Ausgabe 
5.5.1870
 
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Politische Rundschau.

2. Mai.

DieKreuzztg.", indem sie gegen die liberale Presse die Geschichte de- preußischen Abgeordnetenhauses seit der ConflictSzeit zu Rath zieht, stellt folgende The­sen aus:1) Das Königthum von Preußen welches andere hätte es wohl vermocht? besitzt eine Lebenskraft, um den schärfsten parlamentarischen Conflict auszuhalten, ja sogar während desselben große Thaten zu thun. 2) Der Parlamentarismus, tm Conflicte mit dem Königthum, besitzt in Preußen wenigstens nicht die Kraft, eine erstrebte Wirkung hervorzubringen; sein kühnes Wort bleibt unbeachtet und verstummt vor der That. 3) Wenn er sich also nicht ganz und gar zu Grunde richten will, so wird er wohlthun, solcheConflicte" zu vermeiden", und schließt:Wir leben nicht vom Conflict; aber trenn wir die gute Sache für uns haben, wie in dem hier Besprochenen, so fürchten wir ihn nicht, so wenig, wie das Königthum ihn zu fürchten braucht."

Aus den an die Oeffentlichkeit gelangten officiellen Dokumenten ergibt sich, daß die Zahl der ringe- schriebenen Wähler, welche am 10. December 1848 (Präsidentenwahl) 9,979,452, am 20. December 1851 (PlebiScit über den Staatsstreich) 9,833,576 und ebenso viel am 21. November 1852 (Wieder­herstellung des Kaiserreichs) betrug, sich noch den im letzten Jahre sestgestellten Listen auf 10,416,688 be­läuft. Diese Ziffer wird scstzuhalten fein. Die Zahl der Abstentionen betrug am 10. December 1848 2,527,981, am 20. Dec. 1851 1,716,803 und am 21. Nov. 1852 1,692,915.

DerKarlsr. Ztg." wird von Wien geschrieben: Sobald die Nachricht von der Blutthat aus griechi­schem Boden hier eingetroffen war, und bevor noch eine der nächstbetheiligten Negierungen in der Ange­legenheit Etwas gethan, hat das österreichische Kabinet nach London und Florenz die Erklärung gelangen lassen, daß es sich mit Eifer jedem Schritte zugesellen werde, welchen die Mächte zu unternehmen gesonnen sein möchten, um der Wiederbolung ähnlicher Greuel ein Ziel zu setzen. England hat diese Erklärung bereits mit dem Ausdruck seines Dankes und mit der Versicherung erwiedert, daß cs sich freuen werde, durch ein gemeinsames Vorgehen sich die Nothwkn- digkeit eines einseitigen Einschreitens erspart zu sehen, um Zuständen ein Ende zu machen, welche jedes ci- vilisittc Land als eine unauslöschliche Schmach er­achten müsse. Wir irren vielleicht nicht, wenn wir annehmen, daß die erste Initiative Oesterreichs we­sentlich dem Wunsche entsprungen ist, ein solches einseitiges Einschreiten und die möglicher Weise daraus sich ergebenden Verwickelungen hintanzuhalten.

DerNord" beeilt sich, die von den Blättern gebrachte Nachricht zu dementircn, daß die Schutz­mächte betreffs des Frevels der Banditen eine ener­gische identische Note an die griechische Regierung gerichtet hätten. Ein derartiger Schritt würde eine Tragweite an sich haben, deren Consequenzen sich dermalen noch gar nicht übersehen ließen. Es sei allerdings sehr traurig, wenn die Rcgnrung vor die Alternative gestellt werde, entweder ihren auf die Verfassung geleisteten Eid zu brechen, oder unschul- dige Reisende massacriren zu lassen; aber diesen Sach­verhalt habe nur England zu verantworten, das allein unter allen Mächten auf die Einführung des consti- tutionellen Systems in Griechenland gedrungen habe; was daher Lord Clarendon auch immer thun möge, so müssen sich seine ersten Schritte vor Allem gegen diese Institution richten, dieser allein habe er den Prozeß zu machen.

Aus London wird derJnd. belge" telegraphirt, daß Herr Erskine in Athen die türkische Negierung I ausgesordert habe, Maßregeln zur Ergreifung der Räuber zu treffen, falls sie sich auf türkisches Gebiet flüchten sollten; zugleich suchte er um die Ermächti­gung noch, daß griechische Truppen zur Verfolgung .der Räuber die türkische Grenze überschreiten dürfen. \ Eine Depesche der russischen Telegraphen - Agentur sneldet den Ausbruch eines Kirgisen - Aufstandes an -en Usern des kaspischen Meeres. Die Kirgisen be- agcrten das Alexander-Fort an dem Saritasch- Meerbusen und nahmen 38 Kosaken gefangen. Es wurden Seitens der Russen aus dein Kaukasus Ver- starkungen dahin abgcschickt.

3. Mai.

DieMarseillaise" veröffentlicht folgendes A c ten- stück:Manifest eitns Iagerbataillons zu Fuß der Garnison von Paris. Ausruf an die französische ' Armee. Enthaltung bet der Abstimmung. Soldaten! ; Was ist das Plebiscit? Wie kann man wagen, Euch zur Abstimmung auszufordern? Man findet also heute, daß die Politik für uns gut ist, und man hofft sich unserer Abstimmungen zu bedienen, um eine

Majorität zu Gunsten der Regierung zu verwirklichen. Es sind kaum einige Tage, als mehrere von Euch nach Afrika gesandt wurden, weil sie sich in die öffentlichen Versammlungen begeben hatten, um sich mit dem edelmüthigen Geiste zu durchdringen, welchen man dort schöpft. An diesem Tage war die Politik schlecht für uns. Man nimmt uns also für Hämmel, welche dem Willen dessen, der uns verspeist, zu allen Saucen gut sind. Wir protestiren! Alle Mittel werden angewandt werden, um uns zur Abstimmung zu zwingen. Man wird versuchen, uns einzuschüchtern. Wir werden wiederum protestiren. Wir wollen und der Abstimmung enthalten. Unsere Enthaltung wird ein bürgerliches Abzeichen fein. Durch einJa" oderNein" würden wir uns in Widerspruch mit uns selbst bringen. Unsere Würde würde nochmals erniedrigt werden. Soldaten! Erinern wir uns daran, daß wir gestern dem Bürgerstande angehörten, daß wir morgen demselben wieder angehören, daß unsere Väter, unsere Brüder, unsere Freunde Bürger sind, und daß unsere Interessen in dem Wohlergehen der Bürger liegen. Victor Cyrille, Ex-Jäger des 18. Bataillons, 11 Rue Lepelletier. Haben unterzeichnet zehn Unteroffiziere, zwanzig Corporäle, fünfzig Jäger." Eine andere Proclamation an die Armee geht von Straßburger Demokraten aus und fordert dieselbe auf, mitNein" zu stimmen.

Dos englische Geschwader in Malta soll Ordre erhalten haben, nach dem Pyräus abzugehen.

Aus Genua wird gemeldet: Es herrscht große Bewegung im Kriegshasen; man spricht von einer Demonstration, welche mit England gemeinsam in den griechischen Gewässern wegen Bestrafung der Räuber gemacht werden soll.

Eine diplomatische Correspondenz zwischen einer Bande Raubmörder einerseits und den Vertretern zweier europäischen Großmächte andererseits werden die wenigsten unserer Leser mit Augen gesehen haben. Wir lassen daher eine solche wörtlich folgen: 1)Meine HH. Gesandten von England und Italien! Die Herren sind sehr gütig, aber anbelangend, worüber wir mit dem Herrn übereingekommen sind, betreffend das Löskgelv von 25,000 Pfund, so verlangen wir von der hellenischen Regierung die Amnestie, und daß die Verfolgungen verhindert werden, nicht nur in Attika, sondern in allen Provinzen; denn wenn wir vernehmen, daß man uns verfolgt, so werden die Herren in Gefahr sein. Wir erwarten Ihre Antwort unfehlbar morgen." 2)Die Gesandten Englands und Italiens haben Ihre Mittheilung erhalten. Die Zahlung der Summe wird keine Schwierigkeit machen, aber Sie dürfen nicht auf einer Amnestie bestehen, welche die Regierung zu bewilligen nicht die Macht hat. Es werden Personen an Sie gesendet werken, um mit Ihnen zu unterhandeln, und in der Zwischen­zeit haben der König und der Conseilspräsikent dem englischen Gesandten versichert, daß Sie nicht belä­stigt werden sollen. Behandeln Sie Ihre Gefange­nen so gut wie möglich. Sie können dieselben ohne jede Besorgniß in irgend einer ländlichen Wohnung unter Dach dringen. C. M. Erskine."

Dem KrakauerKraj" zufolge mußte zur Ver­haftung des Decans Piotrowitsch in Wilna eine be­deutende Militärmacht ausgeboten werden. Nach be­endigtem Gottesdienst begab sich Piotrowitsch nach seiner Wohnung, begleitet von der ganzen Volksmenge, welche die Kirche und den sie umgebenden Kirchhof gefüllt batte. Er hatte aber noch nicht seine Woh­nung erreicht, als Gensd'armen ihm den Weg ver­traten und ihn mit sich fortführen wollten. Die ! Volksmenge trieb die Genöd'armen zurück und nahm Piotrowitsch in ihre Mitte. Da erscholl der Gcneral- marsch in der Stadt und bald darauf rückten ein Bataillon Infanterie und eine Sektion Kosaken heran. Das Militär suchte die Volksmenge durch Kolben­stöße und Säbelhiebe aus einander zu treiben. Es entspann sich ein kurzer Straßenkampf, der damit endete, daß die Menge, dcr Uebermacht weichend, sich zurückzog. In dem Kampf wurden etwa 60 Civil- perfonen mehr oder weniger schwer verletzt. Piotro­witsch wurde nun vom Militär festgenommen und in'S j Gefängn ß abgefühlt. Vorher hatte er fein geistliches j Gewand ausgezogen, nach dem sofort Hunderte von Hanken griffen und das in unzählige Fetzen zerrissen ; wurde. Glücklich fühlte sich, wer einen solchen Fetzen erhaschte. Der General-Gouverneur Popatow tele- graphirte sogleich nach Petersburg und fragte an, welches V rsahren gegen den'Verhafteten in Anwen­dung zu bringen sei. Schon nach einigen Stunden kam die telegraphische Antwort, der Verhaftete sei ohne richterliches Urtheil nach Archangel zur lebens- wierigcn Verbannung abzuführen. (Piotrowitsch hatte bekanntlich ken kaiserlichen Ukas, betreffend die Ein­

führung der russischen Sprache beim katholischen Gottesdienst öffentlich verbrannt und im Namen des Papstes über das Verfahren der russischen Regierung den Bannfluch ausgesprochen.) UebrigenS steht der weitaus größte Theil dcr Geistlichkeit in Litthauen in Opposition gegen die Einführung des russischen Rituals in den katholischen Cultus. Allein in der Erz-Diöcese Milna-Minsk sind nach Angabe russischer Blätter 7 Mitglieder des Domkapitels, 29 Dekane und über 600 Pfarrer und Vicare oppositionell, während sich für jene Maßregel nur 4 Mitglieder des Capitele, 4 Dekane und etwa 60 Pfarrer und Vicare erklärt haben. Die Regierung greift zu den bei ihr üblichen Gewaltmitteln, um den Widerstand zu brechen. Außer dem Dekan Piotrowitsch sind noch vier andere Geistliche der Diöccse Wilna abgesetzt und nach Sibirien gebracht worden. Der Bischof von Volhynien, der sich gleichfalls sträubt, ist nach Petersburg berufen.

Preußen. Berlin. 30. April. Der König und die Königin besichtigten heute Vormittag mit dem Großherzog »on Hessen den im neuen Museum ausgesiellten Hildesheimer Silber­fund. Morgen Abend findet auf Wunsch des Grvßherzogs die Aufführung der Meistersinger im Opernhaus statt. Montag Morgen reist der Großherzog nach Dresden ab.

Oesterreich. Wien, 30. April. Es haben vertrauliche Besprechungen zwischen der Regierung und den Führern der Ezechen begonnen, welche von beiden Seiten mit großem Ernst geführt werden. Graf Potocki soll dabei große Versöhnlichkeit und daS ernste Bestreben an den Tag legen, aus Grundlage der Verfassung zu einer Verständigung zu gelangen. Die Führer der Ezechen sollen wünschen, die Verhandlungen mit Ver­trauensmännern der Regierung fortzusetzen.

Frankreich. Paris, 30. April. Die Behörden haben für heute Abend großartige Vorsichtsmaßregeln ergriffen. Die ganze Polizei und ein Theil der Armee ist cvnsianirt. Man wollte, so versichert man in den officiellen Kreisen, die Tui- lerien, das Justizministerium und das Palais des Generalstabes (beide liegen auf dem Place de Vendome) und die Polizeipra- fectur in die Luft sprengen! Nach einer anderen Version wollten aber die Verschworenen erst am 8. Mai losschlagen. Ob dieses begründet ist, muß dahin gestellt bleiben. Jedenfalls steht aber die Zahl der Bomben es sind nur 30 , während man 400 Patronen vorfand in keinem Verhältniß zu einem solchen Projekte. Die Polizei scheint auch zu glauben, daß die Zahl der Mitschuldigen groß ist, und die Nachforschungen werden mit ungeheurem Eifer betrieben.

Paris, 30. April. Der römische Emigrant CernuSchi ist ausgewiesen.

Paris, 2. Mai. DerFigaro" meldet, daß gestern bei dem Rennen von Longchamps ein Individuum festgenommen wurde, das mit der Absicht dorthin gekommen sei, den Kaiser zu ermorden. Der Kaiser, welcher gewarnt wurde, war nicht zum Rennen erschienen. Man versichert, seien bei dem gestern verhafteten Advokaten Protot höchst compromiltirende Papiere gefunden worden. Das Eomits der Linken hat gegen die Ausweisung EernuSchi'S Protest erhoben.

Vermischtes.

Offenbach. Vor Kurzem wurde ein in hiesiger Gegend höchst seltener Gast, ein wilder Schwan (sogenannter Singschwan) erlegt. Derselbe hatte sich hoch aus der Luft in den etwa eine halbe Stunde von hiesiger Stadt entfernten Buchrainweiher, niedergelassen, wo ihn Herr Dr. Merz von hier mit der Kugel seiner Büchsflinte oberhalb des Flügclgelenkes waidgerecht schoß. Der völlig auögewact fine Vogel wog an 40 Pfund.

Ofen, 26. April. Uiber den Unglücköfall der Altofner Spiritusfabrik am 23. April schreibt der WienerWanderer" : Die meiste Berechtigung hat die Vermuthung, daß ein Arbeiter sich mit einem Lichte dem Spiritusrasfineriekcssel genähert habe, in Folge dessen der Kessel erplodirte und das ganze Eentrum in Brand gerieth. Um Viertel auf 4 Uhr war die Pestber Feuer- wehrwache avisirt, und um 9 Uhr gelang eS, das Feuer auf die mittleren drei Tracte zu concent'riren, den linken Flügel, in welchem das Maschinen- nnd Kesselhaus, sowie die Dureaur und daS Hintergebäude, in welchem die Kühlwerke und daS MalzhauS sich befinden, endlich auch noch den rechten Flügel vor der Zerstörung zu retten. Die Scenen des Jammers und der Zerstörung, welche sich auf der Unglücksstätte dem entsetzten Auge darboten, sind geradezu unbeschreiblich. Auf dem Rasst- neriekeffel schliefen bei der Erplosion zwei Männer, deren zer­schmetterte Glieder nun im Schutte zerstreut umherliegeu; außerdem sind noch sechszehn Menschenleben zu beklagen. Abends um 5 Uhr entdeckte man noch im Schutte vor einem soge­nannten Vorwärmer einen weiblichen Leichnam, der beim Aus­bruche der Katastrophe in einem Bette gelegen se>n mochte. Als das Gebäude schon in Hellen Flammen stand, wurde auf einige Augenblicke in einem Fenster des vierten Stockwerkes ein halb- verbrannter Mann sichtbar, der sich durch dasselbe hinaus- schwingen wollte, aber die veisengten Hände ließen bald daS Fensterkreuz loö und der Unglückliche stürzte fünfzehn Klafter tief in die gräßliche Glut hinunter. Ein anderer Aibciter kann vielleicht für glücklicher gehalten werden, denn eS gelang ihm, durch dasselbe Fenster hinunter in den Hofraum zu springen, von wo man ihn mit gebrochenen Händen und Füßen, aber noch lebend davontrug. Der Gesammtschaden beträgt nach der Aussage Sachverständiger an 260,000 fl. und ist im Ganzen mit 415,000 fl. affekurirt. Ein Peflher Errrespondcnt schreibt ferner demWand.": Neununddreißig Arbeiter waren tm Kessel- Hause beschäftigt, wovon nur drei halbtodt auS den Flammen gezogen werden konnten, sechszehn bis zur Unkenntlichkeit ver­stümmelte Arbeiter sind bis jetzt gefunden. Neunzehn werden noch vermißt und dürften bis zur Kohle verbrannt fein. Bei der Auffindung eines Leichnams war ich gegenwärtig. Kopf und Eriremiläten fehlten, der Rumpf war schwarz angcbrannt, doch fand man Herz, Leber und Rippen.

Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.