Extra-Beilage zu Nr. 28 des Gießener Anzeigers.
Eine Bitte
an das Herz aller Lehrer, sich mit besonderer Treue der armen, schwachen und verwahrlosten Kinder anzunehmen.
was schrecklich wär-, mit Missmuch behandelte. Es wird nicht unpassend sein, wenn ich jetzt nochmals di- Frage aufwerf-: Ist die obige Bitte bezüglich der armen Kinder gerechtfertigt? Sie werden Alle mit nur aus vollem Herzen em 3n ! aussprechen. Aber mit dem Ja dürfte c« nicht genug fein. Darum bitte ick: Wackeres Lehrerherz, sei treu, männlich und stark den armen Kindern gegenüber! Schaue der Armuth recht tief in's Auge I Zeige neben dem männlichen Ernste diesen Armen alle Deine Freundlichkeit und schaffe ihnendas Oefuhl, das; die Schul- eine Stätte ist, wo man nicht Arm, nicht Reich kennt und wo überhaupt alle äusseren Borzüge des L-b-ns in Hintergrund treten. 3«8'- »“B dein Herz einem Vaterherzen gleicht, das alle feine Kinder nut ßteteber L e umfasst. Hüt- Dich, mit ungleichem Maaße zu messen, damit du nicht in diesen jugendlichen Seelen „die Milch der frommen Denkungsart in gahrend Drachengift verwandelst." Werde nicht müde, diese Armen aufzumuntern, ihnen nachzuhelfen, sie zu stärken und zu heben. Werde nicht müde in deiner Strenge unb >n deiner Liebe gegen sic. Und w Ust du ermatten, so wärme dich an dem Feuer der Begeisterung deines grossen Meisters Pestalozzi, der diesen Armen, fast nur den armen Kindern Alles, Alles was er an geistigen und irdischen Gütern besaß, opferte. So möge denn dieser heilige Jammer, den Pestalozzi über die armen Kinder empfand, auch in Ihren Herzen erraten unb taufenbli«linge grud; e tragen. Und in der That hat uns die Geschichte aller Zeitalter zahlreiche Be - spiele ausbewahrt, daß durch die Treue und das Wohlwollen freundlicher Lehrer aus armen Knaben für die Wissenschaft und den Fortschritt Kann«
emporaestiegen sind. Jener Vater, der »ns den unsterblichen Mozart gab, erhielt al/ sehr armer Knabe seinen ersten Unterricht im Biolinspielen »unfeinem Schulmeister ind-ssenfrei-n Stunden. Haben nun auch die armen Kinder bezüglich ihres Schullebens, wie wir gesehen haben, mit mancherlei Schwierigketten zu kämpfen, ist manches in ihrer Eifcheinung geeignet, das Interesse für Cieju »erringen, fo hat ihnen ihr gütiger Schöpfer doch häufig Eines verliehen, wo- durch sie ber Aufmerksamkeit ihrer Lehrer schon ganz allem naher treten . nämlich ihre häufigen guten Anlagen, und darum sich eines großen Vorzugs erfreuen vor den schwachen, von denen ich jetzt reden will. In der That beriiisachen d schwachen Kinder, die nur schlechthin so mit dem Namen Dummkopfe belegt werden ihren Lehrern mannigfache Qualen. Mitten in seinem Feuerm-r wirken sie auf'ihn wie ein faltet Regenschauer auf den fröhlich gestimmten Frühlings- Wanderer: wie Bleigewichte hängen si- sich bei ,edem kühnen Anfluge, den e> seinem vorgesteckten Ziele entgegennimmt, an seine Seele und drangen ihn unerbittlich nach rückwärts. Berzweiselnd an jeglichem Erfolge ferner That'gkeit st bet Lehrer diesen Schwachen gegenüber nur zu leicht zu dem Ausspruch- geneigt .
ist Hopfen und Malz verloren, und mochte diese geistig armen ihrem weiteren Schicksale Überlassen. Freilich die anfänglichen Aussichten auf Erfolg sind oft wenig verlockend, den Schwachen nachhaltig b-izugehen; andererseits sind d e Anforderungen an die Leistungen des Lehrers so kategorisch gestellt, bass er nm ljch mcht v?el auf Umwegen gehen bars, wenn er ben Aufgaben, die ihm gestellt werben, gerecht werden will. ' Gar leicht haschet bet Lehrere>n-r' Aenqstlichkeit nach feinem Ziele, bas er natürlich nur nut ben befähigten Kopf n erreicht indem er dagegen aber die Schwachen weit links liegen laßt. Es ist däh» nicht läugnen" daß ben schwachen Kindern gegenüber her & rer um leichtesten Gefahr läuft, untreu zu werden, und zwar in einer ttoblmcßcnben, rechtfertigenden Absicht. Man kann geteilter Ansicht darüber sein, vbder Lehrer nicht eine größere Untreue begehe, wenn er diesen Schwachen Mh » 8 e geht und dabei bi- Fähigeren etwas langsamer marschireu laßt, statt diesen letz ttren in ihrem Laufe zu folgen unb jene gleichsam als A«>ör-garde zubehaw dein. So scheint es denn als ob diese Schwachen in " Schule > moralische Nothwendigkeit verurtheilt seien, in ihrem unglücklichen Dunkil zu verharren und die Fesseln geistiger Beschränktheit fort und fort zu tragen. Toch, verweilen wir noch einen Augenblick bei diesen Unglücklichen und betrachten uns das möaliche treulose Verhalten eines Lehrers gegen die schwachen Kinder im Lichte unserer Religion und des reinen MenschenthumS. Die Schule ist in erster Linie ein T-mp-1 christlicher Humanität. Wäre es nun nich e.n S-nzUch V- laugnen ber erhabenen Menschenwürbe, wenn man diesen Armen die Thore, die in tai Reich höherer göttlicher Erkenntniß fuhren, darum verschliessen। wollte, weil sie langsamer auf ihren. Weg dahin wandeln. Ware -S nicht weh als Rohheit sondern Barbarei, wenn man die schwachen Kmder nur als den Aschen- brövel der Schule ansehen wollte, dem der Lehrer nur so seinen geistigenAbfll al« Speise reichen wollte? Brennt in diesen schwachen Kindern nicht auch die, wenn auch gleich wohl schwächere Flamme des Shttl'chenGechcSundaiinstdu Lehrerherz die Grausamkeit über dich geroinnen, anstatt diese Flamme d-S Geist non bem \>arüberliegenhen Schutt zu befreien, sie noch Nestr begraben zu^helfen.
, Begreifst du die unchristliche, unmenschliche Harte, die du begehst, wenn ' : Armen statt Brod des geistigen Leben- zu reichen, nur tobte Sterne u «m • i ES ist ein weiser Zug der gütigen Vorsehung, bem ® "i" „
. leib gegeben zu haben unb so sehen wir, baß, wo uns im 9
ein Unglücklicher, ein Hülfsbedürstiger entgegentritt, die Schleuß n unf .• J
in dem Maatze seines Unglücks und seiner Hulfsbedurft.gke t
sollte nicht auch diesen armen, schwachen Kindern gegenüber fcinen
Lehrerherzens reger werden und ein heißer Drang rn ih »»traaen können. Schätzen gerade diesen Schwachen so viel mitzutheilen, ™ , rillen recht 3a tiefe Schwachen wollen recht genau erkannt werden, ch« A"lagens^rM ÄÄSÄÄ ^LreS^eLuen und reichliche Zu-
Wenn die Treue, die vornehmste aller Lehrertugenden, schon an und für i
fidi von jedem Glied- des LehrerstandeS mit Recht gefordert wird, fo konnnte -S i
djeinen als ob eine Bitte, wie die hier in Red- stehende, etwas ganz und gar .
Unzulässiges enthalte, oder doch mindestens überflüssig fei; denn wenn der Lehrer die Treue im volle» Sinne des Worts im Allgemeinen fernen Schulern gegen- i
über übt, bann hat er auch an den armen, schwachen und verwahrlosten Kindern >
getban, was er konnte und sollte. Wäre dem nicht fo bann musste ibn. ja bie ; Treue abhanden gefommen sein; oder soll er dc» größten ^()c't fe'"er 3et* Kraft auf diese drei Kategorien von Kindern verwenden und den übrigen Tyeu seiner Schüler en passant behandeln? Dann wäre er nicht^nur weniger al reu, sondern offenbar ungerecht. Gewiss hat unsere hochlobl. .KreiS-Schu -Com-
’ bei Aufgabe der an Sie zu richtenden Ditte am wenigsten an diese letz- e k Äuff ssun?/-dach' sondern vielmehr an die Gefahren, denen der Lehrer bs. allen guten Vorsätzen und dem besten Willen ausgesetzt ist, maulten ferne« 8 ■ rufe« von der Treue gegen arme, schwache und verwahrloste Kinder abzuweichen. Wenn ich daher unternommen habe, eine Bitte, wie die Eingang« gesprochen, au Sie zu richten, so werden Sie auch jugeben, daß ich die Gefahren vorher zeige, und die« will ich versuchen, indem ich zunächst mit den armen Kindern beginne. Es ist eine Sache der täglichen Erfahrung, daß das arme 51 mb schon ein Mitq-nosse all der Leiden ist, welche sich im Gefolge ber SIrmutb finden. A ber Kummer unb bie Sorgen um bas tägliche B.od, welche bie «Urne Baters unb ber Mutter in büst-r- galten legen, lagern sich auch um das zugenb- liche Kindesherz, trüben seine Lebenslust unb werfen em Tiopflern Jßermutl) n ten Ser einer ersten Freuden. Die Zurückf-tzung-ii, die Vater und Mutter im fociakn und büigerlichen Leben erfahren, bilden den ersten Schlagbaum, an bem feine naiven LebenSanfchauung-n wibe,prallen unb ihm eine Kluft jetgen, »oTber es mit Wehmuth zurückweicht. Der Kampf um die Existenz macht ben Baier hartherzig, bie Muller verdrießlich, da soll auch da« Kind schon an seinem Theil, nach feinen Kräften und häufig über feine Strafte hinaus zur Unterhaltung »er Familie beitragen. Nie erhält es Zeit zu Haufe ferne Ausgaben zu Urnen seine auch noch so kleinen Schularbeiten zu besorgen, -S muß nach dem Willen »er eitern schon schaffen unb streben, sich quälen und Plagen und dem Verdienste nachjagen. Mil Stummer legt sieh ein solch arme« Kind zu Belle, mH Sorge fteht c« auf, -S möchte gerne pünktlich für die Schute arbeiten, aber kaum graut
Morgen da treibt die Härte der Eltern, bie freilich au« ber Noch erwachst, »as Kind in das Fabrikgebäude, oder auf Wi-f-n, Felder und Walder, und wenn es dann, wie häufig, die Schule nicht »erfäuml, fo kommt es doch als abgenutzt- lebendige Maschine, oder als abgemattetes, abg-quall-S Geschöpf über die Schwelle »cs Schulsaals, wo ihm der Schlaf und die Müdigkeit sehr bald die Augen zu- drücken Unb wie sieht es au« mit den Lehrmitteln bei dem armen Kinde ? Da ,oll ein Buch angeschaffl werden, ein neue« Schreibheft, die Schiefertafel bestehl nur noch aus einzelnen Stücken, da ist Herzeleid in der Seele de- armen Km- »c« Sein Wunsch um Anschaffung dieser Gegenstände kann nur auf Umwegen vor da« Ohr des Vater- gebracht werden. Di- Mutter benutzt einen günstigen Augenblick, die Verlegenheiten des Kindes dem Vater vorzutragen, verdr ss ch, ab/r doch gibt er nach und eine lange schwere Sorge walzt sich ab von der Seele de? Kinde-. Aber ber Lehrer forbert auch Reinlichkeit m äusseren «rfA.itiiina feiner Schüler und wie siebt -s da bei dem armen Kinde auä < Bielleicht ist fein Körper an und für sich leidlich reinlich, aber feine Kleider sind Mmnhln erriffen und zerlumpt bis zum Eckel. Das Kind mochte gern in reinen und ganzen Kleidern erscheinen, aber wer soll ihm dazu verhelfen? ®» °ft «« auch den Ellern sein Anliegen offenbart, fo geben sie ihm doch kein Geh°r f°" dern entschuldigen sich mit der theuren Zeit unb dem ungenügenden Berdienste. So befiel sich denn eine Sorge um Vie andere an die Seele des armen Kindes, und wir sehen dasselbe in der Schule als eine geistig gedruckte, körperlich e t- ftellte Erscheinung, wenig geeignet, das Auge des Lehrers an sich heranzuzieh . Wie ganz anders gestaltet sich doch bie Lage des Kindes eines reichen Mannes . No» all den lausend Dualen und Plackereien, mit denen das arme Kind zu kämpfen hat, wird das reiche Nichts gewahr. Ihm fließen die Tage in feilere ou(i »abin und auch die Schule, wenn es mit normalen Anlagen ausgestaltet iÜ, bereitet i m X erbeblid.cn Sorgen. Wie oft stehen ihm m Hmsich d r Schule noch ganz besondere freundliche Bilder vor der Seele. Sem Vater ist SSt ein Freund, ein Gesellschafter seine« Lehrers, di- Mutt-r e,ne Freundin der Lehrersfrau und es selbst ein aus naheliegenden Ursachen in der Familie de« Lehrers a-rn ä-sebener Gast. Und wer wollte -S läugnen, daß der Besitz oder bisser ber Reich hum auch in der staatlichen Gesetzgebung eine solche Anerkennung a n ,6t bafi fdbll ein Äinb berauefüblt, der Boden auf dem es st-b-, muss-dem Lehrer'imponiren? Und ist ber L-br-r in feinen abhängigen, finanziell«! Behältnissen nicht manchmal wiber sein besseres Wollen genotbigt, d'-sem B fi C » tfffionen zu machen? So verbreitet benn bie Stellung beS reichen Kindes dicht um sich während da« arme neben ihm im dunklen Schatten steht. Das Auge de« Menschen wendet sich aber naturgemäß lieber bem Lichte zu als dem ^chat-
blumigen Gestalten und darüber jene ankere, deren Dnsein sich steren^unscheinbaren Hülle verbirgt, vergässe, mit Gleichgültigkeit, mit Ka ,
Eine Conkerenz-Arbeit, vorgetragen von Herrn Lehrer Funk zu Steuern in der General-Conf-renz ber Lehrer b-s Kreises Gi-ß-n.


