Ausgabe 
7.7.1870
 
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4. Juli.

Ein für die Zwecke der bevorstehenden Wahlen ge­arbeiteter Artikel verNeuen Preuß. Ztg." schließt: Dem Liberalismus gilt ja im norddeutschen Bunde der König nur als Präsidium, der königliche Kriegs- Herr nur als Bunvesfeldherr, die k. preußische Armee nur als ein Bestandtheil Ver Armee des norddeutschen Bundes, wie Preußen selbst ihm nur gilt als Glied eineshöheren" Gemeinwesens, das imeinheitlichen" Sinne entwickelt werden soll. Es handelt sich für unsere Gegner eben um Beseitigung alles dessen, was der gegebene Staat uns bot, unter Verdunkelung des lebensvollen, persönlichen Verhältnisses, welches seither in Preußen Fürst und Volk verband und aus der innigen Verbindung beider die unbesiegliche Kraft Preußens erwachsen ließ. Preußen in seinem Cha­rakter als christlichen und monarchischen Staat zu erhalten und gegen den immer weiter nach links gra- vitirenden Llberalismus zu schützen; Preußen als den wirklichen Staat nicht einer Abstraction auf­opfern zu lassen, welche durch Schwächung Preußens am wenigsten zu einem lebenskräftigen Inhalt ge­langen kann das sollte die Aufgabe unserer künf­tigen Vertreter sein und darnach werden wir unsere Wahl zu treffen haben."

DerKarlSr. Zig-" wird von Wien geschrieben: Die czechischen Blätter haben schon seit längerer Zeit die Absicht der Regierung verkündigt, ein befestigtes Lager in Bödmen zu etabliren, und sie haben es nur unentschieden gelassen, ob dieselbe eine Bedro­hung nach außen oder eine Vergewaltigung nach innen in'S Auge fasse. Erlauben sie mir, den Sach­verhalt dahin richtig zu stellen, daß das KriegSmi- nisterium, da das UebungSlager von Bruck immer nur von den nächstdislocirten Truppen benutzt werden kann und um die Möglichkeit zu haben, auch die entfernter stehenden Truppen zu größeren Hebungen zusammenzuziehen, in allen bedeutenderen Kronländern ein Terrain zu erwerben bemüht ist, welches für solche Hebungen geeignet erscheint. Wenn die betref­fenden Einleitungen vielleicht in Böhmen am weitesten gediehen sind, so wird das einfach darin seinen Grund haben, daß man gerade in Böhmen die meiste Aus­sicht hat, ein entsprechendes Terrain um einen ent­sprechenden Preis zu erwerben. Aber dort wie an­derswo handelt es sich nicht um irgendwelche Kriegs- zwecke, sondern um Friedensübungen, und anbefe­stigte Lager" spccicll ist noch niemals gedacht worden, weder in Böhmen noch anderswo.

Eine Correspondenz derJndep. beige" bestätigt, daß die Frage ver eventuellen Abberufung der fran­zösischen Truppen auS dem Kirchenstaate neuerdings wieder angeregt worden sei, und daß der Herzog von Gramont auf die Anfrage mehrerer Deputirten der Rechten, ob die Regierung etwa gesonnen fei, in der Zwischenzeit zwischen zwei gesetzgebenden Sessionen die Truppen zurückzuziehen, erklärt habe, die Regie- rung werde in einer so wichtigen Frage den Kam- mern keinesfalls den auf sie fallenden Antheil der Verantwortlichkeit vorenthalten. Dies ließe also vor- auSsetzen, daß beim Eintreten gewisser Eventualitäten eine außerordentliche Session einberufen würde, welche der Regierung für ihr Vorgehen in der römischen Angelegenheit ein Vertrauensvotum zu ertheilen haben würde. Der WienerPresse" wird von Paris in derselben Angelegenheit gemeldet: Gewissen Ge- rüchten gegenüber kann versichert werden, daß der Herzog von Gramont sich dahin ausgesprochen hat, die Regierung sei entschlossen, eventuell aus ver Fort­dauer ver Besetzung von Civitavecchia eine EabinetS- frage zu machen.

DerKarlSr. Ztg." wird aus Wien geschrieben: Es wird mir bestimmt bestätigt, daß der Sohn des Vicekönigs von Egypten plötzlich zurückberufen ist er wird in Brindisi eine egyptlfche Fregatte besteigen, weil sich die Hmstände plötzlich so gestaltet haben, daß die Anwesenheit des Vicekönigs in Constantinopel unerläßlich erscheint. Sie ist, wie ich höre, vom Sultan peremptorisch gefordert.

5. Juli.

Die WienerAbendpost" schreibt:DieKöln. Ztg." ließ sich dieser Tage aus Paris schreiben:Fürst Metternich hat sich sehr dringend beim Herzog von Gramont entschuldigt wegen der Veröffentlichung einer Depesche über die Capitulationen durch dasMömo- r'al viplomatique", noch ehe Herr v. Gramont davon Kenntniß gehabt. Der Minister der auswärtigen An- gelegenhelten hatte in Wien beim Grafen Beust Klage führen lassen und dieser den Fürsten genöthigt, dem Herzoge Abbitte zu leisten." Die Meldung ist ungenau. Die in Rebe stehende vorzeitige Veröffent­lichung hat allerdings stattgefunden und es ist richtig, daß die französische Regierung Vie Aufmerksamkeit

unseres auswärtigen Amtes auf eine in diesem Falle muthmaßlich unterlaufene Jndiscretion gelenkt nicht über dieselbe Klage geführt hat, zu dem Ende, damit die Ouelle der Veröffentlichung eruirt werde. In Folge Vieser Anregung aus Paris wurven in ver That Erhebungen gepflogen, welche inveß ergaben, daß der Grund der Jndiscretion ganz außerhalb der französischen und der österreichischen Kreise zu suchen sei. In diesem Sinne ist, wie wir glauben, eine aufklärende Eröffnung nicht eine Entschuldi­gung oder Abbitte an das auswärtige Amt nach Paris entweder bereits abgegangen oder sie wirb demnächst dahin abgehen.

Die russischen Emigranten in Genf geben, zur Ver­breitung ihrer communistischen Ideen und Grundsätze außer dem neuenKolokol" noch ein zweites, für die Gebildeten in Rußland bestimmtes Blatt heraus, das den TitelNarodnoje djelo" (Nationalsache) führt. Aus dessen jüngster Nummer erfährt man, daß sich in Rußland eine zweite Revolutionspartei zu bilden begonnen hat, welche die sociale Propaganda verwirft und auf die politische Revolution hingear­beitet wissen will. Die Genfer wollen ober darauf nicht eingehen, sondern bleiben dabei, daß die Achilles- ferse des russischen Staatsorganismus nicht nur die von Wenigen empfundene politische Knechtschaft, son- Vern ver vurch Vie auf falsche Principien basirte Bauern-Emancipation herbeigeführte wirthschaftliche Ruin des Landes sei, der in seinen verderblichen Wir­kungen immer weiter greife und die Massen der länd­lichen Bevölkerung dem Hungertode und der Ver­zweiflung in die Arme treibe. Auch im westlichen Europa hätten die politischen Revolutionen der Ar­beiterbevölkerung kein Heil gebracht, sondern die Lage derselben noch verschlimmert, weßhalb dort Alle, die das Wohl der menschlichen Gesellschaft anzuregen wünschen und erstreben, den Gedanken an vie poli­tische Revolution schon längst aufgegeben und sich zur Organisation der socialen Revolution vereinigt hätten, die auch in Rußland am leichtesten zu organisiren sei und die meiste Aussicht auf Erfolg habe. Ferner erfährt man aus demNarodn. djelo", daß die ruf- sifche Communistenportei dem internationalen Arbeiter­verein beigetreten ist und eine besondere Section des­selben bildet.

Nach den jüngsten Berichten aus Orenburg rücken aus dieser Festung fortwährend neue Truppen nach den kirgisischen Steppen und den Flüssen Emba und Hst-Iurk. Der Generalgouverneur von Orenburg ist selbst den ausgezogenen Truppen gefolgt, welche Vie gesetzliche Ordnung unter den durch Chiwa auf­geregten Kirgisen wieder Herstellen und diesen ihre Ohnmacht beweisen sollen. Es heißt, die in einer Stärke von 10,000 Mann gegen vas Alexander-Fort auf Mangischlak aufgebrochenen Avaewzer Kirgisen sollen im Interesse des Friedens und der Sicherheit der übrigen Bewohner jener Gegenden eine exempla- rische Züchtigung erhalten.

DerAllgem. Ztg." wird von Wien geschrieben: Der Vicekönig von Egypten geht nicht aus freiem Antriebe nach^ Constantinopel, er ist vom Sultan dorthin gerufen worven, in einer Weise gerufen wor­den, welche eine Weigerung oder auch nur ein Aus­weichen ausschloß. Die Pforte dürfte dabei indeß weniger den Austrag irgend einer fpeciellen Frage, als vielmehr die allgemeine Rücksicht in'S Auge ge­faxt haben: daß es angezeigt erscheinen müsse, der Welt und speciell der eingeborenen Bevölkerung in Erinnerung zu bringen, daß ver Khevive noch immer feine andere Stellung einnehme als die eines Vasallen zu seinem OberlehenSherrn, und es wird demgemäß Ismail Pascha mit der ausgesuchtesten Höflichkeit, aber mit strenger Festhaltung der Linie ausgenommen und behandelt werden, welches jenes Derhältniß vor aller Augen klar kennzeichnet.

Preußen. Berlin, 2. Juli. In wohlunterrichteten Kreisen ist die Nachricht von einem Besuche des Kaisers Na­poleon III. bet König Wilhelm in EmS verbreitet, welcher als Gegenbesuch angesehen wird für den Besuch, den König Wil­helm In Gemeinschaft mit dem Kaiser von Rußland im Jahre 1868 in Paris abstattete. (B. B.-Z.)

Berlin, 2. Juli. Am 3. August, bei der Errichtung des Standbildes weiland Sr. Maj. des Königs Friedrich Wilhelm III., wird auch die russische Armee durch eine Deputation des Regi­ments Friedrich Wilhelm III. vertreten sein. (91. Pr. Z.)

Nachdem mehrfach der Wunsch ausgedrückt worden ist, auch solche Correspondenzkarten zur Postbesürderung zuzulassen, welche von den Behörden k. zu portofreien Schreiben benutzt werden, so ist jetzt die Anweisung an die Postanstalten ergan­gen , von jetzt ab derartige Eorre,pondenzkarten zur Beförderung anzunehmen. Die Berufung des Professors Wagner in Frei­burg auf den erledigten Lehrstuhl der StaatSwiffenschaften an der hiesigen Universität ist jetzt entschieden. Derselbe wird zu­gleich für daö statistische Bureau und die Gewerbe - Academie berufen und dürfte seine Stellung schon am 1. October antreten. Ebenso ist cs den Bemühungen deS CultuS-MinisterS gelungen,

alle Hindernisse, welche sich der Berufung des Professors Helm­holtz in Heidelberg entgegenstellten, zu beseitigen; doch wird derselbe erst am 1. April k. I. hierher kommen können.

Oesterreich. Wien, 2. Juli. DieWiener Abendpost" veröffentlicht ein Telegramm auS Warschau vom heutigen Tage, wonach der Erzherzog Albrecht an der österreichisch - russischen Grenze von dem russischen Generaladjutanten Knorring, sowie vielen russischen Ofsizieren empfangen wurde. DaS Telegramm bestätigt ferner: der Erzherzog traf um 10 Uhr in Warschau ein und wurde vom Kaiser in österreichischer GeneralSuniform am Bahnhof, auf welchem eine Compagnie Soldaten aufgestellt war, erwartet. Der Kaiser empfing den Erzherzog, der russi­sche FeldmaischallSuniform trug unter den Klängen der öster­reichischen Nationalhymne auf's Herzlichste und geleitete den­selben zu dessen Absteigequartier dem Schlosse Lazienki, »or welchem eine Schwadron deS UhlanenregimentS, dessen Chef der Erzherzog ist, aufgestellt war. Der Kaiser von Rußland bezeigte dem österreichischen Botschafter, Grafen Chotek, seine Freude über die Ankunft deS Erzherzogs.

Hamburg , 1. Juli. Circa 2000 Bürger haben der Re­gierung den ftrikenden Arbeitern gegenüber ihre Unterstützung als Epecialconftabler angeboten. Die sinkenden Arbeiter, welche sich von Hamburg heute nach Wandsbeck gezogen hatten, wurden von dort von der Polizei und einigen PiquetS Uhlanen ver­trieben.

Frankreich. Paris, 1. Juli. Der Kaiser ist ganz wieder hergestellt von seinem jüngsten GichtanfaUe. Gr lustwan. delt jeden Tag im Garten von St. Cloud, und die Reise nach ChalonS scheint festgesetzt. Von einer Badereise ist nicht mehr die Rede; der Kaiser und der Prinz werden von ChalonS direct nach St. Cloud zurückkehren, um die Kaiserin abzuholen und mit ihr nach Fontainebleau überzufiedeln. Heute ist in sonst gut unterrichteten Kreisen von einem bedenklichen Unwohlsein des Papstes die Rede gewesen. Der Nuntius und Herr v. Gra­mont hätten beide ungünstige Nachrichten über das Befinden des heiligen Vaters bekommen. DieFrance" nennt als bie Personen, die zu Senatoren ernannt werden sollen, vorzugs­weise Gmile de Girardin, Laboulaye, Saint Marc Girardin, Anatole Lemercier, Piou, Graf Flavigny, Ortolan, den Herzog von Gramont und einen französischen Prälaten, entweder den Erzbischof von Cambrai oder den Bischof von Orleans.

Paris, 2. Juli. DieGazette de France" schreibt:Wir erfahren soeben folgende Neuigkeit: Eine Deputation von Stroh, männern des Marschalls Prim ist nach Sigmaringen (?) ge­flickt worden, um die spanische Krone dem Prinzen Leopold von Hobenzollern (ältestem Sohn des Fürsten Karl Anton und 1835 geboren), welcher mit einer portugiesischen Prinzessin »er, heiratbet ist, anzubieten. Sobald die Annahme erklärt ist, wird der Marschall Prim mittelst eines Staatsstreiches diesen preußi­schen Prinzen als König proklamiren. Um die Lösung zu be­schleunigen, ist er entschlossen, die CorteS an derselben keinen Antheil nehmen zu lassen." (DieS wäre eine Bestätigung und Erweiterung der Nachricht derAgence HavaS.")

Paris, 2. Juli. In der heutigen Sitzung de» gesetzge- bendkn Körpers fand die DiScusfion über die Petition der Prinzen deS Hauses Orleans statt. Der Großfiegelbewahrer verlangte, daß die Kammer über die Petition zur Tagesordnung übergehe. JuleS Favre bekämpfte diesen Antrag, er bedauerte, 1848 dem Gesetz über die Ausweisung deS HauseS Orleans beigestimmt zu haben. Nachdem noch einige andere Redner gesprochen, wurde die Tagesordnung mit 174 gegen 31 Stimmen angenommen.

Italien. Rom, 3 Juli. Das Concil hat gestern den Eingang und die beiden ersten Kapitel des Schemas über den Primat und die Unfehlbarkeit genehmigt. Die DiScusfion über das vierte Kapitel dauert weiter. Die eraltirten Infallibilisten fahren fort, jede vermittelnde Formel abzulehnen und den Schluß der Beratbung zu fordern. Wenn diesem Verlangen nicht Folge geleistet werden sollte, dürfte die DiScusfion erst in einem Mo. nat zum Schluß gelangen.

Vermischtes.

Frankfurt. Die herrliche Ausstellung der Gartenban- gefellfchaft in den Palmengärten übt eine große Anziehungskraft aus. Jeder geht befriedigt von bannen. Alle find voll Lobes über das von dem Herrn Gartenivspector Heiß ausgeführte Arrangement, dem dafür von den Preisrichtern ein Gesellschafts­preis zuerkannt wurde.

(Eine traurige Episode des Riesenbrande» in Pera) erzählt dieLevant Times" vom 17. Juni. Eine Frau mit einem Bündel in den Armen stürzte durch die bren­nenden Straßen und in das Häus eines Freundes eintretend, rief sie aus:Gerettet, gerettet! Gott sei Dank, ich habe mein Kind gerettet! Mein Silbergeschirr ist im Brunnen, da kann ich es herausholen, wenn der Braud vorüber." Plötzlich stößt sie einen durchdringenden Schrei aus, denn einen Blick auf ihre Bürde werfend findet sie, daß dieselbe ihr sorgfältig verpacktes Silbergeschirr enthält, während daS, was sie In ihrer Verwirrung und Eile in den Brunnen geworfen, ihr eigenes Kind gewesen.

Ein bedauerlicher Unglücksfall ereignete sich am 23. Juni ju Falkenberg auf dem Artillerieschießplätze. Nachdem alle Bat­terien abgeschoffeu hatten, fand ein 14jähriger Bauernknabe aus Kleuschwitz beim Kugelsuchen eine nicht crepirte Granate und war so unvorsichtig, dieselbe zwischen die Beine zu nehmen und mit einem Steine darauf loSzuschlagen. Leider traf er die Zündschraube, welche den Nadelbolzen berührte, so daß in Folge dessen das Geschoß erplodirte. Von Seiten deS 6. schlesischen Feldartillerieregiments wurden sogleich Mannschaften comman. birt, um sich von der Ursache deS gehörten Knalles zu über­zeugen. Dieselben fanden den unglücklichen Knaben im Blute liegend mit abgerissenen Beinen vor. Der tödtlich Verletzte starb noch in derselben Nacht im städtischen Krankenhause, wohin er geschafft worden war.

Minden, 24. Juni. Der heute von Hannover um 4 Uhr ankommende Schnellzug war mit 2 Locomotiven bespannt; V< Stunde vom Bahnhofe riß indessen die Verbindungskette, die erste Lvcomotive raste vorwärts, doch schlug die zweite in Folge des furchtbaren Ruckes nebst dem folgenden Verbands- Packwagen um. Der Heizer sprang herunter und erhielt eine unerhebliche Contufion, während der Locomotivführer, ein un- verheiratheter Mann zwar, doch Ernährer eines alten Vater» und von fünf Schwestern, gräßlich verstümmelt wurde und sofort todt war. Von dem übrigen Personale und den Passagieren ist Niemand erheblich verletzt.

Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Cbr. Pietsch) in Gießen.