klopfender Brust verließ der junge Sander die Stube.

Sein Herz drängte ihn, Clara aufzusuchen und derselben das eben geführte Gespräch mitzutheilen.

Er fand das fleißige Mädchen unten in der Gaststube.

___ Nachdem er ihr Alles erzählt, versetzte sie lächelnd:

Gasthof wirbSagte ich Ihnen nicht, Herr Sander, daß ein guter Sohn auch einen

3u'erfragen schlechten Vater zu bessern im Stande sei. Zur Hälfte ist es Ihnen schon

_______ gelungen. Die andere Hälfte wird nachkommen. Wenn er sich so gegen ^Twirblü Adolph Stiller benimmt, wie ich wünsche, dann hege ich auch nicht den gering, ienit gesucht. ften Zweifel mehr an der Wandelung seiner Gesinnungen."

). Clara hatte Adolph, ehe dieser in sein Comptoir gegangen war, schon

benachrichtigt, daß der Abendgast geneigt sei, mit ihm über seine Spielschuld ef« einen ihm günstigeren Contrakt einzugehcn. Daß der geheimnißvolle Mann

aber Sanver's Vater und ein angehender Greis sei, hatte sie ihm verschwiegen. I,ft,hteund Sie hatte ja dem Alten das Wort gegeben und wollte es unter keinen Um*

t *nnte. ständen brechen.

Yinternatio- Nachmittags erneuerte sich die Zusammenkunft zwischen Vater und Sohn

ftl (Baden) und währte noch länger als am verflossenen Morgen.

--Selbstverständlich wurde von dem jungen Sander auch dies Gespräch sei- ner Freundin mitgetheilt.

J :j Sto-k. Clara erfuhr, daß das Gefühl der Reue in der Brust des Abendgastes

immer mächtiger zu wirken begönne, und daß er seinem Sohne sogar das Ver- ntbmern W frechen gegeben, nicht mehr zu spielen und die kommenden Abende bis zur Ab-

' Xtbe; reise nach Dresden in seiner Gesellschaft zuzubringen.

Wie sehr sich die Gesinnungen dieses früher so gewissenlosen Mannes in

^Felseukellcr- fcfr kurzen Zeit geändert, davon sollte Clara noch denselben Abend einen neuen

-Beweis erhalten.

Um die neunte Stunde erschien Adolph Stiller bei ihm. Sander hatte '2.^sttaße- ihn durch Clara bitten lassen, zu ihm zu kommen.

2-2--' Er trat dem jungen Manne wieder in jugendlicher Toilette entgegen, die

er, so lange er noch in Hamburg weilte, nur vor seinem Sohne ablegen wollte.

. vollstan- Er hieß Adolph freundlich willkommen und lud ihn ein, auf dem Sopha

^ebenso W Platz zu nehmen.

- hechten Der junge Stiller dankte und brachte das Gespräch sogleich auf den dem

;U W) Spieler ausgestellten Schuldschein.

Die Sache ist schon abgemacht," versetzte der Abendgast lächelnd.

"2Xd?tr. ftWie so, mein Herr?" fragte Adolph verwundert.

Nun, der Schein ist schon bezahlt."

Nicht möglich! von wem?"

Das ist mein Geheirnniß. Sehen Sie selbst."

v i r v Ex ging an den Sccretair und nahm ein in zwei Hälften zerrissenes

. Papier heraus.

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I e t o n.

Da, junger Mann, nehmen Sie und verbrennen Sie es. Und dann befolgen Sie meinen Rath: Spielen Sie nie mehr. Ich werde dasselbe thun."

Aoolph war wie aus den Wolken gefallen.

Diese Güte, mein Herr," rief er, darf ich sie annehmen? Nein, nein, ich bin bereit, Ihnen einen andern Schein auszustellen."

Der alte Sander zuckte die Achseln. ? 1

Wie Sie wollen. Aber er würde wieder zerrissen in Ihre Hände gelangen." I I

Aber, mein Herr, diese nicht zu begreifende Großmuth"

Der Abcndgast lächelte auf'6 Neue.

Sie wird Ihnen nicht mehr so erstaunlich erscheinen, wenn ich Ihnen bekenne, daß ich gestern Abend im Lebensspiele einen so großen Gewinn erlangt habe, daß Alles, was ich früher gewonnen, dagegen in Nichts zerfällt. Ver­langen Sie nicht zu wissen, worin Der Gewinn besteht. Ich würbe Ihre Neu­gier doch nicht befriedigen. Vielleicht wird aber die Zeit offenbaren, was ich Ihnen jetzt verschweigen muß."

Adolph stand eine kurze Zeit stumm vor dem Abendgaste da, die zerrissenen Papiere in seiner Hand zerknitternd. Die Großmuth dieses Mannes, den er noch vor Kurzem Clara gegenüber einen falschen Spieler gescholten, trieb ihm das Blut der Beschämung in's Antlitz.

Sander bemerkte die Verlegenheit des jungen Mannes.

Er faßte freundlich seine Hand.

Spielen Sie nicht mehr," sagte er,dann werde ich die Vernichtung des Schuldscheins nicht bereuen. Adieu, junger Herr, ich liebe es nicht, viele Worte über eine Sache zu hören, die abgethan ist. Noch einmal, der Gewinn, der mir plötzlich zu Theil geworben, würde mich dann noch reich entschädigen, wenn Der zerrissene Schein auf Hunderttausende gelautet hätte."

Diesen Worten war Nichts mehr entgegen zu setzen.

Mit Der Versicherung ewiger Dankbarkeit entfernte sich Adolph von dem großmüthigen Spieler.

Er suchte sogleich Clara auf, zog sie bei Seite und vertraute ihr, was zwischen ihm und dem Abendgaste vorgegangen.

Auch das junge Mädchen war erstaunt.

Das ist mehr, als ich von dem Manne erwartet habe, sagte sie.Ja, es geschehen wunderbare Dinge in dieser Welt. Der neue Saulus ist plötzlich zum Paulus geworden." If

Was wollte er aber mit dem großen Gewinn sagen, den er gemacht hat?- fragte Adolph.Wie ich weiß, hat er gestern Abend seine Zimmer nicht verlassen." I

O, den Gewinn kenne ich!" rief Clara lächelnd. 1

Und worin besteht er?"

In Fleisch und Blut."

Aber, Cousione, Daß sind neue Räthsel."

Die ich Dir auch nur mit Bewilligung des Herrn Hantelmann lösen werde. Warte also die Zeit ab."

Sie kehrte ihm lachend den Rücken.

Adolph sah ihr erstaunt nach; fand aber in Der folgenden Nacht den ge­wohnten festen Schlaf wieder. War doch seinen guten Eltern jetzt der Kummer über feinen Leichtsinn erspart.

Noch drei Tage vergingen.

Jeden derselben verlebte Der alte Sander in Gesellschaft seines Sohnes,

zu dem ihn sein Herz mit der Allmacht der Natur hinzog. |

Am vierten Tage verlangte er seine Rechnung, mit der Bemerkung, daß

er abreisen wollte.

Sie wurde ihm gebracht und sogleich berichtigt.

Das geschah natürlich Abends im Gastzimmer, wo er im jugendlichen Glanze erschien.

Dann begab er sich wieder auf sein Zimmer und beschied seinen Kammer­diener vor sich.

Jean," sagte er,wir müssen und trennen. Nach unferm Contrakte haben Sie einen halbjährigen Lohn im Voraus zu fordern. Ich zahle Ihnen die Summe und zugleich erhalten Sie noch eine Gratifikation für geleistete treue Dienste, besonders aber für Ihre Verschwiegenheit. Sie sind eine Perle von einem Kammerdiener und werben leicht eine andere Herrschaft finden."

Der Kammerdiener schlug erstaunt die Hände zusammen.

Mais, Monsieur! Wie woll Sie leb ohn' mir? Wer soll mak die alte Mann jong?"

Herr Sander lächelte schmerzlich.

Das wird in Zukunst nicht mehr nöthig sein. Der alte Mann, der morgen früh dies Hotel verläßt, wird hinsühro nur noch als alter Mann erscheinen. Hier, nehmen Sie Ihr Geld und das Zeugniß, das Sie als treu und geschickt empfiehlt."

Jean drückte die Hand seines Herrn an die Lippen.

O, Monsieur, dieser Kütigkeit. Moi, ick werd jamais verkeß solker Err!" Er strich seufzend das Geld ein und steckte es mit dem Papier zu sich.

Die kommende Nacht schlief er zum letztenmale in Der Kammer neben sei­nem großmüthigen Herrn.

An demselben Abende hatte auch der junge Sander die Miethe für sein Zimmer bezahlt unter dem Vorgeben, daß er am nächsten Tage von Hamburg abzureisen gedenke, ob aber allein, oder in Gesellschaft und wohin, das wußte Niemand als Diejenige, der er fein ganzes Glück zu verdanken hatte.

Der alte Sander, der den Namen Hantelmann Dem Wirthe gegenüber natürlich beibehalten hatte, wollte um Die zehnte Stunde des Morgens abreifen.

Sein Sohn hatte feine Abreise eine Stunde später angesetzt, damit Nie­mand Verdacht schöpfte, daß er mit Herrn Hantelmann zusammen reifte.

Auf einem Dampfboote, das damals noch nach Magdeburg fuhr, wollte Der Vater den Sohn erwarten.

Als es neun Uhr schlug, schickte er Jean zu Clara hinunter.

Mademoiselle soll ab der Küte zu komm zu meine Err," sagte Der Franzose zu Dem Mädchen.Er will sak die Dcmoisclle Adieu. Mais kanz allein."

Clara beeilte sich, diesem Wunsche Folge zu leisten.

Sie verfügte sich rasch nach oben.

Der alte Herr empfing sie in seiner natürlichen Gestalt.

(Fortsetzung folgt.)